Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2380
Kranichfeld (Landkreis Weimarer Land, Thüringen)

Niederburg Kranichfeld

Kranichfeld besitzt zwei Burgen, das Oberschloß und die Niederburg. Entsprechend bestand die Herrschaft Kranichfeld seit 1172 aus zwei Teilen, der oberen und der niederen (unteren) Herrschaft. Trotz geteilter Herrschaft und zweier Herrensitze bildete die Stadt eine Einheit. Neben den genannten und heute noch vorhandenen Herrensitzen gab es in Kranichfeld noch drei weitere Burgstellen. Oberkranichfeld kam nach dem um 1380 erfolgten Aussterben der 1143 urkundlich erstmals in Erscheinung tretenden Herren von Kranichfeld an die Burggrafen von Kirchberg und 1398 unter die Landeshoheit der Wettiner. Oberkranichfeld kam 1453 an die Reuß von Plauen, die den Kranich der Herren von Kranichfeld in ihr geviertes Wappen aufnahmen, 1615 an Sachsen-Weimar, 1620 an die Grafen von Schwarzburg (Gräfin Anna Sophia von Schwarzburg-Rudolstadt erwirkte 1651 das Stadtrecht für beide Ortsteile), 1663 an Sachsen-Gotha (Herzog Ernst der Frommen von Sachsen-Gotha hatte die Oberherrschaft für fl. Gulden gekauft), 1704-1728 an Sachsen-Weimar, 1728-1826 an Sachsen-Gotha-Altenburg bzw. Sachsen-Gotha und schließlich 1826-1920 an Sachsen-Meiningen.

Die untere Herrschaft Kranichfeld (Niederkranichfeld) war spätestens seit 1233 ein Mainzer Lehen und kam als Pfand an die Grafen von Schwarzburg. Als die Herren von Niederkranichfeld ausstarben, behielten die Schwarzburger einfach das Gebiet. Die nächsten Besitzer der unteren Herrschaft ab 1412 waren die Burggrafen von Kirchberg, die damit zeitweise beide Herrschaften innehatten, dann wurden 1455 die Grafen von Gleichen-Blankenhain Inhaber der unteren Herrschaft, die bis 1912 von der Oberherrschaft getrennte Wege ging.

Im Zuge des Erlöschens dieser Linie im Jahre 1627 mit Volrad Graf von Gleichen-Blankenhain kam Unterkranichfeld an die Grafen von Hohenlohe, weil Karl III. Graf v. Gleichen-Blankenhain in zweiter Ehe Felicitas von Hohenlohe-Waldenburg geheiratet hatte, welche Unterkranichfeld 1571 als Wittum erhielt. Eigentlich war Kranichfeld stets Anlaß für Differenzen, und der Besitz wurde stets Anfechtungen ausgesetzt: Erst mußten sich die Grafen von Hohenlohe um die Bewahrung Niederkranichfelds vor einer Verpfändung durch den verschuldeten Grafen Karl zu Gleichen bemühen. Dann klagten die Grafen Wolfgang von Hohenlohe-Weikersheim und Philipp von Hohenlohe-Neuenstein gegen Graf Volrad zu Gleichen bei Sachsen-Weimar wegen ihrer Ansprüche auf das der Gräfinwitwe Felicitas zu Gleichen geb. Hohenlohe vorenthaltene Wittum zu Niederkranichfeld, das ihr 1571 anläßlich ihrer Hochzeit verschrieben worden war. Besagte Felicitas (1538-1.3.1601) war Volrads Stiefmutter. Ihre Ehe blieb ohne Nachkommen. Im Jahr 1607 wurde schließlich Graf Wolfgang von Hohenlohe-Weikersheim die Herrschaft Niederkranichfeld eingeräumt. Schließlich gab es einen Konsens des Grafen Johann Ludwig zu Gleichen zum Kauf der Herrschaft Niederkranichfeld im Jahre 1611 durch die Grafen Kraft von Hohenlohe-Neuenstein und Philipp Ernst von Hohenlohe-Langenburg (beide Graf Wolfgangs Söhne) von ihrer Mutter, Gräfin Magdalena von Hohenlohe-Weikersheim.

Zwischen den Grafen zu Gleichen bzw. dem Freiherrn von Mörsberg einerseits und den Grafen von Hohenlohe andererseits gab es auch noch Differenzen wegen der Mühle zu Niederkranichfeld, die beide Parteien für sich beanspruchten. Dorothea Susanna von Gleichen-Blankenhain, Volrads Tochter, hatte Georg Freiherr von Mörsberg und Beffort geheiratet. Als die Freiherrn bzw. Grafen von Mörsberg Erbansprüche auf Niederkranichfeld geltend machten, führten die Grafen von Hohenlohe Klage bei der Regierung von Sachsen-Weimar. Und schließlich verzankte man sich untereinander: Es gab eine Schuldverschreibung des Grafen Kraft von Hohenlohe-Neuenstein gegen Graf Philipp Ernst von Hohenlohe-Langenburg über 9.500 fl. solmsischer Gelder zur Einlösung Krakendorfs mit den dreieinhalb zur Herrschaft Kranichfeld gehörigen Dörfern, und Gräfin Anna Maria von Hohenlohe-Langenburg kündigte den Kreditvertrag wegen Rückständen bei den Zinszahlungen. Wegen der Herrschaft Kranichfeld gab es dann noch einen Erbschaftsstreit zwischen den Hohenloher Linien Waldenburg und Neuenstein mit einem entsprechenden Prozeß vor dem sächsischen Hofgericht zu Jena und bei der Regierung zu Weimar, weil die Linie Waldenburg Erbansprüche auf 3/5 der Herrschaft Niederkranichfeld geltend machte, ein Prozeß, der sich letztendlich über 30 Jahre hinzog. Die Herrschaft Niederkranichfeld wurde jedoch letztendlich 1647 nach langen und fruchtlosen Auseinandersetzungen den Grafen von Mörsberg zugesprochen, die es bereits 1631 in Besitz genommen hatten.

Und schließlich waren 1675-1794 die Grafen von Hatzfeld Besitzer von Unterkranichfeld mit der Niederburg. 1803 kam die untere Herrschaft an Preußen. Niederkranichfeld gehörte 1806-1813 zur Republik Frankreich, kam 1815 an das Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach und 1912 an das Herzogtum Sachsen-Meiningen, womit beide Herrschaften wieder in einer Hand vereinigt waren und die Doppelherrschaft über den Ort endete. Die Regierung in Weimar verkaufte die Niederburg 1818 an Privatleute, den Förster Mey und den Zimmermann Witzmann.

 

Die Niederburg kam 1906 an Johanne Rauchfuß. Sie ließ die alte Burg sanieren und im Stile des Historismus umbauen und gab der Burg ihr heutiges Erscheinungsbild. Die Inschrift unter dem Wappen am Tor zur Anlage lautet: "Niederburg Kranichfeld. Erbaut im elften Jahrhundert, verfallen im 19 Jahrhundert. Wiederhergestellt 1907 von Johanne Rauchfuss."

Das nicht in den Standardsammlungen verzeichnete, teils redende Wappen Rauchfuß zeigt eine Triskele, drei (2:1) dreipaßartig miteinander verbundene, gestreckte Beine in hohen Schaftstiefeln mit Stulp, alle Füße im Uhrzeigersinn gestellt, um das Fußgelenk jeweils Reitersporen geschnallt.

Als Triskelis oder Triskele bezeichnet man ein Objekt mit einer dreizähligen Drehachse, mit einer C3-Symmetrie. Drei gleich geformte, in der Mitte verbundene Objekte können jeweils durch eine 120-Grad-Drehung ineinander überführt werden. Das Motiv hat also eine dreizählige Rotationssymmetrie und ist frei von einer Spiegelebene. "Triskelis" bedeutet im Griechischen "dreibeinig". Und so versteht man in der Heraldik darunter ein Motiv aus drei im Dreipaß stehenden und in der Mitte verbundenen Beinen, rundum laufend, jedes gegenüber dem vorhergehenden um 120 Grad verdreht. Im Gegensatz zu den Triskelen in Wappen wie denjenigen der Rabensteiner von Döhlau, der Stadt Füssen oder der Isle of Man sind die Beine im hier vorliegenden Fall nicht angewinkelt, sondern durchgestreckt. Die Tinkturen sind unbekannt, Hinweise willkommen.

Ein weiteres Mal ist das Wappen Rauchfuß an Schloß Tonndorf über dem Eingangsportal zum Vorhof des Schlosses zu sehen, das 1894 in den Besitz des königlich-preußischen Hauptmanns Hermann Rauchfuß aus Metz überging und wo die Familie Rauchfuß bis 1919 wohnte.

 

1957 wurde in der Niederburg eine Heimatstube eröffnet. 1959 wurden Klassenzimmer eingerichtet. Die Niederburg war zu DDR-Zeiten nach einer 1975 erfolgten umfangreichen Rekonstruktion ein FDGB-Ferienobjekt mit öffentlicher Gaststätte. Die Stadt Kranichfeld wurde 1989 Besitzerin und schloß 1994 einen auf 66 Jahre angelegten Erbpachtvertrag zur Nutzung mit dem Unternehmen Mühl Product & Service Kranichfeld. Im Zuge der neuen Nutzung wurden Sanierungsmaßnahmen durchgeführt, insbesondere im Küchen- und Sanitätsbereich, außerdem bekam die Burg eine neue Dachabdeckung. Doch zu Beginn des 21. Jh. ging das Unternehmen Mühl pleite; die Burg fiel an die Stadt Kranichfeld zurück. Seit 2005 ist die Niederburg Standort eines vom Falkner Herbert Schütz betriebenen Adler- und Falkenhofes mit Flugvorführungen von Greifvögeln. Die Niederburg ist privat bewohnt und kann nicht besichtigt werden.

Literatur, Links und Quellen:
Akten über Kranichfeld: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/H6RXN24UOE3HLIR2K3OOXMGE2ZYUIGGM?lang=de und https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/GF5R2HKNETNQJH6RH3NNRMC2S2R6WZN4
Gerhard Köbler: Historisches Lexikon der deutschen Länder - die deutschen Territorien vom Mittelalter bis zur Gegenwart. C. H. Beck Verlag München 7. Auflage 2007, ISBN 978-3-406-54986-1
Herren von Kranichfeld:
http://de.wikipedia.org/wiki/Kranichfeld_(Adelsgeschlecht)
Akten zu Kranichfeld und Krakendorf:
https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/struktur.php?bestand=19680&klassi=001&anzeigeKlassi=001.001 - https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/struktur.php?bestand=19680&klassi=001&anzeigeKlassi=002.002
Schloß Tonndorf:
http://www.schloss-tonndorf.de/das-projekt/das-projekt/die-geschichte.html
Geschichte der Stadt Kranichfeld:
http://www.kranichfeld.de/seite/205952/geschichte.html
Chronologie Kranichfeld:
http://www.kranichfeld.de/seite/222811/zeitlicher-abriss.html
Niederburg Kranichfeld:
http://www.falkenhof-kranichfeld.de/niederburg.html
Kranichfeld:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kranichfeld

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