Bernhard Peter
Quaternionen und Quaternionenadler

Quaternionen und Quaternionenadler sind ein typischer Zug der Heraldik des Heiligen Römischen Reiches. Quaternion bedeutet eine Vierergruppe, Zusammenfassung bestimmter kommensurabler Wappen als Vierergruppe als ordnendes Prinzip. Mode wurde es auch in Wappenbüchern, weil man Vierergruppen schön auf einer Seite anordnen konnte, pro Gruppe eine Seite. Nun waren das nicht irgendwelche Wappen, sondern Wappen von Vertretern der Reichsstände. Man wollte damit bildhaft die Reichsverfassung illustrieren.

Ein Quaternionenadler ist ein Adler, auf dessen einzelnen Federn jeweils vier Vertreter eines Reichsstandes dargestellt wurden. Über den Federn waren die Kurfürstentümer, sieben an der Zahl (die vier weltlichen Kurfürsten: Böhmen, Pfalz, Sachsen, Brandenburg, die drei geistlichen Kurfürsten: Trier, Köln, Mainz), ergänzt durch einen Wappenschild für den Podestà von Rom, um wieder auf die Zahl 4 zu kommen. Jede einzelne Feder zeigt eine Gruppe von je vier symbolischen Vertretern dieser Reichsstände. Standardmäßig waren es 12 Federn, so daß 12 Reichsstände mit je 4 Wappenschilden abgebildet wurden. Insgesamt wurden dabei standardmäßig 56 Wappenschilde erreicht, die dem Adler aufgelegt wurden. Natürlich war die Einteilung gewissermaßen willkürlich und unvollständig, aber Mode, und man riß sich drum, dabei zu sein. Solche Gruppen waren beispielsweise

Es war eine vollkommen inhaltsleere Titulatur, häufig symbolische Gruppen, ohne jeden Vorteil für die Beteiligten. Man hielt aber viel davon, dabei zu sein. Erstmalig trat das Phänomen in der Spätgotik auf und kam in der Renaissance richtig in Mode und wurde bevorzugt auf Glaspokalen (sog. Reichsadlerhumpen) angebracht. Eine schöne Sammlung von zylindrischen Glaspokalen mit Quaternionenadlern befindet sich im Museum auf der Veste Coburg, ein weiterer auf Schloß Ambras bei Innsbruck. Es gibt aber auch riesige Exemplare an den Wänden von Ratssälen, z. B. der im Klagenfurter Wappensaal. Im Rathaussaal von Überlingen am Bodensee befindet sich eine Serie aus Holz geschnitzter Personifikationen der Stände in Menschengestalt aus dem 15. Jh. von Jacob Ruß. Von 1510 stammt ein entsprechender Holzschnitt von Hans Burkmair, der Vorbildcharakter für viele Darstellungen der Folgezeit hatte. Mit der tatsächlichen ständischen Zusammensetzung des Reiches hatte das allerdings nur wenig zu tun. Ein weiteres Fresko mit einem Quaternionenadler findet sich im ehemaligen Stadtrichterhaus in Innsbruck (Abb. s. u.).

Weitere mögliche Gruppen waren:

Sogar außerhalb des Heiligen Römischen Reiches wurden Vierergruppen gebildet:

Die Wahl der Anzahl "vier" fügt sich in die mittelalterliche Numerologie ein, die eine Vielzahl von ordnenden Vierergruppen kennt, so daß die Vier zur materiellen Ordnungszahl angesichts einer irdischen Mannigfaltigkeit wird und uns oft als strukturierende Größe begegnet:

Abb.: Innsbruck, gemalter Quaternionenadler in den Arkadengewölben des Hauses Herzog-Friedrich-Straße 35 (Stadtrichter Zeller-Haus). Walter Zeller der Ältere wurde 1495 Stadtrichter und ließ diesen Schmuck aufmalen. Das Anwesen war von ca. 1485 bis 1543 im Besitz der Familie Zeller. In der Mittelachse ist der nimbierte und kaiserlich gekrönte Doppeladler mit einem Gekreuzigten belegt, was die Sakralität der symbolischen Reichsverfassung unterstreicht, die Struktur gewissermaßen zu einem weltlichen Abbild einer göttlichen Ordnung macht. Vier Schilde begleiten den Quaternionenadler, so daß sich mit dem römisch-deutschen insgesamt die fünf gesalbten Könige ergeben: von optisch links nach rechts sind das die Königreiche Frankreich, England, Sizilien und Schottland.

Literatur, Quellen und Links:
http://books.google.com/books/pdf/Kleine_Schriften__Beitr__ge_zur_Th__ring.pdf?id=sugSAAAAYAAJ&hl=de&output=pdf&sig=ACfU3U3iGTGJ0FcxMqDv6sJIYk1QID8dZg Seite 208 - 217, die Quaternisierung der deutschen Reichsverfassung
http://de.wikipedia.org/wiki/Quaternionen_der_Reichsverfassung
http://www.armorial.dk/german/Quaternionen.pdf
Franz Carl Endres, Annemarie Schimmel, das Mysterium der Zahl - Zahlensymbolik im Kulturvergleich, Diederichs Gelbe Reihe, Diederichs Verlag 1988, ISBN 3-424-00792-7

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