Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2394
Schlitz (Vogelsbergkreis)

evangelische Stadtkirche Schlitz, Epitaph für Georg von Schachten

An der linken Chorwand hinter der Kanzel ist dieses bemalte Sandstein-Epitaph befestigt, das für Georg von Schachten ist, gestorben am 30.12.1587, Sohn des Wilhelm von Schachten (vgl. Schachtenburg), der im Alter von 41 Jahren verstorben ist (Inschrift: nach dem Willen der Götter in Frömmigkeit aus dem Leben geschieden), seine Witwe (Inschrift: seine teuerste Gattin und seine bescheidene Ehefrau) Sidonia Riedesel von Eisenbach (-1602) zurücklassend, die mit ihm 12 Jahre, 3 Monate und 10 Tage verheiratet war (Inschrift: gewissenhaft nach dem Gesetz der heiligen Ehe gelebt hat) und ihm dieses Epitaph setzen ließ, welches 1591 von Andreas Herber angefertigt worden ist. Das Künstlermonogramm ist um unteren Sockelbogen eingeschlagen, eine Ligatur aus AHb, die Jahreszahl in zwei Ziffernpaare teilend. Der Mittelteil des Epitaphs zeigt optisch links den Verstorbenen in Prunkrüstung mit abgelegtem Helm, mit umgelegter rot-weißer Schärpe und mit breitem, gefälteltem Kragen, die Rechte am Dolche, die Linke am Schwert, und daneben seine Ehefrau, zu deren Füßen drei Kinder, eines aufrecht, zwei offensichtlich früh verstorbene Wickelkinder daneben schräg liegend. Die beiden Figuren sind unterschiedlich groß, was nur scheinbar durch die rahmende Bogenarchitektur ausgeglichen wird. Zwischen beiden Ehepartnern füllt ein Kruzifix den Zwickel zwischen beiden Bögen aus. Zwei Säulen tragen ein kräftiges Gebälk, auf dem sich die der zweistufige, mit etlichen Figuren dekorierte Aufsatz erhebt mit einer Wappenzone im unteren Bereich. Oben sieht man Christus mit Kreuzesbanner, ganz oben eine Taube. Der Sockelbereich des Epitaphs besteht aus einer halbrunden Inschriftenzone zwischen zwei Gesichtern, die auf dem Kopf eine beiderseits schneckenförmig eingerollte Basis für den sich darüber erhebenden Säulensockel tragen.

 

Die rechteckige, rechts und links ornamentbedingt eingepfropfte Inschrift über den Köpfen des Figurenpaares ist deutsch und lautet: "SO WIR GLEVBEN, DAS IHESVS GESTORBEN SEY, VND AUFFERSTANDEN IST, ALSO WIRT GOT AVCH DIE DA ENTSCHLAFFEN SIND DVRCH IESVM, MIT IM FVHREN. I: THESS.4:", also 1. Thessalonicher Kap. 4, Vers 14 in der lutherischen Übersetzung: Denn so wir glauben, daß Jesus gestorben und auferstanden ist, also wird Gott auch, die da entschlafen sind, durch Jesum mit ihm führen.

Die weitaus größere und personenbezogene Inschrift ist im halbkreisförmigen Sockelfeld zu lesen, ebenfalls in goldenen Lettern auf schwarzem Hintergrund, aber diesmal lateinisch: "TAM PRAECLARO NATALIVM SPLENDORE NOBILISS(IM)O QVA PIETATE OMNIQ(VE) VIRTVTVM GENERE PRAESTANTISS(IM)O VIRO GEORG(I)O A SCHACHTEN WILHELMI F(ILIO) QVI POSTQVAM CVM NOBILISS(IM)A HONESTISS(IM)AQ(VE) CONIVGE SIDONIA RIEDESELIN IN EISENBACH STRICTIMA SACRI MATRIMONII LEGE VIXISSET AN(NOS) XII M(ENSIBVS) III D(IEBVS) X SVSCEPTIS EX EADEM SED INIQVIS FATIS INVERSO EHEV ORDINE PRAEREPTIS ET IAM PIGNORIB(VS) TRIB TANDEM ET IPSE INGRESSVS AETAT(IS) AN(NOS) XXXXI IN FATA PIE CONCESSIT XXX DECEMB(RIS) AN(NO) D(OMI)N(I) MDLXXXVII SVMMVM OMNIVM BONORVM DESIDERIVM POST SE RELINQVENS MARITO CHARISSIMO VXOR MO(D)ESTISS(IM)A HOC MONVMENTVM P C"

Die beiden wichtigsten Wappen sind in der Mitte über den Personen angebracht, die eigentlichen Familienwappen von Mann und Frau. Heraldisch oben rechts befindet sich das Wappen der von Schachten, in Silber ein schrägrechts liegender gestümmelter roter Rosenzweig, oben mit zwei Rosen, unten mit einer Rose besetzt, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein sitzender, natürlicher Luchs vor einer roten Säule, die oben mit sieben silbernen Hahnenfedern besteckt ist (die Farben von Säule und Federn werden in der Literatur auch umgekehrt angegeben). Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: He Seite: 24 Tafel: 26, Band: Pr Seite: 346 Tafel: 400, im Westfälischen Wappenbuch und im Jahrbuch des Deutschen Adels, Bd. 2, 1898. Das Wappen der Ehefrau, Sidonie von Riedesel, zeigt in Gold einen schwarzen Eselskopf mit einem dreiblättrigen Riedgras im Maule, auf dem gekrönten Helm mit schwarz-goldenen Decken ein Flug, beiderseits mit einem goldenen Schildchen mit dem schwarzen Eselskopf und den grünen Riedgrasblättern belegt. Ihr Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: He Seite: 22 Tafel: 24, Band: NaA Seite: 34 Tafel: 56, im Westfälischen Wappenbuch und im Münchener Kalender 1917.

Zu beiden Seiten, außerhalb der Säulen der Rahmenarchitektur, ist der Rest der Ahnenprobe beider Ehepartner angebracht, auf jeder Seite sieben Wappen, jedes oberhalb namentlich zugeordnet. Beginnen wir auf der Seite des Ehemannes, heraldisch rechts, mit einwärts gewendeten Vollwappen: Das oberste Wappen ist das der von Schlitz genannt Görtz ("GORITZ"), in Silber zwei schwarze, schrägrechte, oben gezinnte Balken (Zinnenschrägbalken), auf dem gekrönten Helm mit schwarz-silbernen Decken ein silberner, sparrenweise mit zwei schwarzen, schrägen, oben gezinnten Balken (Zinnenschrägbalken) belegter Flug. Darunter folgt das Wappen der von Reckrodt ("RECKROTT"), in Blau ein silberner Flug, auf dem gekrönten Helm mit silbern-blauen Decken ein wachsender, silberner Adler (Siebmacher Band: ThüA Seite: 42 Tafel: 33). Das dritte Wappen von oben ist das der von der Tann ("THANNE"), in Rot eine nach oben gekrümmte, mit Kopf und Schwanz abwärts gebogene, silberne Forelle, auf dem gekrönten Helm mit rot-silbernen Decken ein golden gekrönte rote Säule, belegt mit einer nach oben gekrümmten, mit Kopf und Schwanz abwärts gebogenen, silbernen Forelle, und oben besteckt mit drei Straußenfedern, einer silbernen zwischen zwei roten (Siebmacher Band: He Seite: 27 Tafel: 31, Band: Bay Seite: 60 Tafel: 63, Band: Bay Seite: 119 Tafel: 146, Band: Sa Seite: 17 Tafel: 16, Band: Bad Seite: 25 Tafel: 16).

   

Das vierte Wappen von oben ist das der von Boineburg ("BOEMMELBVRG"), silbern-schwarz geviert, auf dem Helm mit schwarz-silbernen Decken ein silbern-schwarz übereck geteiltes Paar Büffelhörner. Darunter folgt als nächstes das Wappen der von Elkershausen gen. Klüppel ("KLVPFIL"), in Rot drei (2:1) aufrechte silberne Beile mit schwarzem Stiel, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein wachsender, rotgekleideter Mannesrumpf mit roten Eselsohren mit drei silbernen Beilen auf der Außenseite (Aschaffenburger Wappenbuch, Tafel 74 Seite 152). Das vorletzte und sechste Wappen ist das der von Wallenstein ("WALDENSTEIN"), hier in Silber vier rote Pfähle, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein wachsender, auffliegender, silberner und golden gekrönter Schwan, die Schwungfedern hier abwechselnd silbern und rot (in der Literatur Schild siebenmal gespalten und Schwan gänzlich silbern, Siebmacher Band: OstN Seite: 240 Tafel: 167, Aschaffenburger Wappenbuch Tafel 10 Seite 48). Das letzte und unterste Wappen ist das der von Mansbach ("MANSBACH"), es ist rot-silbern zu acht Plätzen geständert, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein wachsender Mannesrumpf, dessen Gewand wie der Schild bezeichnet ist (Siebmacher Band: Pr Seite: 253 Tafel: 303, Jahrbuch des Deutschen Adels, Bd. 2, 1898).

Auch die heraldisch linke Seite für die Ehefrau besitzt insgesamt sieben Vollwappen. Dadurch, daß die beiden Hauptwappen im Aufsatz mitgerechnet werden, ergibt sich, daß es eine 2x8er-Ahnenprobe und nicht eine einzige 16e-Ahnenprobe ist, also diese optisch rechten Wappen sämtlich zur Ehefrau, Sidonie von Riedesel zu Eisenbach, gehören. Das oberste Wappen ist das der von der Malsburg ("MALSPVRCK"), es ist geteilt, oben in Gold ein schreitender, roter Löwe, unten gemäß Literatur in Blau drei (2:1) silberne Rosen, hier abweichend tingiert mit roten Rosen in Silber, was nicht korrekt ist, auf dem Helm mit rot-goldenen Decken zwei ausgestreckte, rot gekleidete Arme, dazwischen ein goldengekrönter schwarzer Ochsenkopf (Band: Pr Seite: 54 Tafel: 69, Band: PrE Seite: 131 Tafel: 111, Band: PrE Seite: 212 Tafel: 184, Band: SaA Seite: 103 Tafel: 67, Band: He Seite: 19 Tafel: 20, Jahrbuch des Deutschen Adels, Bd. 2, 1898). Darunter folgt das Wappen der von Cronberg ("CRONBVRCK"), geviert, Feld 1 und 4: rot, in Feld 1 eine goldene Krone, Feld 2 und 3: in Silber 4 (2:2) blaue Eisenhütlein (silbern-blauer pfahlförmig angeordneter Eisenhutfeh), auf dem Helm mit hier rot-goldenen, eigentlich rot-silbernen Decken ein hier schwarz-silbern gespaltener, eigentlich gänzlich schwarzer Federbusch, auch als eine schwarze Zirbelnuß interpretiert.

   

Das dritte Wappen auf der Spindelseite ist das der von Hundelshausen ("HVNDELSHAVS"), von Rot, Silber und Schwarz geteilt, auf dem Helm mit hier rot-schwarz-silbernen, eigentlich nur schwarz-silbernen Decken ein von Rot, Silber und Schwarz geteilter Flug (Siebmacher Band: He Seite: 14 Tafel: 15, Band: PrE Seite: 104 Tafel: 88, Band: PrE Seite: 201 Tafel: 175, Band: ThüA Seite: 60 Tafel: 46, Jahrbuch des Deutschen Adels, Bd. 3, 1898). Darunter folgt das Wappen der von Hopfgarten ("HOPFGARDT"), hier in Gold (Literatur: Silber) zwei schräggekreuzte, silberne (Literatur: goldene) Streitgabeln mit schwarzem Stiel, auf dem Helm mit hier rot-goldenen (Literatur: schwarz-goldenen) Decken auf einem roten, silbern gestulpten Turnierhut ein gestielter Straußenfederwedel (Literatur: ein hoher goldener Hut mit schwarzem Aufschlag , oben mit schwarzen Hahnenfedern besteckt, vgl. Siebmacher Band: Sa Seite: 2 Tafel: 2, Band: Sa Seite: 33 Tafel: 36, Band: SchwA Seite: 16 Tafel: 10, Band: Schw Seite: 58 Tafel: 3, Band: Erg Seite: 31 Tafel: 14, Band: Ha Seite: 11 Tafel: 10, Band: Lip Seite: 3 Tafel: 3, Band: Me Seite: 11 Tafel: 8, Band: Pr Seite: 177 Tafel: 225, Band: Pr Seite: 13 Tafel: 14, Band: PrGfN Seite: 33 Tafel: 25). Es folgt das bereits beschriebene Wappen der von Schachten ("SCHACHTEN"), dann das der von Helmstadt ("HELMSTET"), in Silber ein flugbereiter (auffliegender) schwarzer Rabe, auf dem Helm mit schwarz-silbernen Decken ein silbernes und ein schwarzes Büffelhorn.

Das letzte der sieben Wappen der Spindelseite ist dasjenige der von Herda ("HERDTE"), in Rot ein silbern gekleideter Mannesrumpf im Profil mit schwarzen Eselsohren, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken wachsend der silbern gekleidete Mannesrumpf mit schwarzem Haar und ebensolchen Eselsohren (in der Literatur wird der Rumpf als schwarz angegeben, vgl. Siebmacher Band: Pr Seite: 166 Tafel: 214, Band: OstN Seite: 65 Tafel: 45, Band: Sa Seite: 32 Tafel: 35, Band: SaA Seite: 69 Tafel: 44).

Dazu paßt folgende Genealogie: Georgs Eltern waren Wilhelm von Schachten (- 31.7.1553) und Anna Elisabeth von Schlitz gen. von Görtz; ihre Wappen sehen wir außen an der Schachtenburg. Seine Großeltern waren väterlicherseits Georg von Schachten (-1533) und Dorothea von Reckrodt (Reckroth) sowie mütterlicherseits Werner von Schlitz gen. von Görtz (-1548), würzburgischer Rat und Reformator in Schlitz, und Margarethe von der Tann. Väterlicherseits waren die Urgroßeltern Dietrich von Schachten, Anna von Boineburg, Heinrich von Reckrodt und Anna von Wallenstein. Die Urgroßeltern mütterlicherseits waren Simon von Schlitz, Anna Klüppel von Elkershausen, Georg von der Tann sowie nach Literatur Maria Fuchs, was aber nicht zu dem Wappen Mansbach paßt, das wir hier am Epitaph sehen. Der Vorname der betreffenden Urgroßmutter ist nicht bekannt.

Die Vorfahren der Ehefrau, Sidonie Riedesel von Eisenbach, werden ausführlich bei den Epitaphien der Lauterbacher Stadtkirche beschrieben, wo sich ein Epitaph ihrer beiden Elternteile mit reichlichem Wappenschmuck, eines des Großvaters väterlicherseits gänzlich ohne Wappen und drei Epitaphien ihrer Brüder, davon eines mit Wappenschmuck, befinden.

Literatur, Links und Quellen:
Stadtkirche Schlitz: https://de.wikipedia.org/wiki/Stadtkirche_Schlitz
Evangelisches Dekanat Vogelsberg
http://dekanat-vogelsberg.ekhn.de/gemeinden/schlitz/schlitz-stadtkirche-und-hutzdorf.html
Evangelische Kirchengemeinde Schlitz:
http://www.kirche-schlitz.de/
Geschichte von Schlitz und Stadtrundgang:
http://www.schlitz.de/index.php4?page=53&nav=42&ref=www.schlitz.de&sm=https%3A&sb=
Siebmachers Wappenbücher wie angegeben
Max von Spießen (Hrsg.): Wappenbuch des Westfälischen Adels, mit Zeichnungen von Professor Ad. M. Hildebrandt, 1. Band, Görlitz 1901 - 1903
Jahrbuch des Deutschen Adels, Bd. 2, 1898.
Jahrbuch des Deutschen Adels, Bd. 3, 1898
Alfred F. Wolfert, Aschaffenburger Wappenbuch, Veröffentlichung des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg e. V., Aschaffenburg 1983
Historischer Stadtrundgang Schlitz
http://www.schlitz.de/Historischer-Stadtrundgang-Deutsch---Englisch,__p53.php4
Dehio Hessen S. 733
Georg von Schachten 1582 und Sidonie Riedesel zu Eisenbach 1591, Schlitz, in: Grabdenkmäler
http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/gdm/id/1743
Veröffentlichung der Innenaufnahmen aus der Stadtkirche Schlitz mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Pfarrer Siegfried Schmidt vom 21.12.2016, wofür ihm an dieser Stelle herzlich gedankt sei.
Rudolf Buttlar-Elberberg: Stammbuch der Althessischen Ritterschaft, Kassel 1888:
http://gdz.sub.uni-goettingen.de/dms/load/img/?PID=PPN513401067 - http://gdz.sub.uni-goettingen.de/download/PPN513401067/PPN513401067___LOG_0001.pdf

ev. Stadtkirche: Epitaph für Hans von Schlitz gen. von Görtz - ev. Stadtkirche: Epitaph für mehrere Kinder - ev. Stadtkirche: Epitaph für Wilhelm Balthasar von Schlitz gen. von Görtz - ev. Stadtkirche: Epitaph für Johann Volpert von Schlitz gen. von Görtz - ev. Stadtkirche: Grabplatte für Sidonia Christina von Schlitz gen. von Görtz

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