Bernhard Peter
Wappen und Aufriß, Konstanz und Variabilität

Wappen und Aufriß - Quelle häufiger Mißverständnisse
Grundsätzlich ist zu trennen zwischen dem Wappen und dem Aufriß:

Es kann also immer ein Wappen, aber viele Aufrisse geben.

Entwurf und Aufriß - der Unterschied bei Wappenneustiftungen
Entsprechend unterscheiden wir bei einem neugestifteten Wappen Entwurf einerseits und Aufriß andererseits:

Der Wappenstifter ist zunächst einmal nur der, der das Wappen "bekommt". Damit ist erst einmal per se keine geistige Eigenleistung verbunden. Im Minimalfall bezahlt er und sagt "Mach mal". Das ist keine geistige Leistung, sondern eine materielle. Er kann aber die Idee haben, und manchmal kann er auch zeichnen. Dann erst wird er zum Ideengeber oder zum Ideengeber und Zeichner. In der Dokumentation einer Wappenneustiftung werden also normalerweise korrekt drei Namen genannt: Wappenstifter (Begünstigter), Entwerfer (Ideengeber) und Zeichner (Umsetzer). Gute Wappenrollen unterscheiden das. Je nach Umständen können auch zwei oder alle drei Funktionen und Rechte in einer Person vereinigt sein.

Konstanz und Variabilität
Jeder Aufriß muß das Invariante erkennbar wiedergeben, um den Wiedererkennungswert, die Wappeneindeutigkeit und die Wappenwahrheit nicht zu gefährden, und kann sich im Rahmen des Variablen Gestaltungsfreiheit erlauben. Die folgende Untersuchung anhand ausgewählter historischer Graphiken soll beispielhaft zeigen, was invariant ist und was einer gewissen Variationsbreite im Rahmen der künstlerischen Freiheit unterliegt. Jede Gruppe besteht aus einem Wappen, aber mehreren Aufrissen.

Wappen und Aufriß - Beispiel Nr. 1: Wappen Haak
Otto Haak (früher Haack) war ein großer Mäzen der Exlibriskünstler, unzählige Exlibris ließ er von den namhaftesten Künstlern seiner Zeit für sich entwerfen. Er war Buchhändler in Berlin. Das Wappen zeigt in Rot ein goldenes Andreaskreuz, nach der Figur mit zwei schwarzen Feuerhaken belegt. Auf dem Helm ein goldener Löwe wachsend zwischen einem roten Flug, einen schwarzen Feuerhaken pfahlweise vor sich haltend. Die Helmdecken werden zuerst rechts rot-golden und links schwarz-golden angegeben, seit 1903 (Exlibrisbeleg) führt der Eigentümer die Decken auf beiden Seiten rot-golden. Die Wappenbeschreibung findet sich in Siebmacher, Band Bg5, S. 23, T. 27 sowie Bg7, S. 22.

Abb. links: Wappen Haak, gezeichnet von Martin Kortmann (1874-1945) für Otto Haak (Exlibris von 1907)
Abb. Mitte: Wappen Haak, gezeichnet von Lorenz M. Rheude (17.12.1863-1939) aus München für Otto Haak (Exlibris von 1901).
Abb. rechts: Wappen Haak, gezeichnet von Georg Otto (1868-1939) aus Berlin für Otto Haak (Exlibris von 1898)

Konstant sind die Elemente Schragenkreuz und Haken im Schild, die Farben, die Elemente Löwe, Haken und Flügel der Helmzier und deren Farben. Variabel ist die Schildform, wie sehen einmal einen Halbrundschild und zweimal eine Tartsche, variabel ist die Stellung des Hakens in der Helmzier, nach vorne geneigt, nach hinten geneigt oder senkrecht, variabel ist die Gestaltung des Helmes im Detail und vor allem der Stil der Helmdecke, links verhältnismäßig wenig gezaddelt, in der Mitte wesentlich stärker aufgelöst und rechts ein geschlossenes Tuch. Ebenso variabel ist die Blickrichtung des Oberwappens, von ganz im Profil links wird nach rechts das Oberwappen immer mehr zum Betrachter herausgedreht. Immer jedoch haben Helm und Löwe die gleiche Ausrichtung, sie werden als eine Einheit gedreht und nicht gegeneinander verdreht.

Wie weit die Vielfalt jeweiliger Aufrisse (= künstlerische Form) bei gleichem Wappen (= heraldischer Inhalt) gehen kann und unbeanstandet möglich ist, zeigt die Fülle der Aufrisse, die für Otto Haak angefertigt worden sind, weitere Beispiele folgen:

Von links nach rechts: Abb. 1: Aufriß aus dem Jahr 1904 von Oskar Roick, Abb. 2: Aufriß aus dem Jahr 1906 von Gustav Adolf Closs, Abb. 3: Aufriß aus dem Jahr 1900 von Lorenz M. Rheude, Abb. 4: Aufriß aus dem Jahr 1904 von Rodo von Haken.

Von links nach rechts: Abb. 1: Aufriß aus dem Jahr 1906 von Lorenz M. Rheude, Abb. 2: dito, Abb. 3: Aufriß aus dem Jahr 1902 von Lorenz M. Rheude, Abb. 4: dito, Abb. 5: Aufriß aus dem Jahr 1904 von Rodo von Haken.

Von links nach rechts: Abb. 1: Aufriß aus dem Jahr 1931 von Georg Otto, Abb. 2: Aufriß aus dem Jahr 1910 von Heinrich Hinzmann, Abb. 3: Aufriß aus dem Jahr 1918 von Walter Schneider, Abb. 4: Aufriß aus dem Jahr 1905 von Oskar Roick.

Wappen und Aufriß - Beispiel Nr. 2: Wappen Junge
Das Wappen Junge zeigt in blauem Schilde einen silbernen Wechselzinnenbalken über einem silbernen Zinnenbalken. Auf dem blau-silbern bewulsteten Helm ein wachsender, silberner, goldenbewehrter, goldengekrönter, flugbereiter Schwan, Helmdecken blau-silbern. Die Familie Junge stammt aus Rußdorf-Königshain in der Oberlausitz und verbreitete sich über Mitteldeutschland und Bayern. Der Eigner dieses Exlibris, Hermann Junge, war Familienarchivar und Verfasser der Familiengeschichte Junge. Er wurde in Erlangen am 8.10.1884 geboren und wurde, genau wie seine direkten Vorfahren in vier Generationen, Universitätsdruckereibesitzer und Verlagsbuchhändler in Erlangen. Hermann Junge war mit Johanna Klara Eleonore Küffner aus Neumarkt in der Oberpfalz vermählt. Seine Tochter Anna Johanna Sigilinde Junge wurde am 23.8.1914 geboren, sein Sohn Karl Friedrich Johannes Junge am 11.11.1915, beide zu Erlangen. Im Siebmacher findet sich das Wappen im Band Bg13, S. 31, T. 21.

Abb. links: Wappen Junge, gezeichnet von Lorenz M. Rheude (1863-1939) für Hermann Junge (Exlibris von 1904).
Abb. Mitte: Wappen Junge, gezeichnet von Lorenz M. Rheude (1863-1939) für Hermann Junge (Exlibris von 1916).
Abb. rechts: Wappen Junge, gezeichnet von Adolf Matthias Hildebrandt (1844-1918) für Hermann Junge (Exlibris von 1911).

Konstant sind die Farben Blau und Silber, der Wechselzinnenbalken, der Zinnenbalken, die Anzahl der Zinnen, der Schwan und dessen Krone. Variabel ist der Stil. Die Schildform ist rechts ein klassischer Halbrundschild, in der Mitte eine asymmetrische Tartsche und links eine symmetrische Kartusche im Stile der Renaissance mit zunehmender Auflösung der Kontur und eingerollten Ecken. Die Helmdecke ist in der Mitte ein geschlossenes Tuch, rechts gezaddelt und links extrem stark geschlitzt und in feinste Zipfel aufgelöst. All das ist eine Frage des Stils und der künstlerischen Freiheit. Selbst der Helmwulst ist zweimal vorhanden, einmal wird auf ihn verzichtet, und der Helm ist zweimal ein Bügelhelm (einmal nur Bügel, einmal mit Bügeln und zwei Querstäben gegittert) und einmal ein Stechhelm. Durch diese Variationen wird kein neues Wappen erhalten, es handelt sich bei jedem Beispiel um das Wappen Junge. Die Richtung des Wappens, gewendet oder nicht, Blick nach rechts oder nach links, wird durch den graphischen Kontext bestimmt und schafft auch kein neues Wappen, sondern ist im Rahmen des Möglichen.

Wappen und Aufriß - Beispiel Nr. 3: Wappen Baumeister
Das Wappen der Familie Baumeister zeigt in Blau ein silbernes Haus mit Tür und zwei Fenstern von drei Achsen. Auf dem blau-silbern bewulsteten Helm mit blau-silbernen Decken ein wachsender Baumeister in blau-silbern gespaltenem Gewande mit Kragen in verwechselten Farben und mit blauer, silbern gestulpter Mütze und goldenem Stechzirkel in der Hand zwischen einem rechts silbernen, links blauen Paar Büffelhörner.

Abb. links: Wappen Baumeister, gezeichnet von Lorenz M. Rheude (1863-1939) für Alfred Baumeister (Exlibris von 1910)
Abb. Mitte: Wappen Baumeister, gezeichnet von Lorenz M. Rheude (1863-1939) für Alfred Baumeister (Exlibris von 1910).
Abb. rechts: Wappen Baumeister, gezeichnet von Lorenz M. Rheude (1863-1939) für Jenny Baumeister (Exlibris von 1912).

Die beiden linken stammen aus dem gleichen Jahr, das rechts ist nur zwei Jahre jünger, alle sind vom gleichen Künstler, zwei vom gleichen Eigner, und immer handelt es sich um das gleiche Wappen - und doch sind die drei Aufrisse verschieden. Die Schildform unterscheidet sich, links ist es eine asymmetrische Tartsche, in der Mitte eine symmetrische, unten dreispitzig geformte und an den Rändern eingerollte Schildform, rechts ist es ein an den beiden oberen Ecken spitz ausgezogener Halbrundschild, ferner ist es zweimal ein Stechhelm und einmal ein Bügelhelm mit Bügeln und Gitterkreuz dazwischen, zweimal ist das Haus mehr schematisch, das andere Mal plastisch und fast naturgetreu gezeichnet, einmal ist es ein gerader Giebel, das andere Mal blicken wir auf drei Spitzgiebel, einmal ist die Mütze eher hoch und spitz, in der anderen Darstellung eher eine flache Kappe, und ganz rechts irgendwo dazwischen - das sind alles stilistische Unterschiede, die kein neues Wappen entstehen lassen, sondern nur einen neuen Aufriß. Konstant ist die Tatsache, daß ein Haus abgebildet wird, konstant ist die Dreigegliedertheit, die Erhöhung in der Mitte, zweimal durch einen Giebel, einmal durch eine Gaube, konstant sind die Büffelhörner und der Mann mit Zirkel der Helmzier. Grenzwertig ist die Tatsache, daß der Zirkel zweimal mit der rechten Hand und einmal mit der Linken gehalten wird. Solche marginalen Unterschiede würden zwar nicht gleich ein neues Wappen entstehen lassen, aber in einer Helmzier können nach heutiger Sicht streng genommen definierte Objekte nicht einfach aus Lust und Laune von der rechten in die linke Hand wechseln.

Wappen und Aufriß - Beispiel Nr. 4: Wappen Schneider
Das Wappen Schneider ist ein redendes Wappen, denn es zeigt in Rot eine aufrechte, offene, silberne Schneiderschere. Auf dem Helm wachsend ein roter, kreisförmig nach vorn gekrümmter Lindenast mit grünen Blättern, einen auf dem untersten rechten, gestümmelten Seitenast sitzenden, goldenen, flugbereiten, singenden Vogel (Nachtigall) einschließend. Helmdecken rot-silbern. Es handelt sich um die Familie Schneider aus Mainz, die im Siebmacher Band Bg9, S. 78, T. 95 erwähnt ist. Ein Walter Leonhard Sebastian Schneider, geb. am 4.6.1878 in Bretzenheim bei Mainz, war Opernsänger, erst in Köln und Aachen und seit 1905 an der Oper in Frankfurt am Main. Die Nachtigall ist ein kleiner persönlicher Hinweis auf die Tätigkeit als Opernsänger.

Abb. links: Wappen Schneider, gezeichnet von Prof. Adolf M. Hildebrandt (1844-1918) für Walter Schneider (Exlibris aus dem Jahre 1917)
Abb. Mitte: Wappen Schneider, gezeichnet von Otto Hupp (1859-1949) für Walter Schneider (undatiertes Exlibris)
Abb. rechts: Wappen Schneider, gezeichnet von Lorenz M. Rheude (1863-1939) für Walter Schneider (Exlibris aus dem Jahre 1912)

Fast gleich sehen sie alle drei aus, invariant sind die Farben Rot und Silber, die Schere muß geöffnet bleiben, und auch ihre Richtung kann nicht mutwillig verändert werden. Wir sehen aber, daß eine Damaszierung, einmal schwarz, einmal golden und beim mittleren Beispiel fehlend, nicht relevant ist, sondern ein künstlerisches Stilmittel, um dem Horror vacui zu begegnen. Zweimal gibt es einen Helmwulst, einmal nicht, sofern ein solcher in der Stiftungsurkunde nicht blasoniert ist, steht sein Vorhandensein im Ermessen des Künstlers. Konstant ist die goldene Farbe und Art des Vogels, ferner Art, Farbe und Krümmung des Lindenastes, wobei die Anzahl der Blätter, wie man sieht, sieben oder acht sein kann. Und die genaue Ausführung von Helm und Helmdecke liegt ebenfalls im Ermessen des Künstlers.

Wappen und Aufriß - Beispiel Nr. 5: Wappen Rueb
Das Wappen Rueb ist ein redendes Wappen: Es zeigt in rotem Feld mit goldenem Balken über grünem Dreiberg eine pfahlweise gestellte silberne Rübe mit grünen Blättern. Auf dem gekrönten Helm mit rot-goldenen Decken ein offener roter Adlerflug, beiderseits mit einem goldenen Balken belegt. Das Wappen wird mit Bezug auf ein entsprechendes Exlibris des Wilhelm Rueb im Siebmacher Band Bg8 Seite: 11 Tafel: 12 beschrieben.

Abb. links: Wappen Rueb, gezeichnet von Lorenz M. Rheude (1863-1939) aus München für Wilhelm Rueb aus Frankfurt a. Main (Exlibris von 1906)
Abb. rechts: Wappen Rueb, gezeichnet von Lorenz M. Rheude (1863-1939) aus München für Wilhelm Rueb aus Frankfurt a. Main (undatiertes Exlibris)

Motiv und Farben sind invariant. Variabel ist jedoch die Richtung, einmal sehen wir das Wappen frontal, einmal im Profil, einmal mit geradem Schild, einmal mit gekipptem Schild, wobei der gesamte Schildinhalt im gleichen Winkel mitkippt, mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen. Wir sehen auch, daß ein offener Flug und ein geschlossener Flug im Grunde dasselbe sind, sich nur jeweils darstellerisch aus der Gesamtsituation anders ergeben. Einmal wird ein Bügelhelm verwendet, einmal ein Stechhelm, auch dies ein Austausch innerhalb der künstlerischen Möglichkeiten, sofern nichts Gegenteiliges festgelegt ist. Die genaue Ausführung der Helmdecken, die hier unterschiedlicher nicht sein könnten, liegt vollkommen im Ermessen des Künstlers, ihn bindet nur die Forderung nach stilistischer Übereinstimmung zwischen allen variablen Elementen.

Wappen und Aufriß - Beispiel Nr. 6: Wappen Hütterott
Das Wappen der in Triest ansässigen Ritter von Hütterott zeigt in Schwarz einen silbernen Balken, oben ein goldener Pelikan mit ausgebreiteten Flügeln, seine drei vor ihm sitzenden Jungen mit dem Blut seiner Brust nährend, unten eine erniedrigte goldene Rose zwischen zwei goldenen Lilien, der Balken belegt mit zwei roten, strahlenden Sonnen, jeweils auf der Innenseite von einer schwarzen Mondsichel umschlossen, alles gesichtet. Zwei Helme: Helm 1 (rechts): Auf dem gekrönten Helm mit schwarz-goldenen Decken ein auffliegender schwarzer Pelikan (ohne Junge) mit goldenen Flügeln. Helm 2 (links): Auf dem gekrönten Helm mit rot-silbernen Decken ein S-förmig gekrümmter, gestürzter Delphin (schnabelartiges Maul, buckelig abgesetzter Kopf) zwischen einem roten, beiderseits mit einem silbernen Balken belegten, geschlossenen Adlerflug.

Abb. links: Wappen Hütterott, gezeichnet von Ernst Krahl (1858-1926) für Ritter von Hütterott (Exlibris von 1910)
Abb. rechts: Wappen Hütterott, gezeichnet von Ernst Krahl (1858-1926) für Georg Ritter von Hütterott
(Exlibris, undatiert)

Gleicher Künstler, und dennoch ganz verschiedene Aufrisse. Rechts sehen wir einen klassischen Dreieckschild, links eine verspielte Kartusche unter schneckenförmiger Einrollung der Ecken und Auflösung einer stetigen Kontur. Rechts sind die Helmdecken auf die Mitte der Seiten konzentriert, um insgesamt der Vierpaßform zu folgen, links sind die Decken fast radial zur Seite und nach unten gezogen. Und dennoch ist es exakt das gleiche Wappen, denn inhaltlich stimmen Schild und Helmzieren vollkommen überein.

Abb.: zwei weitere Aufrisse von Ernst Krahl (1858-1926) für die Familie von Hütterott.

Wappen und Aufriß - Beispiel Nr. 7: Wappen Rheude
Das Wappen Rheude ist im Stützbogen-Kleeblattschnitt rot-silbern geteilt. Helmzier auf rot-silbern bewulstetem Stechhelm lt. Siebmacher ein Flug wie der Schild (hier nur ein Flügel), Helmdecken rot-silbern. Lorenz M. Rheude, Kunstmaler und Heraldiker in München, hat das Wappen im Jahre 1892 für sich und seine Brüder Josef und Max angenommen. Lorenz Rheude war korrespondierendes Mitglied der Vereine Herold zu Berlin und Kleeblatt in Hannover, des deutschen Adelsvereins S. Michael sowie der Schweizerischen Heraldischen Gesellschaft Zürich. Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band Bg11, S. 66, T. 8.

Abb. links: Wappen Rheude, gezeichnet von Lorenz M. Rheude (1863-1939) aus München für sich selbst (Exlibris von 1901)
Abb. rechts: Wappen Rheude, gezeichnet von Lorenz M. Rheude (1863-1939) aus München für sich selbst (Exlibris von 1900)

Beide Zeichnungen sind vom gleichen Künstler für den gleichen Eigner angefertigt worden, die hier sogar identisch sind. Motiv und Farben sind konstant. Die genaue Ausführung der Kleeblätter, einmal leicht eingebuchtet, einmal leicht zugespitzt, ist unerheblich. Wichtig ist allein die Teilung, die Art des Schnittes, die genaue Anzahl der Kleeblattelemente - und natürlich die Farbe oberhalb und unterhalb der Trennlinie. Variabel ist auch die Ausrichtung, links sehen wir das Wappen frontal, rechts im Profil, links mit symmetrischem und geradem Schild, rechts mit gekipptem (Schildinhalt kippt mit) und tartschenförmigem Schild. Links ist es ein offener Flug, rechts ein geschlossener Flug, im Grunde dasselbe, sich nur jeweils darstellerisch aus der Gesamtsituation anders ergebend. Hier ist der geschlossene Flug allerdings grenzwertig, wenn man es nicht besser wüßte, könnte man es für einen halben Flug halten, weil die zweite, verdeckte Kontur fehlt. Und dennoch hat der Künstler zwei verschiedene Helmzieren gezeichnet: In der linken Abb. zieht sich der Stützbogen-Kleeblattschnitt über beide Flügel, in der rechten Abb. über einen Flügel, dies ist streng genommen etwas Anderes. Man kann den Künstler natürlich verstehen, weil sich das sonst nur teilweise darstellen ließe, aber dann müßte man eben akzeptieren, daß eine plausible Darstellung aus heutiger Sicht eben nur in einer Richtung möglich ist, wenn sich der Stützbogen-Kleeblattschnitt über beide Flügel zieht, während sich eine Darstellung eines Stützbogen-Kleeblattschnittes pro Flügel sowohl bei einem geschlossenen als auch bei einem offenen Flug zeichnen läßt. Die genaue Ausführung der Helmdecken, links wild gezaddelt, rechts bänderförmig, liegt vollkommen im Ermessen des Künstlers.

Wappen und Aufriß - Beispiel Nr. 8: Wappen Ammann
Das Wappen Ammann zeigt in Silber einen mit drei balkenweise gelegten, goldenen, sechsstrahligen Sternen belegten roten Schildhauptpfahl, Helmzier ein wachsender Rumpf ohne Arme mit goldenem Haar, dessen Kleid wie der Schild bez. ist. Die Helmdecken sind silbern und rot. Die Familie Ammann aus Zürich ist verzeichnet im Siebmacher Band Bg3, S. 57, T. 61.

Abb. links: Wappen Ammann, gezeichnet von Lorenz M. Rheude (1863-1939) für August F. Ammann (Exlibris von 1906)
Abb. Mitte: Wappen Ammann, gezeichnet von Lorenz M. Rheude (1863-1939) für die Familie Ammann (Exlibris von 1906)
Abb. rechts: Wappen Ammann, gezeichnet von Prof. Adolf M. Hildebrandt (1844-1918) für August F. Ammann (Exlibris von 1906)

Konstant sind Art und Anzahl der Motive sowie ihre Farben. Die Stellung zueinander ist durch den Blason festgelegt und kann nicht verändert werden. Variabel ist die zweimal vorhandene und einmal fehlende Damaszierung, einfach ein künstlerisches Stilmittel ohne Bedeutung. So ist sie auch in der Mitte geometrisch und rechts floral, belanglos für den Wappeninhalt. Variabel ist die Schildform, links symmetrisch, rechts eine asymmetrische Tartsche, und in der Mitte irgendwo dazwischen. Auch die Drehrichtung des Oberwappens und die Neigung des Schildes liegt im Ermessen des Künstlers, der linke Aufriß ist frontal, der mittlere ist gewendet und der rechte ist im Halbprofil, sowie die Art der Helmdecken, der Verlauf deren Teile und der Grad der Schlitzung, mal sind es Bänder, mal löst sich die Decke in Hunderte von Zipfeln auf. Variabel ist, ob die Sterne facettiert gezeichnet werden oder nur als Kontur, letztere paßt gut zur Farbversion, während man bei der Schwarzweiß-Version gerne mehr Struktur hat.

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