Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2381
Neukirchen (zu Haunetal, Landkreis Hersfeld-Rotenburg)

evangelische Pfarrkirche Neukirchen

In Neukirchen, das 11 km südlich von Bad Hersfeld am rechten Ufer der Haune liegt und seit dem 1.2.1971 zur Marktgemeinde Haunetal gehört, befindet sich die evangelische Pfarrkirche (Pfarrgasse, 36166 Haunetal), deren markanter, 57 m hoher, im oberen Teil verschieferter Kirchturm mit den vier Wichhäuschen der Dachkonstruktion das Ortsbild prägt. Der heute ansonsten eher unspektakuläre Ort erscheint erstmals urkundlich im Jahr 1263, als in den Archivunterlagen des Klosters Haina anläßlich einer Schenkung an das Kollegialstift zu Hünfeld die Herkunftsbezeichnung de Nuwenchirchin auftaucht, und 1295 erscheint der Ort als villa unter der Schreibweise Nuenkirchen im Hünfelder Kopialbuch.

Der Ort war jahrhundertelang Besitz der Fürstabtei Fulda und wurde dem Oberamt Fürsteneck zugerechnet. Neukirchen war ein eigenständiger Gerichtssitz. Abt Heinrich von Fulda gab dem Ritter Hartrad von Trübenbach im Jahre 1310 die Burg in Wehrda und das Amt in Neukirchen. Der Sternerbund verwüstete Neukirchen 1372. Der älteste Teil der Kirche ist der Turm. Einige Elemente sind in die Romanik zu datieren, z. B. ein Giebelkreuz. Das Langhaus stammt aber erst von 1630. Im Innern befinden sich ein Taufstein aus dem Jahr 1588 und der einzige spätgotische Flügelaltar des Hünfelder Landes, aus dem Jahr 1522.

Neukirchen war vor allem wichtig als Marktflecken: Albrecht von Trübenbach, Ritter und Verwaltungsbeamter in Diensten der Abtei Fulda, hatte 1486 den Neukirchener Bauern das Recht auf die Veranstaltung von zwei Jahrmarkttagen gewährt, denn Fulda besaß als Reichsstand die Vergabeberechtigung des Marktrechtes. 1698 wurde dieses Privileg noch um einen dritten Markttag erweitert (aus diesem Grund darf sich auch die Gemeinde Haunetal als Rechtsnachfolger Marktgemeinde nennen).

Nach der Säkularisierung wurde der Ort Neukirchen im Spiel der Mächte herumgereicht: 1803-1806 gehörte Neukirchen zum Fürstentum Nassau-Oranien-Fulda, 1806-1810 zum Kaiserreich Frankreich und stand unter Militärverwaltung und gehörte 1810-1813 zum Großherzogtum Frankfurt. Nach der Neuordnung des Reiches im Wiener Kongreß finden wir Neukirchen beim Kurfürstentum Hessen, über das es 1866 an das Königreich Preußen kam.

Über dem spitzbogigen Eingang auf der Südseite des Langhauses befindet sich ein rotsandsteinerner Wappenstein. Die obere Inschriftenzeile lautet: "VIVAT TRIUMPHET MEMORIA EIUS", der untere Fünfzeiler nennt den Bauherrn, den Fuldaer Fürstabt Johann Bernhard Schenk zu Schweinsberg (regierte 1623-1632): "IOANNES BERNHARDUS DEI GRA(TIA) ABBAS FULDEN(SIS) D(IVAE) AUGUSTAE ARCHICANCELLARI(US) PER GERMANIAM AC GALLIAM PRIMAS ADMINISTRATOR HERSFELDENSIS..." - Johann Bernhard Abt von Fulda, Erzkanzler der Kaiserin, Primas für Germanien und Gallien und Administrator des Stifts Hersfeld. In der zerstörten rechten unteren Ecke befand sich vermutlich noch eine nun verlorengegangene Jahreszahl.

Der Fürstabt machte seine landesherrlichen Rechte geltend, um 1624 die Pfarrei Neukirchen und auch genauso die Pfarrei Hettenhausen in der Rhön zu rekatholisieren. Gute Seelsorger wurden in die Gemeinden gesetzt, die bauliche Erneuerung wurde gefördert, um wieder katholisches Leben in den betreffenden Gemeinden erblühen zu lassen. Ebenso betrieb der Abt ab 1628 die Rekatholisierung in den Pfarreien in den ritterschaftlichen Gebieten des Hochstifts. Die Inschrift nennt ihn als Administrator von Hersfeld - auch dies ist ein Bemühen um Rekatholisierung, was ihm aber nicht nachhaltig gelang, denn die fuldische Verwaltung des Stifts Hersfeld konnte nur bis zum Wiedererstarken der evangelischen Mächte 1631 aufrechterhalten werden.

Das Wappen des Fürstabtes Johann Bernhard Schenk zu Schweinsberg (lebte 1584-16.11.1632, regierte 1623-1632) ist geviert, Feld 1 und 4: in Silber ein schwarzes, durchgehendes Kreuz, Hochstift Fulda, Feld 2 und 3: geteilt, oben in Blau ein goldener, (hier linkshin) schreitender Löwe, unten in Silber vier (3:1) rote Rauten, Stammwappen der Schenk von Schweinsberg. Die ungewöhnliche Wendung der Löwen kann ihre Ursache darin haben, daß sie zum Allerheiligsten der Kirche, in Richtung Altar blicken sollen.

Über dem Wappen stehen drei Helme, Helm 1 (Mitte): auf dem gekrönten Helm mit schwarz-silbernen Decken eine Bischofsmütze, aus der noch zwei Fähnchen schräg nach außen herausragen, die jeweils gespalten sind; innen ist das Fuldaer Kreuz zu erkennen, die Feinstruktur außen ist jedoch verlorengegangen. Durch die Inful ist senkrecht ein Krummstab gesteckt. Dieses Kleinod steht für die Fürstabtei Fulda. Helm 2 (rechts): auf dem Helm mit rot-silbernen Decken Kopf und Hals eines Wolfes bzw. eines Rüden, die Ohren mit zwei Federn besteckt, silbern und rot, Schenk von Schweinsberg, Helm 3 (links): auf dem gekrönten Helm mit blau-goldenen Decken ein beiderseits mit einer wie Feld 2 bez. Scheibe belegter, schwarzer, blauer oder goldener Flug, Schenk von Schweinsberg, nach dem Aussterben der Vögte von Fronhausen beigefügt, erst schwarz und ohne Scheibe, später mit einer Scheibe oder einem Schildchen belegt.

Weitere bauplastische Beispiele für das Wappen dieses Abtes lassen sich in Fulda an der Abtei St. Maria finden, einmal am Eingangsportal und ein weiteres Mal auf einem Schlußstein im Deckengewölbe. Sein Schild läßt sich auch am Rondell der Burg Fürsteneck finden, allerdings sehr verwittert.

Johann Bernhard Schenk zu Schweinsberg war der Sohn von Friedrich Schenk zu Schweinsberg und Binhildis von Schwalbach. Er wurde in Schweinsberg geboren. Beide Elternteile waren evangelisch, und so wuchs auch Johann Bernhard auf. Spätestens mit 24 Jahren, also noch vor dem Jahr 1608, in welchem er in das Stift Fulda eintrat, konvertierte er im Kloster Altenberg bei Wetzlar zum katholischen Glauben. Über seine Mutter war er mit dem amtierenden Fuldaer Fürstabt Johann Friedrich von Schwalbach (regierte 1606-1622) verwandt, dessen erster Novize er wurde und dem er einst direkt im Amt nachfolgen sollte. Das Noviziat verbrachte er allerdings auf eigenen Wunsch "ausgeliehen" in der Erfurter Abtei St. Peter auf dem später zur Festung umgebauten Petersberg, weil er sich im Herbst 1608 an der Erfurter Universität immatrikulierte.

Er legte am 27.2.1609 in Fulda die Profeß ab und erhielt am 18.4.1609 in Mainz die Priesterweihe. Im selben Jahr wurde er zum Fuldaer Kapitel zugelassen, in seinem ersten Jahr als Priester. Abt Johann Friedrich von Schwalbach förderte die Karriere seines Verwandten und machte ihn zu einem der wichtigsten Amtsträger des Stifts Fulda. Pater Johann Bernhard tritt zunächst 1614 als Werkmeister des Stifts Fulda in Erscheinung, bevor er am 28.11.1618 zum Dekan gewählt wurde. Einen Tag später bekam er als weitere Pfründe die Propstei Neuenberg; außerdem übernahm er das Kellereiamt des Stifts Fulda. Mit seiner Wahl zum Abt gab er die Propstei aber wieder ab, ebenso die bereits 1610 erhaltene Propstei Blankenau im Westen des Stiftsterritoriums, wo er die Klosterkirche instand setzen und das Spital neu erbauen ließ. Von 1616 bis 1618 hatte er noch die Propstei Michaelsberg auf dem nördlich der Fuldaer Stiftskirche gelegenen Michaelsberg inne.

Am 12.1.1623 wurde er schließlich zum Abt von Fulda gewählt, wobei er sich gegen den vom Kaiser favorisierten Konkurrenten, den Fuldaer Stiftskapitular Peter Ernst von der Fels, durchsetzen mußte. Die Wahl wurde am 2.12.1623 von Papst Urban VIII. bestätigt, so daß Johann Bernhard am 11.2.1624 in Aschaffenburg die Abtsbenediktion durch den Mainzer Erzbischof Johann Schweikhard von Kronberg unter Assistenz des Amorbacher Abtes Erhard Leyendecker und Arnsburger Abtes Wendelin Fabri empfangen konnte. Mit den Regalien wurde er am 22.10.1624 vom Kaiser belehnt, so daß er ab da auch offiziell Landesherr des Stiftsterritoriums war. Am 6.3.1629 wurde er Administrator in Hersfeld. Er verwaltete die Abtei Hersfeld bis 1631.

Seine Amtszeit als Abt war geprägt von etlichen großen Herausforderungen, zum einen war es die Zeit des Dreißigjährigen Krieges und der sich daraus ergebenden wirtschaftlichen Belastungen. Der Abt hatte sich mit dem Kirchenschatz und dem Archiv erst nach Köln und dann in mehrere süddeutsche Klöster und dann nach Wien geflüchtet, während König Gustav II. Adolf von Schweden Fulda an den Landgrafen Wilhelm V. von Hessen-Kassel verschenkte. Zum anderen mußte er die Reformen im Sinne des Konzils von Trient (1545-1563) durchsetzen, denn sein Amtsvorgänger hatte rein gar nichts in dieser Hinsicht unternommen. Dafür wurden externe Mönche engagiert, aus St. Gallen, deren Ruf vorbildlich war. Das gab im Kapitel Spannungen, vor allem die Umsetzung der rechtlichen Gleichstellung der bürgerlichen und adeligen Brüder. Im Jahre 1630 trat der Abt mit einem Teil der Mönche der Bursfelder Kongregation bei. Das Kapitel wurde dadurch jedoch tief gespalten, was insbesondere nach dem Tod des Abtes als Schisma zutage trat.

Abt Johann Bernhard verstarb am 16.11.1632 im sächsischen Lützen, wo er an der Seite des kaiserlichen Heeres an der gleichnamigen Schlacht teilgenommen hatte und von einer Pistolenkugel in die Leber getroffen worden war. Auch der Schwedenkönig fiel in jener Schlacht. Der verstorbene Abt wurde zunächst einbalsamiert und in der Abteikirche St. Emmeram in Regensburg begraben, aber 1653 nach Fulda überführt.

Literatur, Links und Quellen:
Neukirchen: https://de.wikipedia.org/wiki/Neukirchen_(Haunetal)
Geschichte von Haunetal:
http://www.haunetal.de/seite/153309/profil-geschichte.html
Neukirchen, Geschichte:
http://www.haunetal.de/verzeichnis/objekt.php?mandat=123085
Kirche Neukirchen:
http://www.ekkw.de/hersfeld/gemeinden/neukirchen.html
Neukirchen, Landkreis Hersfeld-Rotenburg, in: Historisches Ortslexikon
http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/3327
Stefan Alles: Johann Bernhard Schenk zu Schweinsberg (bearbeitet von Simon-A. Göllner), in: Hessische Biographie
http://www.lagis-hessen.de/pnd/11951091X
Siebmachers Wappenbücher
Josef Leinweber: Die Fuldaer Äbte und Bischöfe, Knecht Verlag Frankfurt am Main, 1989, ISBN 3-7820-0585-6, S. 123-129
Theodor Haas (Hrsg): Die chronikalischen Aufzeichnungen des Fuldaer Bürgers Gangolf Hartung (1607-1666), in: Fuldaer Geschichtsblätter, Band 9, Fulda 1910, S. 62 f.

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