Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2369
Philippsthal an der Werra (Landkreis Hersfeld-Rotenburg)

Schloßkirche Philippsthal

Bei der evangelischen Schloßkirche handelt es sich um die ehemalige, aus dem 12. Jh. stammende Klosterkirche, die ab 1733 erweitert und insbesondere mit dem südlichen Anbau und 1743 mit der Fürstengruft versehen wurde. Im Kircheninnern sieht man hinter der barocken Fassade den alten Kern einer romanischen Säulenbasilika. Die Kirche hat auch die Zerstörungen des Klosters im Bauernkrieg 1525 überlebt. Nachdem die Rechte an dem aufgelassenen Kloster und der Kirche an das Haus Hessen-Kassel übergegangen waren und die Entscheidung gefallen war, das ehemalige Kloster zum Schloß auszubauen, fanden einschneidende Umbauten statt. Der Westeingang wurde aufgegeben; eine Fürstengruft mit opulent gestaltetem Eingang im Stil des französischen Rokoko wurde statt dessen 1743 in der ehemaligen westlichen Vorhalle unter dem Turm angelegt.

Zum Äußeren der Kirche: Über dem nördlichen Eingang zur Schloßkirche befindet sich ein Wappenstein, der auf den ersten Blick frappiert und dessen Zuordnung nicht möglich erscheint. Die Farben, das aufgemalte Patriarchenkreuz, das alles erscheint erst einmal fragwürdig. Eindeutig ist hingegen, daß wir in den Feldern 1 und 4 des gevierten Hauptschildes in einem horizontal schraffierten Feld je drei Kronen haben, untrügliches Zeichen für das Königreich Schweden, wozu auch die Königskrone paßt, und so läßt sich auch der Rest ermitteln.

Die Geschichte dahinter ist folgende: Landgraf Carl I. von Hessen-Philippsthal ließ ab 1733 die ehemalige Klosterkirche zur Schloßkirche erweitern. Gleichzeitig sorgte er dafür, daß das Kirchenpatronat von Kreuzberg-Philippsthal an das Haus Hessen-Philippsthal überging, was einerseits die Kirche kirchenrechtlich aufwertete, andererseits ihn selbst zum unumschränkten Hausherrn machte und ihm die Anlage einer Fürstengruft ermöglichte. Das geschah im sogenannten Rückeroder Rezeß, den er mit seinem Vetter schloß, Landgraf Friedrich I. von Hessen-Kassel, der gleichzeitig König von Schweden war. Dieser Vertrag bestimmte, daß Carl die Vogtei Rückerode bei Witzenhausen weggab und im Tausch dafür das Recht bekam, "einen Prediger und Schulmeister von Philippsthal zu repräsentieren auch alles und jedes was sonsten dem Juri Patronatus anhängig ist". Umgekehrt hieß das, daß davor das Kirchenpatronat bei eben jenem Vetter gelegen hatte, und deshalb ist das Wappen des schwedischen Königs an der Kirche zu sehen, das aus der Zeit vor dem Tausch stammen muß. Und Hessen-Kassel besaß das Patronatsrecht deswegen, weil es ursprünglich eine hersfeldische Klosterkirche war, und Hersfeld war an Hessen-Kassel gefallen. Diese besondere Konstellation ergab sich nur, weil es genau einen schwedischen König aus der Linie Hessen-Kassel gab, nämlich Friedrich I. (27.4.1676-5.4.1751), der hier natürlich nicht in seiner Funktion als schwedischer König (durch Heirat, regierte 1720-1751), sondern als Landgraf von Hessen-Kassel in seiner Funktion als Patronatsherr der Kirche erscheint. Davor saß übrigens die Linie Pfalz-Zweibrücken-Kleeburg auf dem schwedischen Thron, danach die Linie Holstein-Gottorp.

Abb.: Wappen über dem hofseitigen Eingang zur Schloßkirche, Zustand 2016

Jetzt werden auch die eklatanten Fehler der gegenwärtigen Fassung deutlich: Tatsächlich muß der Herzschild den hessischen Löwen enthalten, nicht das hilfsweise und hilflos hineingemalte Patriarchenkreuz. Und auch das wäre nur eine vereinfachte Variante, denn eigentlich müßte das Wappen noch komplexer mit drei Ebenen aufgebaut sein. Tatsächlich wurden hier in Unkenntnis der Inhalte zwei Ebenen zu einer "vermalt". Und das Patriarchenkreuz gehört nicht in die Mitte, sondern nur in die eine obere Ecke der "Mitte", und auch da müßten andere Farben verwendet werden. Und wenn man ganz genau hinsieht, erkennt man unter der Farbe auch noch Feinstruktur im Stein, die darauf hinweist, daß dieses Wappen einmal so ausgesehen hat:

Auf dem Schild ruht die schwedische Königskrone, als Schildhalter dienen zwei goldene, widersehende, gekrönte Löwen. Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: SouvAd Seite: 41 Tafel: 98 und im Siebmacher Souv1 Seite: 32 Tafel: 60. Der Maler wußte es nicht besser und hat komplexe historische Querverbindungen durch seine Übermalung verwischt. Es lohnt sich aber, die Feinstruktur im Stein genau zu betrachten: Wenn man nun weiß, was man sehen muß, ist trotz Verwitterung noch erstaunlich vieles an Strukturen vorhanden. Es wäre wünschenswert, daß das bei einer dringend nötigen Restaurierung wiederhergestellt würde, denn so ergibt die Bemalung keinen Sinn.

Im Innern der Schloßkirche ist reichhaltige Heraldik an der Fürstenloge zu finden. Das bisher schon abgetrennte südliche Seitenschiff wurde 1733 zur Herrschaftsloge ausgebaut, deren Fenster die alten Bögen zum Seitenschiff füllen und auf den Brüstungsfeldern mit den Worten des 101. Psalmes beschriftet sind. Dort finden wir zwei landgräfliche Wappen in zwei unterschiedlichen Entwicklungsstufen (ohne Abb.) und ein Wappen der Linie Sachsen-Eisenach wie im Kapitel über das Schloß beschrieben, nur wesentlich besser erhalten und in Farben (ohne Abb.).

Ein einziges Wappen aus klösterlicher Zeit ist erhalten (ohne Abb.): Eine 1581 angefertigte, sandsteinerne Kanzel in gotischen Formen wird von einer vierflächig geschlossenen Brüstung umgeben und von einem einzelnen Steinpfeiler getragen. Das Blendmaßwerk ist nachgotisch. Die im Osten angesetzte Treppe ist deutlich jünger und stammt aus dem 20. Jh. Die am oberen Rand der Brüstung eingeschlagene Inschrift weist diese Kanzel als Stiftung des letzten Kreuzberger Propstes aus: CRATO DEKANUS POSUIT ANNO 1581. Crato Weiffenbach, gest. 1593, ist auf einer Brüstungsfläche mit seinem Wappen vertreten, drei schräggestellte Fische, Tinkturen und Oberwappen unbekannt. Nach seinem Tod fielen die Einkünfte des Klosters und die Kirche an das Haus Hessen. Im Laufe der Zeit erhielt diese Kanzel verschiedene Standorte: 1676 wurde sie auf Betreiben von Landgräfin Hedwig Sophie, geb. von Brandenburg, umgesetzt. 1933 kam sie an den heutigen Standort. Ferner existiert noch ein mittelalterlicher Grabstein unklarer Zuordnung mit einem Steinbocksgehörn im Schild (ohne Abb.).

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher wie angegeben
Marianne Bein: Die evangelische Schloßkirche in Philippsthal, in: Kulturgeschichte: historische Stätten, Denkmäler, vergessene Orte und Museen im Kreis Hersfeld-Rotenburg, herausgegeben von Barbara Händler-Lachmann, Projektleitung: Adolf Corell, Barbara Händler-Lachmann und Susanne Hofmann, Hessisches Institut für Lehrerfortbildung Außenstelle Bad Hersfeld, Bad Hersfeld 1995, S. 217 f.
Schloßkirche:
http://regiowiki.hna.de/Schlosskirche_Philippsthal
Kirchenbeschreibung:
http://schlosskirche-philippsthal.de/unsere-kirche/
Schloßkirche:
http://schlosskirche-philippsthal.de/

Schloß Philippsthal

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