Bernhard Peter
Übergangslösungen: Wulste, Kronen und Kissen

Gute heraldische Praxis: Gestaltungsrichtlinien der deutschen Heraldik
Während das Helmdach weitgehend stereotyp immer die gleiche Form besitzt, sind der Phantasie in Bezug auf das Kleinod kaum Grenzen gesetzt. Daraus ergibt sich, daß einige Kleinode sich gestalterisch wunderbar mit der halbkugelig gerundeten Form des Helmes verbinden lassen, andere wiederum keine rechte Harmonie mit der vorgegebenen Wölbung erzeugen, insbesondere bei langen und dünnen Unterteilen. Hier gilt es einen gestalterisch befriedigenden Übergang zu finden, um an dieser kritischen Stelle von Disharmonien abzulenken und gestalterische Fülle zu schaffen. Prinzipiell haben wir folgende Möglichkeiten neben dem unmittelbaren Aufsetzen einer Zimier auf das Helmdach: Der Übergang kann entweder durch eine Krone, ein Kissen oder einen Wulst kaschiert werden.

Rangkronen = Adelskrone:
Beginnen wir mit einer Vorbemerkung, was keine wünschenswerte Übergangslösung ist: die Rangkrone. Die Rangkrone gehört zu den Rang- und Würdezeichen. Quell vieler Mißverständnisse ist ein doppelt belegter Begriff: Das Problem ist, daß der Begriff "Adelskrone" für zwei ganz verschiedene Kronen verwendet wird. Zur klaren Unterscheidung von Form und Funktion sollte man besser nur von "Rangkronen" und von "Laubkronen" sprechen. Denn eine Laubkrone kann auch für Adelswappen verwendet werden, und Laubkronen wurden ausgiebig von Bürgerlichen verwendet, denn Laubkronen sind primär ein gestalterisches Mittel. Nicht jedoch konnte sich ein Bürgerlicher eine Rangkrone anmaßen, die ausschließlich zur Markierung des gesellschaftlichen Standes da war.

Eine Rangkrone zeigt schlanke Zacken mit Kugeln an den Spitzen. Das Schema für die Rangkronen entwickelte sich im 16. Jh. Die Verwendung von Rangkronen in früheren Stilen ist anachronistisch. Also beim Zeichnen nicht Rangkronen mit mandelförmigen Schilden oder gar mit Topfhelmen oder Kübelhelmen kombinieren! Rang- und Adelskronen werden immer nur mit dem Wappenschild allein und auf den Schildrand gesetzt dargestellt. Eine Rangkrone ist keine Helmkrone und sollte daher niemals als Helmkrone verwendet werden. Eine Rangkrone wird statt Helm und Helmzier verwendet und ersetzt das klassische Oberwappen (Ausnahme: Großbritannien). Eine Helmkrone wird hingegen zu Helm und Helmzier getragen. Für Deutschland gilt folgendes System der Kronen:

Vom Wesen her ist eine Rangkrone, wie der Name an sich schon sagt, in erster Linie ein System der Differenzierung gesellschaftlicher Ränge. Damit wird ein System parallel zur klassischen Gestaltung eines Vollwappens aufgebaut, das ein klassisches Oberwappen nicht ergänzt, sondern ersetzt. Denn beide Systeme haben einen unterschiedlichen Charakter. Eine Rangkrone steht und fällt mit der gesellschaftlichen Schaffung und Akzeptanz von Schichtungen der Gesellschaft, von Schranken zwischen verschiedenen Ebenen. Damit steht und fällt das System der Rangkronen auch mit dem Feudalsystem.

Umgekehrt ist das System des klassischen Oberwappens vorrangig ein System der ergänzenden Identifizierung, um eine Komposition noch einmaliger und wiedererkennbarer zu machen, und unterscheidet per se nicht zwischen Rängen. Abgesehen von Prunkstücken - allein aus der Form eines klassischen Oberwappens sieht man nicht automatisch, welchen Rang der Träger einnimmt, sondern der Aufbau ist allein guter heraldischer Praxis verpflichtet.

Deshalb ist seit 1918 eine Rangkrone lediglich eine rückblickende Dokumentation einer ehemals innegehabten Stellung im Feudalsystem. Zeitlos aktuell bleibt jedoch nach wie vor gute heraldische Gestaltung, die sich auch im Oberwappen äußert. Oder pointierter ausgedrückt: Die Rangkrone ist nur noch Erinnerung - die Helmzier als Zeichen guter klassischer Wappengestaltung hingegen lebt und ist politisch völlig korrekt und einer demokratischen Gesellschaft angemessen. Beide Systeme zu vermischen, heißt, weder das eine noch das andere zu verstehen. Weil beide Systeme eine ganz unterschiedliche Prämisse und Zielsetzung haben, ist es unangemessen, sie zu vermischen, auch wenn aus dem 19. und frühen 20. Jh. genügend geschmacklose graphische Gegenbeispiele (vgl. Exlibris) existieren.

Helmkrone = Laubkrone = Blütenkrone:
Die Helmkrone kommt im 13. Jh. in Gebrauch. Sie ist eine Laubkrone mit drei "Blatt-Zinken" und zwei "Perlen-Zinken" dazwischen. Ursprünglich war sie eine Königskrone, die dann der Adel für sich beanspruchte. Im 14./15 Jahrhundert tauchte die Helmkrone dann auch bei diversen Patrizierfamilien auf und wurde von diesen unangefochten geführt. Obwohl sie ursprünglich ein Merkmal des Adels war, ist die strenge Gleichsetzung Helmkrone = Adel nicht in dieser Ausschließlichkeit korrekt. Wie viele Regeln ist das wohl mehr eine allgemeine Richtlinie mit einer gewissen Unschärfe, die stark von der Entstehungszeit eines Wappens abhängt. Dazu gibt es viele Adelige, die diese Helmkrone nicht führen, z. B. solche, die ihr Wappen auf das 12. Jh. zurückführen. Umgekehrt waren insbesondere in Zeiten der kulturellen Emanzipaton des städtischen Bürgertums stets Bestrebungen vorhanden, die Symbolik des Adels für sich in Anspruch zu nehmen.

Es wurde viel darüber gestritten, ob die Helmkrone nun für Bürgerliche "geht" oder nicht, und verschiedene Heraldiker bzw. Wappenrollen oder heraldische Vereine pflegen eine unterschiedlich enge Auslegung der Regeln. Meine persönliche Meinung ist, daß für Bürgerliche sehr wohl eine Helmkrone geht, wenn belegt wird, daß sie früher unangefochten geführt werden konnte, aber auch, daß die Wahl bei einer kompletten Neuschöpfung heute besser auf einen Helmwulst fällt, um dem heutigen Stile Genüge zu leisten. Viel relevanter als die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsschicht ist die Zuordnung der Wappenentstehung zu einer bestimmten Epoche. Ein Wappen aus dem 12. Jh. hat in der Regel keine Helmkrone, ob adelig oder nicht. Bei Wappen aus dem 13. Jh. ist sie eher als Privileg der adeligen Schicht anzusehen. Bei bürgerlichen Wappen aus dem 14./15./16. Jh. ist nichts gegen die Helmkrone einzuwenden, wenn sie historisch überliefert und urkundlich belegt ist. Eine Laubkrone bei heute neuentworfenen Bürgerwappen ist nach dem Geschmack konservativer Wappenrollen fehl am Platze, auch wenn weniger konservative Wappenrollen kein Problem damit haben. Ich persönlich rate zu einer frewilligen Beschränkung, denn auch hier ist weniger mehr.

Laubkronen werden nur im Vollwappen mit Schild, Helm, Helmdecke und Helmzier dargestellt. Helmkronen sitzen fest auf dem Helmdach und umschließen die Helmzier. Sie dürfen daher nicht zu eng dargestellt werden.

Eine Laubkrone geht prinzipiell zwar zu allen heraldischen Helmtypen, und für jeden Helmtyp lassen sich historische Beispiele mit und ohne Krone anführen, außerdem kamen Kronen früher in Gebrauch als Gitterhelme. Typischerweise paßt sie im Stil jedoch zu einem Bügel- oder Gitterhelm. In Wappenbüchern der Renaissance z. B. wird die Kombination Bügelhelm und Helmkrone oft standardmäßig verwendet, was jedoch als Ausdruck des zu üppiger Ornamentik neigenden Zeitgeistes und nicht als Vorbild für heutige Gestaltungen gesehen werden sollte.

Abb.: Helmkrone mit nur drei sichtbaren Blattzinken zu Helm und Helmzier, Epitaph an der Außenseite der Stadtpfarrkirche Braunau.

Heidnische Krone:
Als Heidenkrone oder heidnische Krone wird eine Krone bezeichnet, die aus einem Goldreif besteht, der sechs oder mehr dreieckige Zacken trägt, die also oben lauter gleiche Spitzen als Zinken trägt. Diese Krone hat in Deutschland, anders als in Frankreich, keine besondere Bedeutung, sondern ist eine Mode der Kanzleiheraldik, besonders des 16. und 17. Jh. In Diplomen dieser Zeit wird entsprechend expressis verbis die Kronenform vorgegeben, so. z. B. in einem Diplom des Jahres 1638 für den fürstlich-brandenburgischen Rat und Gesandten Christoph Agricola, der zwei Helme bekommt, "jeder mit einer goldfarben königlichen Cron, darunter die vorder spizig und auf die heidnische Manier". Ihrem Wesen nach handelt es sich um eine besondere Form der Helmkrone, nicht um eine Rangkrone. Eine Heidenkrone wird auch gerne den ebenfalls in dieser Zeit beliebten Mohren aufgesetzt.

Man unterscheidet folglich:
Also ergibt sich folgendes Bild:

Auch wenn die entwicklungsgeschichtlich ältere Helmkrone der jüngeren, später in Gebrauch gekommenen allgemeinen Adelskrone ähnelt, ist sie von der Funktion her etwas ganz Anderes! Auch entwicklungsgeschichtlich handelt es sich um zwei verschiedene Paar Schuhe: Die eine hat sich nicht aus der anderen entwickelt, sondern die Helmkrone ist ein Gestaltungsmerkmal für sich, während die einfachste Rangkrone Teil eines differenzierenden Systems ist. Da sie ähnlich aussehen, hilft nur der Blick auf den gestalterischen und zeitlichen Kontext: 1.) Alleine auf dem Schild ist es eine Rangkrone, auf dem Helm ist es eine Helmkrone, 2.) vom 13. bis 16. Jh. gibt es nur Helmkronen, ab dem 16. Jh. gibt es auch Rangkronen.

Wulst = Helmwulst = Bausch = Bund: Genus: Anläßlich immer wieder aufkommender Mißverständnisse sei noch einmal darauf hingewiesen, daß "der" oder "ein" Helmwulst üblich ist, nicht "die" oder "eine" Wulst. Ein Wulst ist ein gedrehtes Tuch in den Hauptfarben des Wappens (Metall und Farbe), im Original mit einem Kern aus Werg oder Wolle. Sinn und Zweck des Helmwulstes ist es, den oft graphisch unbefriedigenden Übergang zwischen Helm und Helmzier zu verdecken. Er ist ohne eigene heraldische Bedeutung, ein Wulst kann im Prinzip nach Belieben dargestellt oder weggelassen werden, und bei historischen Wappen finden wir oft sowohl Darstellungen mit als auch ohne Wulst. Bei historischen Wappen war es auch nie besonders üblich, ihn mitzublasonieren, während man heute geneigt ist, sein Vorhandensein im Blason zu erwähnen, wodurch seine Darstellung heute überwiegend als bindend angesehen wird, sofern er blasoniert wird.

Die Farben des Wulstes stimmen mit denen der Helmdecke überein. Wenn die Decke zweifarbig ist, zeigt er diese zwei Farben, wenn eine Decke gespalten ist und rechts anders als links tingiert ist, kann er drei oder vier Farben zeigen, was aber eine grobe Richtlinie ist, die in Einzelfällen durchaus abweichende Gestaltungen zuläßt.

Ob der Helmwulst vorne (rechts) mit Farbe oder Metall beginnt, ist heraldisch vollkommen unerheblich, es gibt keine diesbezügliche Regel, auch wenn viele Heraldiker in Analogie zum Prinzip, bei Helmdecken außen Farbe und innen Metall zu zeigen, beim Helmwulst gerne erste und letzte Windung in Farbe sehen, die genauso das Metall "innen" zu liegen kommen lassen wie bei der Helmdecke. Ein Usus, der ästhetische Gründe für sich verbuchen kann, sich aber nicht auf eine Regel beruft.

Ein Wulst ist prinzipiell für alle Wappen unabhängig vom Stand möglich, er gilt heute als angemessen für Wappen Bürgerlicher, die Drehrichtung kann beliebig sein.

Es hängt vom Motiv der Helmzier ab, ob ein Bausch notwendig ist. Ein Stern als Helmzier oder ein Federbusch oder ein sitzender Vogel macht meistens die Kaschierung des unschönen Überganges zwischen Helm und Helmzier notwendig (auch wenn talentierte Zeichner das auch ohne überzeugend darstellen können). Bei wachsenden Rümpfen (Tier, Mensch, Baum etc.) kann sie entfallen. Wenn die Helmzier als "wachsend" beschrieben ist, entfällt der Wulst in der Tat zumeist. Wenn ein fließender Übergang der Helmzier in die Helmdecken möglich ist, ist der Grund für einen Wulst weggefallen, und dann sollte er auch nicht verwendet werden. Das Wort "wachsend" in der Blasonierung bedeutet meist "kein Bausch"! Anders sieht das bei Farbsprüngen aus, ist beispielsweise a) eine Helmzier einfarbig bei farblich gespaltenen Decken, oder hat b) eine wachsende Helmzier eine gespaltene Tingierung bei einheitlichen Decken, oder hat c) die Helmzier eine andere Tingierung als die Außenseite der Helmdecke, so empfiehlt sich die Verwendung eines Wulstes zur Kaschierung des ein- oder doppelseitigen Farbsprunges.

Es geht aber auch ganz ohne Wulst. Einziges Kriterium ist, ob die Helmzier befriedigend in den Helm übergeht. Das ist z. B. bei Büffelhörnern, Hirschgeweihen, Elchgeweihen, Flügen ohne weiteres möglich, weil alle unten eine mehr oder weniger kreisförmige Auflagefläche haben, die eine stabile Verbindung mit dem Helmdach auch ohne Wulst hinreichend plausibel macht. Ferner finden sich in alten Wappenbüchern so viele graphisch überzeugende Abbildungen ohne Wulst, daß sich die Meinung, es müsse immer und grundsätzlich entweder Wulst oder Krone vorhanden sein, nicht halten läßt. Es gibt auch einige Helmkleinode, die nur ohne Wulst überzeugend aussehen: Turnierhüte, Stulphüte etc.

Wenn man sich für einen Wulst entscheidet, ist es immer ein einziger Wulst, der um die ganze Helmzier herumgeht. Für mehrere kleine Wülste, z. B. um jedes Horn einen, sind mir keine historischen Belege bekannt, so etwas sieht zudem nicht graphisch überzeugend aus.

Ein Wulst geht um die Helmzier herum, und dabei sollte man beim Zeichnen nicht vergessen, daß es sich hierbei um einen dreidimensionalen Stoffring handelt, der seitlich der Helmzier eine Eigenbreite hat. Die Helmzier sollte aus dem Freiraum des Wulstes kommen, ein seitliches Herauswachsen der Helmzier aus dem Wulst ist nicht plausibel. Ein bißchen Zusammendrücken des Stoffes darf natürlich einkalkuliert werden, jenseits der Wulstgrenze kann jedoch keine Helmzier herauswachsen, was leider beim Zeichnen oft nicht beachtet wird.

Der Helmwulst kann auch mit herabhängenden oder flatternden Enden (Zindelbinden) dargestellt werden, ab der Spätgotik sind Helmwülste in allen Varianten belegt - damit taucht der Wulst relativ spät als Gestaltungselement in der Heraldik auf. In der Spätgotik und der Renaissance liegt die Blütezeit von Kronen und Wülsten. Mit der nachlassenden Bedeutung der Kleinode in barocken Wappen verschwinden auch diese Übergangsverdecker wieder mehr, um dann erst Ende des 19. und Anfang des 20. Jh. eine Wiederbelebung zu erfahren.

Abb.: Helmwulst mit hinten abfliegenden Enden, Außenseite der Stadtpfarrkirche Braunau.

Gute heraldische Praxis heute, Beispiel 1: Hier ergibt sich der Rumpf der Helmzier (Greif) fließend aus der Helmdecke, wie bei vielen Tier- und Menschenrümpfen. Beim Wappenentwurf hat man dann die Wahl, die Helmzier entweder nur "wachsend" (linkes Bild) zu wählen oder mit einem Helmwulst abzusetzen (rechtes Bild). Es handelt sich aber um ein Detail, das bei der Blasonierung angegeben wird und - einmal gewählt - unabhäng vom Stil bindend ist. Bei der Wappendarstellung hat man die Freiheit nicht, man muß sich an die Angaben der Blasonierung halten. Beide Darstellungen sind - je nach Ausgangslage - richtig.

Gute heraldische Praxis heute, Beispiel 2: Voraussetzung für die Wahlmöglichkeit beim Wappenentwurf ist eine gleiche Farbe (Tingierung) von Helmzier und Außenseite der Helmdecke. Sobald die Helmzier eine andere Farbe hat als die Helmdecke, ist eine wachsende Darstellung unästhetisch, und man verwendet den Helmwulst (in der Regel bei Bürgerlichen, unten linkes Bild) oder die Laubkrone des Adels bei Adelswappen (unten rechtes Bild). Beide Darstellungen sind - je nach Ausgangslage - richtig.

Gute heraldische Praxis heute, Beispiel 3: Zur Helmzier wird, wenn eine Krone verwendet wird, immer die Laubkrone verwendet (unten linkes Bild), nie die Rangkrone. Diese Darstellung ist richtig. Eine Darstellung einer Rangkrone zu Helm und Helmzier (unten rechtes Bild) ist falsch.

Gute heraldische Praxis heute, Beispiel 4: Niemals, aber auch wirklich niemals werden Helmwulst und Helmkrone oder gar Rangkrone miteinander kombiniert. Beide Abbildungen unten stellen aus heutiger, deutscher Sicht heraldische Katastrophen dar.

Gute heraldische Praxis heute, Beispiel 5: Helmkronen dürfen nicht zu eng dargestellt werden. Sie umschließen die Helmzier an deren Ansatz gänzlich. Man soll im Aufriß die Dreidimensionalität erfahren, und die Helmzier erhebt sich aus der Krone. Es darf nicht der Eindruck entstehen, die Helmzier sei mit einer Kronensilhouette belegt. Am besten stellt man sich immer beim Zeichnen das Oberwappen körperlich vor.

Andere Länder, andere Zeiten, andere Sitten:
Die deutsche Heraldik hat ihre Traditionen, andere Länder haben andere heraldische Traditionen. Was in dem einen Paradigma als korrekt und akzeptabel gilt, genießt in dem anderen Paradigma keine Akzeptanz, und umgekehrt. So besitzt jede heraldische Tradition ihren eigenen ästhetischen Zielkorridor. Nur sollte man sich hüten, alles in einen Topf zu werfen, denn mit gutem Grund bilden die einzelnen Traditionen ein ästhetisches Gesamtpaket für sich, denn für eine gute Gesamtwirkung muß alles stimmig zueinander passen.

 

Zwei deutsche Beispiele für falschen Umgang mit Rangkronen: Da sowohl die Künstler als auch die Wappenbesitzer im Paradigma der deutschen Heraldik lebten, kann es mit Fug und Recht als falsch und inakzeptabel bezeichnet werden, auf den Helm eine siebenperlige Freiherrenkrone zu setzen (rechte Abb.) und die Straußenfedern aus ihr hervorkommen zu lassen, und ebenso, eine siebenperlige Freiherrenkrone frei schwebend zwischen die Geweihstangen des Kleinods zu setzen (linke Abb.), denn in der deutschen Heraldik gilt ein aus Tradition gewachsenes Entweder-oder, und beides zusammen paßt so gut wie eine gepunktete Krawatte zum karierten Hemd und gestreiften Sakko: Es ist stillos. (Abb. links: Exlibris aus dem Jahr 1891 von Georg Otto (6.9.1868-17.5.1939) für Ernst Freiherr von Mirbach (24.12.1844-6.4.1925). Abb. rechts: Exlibris aus dem Jahr 1909 von Clemens Kissel (3.5.1849 - 25.12.1911) für Hermann Schott).

 

Was heute bei deutschen Heraldikern und heraldischen Vereinen als ganz, ganz schlechter Stil gilt und selbst bei größtem Wohlwollen als "neureich" o.ä. betrachtet wird, war Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jh. im Habsburgerreich völlig im Bereich des Akzeptablen: In beiden Beispielen sitzt eine Rangkrone, jeweils eine siebenperlige Freiherrenkrone, auf dem Schild - soweit korrekt, aber zusätzlich zu Helm mit Helmkrone und Kleinod, was wir heute in der deutschen Heraldik als nicht korrekt betrachten (Abb. links: Exlibris von Ernst Krahl (1858-1926) für Freiherr von Mocchio. Abb. rechts: undatiertes Exlibris von Ernst Krahl (1858-1926) für Nikolai Freiherr Döry von Jobahaza).

 

In der englischen Heraldik sind viele Kombinationen gang und gäbe und völlig akzeptiert, die einem deutschen Heraldiker kalte Schauer über den Rücken jagen, sollte so etwas im eigenen Verantwortungsbereich auftauchen oder verlangt werden: Im rechten Beispiel sitzt eine Rangkrone, hier eine Herzogskrone, auf dem Schild - soweit korrekt, aber darin steckt der Helm mit Zimier, dessen Hals- und Schulterbereich fast gänzlich von der Rangkrone verborgen wird. Im linken Beispiel ist das aus deutscher Sicht noch schlimmer: Auf dem Helm wird die Rangkrone eines englischen Barons geführt, und darüber kommt ein Wulst, auf dem die Helmzier getragen wird. Diese "Stapelkuchen", immerhin von einem der größten und talentiertesten britischen Kupferstecher in Szene gesetzt, betrachten wir in der deutschen Heraldik als gänzlich inakzeptabel, obwohl sie in Großbritannien völlig im Bereich des Möglichen liegen und in der dortigen heraldischen Tradition nicht zu beanstanden sind (Abb. links: Bücherzeichen von Charles William Sherborn (1831-1912) aus dem Jahr 1893 für Cyril Flower, den ersten Lord Battersea. Abb. rechts: Exlibris von Charles William Sherborn (1831-1912) aus dem Jahr 1899 für den Duke of Northumberland).

Hüte und Mützen: Mützen wie die abgebildete phrygische Mütze (rechts), Hüte wie ein Turnierhut oder der abgebildete Heidenhut (Mitte) sind durch ihren Stulp oder durch ihren fließenden Übergang in die Decke gut geeignet, um den Übergang zum Helm zu kaschieren und sind daher sehr beliebt. Ein Helmwulst ist hier nicht nötig. Sobald natürlich die Helmzier eine andere Farbe hat als die Außenseite der Helmdecke wie der Brackenrumpf mit den drei Spitzen, ist ein Übergang nötig.

Kissen als Übergang:
Wesentlich seltener als Helmwulst oder Helmkronen, können Übergänge zwischen Helm und Helmzier auch durch ein Kissen gestaltet werden. In der Regel wird das Kissen als zur Helmzier gehörig angesehen und entsprechend bei der Blasonierung angesprochen. Ein Wulst entfällt natürlich, beides zusammen ist keine Lösung. Kissen werden durch die Möglichkeit des leichten "Einsinkens" in die Oberfläche gerne für unten schmale Objekte oder wegen der gewonnenen Höhe für kleine Objekte genommen. Typische Farbe für ein Kissen ist rot mit goldenen Troddeln, Abweichungen möglich.

Ein paar weltliche Beispiele:

Ein paar geistliche Beispiele:

Ein paar moderne Beispiele aus der Deutschen Wappenrolle:

Mauerkronen:
Mauerkronen sind eine typische Bekrönung von Städtewappen. Mauerkronen erlangten durch die napoleonische Heraldik eine größere Bedeutung, waren aber schon vorher bei Städten üblich. Genauere Vorschriften, wie die Krone zu gestalten ist, existierten im Heiligen Römischen Reich und auch im Deutschen Reich nicht, im Gegensatz zur französisch-napoleonischen Heraldik, wo die Städte nach Rängen (1., 2., 3. Ordnung) gruppiert wurden und die Zinnenzahl entsprechend bemessen wurde (7, 5, 3). Auf Bürgerwappen haben Mauerkronen eigentlich nichts verloren.

Abb.: An einem Stadttor von Landshut. Stadtwappen von Landshut (in Silber 3 (2:1) blaue Eisenhüte mit darunter verschlungenen roten Riemen) mit doppelstöckiger Mauerkrone.

Abb. links: Das Kirner Stadtwappen zeigt in Rot zwei einander zugewandte, blaugezungte und -bewehrte, goldene Löwen, die zwischen sich zwei schräggekreuzte silberne Doppelhaken (Wolfsangeln) halten. Über dem Schild eine dreitürmige, goldene Mauerkrone.

Abb. rechts: Das Große Nürnberger Stadtwappen, in Blau ein goldener, gekrönter Jungfrauenadler, hier in einer weiblichen Form dargestellt. Über dem Schild eine siebentürmige Mauerkrone. Das Wappen befindet sich am Nürnberger Neutor.

Abb.: Mauerkrone, ein heraldisches Exlibris aus dem Jahr 1895, entworfen von Georg Otto (1868-1939) für die Bibliothek der Stadt Berlin. Beeindruckend ist diese Mauerkrone auf dem Wappenschild mit dem Berliner Bären, die nicht eine einfache Zinnenmauer darstellt wie meist bei Städten üblich, sondern eine wuchtige Stadtmauer mit fünf dichtgedrängt stehenden viereckigen Türmen, die korrekte Farbe wäre Gold. Es handelt sich um das sog. kleine Berliner Wappen, wie es seit 1883 geführt wurde. Diese Krone mit fünf Türmen findet sich in einem modernen Entwurf von 1934 in starker Stilisierung und in der Farbe Rot, und so wurde das Wappen von der Stadt Ost-Berlin bis 1990 benutzt. In West-Berlin verabschiedete man sich früher von den fünf Türmen. Das heutige und seit 1954 in dieser Form geführte Berliner Landeswappen wird nicht von so einer wuchtigen Mauer gekrönt, sondern von einer goldenen Laubkrone, die im unteren Teil des Stirnreifens aus Mauerwerk besteht. In dieser Form ist die Krone eine Art Hybrid aus Landeswappen-Laubkrone und Stadtwappen-Mauerkrone.

Schiffskronen:
In der englischen Heraldik gibt es als Besonderheit die Schiffskrone (naval crown), die in der deutschen Heraldik unüblich ist. Sie wird in der englischen Heraldik auch bei Familienwappen eingesetzt. Der Kronreif wird mit Schiffshecks und Schiffsbügen besetzt, die von Masten mit Segeln voneinander getrennt sind. In ihrer Funktion entspricht die englische Schiffskrone cum grano salis der deutschen Mauerkrone.

Literatur, Links und Quellen:
Heinrich Hussmann: Über deutsche Wappenkunst: Aufzeichnungen aus meinen Vorlesungen, Guido Pressler Verlag, Wiesbaden 1972
Wappenfibel, Handbuch der Heraldik, hrsg. "Herold", Verein für Heraldik, Genealogie und verwandte Wissenschaften, Verlag Degener, Neustadt 1981
Walter Leonhard: Das große Buch der Wappenkunst, Bechtermünz Verlag 2000, Callwey Verlag 1978
Georg Scheibelreiter: Heraldik, Oldenbourg Verlag Wien/München 2006, ISBN 3-7029-0479-4 (Österreich) und 3-486-57751-4 (Deutschland)
Michael Göbl: Die Entwicklung heraldischer Normen im Heiligen Römischen Reich und in der Habsburgermonarchie, in: Herold-Jahrbuch, Neue Folge, 19. Band, Selbstverlag des Herold, Berlin 2014, ISBN 978-3-9804875-8-0, S. 53 ff.
Michael Göbl: Neuer Kronen-Atlas, Schleinbach 2009

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