Bernhard Peter
Heraldik: Quellen, Literatur und Links

Rezensionen:

Heinrich Hussmann: Über deutsche Wappenkunst: Aufzeichnungen aus meinen Vorlesungen
Guido Pressler Verlag, Wiesbaden 1972

Zu diesem Buch habe ich eine enge persönliche Beziehung: Es war das erste Buch, das ich vor vielen Jahren, damals als Schüler, in die Hände bekam. Und es war etwas, das mich sofort ansprach: Ein didaktisches Tafelwerk, in dem die Information sorgfältig auf das Nötigste reduziert war, auf das Wichtige, auf das Wesentliche, fast eine Art Repetitorium oder Katechismus, in dem das edle Ursprüngliche in der Wappenkunst vom Verfall deutlich unterschieden und getrennt wird. Es war einfach, fast schlicht in Aufbau und Inhalt, aber gerade das macht es zu einem Werk, an das sich der Anfänger klammert. Erst viel später hat man den nötigen Hintergrund, um komplexen Phänomenen auf den Grund zu gehen, zu lernen, daß nicht alles schwarz oder weiß ist, daß auch die Zwischentöne ihre Berechtigung haben und gerade diese sogar interessant sind für Entwicklung und stilgeschichtliche Tendenzen. Und man wird als Fortgeschrittener auch reichlich Gelegenheit haben, sich die Haare darüber zu raufen, daß eben nicht alles so schön einfach ist wie in diesem Buch. Für den aber, der in die Heraldik einsteigt, ist ein Leitfaden wichtig, ein Buch, das den Leser durch das Dickicht der Meinungen und Ansichten und widersprechenden Quellen sicher führt: Hier ist es, von einer didaktischen Reinheit und Kompromißlosigkeit wie die Wappenfibel, Richtig und Falsch offen beim Namen nennend. Dem entspricht der Aufbau des 133 Seiten starken Werkes mit Tafeln in Reduzierung auf drei Farben unter Hervorhebung des Wichtigen. Und demjenigen, der sein erstes Wappen im Leben zeichnet, gibt der Band vielfältige Gestaltungshilfen und schafft Verständnis für Funktion, Proportion und richtige Wiedergabe der Einzelbestandteile. Und das Buch warnt vor Fallstricken mit plakativen Darstellungen von darstellerischen Fehlern. Einige Auffassungen des Autors mögen vom erfahrenen Leser durchaus abweichend beurteilt werden, doch das ist nicht der Punkt: Dieses Buch, als erweiterte Version basierend auf einem 1942 im Insel-Verlag erschienenen gleichnamigen Band, ist kein vertiefendes wissenschaftliches Werk der Wappenkunde, sondern es soll die Grundlagen schaffen für das Verständnis der Wappenkunst und Mut machen zu eigenen Wiedergaben. Es mag durchaus plakativ sein, aber genau das ist die Absicht, denn es ist entstanden aus Unterlagen von Heinrich Hussmanns Vorlesungen zum Thema, und es möchte sensibilisieren für Stil und Ästhetik der Heraldik und ermuntern, in diese Welt einzusteigen. Und es ist ein subjektives Buch, das deutlich Partei ergreift für die Schönheit der ursprünglichen Heraldik zu ihrer Blütezeit und Verfallsphänomene beim Namen nennt. Gerade wegen seines plakativen Charakters ist das Buch geeignet, dem Einsteiger, der leicht vor der Vielfalt der Regeln und Meinungen zurückschreckt, nicht nur eine leitende Richtschnur zu geben, sondern Begeisterung für die Heroldskunst zu vermitteln. Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Dieses Buch ist geeignet, die Herzen für die Heraldik zu gewinnen und dem Leser das Gefühl zu vermitteln, daß auch er diese Hilfswissenschaft verstehen kann.

Eckart Henning, Repetitorium Heraldicum - 150 Fragen & Antworten zur Wappenkunde.
BibSpider, Berlin 2010, 110 S., ISBN: 978-3-936960-43-3

Repetitorium, Frage und Antwort, wer erinnert sich da nicht an Pauken und Prüfungen. An Karteikarten oder an in der Mitte gefaltete Blätter mit verdeckter Antwort. Ja, das Buch folgt dem assoziierten Bild: Auf der Vorderseite eines jeden Blattes (insgesamt 41) sind die Fragen, insgesamt 150 Stück, auf der Rückseite beispielhafte Antworten. Und dieses Buch ist ein sehr sinnvolles Hilfsmittel für die, die ihr Wissen vor einer Prüfung in den Hilfswissenschaften überprüfen wollen. Dieses Bändchen ist damit ausdrücklich kein Lehrbuch, ohne das es nicht auskommt, sondern es fragt ab. Aber es ist mehr. Denn während man Fließtext auch einfach "konsumieren" kann, wird man hier auf jeder Seite erneut dazu angehalten, den aus anderen Quellen angelesenen Stoff zu reproduzieren, reorganisieren, innezuhalten und zu reflektieren. Und genau das kann auch dem nicht schaden, der meint, alle wichtigen heraldischen Werke gelesen zu haben, irgendwas hat jeder übersehen oder vergessen. Denn jede Frage stellt uns auf die Probe, exponiert uns vor uns selber, zwingt uns, eine Meinung zu bilden und sie mit der Musterantwort zu vergleichen. Und auch der fortgeschrittene Hilfswissenschaftler findet durchaus noch Fragen, die er sich selbst vorher noch nie so gestellt hat. Deshalb unterschätze man das Bändchen nicht - es ist eine Anleitung zur Reflexion des aus anderen Quellen angelesenen Wissens. Und dazu ist der Autor, Honorarprofessor für Archivwissenschaft und Historische Hilfswissenschaften der Neuzeit am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin, ehem. Archivar am Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz und Direktor des Archivs zur Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft in Dahlem, durch seine eigene Lehrtätigkeit und Erfahrung als Prüfer bestens qualifiziert. In ganz analoger Aufmachung existiert vom gleichen Autor übrigens der "HiWi-Test" rund um die historischen Hilfswissenschaften. Nacheinander werden die Themen Allgemeines, Angewandte Heraldik, Blasonierung, Familienheraldik, Geschichte, Gestaltung, Helm/Helmzier/Helmdecken, Heroldsbilder und gemeine Figuren, Irrlehren (ein besonders lobenswertes Kapitel, das mit vielen hartnäckig sich haltenden Vorurteilen aufräumt), Literatur, Prachtstücke, Quellen, Rang- und Würdezeichen, Recht, Schild und Schildteilungen, Staats-, Länder- und Kommunalwappen, Stilentwicklung, Tinkturen, Vereinswesen und Wappenbriefe behandelt. Welchen Mehrwert man sich von einer alphabetischen und nicht von einer inhaltlich aufeinander abgestimmten Reihenfolge der Kapitel verspricht, erschließt sich mir nicht, sagen wir einfach, in manch einer mündlichen Prüfung geht es eben auch sprunghaft zu. Wichtige Themen werden zwar etwas allzu kurz abgehandelt, so etwa die Blasonierung mit insgesamt nur 9 Fragen, oder die Heroldsbilder und gemeinen Figuren mit zusammen 5 Fragen sind auch etwas arg dünn repräsentiert, damit ist das Buch keine Paukhilfe, sondern eine Selbsteinschätzungshilfe, die die Gebiete streift und mal hier, mal dort das Prüfmaß anlegt und dabei auf akkumulatives Wissen verzichtet und lieber qualitatives Wissen abfragt. Platz wäre auf einigen Seiten eigentlich reichlich für noch mehr Fragen, ohne daß die Druckkosten höher würden. Natürlich wird man die Musterantworten beim Abgleich mit der eigenen Lösung oft mit einem "Ja, aber...." bedenken, und genau das ist der eigentliche Zweck: Reflexion, Diskussion, in Frage stellen, es ist eine Anleitung zum Nachdenken. Entsprechend diesem Nutzzweck ist die graphische Ausstattung dünn, im eigenen Text gibt es gerade einmal zwei simple Skizzen, und die wenigen Bildtafeln sind zum Großteil unveränderte Übernahmen aus der Wappenfibel (19. Aufl.), Tafel 1 hier entspricht S. 22 dort, Tafel 2 hier ist S. 108 dort, Tafel 3 hier ist S. 81 dort, Tafel 4 hier entspricht S. 87 dort, Tafel 5 gibt es in der Wappenfibel immerhin in Farbe auf S. 55, Tafel 8 hier ist S. 90 dort, Tafel 9 hier ist S. 49 dort, Tafel 10 hier enthält die Ritt-Zeichnungen von S. 178 dort, Tafel 11 hier ist identisch mit S. 107 dort, das Vorsatzblatt hier ist identisch mit S. 13 dort, das ist redundant und lästig, denn eigentlich sollte man zuerst die Wappenfibel lesen, ehe man sich abfragt, denn ohne vorbereitende Lektüre oder sonstige fachliche Beschäftigung mit der Thematik macht das Buch keinen Sinn, und um von Null anzufangen, ist die Wappenfibel nun mal ein bestens geeignetes Werk. Besser hätte man statt dessen die Frage-Kapitel weiter ausgebaut. Eine sehr gute Tat ist hinten der Abdruck der sog. "Berliner Erklärung" über heraldische Gestaltungsgrundsätze, es ist gut und richtig und vor allem nötig, dem Interessierten diese grundsätzlichen Merkmale heraldischen Stils mit auf den Weg zu geben. Fazit: Ein dünnes, modernes, gutes, kompaktes Repetitorium mit fachlich korrektem Inhalt, von dem man sich wünscht, daß es in Zukunft weiter ausgebaut wird, mehr Themen, mehr Fragen, mehr Aufgaben enthalten würde, und ganz vielleicht irgendwann zu einem neuen "Katechismus der Heraldik" in Frage-Antwort-Form werden könnte.

Ludwig Biewer, Eckart Henning: Wappen - Handbuch der Heraldik
20. Auflage, 382 S., Verlag Böhlau, Köln, 2017, ISBN-10: 341250372X, ISBN-13: 978-3412503727

DER Klassiker, DIE erste Empfehlung für angehende und fortgeschrittene Wappenkundler, vielfach in Foren, Briefen und Mails dem Neuling und Interessierten ans Herz gelegt im Stile von: Wenn nur ein einziges Buch angeschafft werden soll, dann DIESES.
Ein so wichtiges, bekanntes und berühmtes Buch, daß statt des früher üblichen Untertitels "Wappenfibel" der leicht scherzhaft abgewandelte Name "Wappenbibel" nicht nur von allen verstanden, sondern auch als berechtigt empfunden wurde.
Ein so traditionsreiches Buch, daß man sich eigentlich gar nicht traut, darüber zu schreiben, weil es viel eher der Ehrfurcht vor diesem Werk, das es seit 1887 und damit seit 130 Jahren gibt und das jetzt die zwanzigste Auflage erlebt, entspricht, begierig jedes Wort darin aufzusaugen, als leicht distanziert und auch kritisch zu bewerten, was darinnen steht. Diese Distanz von der Autorität dieses Standardwerkes muß man erst einmal gewinnen.

Nun liegt es auf dem Tisch, die 20. Auflage von 2017 neben der 19. Auflage von 2002, und voller Spannung beginnt der Vergleich: Was hat sich verändert in 15 Jahren?
Als erstes fällt auf, daß auf dem Einband überall der alte Titel, die Steilvorlage für den ehrfürchtigen Kosenamen "Wappenbibel", weggefallen ist. Nun heißt es schlicht und einfach: "Wappen - Handbuch der Heraldik". Nur auf dem Innentitel, der meistens eh überblättert wird, steht noch "Als 'Wappenfibel' begründet von Adolf Matthias Hildebrandt, zuletzt weitergeführt von Jürgen Arndt", letzte Spur eines Alleinstellungsmerkmales. Schade, vielleicht ist der Ausdruck "Fibel" tatsächlich etwas in die Jahre gekommen, aber im Herzen wird dieses Buch immer die "Wappenbi - äh, fibel" bleiben.
Und das Werk ist größer, schwerer geworden: Mit 17,4 x 3 x 24,6 cm hat es nicht nur größenmäßig, sondern auch inhaltlich von 246 auf 378 Seiten (jeweils bis Ende Inhaltsverzeichnis) zugenommen. Ok, zunehmen tun wir alle, aber hundertzweiunddreißig Seiten mehr sind dazugekommen, und das macht wirklich neugierig: Hat sich in der heraldischen Wissenschaft so viel getan, haben wir in 15 Jahren so viel verpaßt? Oder ist das Ganze auf Kosten der bisher geschätzten Fakten-Fakten-Fakten-Kompaktheit nur aufgebläht worden?

Beim ersten Durchblättern wird klar, um noch ein bißchen bei den Äußerlichkeiten zu verweilen, daß die Wappenfibel, die bisher dafür bekannt war, ein Maximum an Wissen mit einem Minimum an Volumen zu veröffentlichen, wie es sich eben für eine Fibel gehört, ab sofort mit einem gefälligeren Layout in der Liga der schönen Bücher mitspielen möchte: im Inhaltsverzeichnis liniengerahmte Überschriften, farbig abgesetzte Überschriften, streng durchnumerierte Kapitel, farbig unterlegte "Kästchen" mit Exkursen, Typenwechsel zwischen Überschriften und Fließtext sowie zwischen Text innerhalb von Graphiken und Bildunterschriften, farbig abgesetzte Abbildungsnummern, größere Zeilenabstände, weniger gedrängte Schriftlaufbreite, Verwendung ganzer Blätter als Hauptkapiteltrenner. Und da kommt auch durch die Hintertür ein bißchen Verschwendung: Das sind schon einmal 10 der neuen Seiten, die für den letzten Punkt verbraucht werden.

Das Bildmaterial ist im wesentlichen in beiden Auflagen identisch: Das Material von 58 Bildtafeln bzw. bebilderten Seiten läßt sich in gleicher Form wiederfinden, auch wenn die inhaltliche Reihenfolge teilweise verändert wurde und die Abbildungen nun der neuen Ordnung entsprechend einsortiert wurden. Lediglich im Text eingebundene Abbildungen wurden größenverändert, mal kleiner, mal größer wiedergegeben. Die Bildseiten zu heraldisierten Hausmarken, zu den Exlibris und zu den Epitaphien wurden entzerrt und auf mehr Platz verteilt, vor allem wurden bei letzteren endlich Bildunterschriften neben die Bilder gesetzt, damit das leidige Springen zwischen Abbildungsseite und Erläuterungsseite entfällt. Gut so! Diese Unsitte vergangener Zeiten braucht niemand mehr aus drucktechnischen Gründen, und der Leser will, daß die Informationen zusammenpassen. Dies ist ein Schritt in die richtige Richtung, dem aber weitere Schritte folgen könnten: Auch bei den Blasonierungen S. 82/83 oder S. 122/123 oder S. 168/169 oder bei den Hausmarken S. 186-290 könnte man zusammen setzen, was zusammen gehört, damit das Auge nicht ständig springen muß. Neues Bildmaterial sind die Wappen bedeutender Schriftsteller, die Abbildung einer Freiherrenstandserhebungsurkunde und der Stammbucheintrag Cranach, ferner Signet und Flagge der Akademie. Einige Abbildungen im Bereich des Wappengebrauchs auf Gegenständen wurden ersetzt: Die farbigen Abbildungen der Hochzeitslade Lüneburg, der Universitätsmatrikel Leipzig, der Majolikaschüssel und der Wappengläser ersetzen die schwarz-weißen Abbildungen der Messingschale, der Urkundenkassette und der Wappenkaminplatte. Ebenso wurde die schwarz-weiß ausgeführte Tafel mit den Wappen der Länder ersetzt durch eine farbige Tafel mit Bund- und Länderwappen. Das bringt den unersättlich nach Verbesserung sinnenden Leser beim Vergleich aber auch auf die vermessene Idee, daß noch viel mehr der Tafeln, etwa mit den Familienwappen, in Farbe hätten gestaltet werden können. Was hingegen komplett weggefallen ist, sind die ganzen kleinen Abbildungen beim heraldischen Vereinswesen, und dabei stellt man fest, daß auch das zugehörige Kapitel durch etwas Neues ersetzt wurde. Ebenso ist das Verschwinden der Abbildung mit dem Mannesstamm ein Indiz für tiefgreifende textliche Neuformulierungen (s. u.).

Sinnvoll ist die Abschaffung der bisherigen Unterscheidung zwischen Textabbildungen ohne Numerierung und Tafeln mit römischer Bezifferung. Diese Unterscheidung war in der Tat antiquiert und ergab sich aus drucktechnischen Überlegungen, die heute keine Rolle mehr spielen. Somit ist es richtig, nur noch Abbildungen von vorne nach hinten durchzuzählen. Kurios ist, daß es da Versätze gibt: Auf Abb. 8 folgt Abb. 9b, ohne vorangegangene 9 oder 9a. Nach Abb. 13 trägt die nächste Abb. keine Nummer, offensichtlich eine (!) Abbildung, die sich auf Vorder- und Rückseite des Blattes erstreckt. Abb. 14 wird auch doppelseitig interpretiert, Abb. 15 wiederum beidseitig, vorne und hinten. Auch Abb. 31 erstreckt sich auf Vorder- und Rückseite eines Blattes, das erfährt man aber erst auf der Rückseite. Tip: Entweder konsequent durchnumerieren oder bei thematischer Verwandtschaft mit a, b, c arbeiten. "Abb. 35" ist als einzige nicht einheitlich und farbig formatiert. "Abb. 50" ist größer formatiert als alle anderen. Abb. 75 erstreckt sich auf 3 Seiten, woanders knubbeln sich drei Abb. auf einer Seite. Das ist in sich nicht einheitlich und in erster Linie eine Frage des Lektorats.

Die 19. Auflage hatte allein 6 Vorworte - die 20. Auflage hat genau eines, das ist gut und richtig, denn Vorworte liest man eh nicht, und noch viel weniger alte Vorworte, die braucht niemand. Diese Unsitte der stapelweisen alten Vorworte ist nun zum Glück beendet. Gut so!

Der Stoff ist stärker strukturiert worden in die drei Rubriken Wappenkunde, Wappenkunst und Wappengebrauch. Dann folgen Randgebiete und ein ausführlicher Anhang. Dieser Einteilung folgend sind etliche Kapitel im Vergleich zu vergangenen Auflagen umgesetzt worden, so ist z. B. die bisher als zweites Kapitel erscheinende heraldische Bibliographie in den Anhang verbannt worden - das ist richtig so, denn das will der in das Thema einsteigende Leser nicht schon auf der vierten Textseite haben, wenn er sich noch orientiert, was ein Wappen überhaupt ist. Überhaupt sind alle bibliographischen Hinweise aus den Kapiteln entfernt und ans Ende des Bandes gesetzt worden, was die Lesbarkeit deutlich verbessert.

In diesen ersten Block, der sich mit den grundlegenden Begriffen und Prinzipien der Heraldik befaßt, sozusagen dem unveräußerlichen Rückgrat unserer Grundwissenschaft, ist umgekehrt ein Kapitel geschoben worden, das früher wesentlich weiter hinten, noch hinter den Flaggen und Fahnen zu finden war: Irrlehren. Gerade wer Anfragen von "Kunden" bearbeitet oder typische Anfragen in Forendiskussionen verfolgt, kennt die ewig sich ähnelnden Aussagen, die man erst richtigstellen muß, ehe man konstruktiv tätig werden kann. Dem einen wichtigeren Platz einzuräumen und das Kapitel weiter nach vorne zu rücken, ist eine gute Entscheidung. 7 Irrlehren werden mit prägnanten Worten widerlegt, sechs davon inhaltlich identisch, nur die letzte Irrmeinung weicht nun ab: Die alte Irrmeinung war, daß die Beschränkung der Übertragbarkeit im Mannesstamm durch den Gleichberechtigungsgrundsatz aufgehoben sei, die neue Irrmeinung ist hingegen das Gegenteil, nämlich daß ein Wappen nur im Mannesstamm vererbt werden könne. Es ist gut, Ansichten zu überdenken, und es ist mutig, die Änderung so deutlich darzustellen, daß die Meinung von gestern zur Irrlehre wird. Nicht gut ist hingegen der neue Ausdruck "vererbt", was aber nicht schlimm ist, solange es unter "Irrmeinung" läuft, dann ist Punkt 7 eben eine doppelte Irrmeinung. Hier möchte man direkt eine separate 8. Irrmeinung ergänzen: "Irrmeinung: Wappen werden vererbt. Widerlegung: Daß Wappen "weitergegeben" und nicht "vererbt" werden, ergibt sich aus der Tatsache, daß Kinder noch zu Lebzeiten ihrer Eltern deren Nachnamen und Wappen führen, deren Geld aber erst nach ihrem Tod erben. Wenn sie ein Wappen "erben" würden, dürften sie es nämlich erst nach dem Ableben des Erblassers führen. Weiterhin kann Geld auch einer dritten, nicht namensgleichen Person vererbt werden, das geht bei Wappen genausowenig wie bei Familiennamen." Andererseits wird der leise Verdacht, daß selbst Wappenbibelautoren nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, dadurch genährt, daß auch auf S. 249, vorletzte Zeile, von "persönlicher, also nicht erblicher Gebrauch" von Bauernwappen gesprochen wird, und daß auf S. 227 Familiennamen "vererbt" werden. Tip: Wortsuche "erblich, erben, vererben, vererbt" über das ganze Manuskript laufenlassen, alles durch "weitergeben, Weitergabe" ersetzen. Zurück zum Punkt 7: Die Verknüpfung des Wappens mit dem Namen und der Abstammungsgemeinschaft zeichnet hier bereits vor, was sich in der Eintragungspraxis der DWR (und auch bei anderen heraldischen Vereinen und Wappenrollen) geändert hat und was ausführlich weiter hinten im Buch erläutert wird.

Ganz neu im ersten Block ist ein großer Themenkomplex "Bestandsaufnahme der Sammlungen". Das ist ein sehr wichtiges Kapitel, insbesondere weil durch die Digitalisierung in den letzten Jahren unendlich viel Material gratis für den Feierabendforscher abseits von rigiden Öffnungszeiten online zur Verfügung steht. War früher der Siebmacher eine echte Anschaffung oder nur an einem freien Tag in der öffentlichen Bibliothek einsehbar, steht er heute jedem im Netz zur Verfügung, der weiß, wo er suchen muß. Und viele andere Quellen ebenso. Weil sich also jeder Interessierte mittlerweile leicht selbst mit vielen guten Originalquellen versorgen kann, ist eine Anleitung, wie man die Spreu vom Weizen trennt und was man wo finden kann, und vor allem, wie die Werke "funktionieren", eine wichtige und überfällige Ergänzung des Handbuches. Was ist der Rietstap, was ist der Kenfenheuer etc., was der Renesse, wie suche ich Wappenbilder - gut so! Hier wäre ein sepia-unterlegtes Kästchen dringend erforderlich mit den Hinweisen, wo man die genannten Werke im Internet findet. Zum EDV-Exkurs wäre zu ergänzen, daß große Hoffnungen auf dem avisierten Datenbank-Projekt von Prof. Dr. Torsten Hiltmann, Uni Münster, ruhen. Auch werden die vorhandenen Projekte nicht danach differenziert, was lediglich ein gutes Programm ohne nennenswerten Inhalt ist und was eine inhaltsreiche und funktionierende Sache ist, für die jahrelange unbezahlte Sklavenarbeit des Betreibers die Voraussetzung ist. Deshalb überrascht es etwas, das alles undifferenziert in einem Atemzug genannt zu sehen, aber vermutlich würde das zu sehr in die Tiefe führen und ist für den Leser auch nur peripher wichtig, weil er aus eigener Kraft sowieso nicht damit arbeiten kann.

Das Abdrucken von seitenlangen Linklisten fällt hingegen in die Rubrik "gut gemeint". Prinzipiell ist besonders lobenswert hervorzuheben, daß die im Internet vertretene Heraldik auch in diesem Standardwerk Berücksichtigung findet. Nur hat eben das Internet eine ganz andere Volatilität als Printmedien. Wer Linklisten pflegt, muß dranbleiben, dranbleiben, dranbleiben. Noch nicht einmal renommierte Institutionen wie die Bayerische Staatsbibliothek haben verstanden, was ein Permalink ist, und treiben Webmaster mit ständig sich ändernden URLs in den Wahnsinn. Und leider achten private Anbieter von Inhalten in den allerwenigsten Fällen auf bleibende URLs. Bücher mit Linklisten sind veraltet, sobald sie gedruckt sind, das ist eben so aufgrund der Eigendynamik des Internets. Deshalb eignen sich Linklisten eigentlich nur für das Netz selbst, leicht anzupassen, und für den Benutzer auch leicht anzuklicken, denn niemand erwartet doch im Ernst, daß der Leser die langen URLs, mit Sonderzeichen etc. händisch abtippt und das auch noch beim ersten Anlauf fehlerfrei. Und daß es dann die betreffende Seite in, nehmen wir die Zeit seit der letzten Auflage, 15 Jahren noch gibt. Es ist wirklich gut gemeint, wirklich, aber weniger wäre hier mehr: Ein paar wichtige Schlüsselsammlungen, ein paar "Hauptverteiler" im Netz, und möglichst nur solche, deren URLs in den letzten Jahren auch konstant blieben und somit eine günstige Prognose für die nächsten Jahre haben. Eines der wichtigsten Projekte zur Heraldik der letzten Zeit, das von Andreas Janka betriebene Heraldik-Wiki, wird z. B. mit keiner Silbe erwähnt, ist aber mittlerweile durch die systematische, kritische und vergleichende Behandlung der heraldischen Terminologie, der Fülle an angebotenem Material und der synoptischen Publizierung wichtiger historischer Quellen wie z. B. des Berliner Wappenbuches eine erstrangige Quelle im Netz geworden. Aber - die Absicht wird wohlwollend erkannt, die bisherige Internetscheue ist einem ernsthaften Interesse für die Möglichkeiten im www gewichen.

Es ist auch gut, darauf hinzuweisen, welche Pionierarbeit in der Wappenbilderkartei des Herold steckt. Lange bevor es EDV-Datenbanken oder überhaupt Computer gab, wurde hier die Notwendigkeit eines solchen Systems zum Abgleich erkannt und eine funktionierende "Technik" geschaffen, in unendlicher Hintergrundarbeit der Beteiligten, kaum von außerhalb wahrgenommen. Diese jahrzehntelange Fleißarbeit war richtungsweisend und ist immer noch ein Alleinstellungsmerkmal. Das muß wirklich gewürdigt werden! Das Abdrucken von 17, in Worten: siebzehn Seiten mit Motiven und Fachangaben ist hingegen redundant. Das wäre als Aushang im Raum mit den Karteikästen sinnvoll, aber in diesem Handbuch kann der Leser damit nichts anfangen. Das sind noch einmal 17 der neuen Seiten, die ohne echten Nutzen für den Leser verbraucht werden.

Die restlichen Kapitel dieses ersten Blocks sind inhaltlich wohlbekannt von der 19. Auflage und weitgehend unverändert. Gott sei Dank, der Charakter des prägnant formulierten und stringenten Standardwerkes ist geblieben, die Welt der Heraldik steht auch nach der 20. Auflage noch. Es war auch nicht zu erwarten, daß nach Jahrhunderten der Kontinuität hier neue Ansichten formuliert werden, und daß in diesen Basiskapiteln noch jeder Stein auf dem anderen liegt, ist ein gutes Zeichen: Bewährtes bewahren und Neues diskutieren. Es lassen sich nur Kleinigkeiten erkennen, die geändert wurden: Auf S. 43 wurden die ergänzenden Faustregeln zur Blasonierung ersatzlos weggelassen, was im Grunde eine Doppelung war. Die WBO-Nummern der Motive sind nur noch bei den Abbildungen zu finden, nicht mehr im Text, erhöht die Lesbarkeit. Manche Formulierungen wurden vom Perfekt ins Imperfekt gesetzt. Die "schwerwiegendsten" Umformulierungen sind lediglich textlicher Natur und haben marginalen Stellenwert, so wurde im Thema Stechhelm aus "er bürgerte sich dann als Wappenhelm für bürgerliche Familien als sogenannter geschlossener Helm ein" nun "er setzte sich dann als Wappenhelm für bürgerliche Familien als sogenannter geschlossener Helm durch" - wenn das also die Änderungen sind, kann man sich beruhigt zurücklehnen: Es sind zwar neue Schläuche, aber der Wein ist der selbe. In Kapitel 1.10.2 ist eine allgemeine Einleitung zum Oberwappen, die eigentlich zwischen 1.10 und 1.10.1 gehört, weil der Helm zum Oberwappen dazugehört. Das erst bei der Helmzier einzuschieben, ist zu spät. Das Kapitel zu Helmdecken und Wulst wurde nach hinten verschoben. Kleiner Sprung im Schriftsatz: Auf S. 15 wurde der Absatzbeginn vor "Der Schild" vergessen.

In den Themen des zweiten Blocks, der der "Wappenkunst" gewidmet ist, hat es im Vergleich zur 19. Auflage größere Verwerfungen gegeben. Die Einzelkapitel waren in der alten Auflage weit voneinander verstreut und wurden nun bündig zusammengefaßt. Alle Kapitel "Anwendung der Heraldik I, II, III" wurden viel weiter nach hinten verschoben. Die neue Struktur ist stringent und beginnt mit darstellerischen Grundsätzen. Neu ist die Aufnahme der Berliner Erklärung des Herolds über heraldische Gestaltungsgrundsätze, die in übersichtlicher Form ganz klare Vorstellungen zu gutem heraldischem Stil formuliert und das Credo guter Wappengestaltung darstellt. Vor allem hat man hier einen Kriterienkatalog zur Bewertung zu beurteilender Wappenentwürfe, anhand dessen man belegen kann, warum was falsch oder richtig ist. Wer diese Berliner Erklärung durchliest, fragt sich allerdings, wer das Bild außen auf dem Einband ausgesucht hat, denn das ist alles andere als eine bildliche Umsetzung der formulierten Grundsätze.

Waren bisher in der 19. Auflage die Kapitel zu gestalterischen, rechtlichen und kunsthandwerklichen Aspekten buntgemischt, so folgen nun Ausschließlichkeitsgrundsatz, Symbolisierung, Wappendeutung, Kunststile und Wappenfälschungen logisch aufeinander. Wappenkunst wird dabei nicht als Kunsthandwerk mit Wappenmotiven gesehen, denn diese Kapitel sind unter Wappengebrauch einsortiert. Unter Wappenkunst wird vielmehr die Kunst verstanden, ein gutes Wappen zu entwickeln, zu entwerfen und aufzureißen. Die Überschrift würde daher besser lauten: "Die Kunst, ein gutes Wappen zu entwerfen und aufzureißen". Aber das wäre ein bißchen lang. Oder man könnte unterscheiden in "2: Wappenentwurfskunst" und "4: Wappengebrauchskunst", die Kunst der Idee und die Kunst der Anwendung sozusagen, denn genau diese inhaltliche Trennung wird hier nun vorgenommen.

Unter 2.1. "Grundsätze der bildlichen Darstellung" wurde unter Punkt 2 ein Hinweis auf die heraldische Verfallszeit gestrichen. Unter 2.3. "Symbolisierungen" wurden sämtliche Hinweise auf irgendwelche Heraldikertreffen vergangener Zeiten gestrichen - das mag zwar eine nette Erinnerung für die damaligen Teilnehmer sein; es ist für den Leser heute aber völlig irrelevant, was vor 40 Jahren (es wurden tatsächlich ein Treffen von 1976 und eines von 1977 erwähnt) irgendwo am Stammtisch besprochen wurde. Auch im Kapitel 2.4. "Wappendeutung" wurde die Lesbarkeit erhöht, indem alle Literaturstellen im Fließtext herausgeflogen sind. Auch bei den übernommenen Formulierungen in Stile von "in den letzten Jahrzehnten" sollte man immer daran denken, daß seit der letzten Niederschrift dieser Worte mittlerweile weitere Jahrzehnte hinzugekommen sind.

Im selben Kapitel 2.4. sollte man unter Punkt 5 "Obwohl die Wappen sich meist im Namensstamm des Mannes vererben, d. h. übertragen werden..." in "Obwohl die Wappen meist im Namensstamm des Mannes weitergegeben werden..." machen, denn "vererben" ist NICHT "übertragen", Diskussion siehe oben: Vererben ist NACH Tod, auch an Dritte, weitergeben ist VOR Tod und nur an namensgleiche Personen in einem Abstammungsverhältnis. In der alten Ausgabe stand hier noch das Wort "Mannesstamm" anstelle von "Namensstamm". Aus "widerrechtlich auch Wappen des Frauenstammes" wurde in besserer Einsicht "sind sie vielfach auch im Frauenstamm geführt worden".

Im Kapitel 2.5 Einfluß des Kunststils wurden die persönlichen Bewertungen wie "...mit Recht bevorzugt", "für unseren heutigen Geschmack weniger ansprechend" oder "den völligen Verfall der Wappenkunst mit sich brachte" entfernt, so daß der Text neutraler und wertungsfreier wirkt. Auch der Text "die guten heraldischen Formen" wurde zu "ältere heraldische Formen" neutralisiert. "Größenverhältnisse ... unrichtig" wurde zu "veränderte Größenverhältnisse" (Abb. 30). "Stil schwer erkennbar, langweilige schematische Darstellung" ist gestrichen (Abb. 30). Der Begriff "(Verfallszeit)" wurde von "Wappen im Stile des Rokoko und Biedermeier" gelöst. Die Formulierung zu Kronen "auch auf Wappen, wo sie rechtlich nicht erscheinen dürfte" wurde in "manchmal auch (unzulässig) im Schild erscheinen" abgeändert. Die Heraldik erlebte in der Mitte des 19. Jh. keine "Wiederbelebung" mehr, sondern eine "Erneuerung". Das wertende "Hochblüte" für die Spätgotik und Frührenaissance ist gestrichen, ebenso das "modernistisch" für die Neutönung. Früher war es erlaubt, ein Wappen "in allen beliebigen Stilarten (ausgenommen natürlich die ausgesprochenen Verfallsformen) darzustellen", 15 Jahre später darf man es "in allen beliebigen Stilarten darstellen". Aus "kann nicht als berechtigt anerkannt werden" wurde "ist umstritten". Und an vielen, vielen weiteren Stellen gleichermaßen wirkt die neue Sprache, als hätte man im Vergleich zu früher "Kreide gefressen". Alles in allem wirkt der Text durch die vielen Mikroveränderungen weniger apodiktisch, milder und offener dafür, daß zu anderen Zeiten an anderen Orten andere Dinge für schön und angemessen empfunden wurden und daß jede Zeit eben ihren Geschmack und ihre Meinung hatte, auch wenn wir heute glücklicherweise ein anderes stilistisches Ideal vor Augen haben. Auch wenn wir nicht den gleichen Geschmack haben, bringen wir nun doch den Kunstschöpfungen anderer geschmacklicher Paradigmen gegenüber mehr Respekt auf als in der 19. Auflage, die noch mit Feuer und Schwert Gut und Böse trennte.

Das Kapitel über Wappenschwindel ist bis auf den Wegfall konkreter Adressen unverändert. Man hätte noch ein paar deutliche Worte zu einschlägigen neuen Schwindelprodukten bei eBay etc. einfließen lassen können, denn auch der Wappenschwindel geht mit der Zeit.

Der dritte Abschnitt vereint nun unter dem Titel "Wappengebrauch" wappenrechtliche und kunsthandwerkliche Aspekte und beleuchtet das Wappenwesen von Familien, kirchlichen Amtsträgern und staatlichen bzw. kommunalen Einheiten. Diese Umgruppierung gegenüber der vorherigen Auflage ist gut und sinnvoll, auch wenn die Abgrenzung vermutlich noch in Zukunft feinjustiert werden muß. So wirkt insbesondere das erste Kapitel 3.1. seltsam unausgegoren: Vordergründig scheint es um Staats-, Landes- und Kommunalwappen zu gehen, aber dann wird ein Auswahlverzeichnis gedruckter Wappenbücher gegeben, das munter kommunale und familiäre Heraldik mischt und dem Laien nicht bei jedem Eintrag klar macht, um was genau es sich handelt. Das hätte man in den Anhang verschieben können, die digitalen Quellen hätte man ergänzen können, soweit dem Leser umsonst verfügbar. Inhaltlich gibt es in Kapitel 3.1. wenig Neues, das Wappen der DDR wurde ergänzt, und das war es auch schon. Die völlig überflüssige Liste ohne Relevanz für den Leser unter IV. mit all ihren Bekanntmachungen und Abkürzungen hätte man getrost opfern können. Hinzugekommen ist ein Abschnitt über die neue Pest des kommunalen Wappenwesens, die Logomanie. Ein paar besonders "schöne" Beispiele hätten diesen Verfall heraldischen Grundverständnisses illustrieren können. Neu hingegen ist der Abschnitt auf S. 197 über die Deutsche Ortswappenrolle, ein wichtiges neues Engagement des Vereins Herold. Einen weiteren Fingerzeig auf die DOWR gibt es auf S. 224; dafür weckt aber die Kapitelüberschrift auf S. 232 unerfüllte Erwartungen, da im betreffenden Kapitel die DOWR offensichtlich nicht behandelt wird.

Das Kapitel über kirchliche Amtsheraldik ist weitgehend mit der Vorgängerversion identisch, bis auf wenige neue Stellen wie zur Mitra anstelle der Tiara in neueren Papstwappen. Hier ist es richtig schade, daß es das neue, hervorragende Werk von Simon Petrus (heraldisches Handbuch der katholischen Kirche) noch nicht einmal ins allgemeine Literaturverzeichnis geschafft hat, ganz zu schweigen von einer Auseinandersetzung mit dem Inhalt desselben.

Der Hauptteil des dritten Abschnittes befaßt sich nun mit Familienwappen und den wappenrechtlichen Grundlagen. Die Kapitel über Familiennamen und Adelsrecht sind weitgehend identisch bis auf Marginalien, so wurde z. B. der Satz gestrichen, daß Doctores der Theologie und der Rechtswissenschaften eine dem persönlichen Adel gleichartige Rechtsstellung hatten - aber auf S. 249 im Kapitel 3.4.8 blieb der entsprechende Satz drin. Im Kapitel 3.4 "Das Recht am Wappen" ein paar kleine, aber wichtige Änderungen, vor allem die Hinweise auf Führungsberechtigungen. Vor allem wurde die Einschätzung der Neuannahme von Wappen durch einen kinderlosen Mann oder eine unverehelichte Frau ersatzlos gestrichen, denn die noch in der 19. Auflage vertretenen antiquierten und teilweise diskriminierenden Einstellungen sind glücklicherweise im Jahr 2017 unhaltbar geworden, und das ist auch gut so. Der 19. Auflage mag man da immerhin den Satz "Diese Entwicklung ist offen...." zugute halten. Auch bei Fragen der Adoption wird der Wortlaut der 19. Auflage mit etwas Distanz als ältere Lehrmeinung bezeichnet. Die interessantesten Neuerungen lassen sich im Kapitel 3.4.2 zur Führungsberechtigung finden: Hier wird bei neuangenommenen Wappen die konsequente Hinwendung weg vom Mannesstamm hin zum Namensstamm vollzogen als Folge besserer Einsicht und geänderter Praxis der heraldischen Vereine. Die Konsequenz, mit der hier das Ruder herumgerissen wird, ist mutig und straft all diejenigen Lügen, die der Heraldikwelt Anpassungsfähigkeit und Modernisierbarkeit abgesprochen haben - es geht, und es geht sogar sehr gut, und es ist auch angemessen, die unauflösliche Trias aus Wappen, Abstammungsgemeinschaft und Namen zur Basis des neuen Wappenführungsrechts zu machen, einerseits liberalisiert, andererseits wird auch ganz klar deutlich, daß es nicht mit nur zwei Aspekten besagter Trias funktioniert, nur mit allen dreien. Entsprechende Änderungen der Wortwahl ziehen sich auch durch das ganze anschließende Kapitel zur Wappenregistrierung.

Ein Widerspruch ergibt sich zwischen diesem Kapitel und nicht geänderten Abschnitten davor: Auf S. 225 ist zu lesen: "....Rechtsgemeinschaft zur gesamten Hand .... keiner der Wappenführungsberechtigten alleine ohne Mitwirkung der übrigen .... über die Führungsberechtigung ...verfügen kann." Zwei Seiten vorher ist in einem unverändert übernommenen Abschnitt zu lesen: "..kann das Recht an einem ...Familienwappen auch dadurch erworben werden, daß ein bereits wappenführender Verwandter die Führungsberechtigung ... ausdehnt und so weitere mit ihm verwandte Namensträger in den Kreis der Wappenführungsberechtigten einbezieht" - nein, eben nicht nach S. 225: Das kann nur die Gesamtgemeinschaft. Gut ist die separate Wiederholung der wichtigsten Inhalte als "Merksätze zum Wappenrecht", die in dieser Form neu ist und eigentlich 50% aller Anfragen von "Kunden" beantwortet. Auch das Kapitel "Identifizierung der wappenführenden Familien" wurde in Hinblick auf die Bedeutung des Namensstammes umgearbeitet; die Graphik zum Mannesstamm wurde seiner neuen Nichtbedeutung entsprechend ersatzlos gestrichen. Bei der Wappenführung von Frauen hieß es früher, daß Frauen entsprechend der Namensführung meist nur das Wappen ihres Ehemannes führen, jetzt heißt es, daß sie entsprechend der Namensführung wahlweise das Wappen ihres Ehemannes oder ihr väterliches Wappen führen (warum nicht "ihr eigenes"?).

Im Kapitel 3.4.5 über moderne Wappenregistrierung fällt auch hier eine weniger apodiktische, versöhnlichere Grundhaltung der neuen Auflage auf: Der Satz "Sie (die DWR) hat sich seitdem allgemeine Geltung verschafft" ist ersatzlos weggefallen. Allgemeinen Respekt, allgemeine Anerkennung etc. von Herzen gerne, doch allgemeine Geltung haben staatliche Gesetze, und auch andere heraldische Vereine leisten hervorragende Arbeit. Es ist auch hier als Zeichen neuer Offenheit, neuen Ausgleiches zu sehen, daß solche "zu schroffen" Formulierungen geglättet wurden. Ebenso geglättet wurde Abschnitt 8, wo früher noch stand, daß die Organisatoren regionaler Vereine mangels des ihnen fehlenden umfassenden Überblicks sich um die Einhaltung des Ausschließlichkeitsgrundsatzes wenig kümmern. Bei aller Anerkennung der herausragenden Berliner Arbeit beim Abgleich und der geleisteten Pionierarbeit bei der Wappenbilderkartei und bei Motivdatenbanken - auf diese Arndtsche Arroganz konnte man verzichten. Ein bißchen schade ist, daß auf S. 235 der Abschnitt 7 jedoch unverändert übernommen wurde. Die Formulierungen stammen noch aus einer anderen Zeit. Die unterstellte pauschale Gleichsetzung von anderen Vereinen mit Geschäftemachern ist zu undifferenziert, um sie so stehenzulassen. Gerade weil aus guten Gründen keine Namen genannt werden, kommt jeder andere Verein somit unter Pauschalverdacht, auch die ernsthaften. Was zu Arndts Zeiten über andere Vereine gedacht wurde, ist zum Glück überwunden, und die ernsthaften heraldischen Vereine pflegen einen regen Kontakt und Austausch, viele Personen sind in mehreren Vereinen Mitglied, Mitglieder verschiedener Vereine gehen gemeinsam auf Exkursion und besuchen gegenseitig die Veranstaltungen, und das ist auch gut so, weil alle davon wissenschaftlich und menschlich profitieren. Die Heraldikwelt ist zu klein, um die Gräben vergangener Zeiten weiter zu pflegen. Natürlich gibt es auch die Geschäftemacher, aber ich glaube, wer die Wappenfibel durchgearbeitet hat, wird ganz von alleine darauf kommen, wer was ist, denn "an ihren Werken sollt ihr sie erkennen". Die Kapitel 3.4.6., 3.4.7. und 3.4.8 sind bis auf Marginalia unverändert übernommen worden.

Hier wurde nun das Kapitel 3.5 "Anwendung der Heraldik" eingefügt, das vorher in anderem Kontext stand. Es ist eigentlich eines der wichtigsten Kapitel, weil das Wappen nur durch Verwendung sein Wesen entfaltet, weil die Heraldik nur durch die sichtbare Gebrauchskunst Leben eingehaucht bekommt und weil es letztlich die künstlerischen Zeugnisse vergangener Jahrhunderte sind, die auch heute noch Lust auf Heraldik machen. Die Inhalte sind nach wie vor exemplarisch und identisch, bis auf kleinere Entschärfungen des Wortlautes wie das Streichen des Hinweises auf geschmacklose Massenproduktionen auf Friedhöfen, das dem allgemein zu beobachtenden Entfernen persönlicher Bewertungen folgt. Bei den Exlibris-Sammlungen fehlt leider immer noch der Hinweis auf eine der größten und besten Sammlungen im Gutenberg-Museum Mainz, basierend auf der Sammlung Tropp, und auf die Exlibrisdatenbank der Stadtbibliothek Mönchengladbach, basierend auf der Sammlung von Dr. Gernot Blum.

Der 4. Abschnitt ist Nachbargebieten wie Siegeln, Hausmarken, Notarsigneten, Berufszeichen, Orden, Flaggen und Fahnen gewidmet. Inhaltlich ist hier das Gewohnte zu lesen. Nur ein Schnitzer springt ins Auge: Auf S. 310 ist das Blau der oldenburgischen Flagge von der 19. zur 20. Auflage schwarz geworden.

Der 5. Abschnitt "Anhang" beginnt mit dem ausländischen Wappenwesen, bis auf Marginalia (z. B. britische Heraldik statt englischer und schottischer Heraldik) unverändert. Dann folgt ein gänzlich neues Kapitel über die Académie internationale d'Héraldique. Dafür wurde das "Heraldische Vereinswesen in In- und Ausland" ersatzlos gestrichen. Gut gemeint ist, daß hier die Europäisierung der Heraldik veranschaulicht wird, daß die Heraldik als einst erste europaweit verstandene nonverbale Kommunikation hier auch in europäischem Kontext dargestellt wird, auf Kosten der Darstellung der regionalen Vereine. Es ist gut, daß man etwas über die Aktivitäten der Académie erfährt. Der praktische Nutzen des Abdrucks von 11 Seiten Mitgliederadressen darf bezweifelt werden, zumal im Web jederzeit die aktuelle Liste gefunden werden kann und die Aktualität dieser Liste in den nächsten 15 Jahren abnehmen dürfte. Also lieber Hauptadresse mitteilen und erklären, wo man die aktuelle Liste jeweils findet.

Dann folgt das Literaturverzeichnis, wo übersichtlich alles zusammengestellt wird, was vorher zu Beginn jedes einzelnen Kapitels mehr störte als nutzte. Das war eine hervorragende Verbesserungsmaßnahme, die die Lesbarkeit erhöht. Erfreulich ist die Aufnahme vieler Werke der letzten Jahre und auch das Auftauchen von "neuen Namen in der Szene". Allerdings vermisse ich einige wichtige Publikationen, wie z. B. das bereits erwähnte Werk von Simon Petrus über die Heraldik der katholischen Kirche, den Heraldischen Atlas von Ströhl oder weitere Werke von Slater abseits seines "Complete Book". Die separate Liste von regionalen Wappensammlungen hätte hier auch ihren Platz finden können. Umgekehrt mag die Beleidigungsklage Koerner gegen Hupp ganz amüsant sein, aber sicher kein grundlegendes Werk.

Schließlich folgt ein Heraldikerindex. Das ist eine sehr gute Idee, denn das einschlägige Standardwerk, das Biographische Lexikon der Heraldiker, ist schon etwas in die Jahre gekommen, ein Vierteljahrhundert bei genauem Hinsehen, oder sagen wir deutlicher: Mindestens 90% (geschätzt) der dort erwähnten Personen leben nicht mehr. Um so wichtiger ist es, die Heraldik ins Hier und Heute zu holen und lebende Fachleute aufzulisten. Allerdings ist die Idee nur halbherzig umgesetzt: Es sind noch zu viele "alte" Namen auf der Liste und zu wenig "neue" Namen. Z. B. ist der Betreiber des Heraldik-Wiki mittlerweile ein bekannter Name, der nicht nur für unglaublichen Fleiß, sondern auch für große Kompetenz im Web steht. Die Schlüsselfiguren seriöser heraldischer Vereine würden ebenfalls gut auf diese Liste passen. Hiltmann als Juniorprofessor und Betreiber von Heraldica nova müßte auch auf die Liste. Ebenso renommierte Heraldiker des Auslandes der Jetztzeit. Und man könnte die Namen eindeutiger zuordnen: Künstler, Wissenschaftler, Autor, etc. Der Interessierte von heute, der Wappenstifter von heute braucht Ansprechpartner, nicht Nachrufe. Hier müßten, das eingeholte Einverständnis der Betreffenden vorausgesetzt, auch noch Kontaktdaten hinein. Was bei der Académie internationale d'Héraldique zu viel war, ist hier für den deutschsprachigen Bereich zu wenig.

Gesamtfazit: Nach 15 Jahren war eine Neuauflage des bewährten Standardwerkes überfällig. Die Neuauflage wird gemessen an dem Spagat zwischen Bewahrung unveräußerlicher Traditionen einerseits und notwendiger Anpassung andererseits. Die Traditionalisten zittern vor einer Neuauflage, ob danach noch jeder Stein auf dem alten Platz ist. Und die Liberalen fragen sich, warum nicht noch viel mehr aufgepeppt und verbessert wurde, wenn man denn schon einmal dabei ist. Der Kern des Buches ist nach wie vor die bewährte Wappenfibel, das Grundlagenwerk, die Anleitung zu guter heraldischer Praxis. Die umstrukturierte und teilweise umformulierte und ergänzte 20. Auflage zeigt die Bereitschaft der Heraldikwelt, sich mit Neuerungen auseinanderzusetzen und begründet angemessen auf diese zu reagieren. Es wurde in der neuen Auflage viel an Verbesserungen erreicht, und es wurde gezeigt, daß eine Wissenschaft, die sich anpassen und sich selbst in Frage stellen kann, immer lebendig bleiben wird. Darauf kommt es an, das Wesen der Heraldik fortzutradieren, die Begeisterung für diese Tradition als Feuer lebendig zu halten, ohne Bewährtes zu opfern, welches nach wie vor weitgehend unverändert den Löwenanteil des Buches ausmacht. Es ist gut, daß in dieser Auflage Neuerungen ausprobiert werden. Nur so bleibt der Entwicklungsprozeß im Gang, und nur so bleibt Heraldik lebendig. Dafür den Autoren mein Dank.

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