Bernhard Peter
Courtoisie und Wenden: Wann und wie?

Grundsätzliches zur Courtoisie:

Beispiel: Dieser Doppel-Totenschild der Familie Haller in der Sebaldskirche zu Nürnberg besticht durch das Motiv in spiegelbildlicher Verdoppelung und ist ein schönes Beispiel für heraldische Courtoisie: Der optisch linke, heraldisch rechte Schild wird komplett gespiegelt. Beide, der ehrbare Erasmus Haller der Ältere, und der ehrbare Erasmus Haller der Jüngere, verschieden im Jahre 1501, ersterer am Pfingsttag, am St. Katharinentag, der andere am Freitag nach St. Katharinentag. Beide führen den Haller-Schild, in Rot ein schwarz gefüllter, schräger, linker, silberner Sturzsparren, der untere Schenkel waagerecht gelegt. Davon ist der eine komplett gespiegelt und dem anderen zugewandt. Sie unterscheiden sich nur durch den Beischild für die Ehefrau: Erasmus I. Haller der Ältere aus der Ziegelsteiner Linie, geb. 1436, hatte die 1449 geborene Katharina Hirschvogel 1467 geheiratet. Er verstarb 1501, sie verstarb 1505. Ihrer beider Sohne waren Erasmus Haller der Jüngere und Sebastian Haller, beide ca. 1456 geboren. Erasmus II. Haller der Jüngere hatte Katharina Wolckenstein (Wolkenstein) geheiratet, die Tochter des Nürnberger Kaufmanns Veit Wolkenstein. Die noch während ihrer Schwangerschaft zur Witwe gewordene Katharina heiratete 5 Jahre nach dem Tod von Erasmus II. ihren angeheirateten Großcousin, Nikolaus V. (1481-1528) aus der Buckenhofer Linie und gebar damit beiden Linien den einzigen und zufälligerweise auch jeweils letzten Stammhalter, Sebald IV. und Christoph II. Wenn man die Beischilde der Ehefrauen betrachtet, stellt man fest, daß auch der Hirschvogel-Wappenschild gewendet ist, denn der Vogel schaut einwärts zur Mitte der Tafel.

Wann kann im Rahmen der Courtoisie gewendet werden?

Wann kann sonst noch gewendet werden?

Böse Falle
Werden Wappendarstellungen aus gewendetem Zusammenhang isoliert herausgegriffen und zitiert, kann es zu Verwechslungen kommen. In der Tat kann die Wappeneindeutigkeit bei mißverstandenem graphischen Zusammenhang leiden, wenn man eine Courtoisie annnimmt, wo keine ist, oder wenn man eine gegebene Courtoisie nicht wahrnimmt. Ein Beispiel ist das Wappen der Landschaft Hildesheim, wo eine ganzseitige Bildtafel "Wappen der Provinz Hannover und deren Landschaften" von Otto Roick als Beilage zur Festschrift des Vereins Herold 1894 für nachhaltige Verwirrung sorgte, denn dort waren die gekreuzten Lanzenfähnchen spiegelverkehrt abgebildet, also mit dem querstehenden Fähnchen nach heraldisch links, was als Courtoisie von den Zeitgenossen nicht wahrgenommen wurde.

Wie wird gewendet? Arten des Wendens:

Es lassen sich bei historischen Darstellungen beide Möglichkeiten finden. Wir sind in der Praxis weit von Einheitlichkeit entfernt. Ob und wie gewendet wird, ist eine Frage der Zeit. In der Gotik und auch in der Renaissance wird das Wenden der optisch linken Wappenschilde auf Grabplatten z. B. meist genau beachtet. In späteren Zeiten nahm man das weniger wichtig. In welchem Maße gewendet wird, hängt vor allem auch davon ab, wie stark der Wiedererkennungswert darunter leidet. Im allgemeinen ist die Bereitschaft zum Wenden desto geringer, je komplexer die Wappen aufgebaut sind. Beide Effekte korrelieren, da im Laufe der historischen Entwicklung die Wappen des Hochadels immer komplexer wurden.

Wie sollen wir heute wenden? Auch hierfür läßt sich keine allgemeine Regel aufstellen. Wenn wir aber davon ausgehen, daß es ein höherer Grad der Höflichkeit ist, wenn man dem Gegenüber stärker entgegenkommt, würde ich persönlich für ein vollständiges Wenden plädieren, solange die Wappeneindeutigkeit nicht darunter leidet.

1. Beispiel für ein nur figurengewendetes Wappen (Feldposition gleich, Feldinhalt gespiegelt):

Korrektes Aussehen eines alleinstehenden Wappens der Herren von Enschringen, Herren zu Schwarzenberg und Weiler: Geviert, Feld 1 und 4: 7-8 x gold-rot geteilt, belegt mit einem schwarzen, rotgezungten Löwen. Feld 2 und 3: In Gold zwei schwarze Balken (Schwarzenberg). Helm 1: ein Jungfrauenrumpf (nach Gruber) bzw. Mannesrumpf (nach Loutsch) im goldenen Kleid und mit goldener Stirnbinde, anstelle der Arme zwei mit silbernen Seeblättern bzw. nach anderen Quellen goldenen Lindenblättern oder Herzen bestreute schwarze Flügel. Helmdecken schwarz-golden. Helm 2: ein silberner Schwan mit erhobenen roten Flügeln. Helmdecke schwarz-golden (Schwarzenberg).

Hier das Wappen von Laudolf von Enschringen optisch links neben dem seiner Frau (an Burg Rittersdorf, Landkreis Bitburg-Prüm). Der Grund des Wendens ist also Courtoisie gegenüber dem Wappen seiner Frau.

Das Wappen des Laudolf von Enschringen ist so gewendet, daß die Felder ihren Platz behalten haben, nur die Löwen gewendet wurden (heraldische Courtoisie). Lediglich die Löwen sind gespiegelt im Vergleich zur alleinstehenden Darstellung. Auch die Helmkleinode haben die gleiche Position wie im alleinstehenden Wappen. Der Schwan der optisch rechten Helmzier ist ebenfalls gewendet worden, so daß der Kopf nach optisch rechts auf die Karyatide schaut.

1. Beispiel für ein komplett gewendetes Wappen (Feldposition und Feldinhalt gespiegelt):

2x das Wappen des Trierer Erzbischofs Johann II von Baden, vom Bistum Trier und vom Stammwappen geviert, Feld 1 und 4: In Silber ein durchgehendes rotes Kreuz (Bistum Trier), Feld 2 und 3: In Gold ein roter Schrägrechtsbalken (Stammwappen Baden). Abb. links: Ettlingen, Georgs-Brunnen 1494, vollständig gewendetes (gespiegeltes) Wappen. Der Grund des Wendens ist ein rein gestalterischer, denn die Courtoisie bezieht sich auf das Stadtwappen auf der benachbarten Fläche des Schaftes. Abb. rechts: Klausen (Eifel), Wallfahrtskirche, ungewendete Version.

2. Beispiel für ein komplett gewendetes Wappen (Feldposition und Feldinhalt gespiegelt):

2x Wappen von Baden-Sponheim, Abb. links: Ettlingen, Schildhalterinbrunnen. Das Wappen ist komplett gewendet, weil es das optisch linke von zwei aufeinander bezogenen ist, die beide von der selben Figur gehalten werden. Der Grund des Wendens ist also kompositorische Courtoisie. Abb. rechts: Desgleichen, Ettlingen, Georgsbrunnen, selbes Wappen, ungewendet. Man beachte, daß in beiden Fällen die Sponheimer Farben ausgetauscht sind, was ausdrücklich nicht Bestandteil der Courtoisie ist.

Ausland:
Das Wenden von Wappen aus Courtoisie ist trotz der französischen Bezeichnung eine Eigenart der deutschen, österreichischen und schweizerischen Tradition. Außerhalb dieser doch sehr verwandten Heraldik-Traditionen ist das Phänomen weniger vertraut und gewohnt, in Frankreich z. B. ist das Wenden von Wappen ganz unüblich, und die deutsche Art des Wendens erregt dort Verwunderung.

Zusammenfassung:

Literatur, Quellen, Links:
Wappen Hildesheim: Mitteilungen des heraldischen Vereins Kleeblatt 2009
Wappen Hildesheim: Herrn Dominik Smasal ein herzliches Dankeschön für wertvolle Hinweise
Otto Hupp, Münchner Kalender
Wappen Haller: Herrn Gernot Ramsauer ein herzliches Dankeschön für wertvolle Hinweise
Veröffentlichung der Innenaufnahmen aus St. Sebald mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Pfarrer Dr. Axel Töllner und Herrn Pfarrer Gerhard Schorr vom 12.7.2010, wofür ihnen an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.
St. Sebald: http://www.sebalduskirche.de/

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