Bernhard Peter, Gernot Ramsauer und Alex Hoffmann
Besondere Motive: zweischwänzige
Meerjungfrau (Sirene, Melusine)

Begriffe: Melusine oder Sirene?
Eine Besonderheit der bildenden Kunst stellen die zweischwänzigen Sirenen oder Melusinen dar, die auch Eingang in das Wappenwesen gefunden haben. Der Ausdruck "Sirene" oder "Melusine" ist oft nicht hinreichend charakterisierend, wird er doch allgemein für ein weibliches Wesen verwendet, das oben Mensch, unten Fisch ist, und der Einsatz ist synonym zu Ausdrücken wie Fischweibchen, Meerweib, Meerfrau, Meerjungfrau. Auch wenn die Sirenen eigentlich mythologische Figuren der klassischen Antike sind, und die Meer- und Seejungfrauen dagegen in den mittelalterlichen Volksglauben gehören, werden sie in der Heraldik den Meerjungfrauen gleichgesetzt. Gerne wird der Ausdruck "Sirene" für zweischwänzige Meerjungfrauen verwendet, aber nicht ausschließlich. Will man präzise sein, sollte die Anzahl der Schwänze daher angegeben werden. Eine "Meerjungfrau" hat normalerweise nur einen Fischschwanz, Wesen mit zweien sollten als "Meerjungfrau mit zwei Fischschwänzen" angesprochen werden (wird so auch in der Wappenbilderordnung gehandhabt). Analog gibt es auch einen normalen Triton und einen "Meermann mit zwei Fischschwänzen". In der ältesten Interpretation war die "Melusine" eine Frau, die oben Frau, unten Schlange ist und geflügelt ist, also ein geflügeltes Schlangenweib. Später wurde aus dem Schlangenweib ein Fischweib, so daß sich der Begriff in die genannten Ausdrücke synonym einreiht und zur verbalen Vielfalt und Verwirrung beiträgt. Wie handhabt es der Neue Siebmacher? Unter dem Begriff "Melusine" haben 16 Wappen einen Schwanz und 8 Wappen einen doppelten, unter dem Begriff "Sirene" haben 17 Wappen einen Schwanz und 29 Wappen einen doppelten. Eine gewisse Präferenz für den Ausdruck "Sirene" ist bei zwei Schwänzen zu erkennen, Eindeutigkeit liegt nicht vor. Die Darstellung ist ohne weitere Angaben oben nackt und natürlich, unten silbern oder grün je nach Untergrund. Bekleidete Sirenen sind die Ausnahme.

Die Melusinen-Legende
Die Sagengestalt Melusine ist in der Familienlegende der französischen Hochadelsfamilie der Lusignan verarbeitet. Melusine war darin die Tochter des schottischen Königs und einer Fee. Weil sie sich von ihrem Vater ungerecht behandelt fühlte, sperrte sie diesen in ein magisches Gefängnis. Ihre Mutter verfluchte sie darum, sich jeden Samstag in ein Mischwesen zu verwandeln, halb Mensch, halb Schlange oder Fisch, hier gehen die Überlieferungen auseinander. Raimondin von Lusignan begegnete ihr während der Jagd und verliebte sich unsterblich in die schöne Jungfrau. Er willigte in ihre Bedingung für die Heirat ein, sie niemals an einem Samstag zu betrachten. Aber wie es in Sagen so ist, die Beziehung ging schief. Raimondin wurde neugierig, überraschte sie eines Samstags und sah ihren Schlangenleib (oder Fischschwanz). Weil er Melusine aber trotz allem liebte, bekam Raimondin eine zweite Chance: Er durfte niemals über Melusines Verwandlung sprechen. Aber selbst das klappte nicht. Einer ihrer Söhne erschlug seinen Bruder, der sich in ein Kloster geflüchtet hatte und in seiner Wut gleich ein paar Hundert Mönche mit. Raimondin gab Melusine die Schuld und bezeichnete sie öffentlich als Monster. Daraufhin verfluchte Melusine Raimondin und sein Geschlecht, verschwand und erschien nur noch als Spukgestalt. Es soll ein Wappenschild der Lusignan  gegeben haben, in dem wegen dieser Geschichte eine Melusine abgebildet war. Tatsächlich ist der Schild der Lusignan aber 7-mal silbern-blau geteilt. Und tatsächlich entspricht die Legenden-Melusine nicht der späteren Darstellung in der bildenden Kunst, sie war eher ein geflügeltes Schlangenweib. Doch der Name blieb und wurde später auch mit anderen Formen assoziiert.

Abb.: Nürnberg, St. Sebald, Wappenkonsole im Innenraum des Langhauses mit dem Rieter-Wappenschild.

Die Rieter von Kornburg - Nürnberger Patrizier mit doppelschwänziger Melusine/Sirene
Das bekannteste Melusinen-Wappen in Deutschland ist das eines nürnbergischen Patriziergeschlechtes, der Rieter. Es zeigt in von Schwarz und Gold geteiltem Schild eine rotgewandete und golden gekrönte zweischwänzige silberne Meerjungfrau (Sirene, Melusine). Auf dem Helm mit rot-goldenen Decken die zweischwänzige silberne Meerjungfrau (Sirene, Melusine), mit jeder Hand einen der aufwärts gebogenen Fischschwänze ergreifend.

Abb.: Nürnberg, St. Sebald, Wappenkonsole an der Nordseite mit dem Rieter-Wappenschild. Typisch die frontale Darstellung, die beiden symmetrisch nach oben gebogenen, geschuppten Fischschwänze. Über deren Ansatz fällt das gezaddelte Kleid.

Es ist wahrscheinlich, daß die Rieter aus der Ministerialität der unterfränkischen Stadt Ebern stammen, einst ein wichtiger Stapelplatz für Nürnberger Kaufleute auf ihren Reisen. Als sich Hans I. Rieter in Nürnberg ansiedelte, mußte er sich gegen die alteingesessenen Patriziergeschlechter behaupten, und da legte man sich etwas Besseres als Abstammung zu. So erhielt Johann Rieter am 12.2.1384 einen Wappenbrief des zypriotischen Königs Jakobs (Jacques) I. nebst der Bestätigung, daß die Melusine der Rieter einen Bezug zu der des französischen Adelsgeschlechtes Lusignan hätte und von einer adeligen Herkunft aus dem Königreich Zypern herrühre, völliger Unsinn natürlich bar jeder Grundlage, genau wie so viele andere Wappenlegenden.

Abb.: Rieter-Fenster in der Stiftskirche St. Martha, Nürnberg. In der Mitte ein Vollwappen Rieter, an den Seiten Stifterpaare mit Wappenschildpaaren, in der linken Scheibe ist das Hans I. Rieter (gest. 1414) mit seiner zweiten Ehefrau Kunigunde Behaim (gest. 1414), und in der rechten Scheibe ist das deren Sohn Hans III Rieter (gest. 1410) und seine Ehefrau Elisabeth Stromer (geb. 1373, gest. 1424). Vater und Sohn stifteten dieses Fenster um 1390.

Abb.: Stromer-Fenster in der Stiftskirche St. Martha, Nürnberg. Ausschnitt aus dem Wappen für "Jakob Starckh von und zum Reckhenhoff", Schild geviert aus den Wappenbildern seiner zweiten, 1603 geehelichten Frau Magdalena Rieter von Kornburg und seiner in dritter Ehe 1613 geehelichten Anna Maria Holzschuher. Rechts Ausschnittsvergrößerung von Feld 1 mit dem Rieter-Wappenbild.

Das ist das Stammwappen der Rieter. Es gibt einen Wappenbrief vom 28.6.1471, ausgestellt von Kaiser Friedrich III für Thomas Rieter, der eine Beschreibung enthält, die in dieser Form nie von der Familie geführt wurde. Später vermehrten sie ihr Wappen folgendermaßen:

Wappenverbesserung am 17.03.1474 von Kaiser Friedrich III: Geviert, Feld 1 und 4: in von Schwarz und Gold geteiltem Feld eine rotgewandete und golden gekrönte zweischwänzige silberne Meerjungfrau (Sirene), Feld 2 und 3: von Gold und Rot gespalten, mit einer Lilie in verwechselten Farben (v. Kornburg). Zwei gekrönte Helme: Helm 1 (rechts): Auf dem Helm mit rot-goldenen Decken die zweischwänzige silberne Meerjungfrau (Sirene), mit jeder Hand einen der aufwärts gebogenen Fischschwänze ergreifend. Helm 2 (links): Auf dem Helm mit rot-goldenen Decken ein Flug, beiderseits von Gold und Rot gespalten, mit einer Lilie in verwechselten Farben (v. Kornburg).

Später kam für die Kalbensteiner Linie zusätzlich ein silberner Herzschild mit blauem (nach Siebmacher) Kalbskopf (Kalbensteinberg) hinzu.

Entsprechend nannte sich die Familie auch Rieter von Kornburg bzw. Rieter von Kornburg und Kalbensteinberg. Paul Albrecht Rieter wurde gemeinsam mit seinen Cousins im Jahre 1696 von Kaiser Leopold in den Freiherrenstand erhoben. Die Rieter sind am 13.2.1753 mit Johann Albrecht Andreas Adam Frhr. R. v. K. u. K. ausgestorben. Ihr Wappen ist beschrieben im Siebmacher, Band: BayA3 Seite: 42 Tafel: 27 und Band: BayA1 Seite: 106 Tafel: 105.

Daneben gab es noch eine schwäbische Seitenlinie, die Rieter von und zu Bocksberg. Begründer war Endres Rieter, geb. 1428, gest. 1488, vermählt in erster Ehe mit Veronika, Erbin zu Bocksberg, Tochter des Egidius Rehm zu Bocksberg. Die Mitglieder dieser Linie führten seit 1516 einen gevierten Schild, Feld 1 und 4: in Gold an grünem Schrägberg (nach dem Stadionschen Wappenbuch) oder auf grünem Dreiberg (andere Darstellungen) emporklimmend ein schwarzer Bock, Feld 2 und 3: in von Schwarz und Gold geteiltem Feld eine rotgewandete und golden gekrönte zweischwänzige silberne Meerjungfrau (Sirene, Stammwappen Rieter). Auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken ein wachsender schwarzer Bock mit goldenen Hörnern. Die Beschreibung findet sich im Siebmacher, Band: BayA3 Seite: 43 Tafel: 27.

Weitere vermehrte Wappenvarianten existieren, so z. B. (Siebmacher Band: BayA3 Seite: 42 Tafel: 27) eine Variante mit Herzschild Kalbensteinberg, geviertem Hauptschild, Feld 1: Rieter. Feld 2: Berg (gespalten, vorne blau-golden gerautet, hinten rot). Feld 3: Kornburg. Feld 4: Bocksberg. Vier Helme (v. re. n. li.): Rieter, der Mannesrumpf von Berg zwischen den Kalbensteinberger Büffelhörnern, Kornburg, Bocksberg. Oder eine andere Variante: Herzschild Kalbensteinberg, gevierter Hauptschild, Feld 1: Rieter. Feld 2: Kornburg. Feld 3: Berg. Feld 4: Bocksberg. Zwei Helme: Rieter und Kornburg.

Weitere Beispiele für zweischwänzige Melusinen (Sirenen) in der Heraldik
Zweischwänzige Meerfrauen findet man außerdem noch bei:

zweischwänzige Melusinen in der kommunalen Heraldik
Beispiele für Kommunalwappen mit zweischwänzigen Sirenen sind

Literatur, Links und Quellen:
Veröffentlichung der Aufnahmen von St. Sebald mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Pfarrer Dr. Axel Töllner und Herrn Pfarrer Gerhard Schorr vom 12.7.2010, wofür ihnen an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.
St. Sebald: http://www.sebalduskirche.de/
Veröffentlichung der Innenaufnahmen aus St. Martha mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Pfarrer Georg Rieger vom 9.7.2010, wofür ihm an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.
St. Martha, Nürnberg: http://stmartha.de, http://stmartha.de/index.php5
Siebmachers Wappenbücher
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg, Band 2. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg, Band 31/2

Wappenbilderordnung, Symbolorum armoralium ordo, hrsg. vom HEROLD, bearbeitet von Jürgen Arndt und Werner Seeger, Skizzen von Lothar Müller-Westphal, Verlag Degener
, 2. Auflage 1996, Band 1 und 2
Carl-Alexander von Volborth: Fabelwesen der Heraldik in Familien- und Städtewappen, Belser Verlag 1996 ISBN 3-7630-2329-1
Max von Spießen (Hrsg.): Wappenbuch des Westfälischen Adels, mit Zeichnungen von Professor Ad. M. Hildebrandt, 1. Band, Görlitz 1901 - 1903.

Wappenbuch der Stadt Basel. Unter den Auspizien der historischen u. antiquarischen Gesellschaft in Basel herausgegeben von W. R. Staehelin, Zeichnungen Carl Roschet et al., 3 Teile in mehreren Folgen, Basel, Lips Lith. o.J. (ca. 1917-1920).

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