Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2367
Langenbieber (zu Hofbieber, Landkreis Fulda)

Schloß Bieberstein

Schloß Bieberstein glänzt vor allem durch seine Lage: Weithin sichtbar liegt die Vierflügelanlage mit ihren vier Eckrisaliten einer Krone gleich auf einer sich hoch erhebenden Bergkuppe im Naturpark Hessische Rhön, dem 505 m hohen Kugelberg, ca. 16 km im Osten von Fulda. Die Fernwirkung wird nicht zuletzt bestimmt von den geschwungenen Balkonen mit Steinbalustraden im obersten Stockwerk eines jeden Eckrisaliten, ergänzt durch weitere Balkone in Fassadenmitte an einem jeweils dort vorhandenen Dachausbau.

Schloß Bieberstein ist ein Hybrid aus Schloß und Festung. Die Zufahrt erfolgt über eine Brücke über einen tiefen Graben, der rechts und links von barocken Dreiecksbastionen gebildet wird. Die Tordurchfahrt führt durch den Nordostflügel eines vorgelagerten Wirtschaftsgebäudes, das einen kurzen Nordwestflügel und einen noch kürzeren Südostflügel besitzt, wobei letzterer direkt an das noch höher auf der Bergspitze gelegene Schloß anstößt. Zu diesen Nebengebäuden gehört auch das Brunnenhaus, für das 1718-1720 durch den Brunnenmeister J. A. Teichmann ein 57 m tiefer Ziehbrunnen gegraben wurde. Zwischen dem Nordwestflügel des Vorgebäudes und dem parallel stehenden Nordostflügel des Schlosses führt der Weg über eine Rampe nach oben auf die eigentliche Schloßterrasse und überbrückt dabei eine komplette Geschoßhöhe. Um in den Innenhof zu gelangen, führt der Weg um die Südwestseite herum und erneut ansteigend um die halbe Südostseite, bis die dort befindliche Tordurchfahrt in den vierseitig geschlossenen Innenhof freigibt. Dabei wird ein weiteres Stockwerk überbrückt. Das Schloß, das vom Innenhof aus zweistöckig erscheint, hat an seiner Nordecke zwei ganze Sockelgeschosse mehr. Um das Schloß zieht sich ein System von barocken Bastionen, die es zur Festung machen. Unnötig - das barocke Schloß Bieberstein wurde anders als sein mittelalterlicher Vorgängerbau nie belagert.

Abb.: Schloß Bieberstein von Norden gesehen

Die Wurzeln von Schloß Bieberstein liegen im 12. Jh.: Abt Marquard von Fulda (1150-1165) ließ die Burganlage präventiv zum Schutz vor Raubrittern in Besitz nehmen und ausbauen. Es war sogar eine der ersten befestigten Anlagen der Abtei Fulda. In den folgenden Jahrhunderten stand aber dann doch die Amts- und Zentgerichtsverwaltung für die umliegenden Dörfer, Höfe und Mühlen im Vordergrund, und Burg Bieberstein wurde Sitz des Amtsvogts und Zentgrafen. 1249 und 1380 wurde die offensichtlich nicht sehr dauerhaft erbaute erste Burg von Abt Heinrich IV. von Erthal resp. Abt Konrad von Hanau jeweils verstärkt und mit Mauer und Graben versehen. Belagert wurde die Burg mehrfach, u. a. 1427 von den Herren von Buchenau, aber niemals eingenommen. Bis 1486 wurde die Burg mehrfach verpfändet, blieb aber dann bis 1802 ununterbrochen in Abteibesitz. Fürstabt Balthasar von Dernbach bewohnte während seines Exils zwischen 1576 und 1602 mit seinem Hofstaat Bieberstein. Die Burg wurde allerdings im Dreißigjährigen Krieg beschädigt.

Der Fuldaer Fürstabt und Kardinal Bernhard Gustav Markgraf von Baden-Durlach (1671-1677) ließ die Burg im Jahr 1672 wieder instand setzen, allerdings nicht so richtig überzeugend für den übernächsten Amtsinhaber: Einen radikalen Neubeginn gab es unter Fürstabt Adalbert von Schleifras (reg. 1700-1714). Er ließ die alte Burg komplett abreißen und statt dessen ab 1711 ein imposantes Barockschloß errichten. Es war in erster Linie repräsentativ und angenehm gelegen, um es als Sommerresidenz nutzen zu können. Für die Untertanen, die alles auf den Berg schaffen mußten, waren indes die Fronpflichten weniger angenehm, wie die gehäuften Klagen erkennen lassen. Das Schloß wurde nach Plänen des berühmten Bamberger Baumeisters Johann Dientzenhofer errichtet; die örtliche Bauleitung hatte der Maurermeister Johannes Kahlenberger aus Eichenzell. In Fürstabt Adalberts letztem Lebens- und Amtsjahr, 1714, entstanden viele Wappensteine, auch die im Innenhof, was den Baufortschritt markiert; aber die Arbeiten am Schloß, an der Innenausstattung und an den Nebengebäuden zogen sich noch bis 1723 hin.

Abb.: Schloß Bieberstein von Westen gesehen

Die Pläne von Oberst Ph. L. Lindner, um 1740 unter dem Fürstabt Amand von Buseck aus dem Schloß eine starke, moderne Festung zu machen, wurden nur teilweise umgesetzt. Nur die eher halbherzigen Bastionsmauern um das Schloß, der Burggraben mit einer Zugbrücke und die Kasematten wurden vollendet und die Kanonen wurden angeschafft. Was jedoch heute die Silhouette von Schloß Bieberstein prägt, die Eckpavillons, die Balustraden und Balkone, stammen nicht aus fürstäbtlicher bzw. fürstbischöflicher Zeit, sondern wurden anläßlich des Wiederaufbaus nach einem verheerenden Brand im Jahre 1908 hinzugefügt. Das ganze Schloß wurde dabei aufgestockt. Damals wurde auch der Dachreiter versetzt, der sich früher an der dem Tal abgewandten Seite befand und die Kapelle markierte. Ein weiteres Mal brannte Schloß Bieberstein 1966; dabei wurde das Dachgeschoß beschädigt.

Abb.: Schloß Bieberstein, Innenhof, von Südosten gesehen

Mit der Säkularisierung fiel Schloß Bieberstein 1802 an Oranien-Nassau und wurde bedeutungslos, 1806 kam es unter Napoléon unter französische Militärverwaltung, 1808 wurden die Untertanen vom Frondienst befreit, 1810 kam Bieberstein an das Großherzogtum Frankfurt, und 1813 wurde es kurzfristig sogar österreichischer Besitz. Das einst reiche barocke Inventar wurde Anfang des 19. Jh. versteigert. 1815 kam das Schloß mit den Ergebnissen des Wiener Kongresses an das Königreich Preußen, welches aber mit Kurhessen einen Gebietstausch vereinbarte und dafür rheinische Gebiete bekam. Die Landgrafen wollten das Schloß 1852 zu einem Gefängnis umbauen, was glücklicherweise nie realisiert wurde. 1866 kam es erneut an Preußen, das Bieberstein 1870/71 zu einem Kriegsgefangenenlager machen wollte, was zum Glück nicht geschah, und dann wurde das Bergschloß ab 1872 mehrfach hintereinander an unterschiedliche Privatpersonen und an eine Eisenbahngesellschaft verkauft. 1904 kaufte der Reformpädagoge Hermann Lietz das Schloß für 120000 Mark, was damals als überteuert galt, und seitdem ist Schloß Bieberstein eine Internatsschule (Hermann-Lietz-Schule) für die gymnasiale Oberstufe mit alternativen Wegen zum Abitur, einem zwölfjährigen und einem dreizehnjährigen mit einem bundesweit einmaligen, internationalen Bildungsjahr abseits des Schulalltags, das vielfach auch für soziale Projekte auf der ganzen Welt investiert wird.

Im Außenbereich besitzt das Schloß insgesamt acht Wappensteine, davon sieben vom Bauherrn Adalbert von Schleifras (reg. 1700-1714) und eines von seinem Nachfolger Konstantin von Buttlar (reg. 1714-1726), die hier vorgestellt werden sollen.

 

Abb.: Wappen des Fuldaer Fürstabtes Adalbert von Schleifras (reg. 1700-1714) am äußeren Tor über dem mittleren Torbogen. Der Schild ist geviert, Feld 1 und 4: in Silber ein schwarzes durchgehendes Kreuz, Fürstabtei Fulda, Feld 2 und 3: von Schleifras, gespalten, rechts: in Gold eine rote, aufrecht gestellte Axt, Schneide nach hinten, links: in Rot ein schwarzer, höhenverstellbarer Kesselhaken mit Zahnschiene. Dieser und der nachfolgend abgebildete Wappenstein sind die beiden einzigen mit einem Vollwappen mit allen drei Helmen: Helm 1 (Mitte): auf dem Helm mit schwarz-silbernen Decken auf einem roten Kissen eine goldene Krone, aus der ein schwarzes, lateinisches Kreuz herausragt, Fürstabtei Fulda, Helm 2 (rechts): auf dem gekrönten Helm mit schwarz-silbernen Decken eine Bischofsmütze, aus der noch zwei Fähnchen schräg herausragen, jedes Fähnchen gespalten, vorne in Rot aus grünem Dreiberg wachsend ein grüner Lilienstock mit drei silbernen Blüten und hinten in Gold ein halber schwarzer Adler am Spalt, Fürstabtei Fulda (Der Adler ist der Reichsadler, der grüne Lilienstock steht für das Fuldaer Domkapitel und symbolisiert mit seinen drei silbernen Blüten die drei Märtyrer und Schutzpatrone der Stadt Fulda, Simplicius, Faustinus und Beatrix. Bonifatius brachte einst Reliquien dieser drei Heiligen nach Fulda. Der rote Hintergrund steht für den Märtyrertod, den die drei Schutzpatrone gestorben sind. ), Helm 3 (links): auf dem gekröntem Helm mit rot-goldenen Decken ein roter Flug mit goldenen Saxen, von Schleifras. Hinter dem Schild das gestürzte Schwert (heraldisch links) und Abts-Pedum (heraldisch rechts).

 

Abb.: Wappen des Fuldaer Fürstabtes Adalbert von Schleifras (reg. 1700-1714) über einem Portal der Südwestseite. Der trapezförmig geschnittene Schlußstein trägt folgende Inschrift eingemeißelt: "ADALberTO DEI G(ratia) prInCIpe et Abbate FVLDensI restaVratore... " - Wiederhersteller Adalbert von Gottes Gnaden Fürst und Abt von Fulda. Dieser zweizeilige Inschriftsbeginn enthält ein Chronogramm für D + L + D + I + I + C + I + V + L + D + I + V = 500 + 50 + 500 + 1 + 1 + 100 + 1 + 5 + 50 + 500 + 1 + 5 = 1714. Die Inschrift beschreibt in den nachfolgenden Zeilen, die nicht mehr zum Chronogramm gehören, die Erbauung des neuen Schlosses aus den Ruinen des alten in quadratischer Form. Im Innern des Schlosses befinden sich noch weitere Wappensteine mit den drei Helmen, z. B. das farbig gefaßte Wappen im Speisesaal (ohne Abb.).

Abb.: Wappen des Fuldaer Fürstabtes Adalbert von Schleifras (reg. 1700-1714) außen über der Zufahrt zum Innenhof in der Mitte der Südostseite. Der Schild folgt der zuvor gegebenen Beschreibung. In diesem und auch bei den nachfolgend beschriebenen Wappensteinen wird auf Kleinode verzichtet. Schrägrechts steht der Krummstab hinter dem Schild, schräglinks das gestürzte Schwert, in der Mitte ist eine Krone zu sehen. Drei Engelsköpfe begleiten die Komposition, einer mit Flügeln zwischen Schildrand und Krone und zwei an den Seiten unter den beiden Voluten.

Abb.: Wappen des Fuldaer Fürstabtes Adalbert von Schleifras (reg. 1700-1714) im Innenhof zur Linken, über der Tür zum Südwestflügel. Der Schild folgt der oben gegebenen Beschreibung. Zwei entweder schlummernde oder entrückte, dralle Engel flankieren die Kartusche und lehnen ihre Wange auf den hier schwungvoll nach außen gezogenen Schildrand. Ein dritter, mit einem beiderseits hochgerafften Tuch bedeckter Kopf ist ganz unten zu sehen. Der Stein ist am unteren Rand auf das Jahr 1714 datiert.

Abb.: Wappen des Fuldaer Fürstabtes Adalbert von Schleifras (reg. 1700-1714) im Innenhof geradeaus in der Mitte, über der Tür zum Nordwestflügel. Der Schild folgt der oben gegebenen Beschreibung. Im Detail sind trotz der architektonischen Symmetrie alle drei Wappen über den Türen zum Innenhof verschieden gestaltet. Hier kuscheln zwei geflügelte Engelsköpfe auf dem oberen Schildrand, ein dritter schaut unter dem Schild den Betrachter frontal an. Es ist das einzige Wappen der drei im Innenhof mit einer einem Schild ähnlichen Grundform. Schneckenförmig gerollte Ornamente gestalten die Leerräume seitlich des Schildes.

Abb.: Wappen des Fuldaer Fürstabtes Adalbert von Schleifras (reg. 1700-1714) im Innenhof zur Rechten, über der Tür zum Nordostflügel. Der Schild folgt der oben gegebenen Beschreibung. Zwei dralle, geflügelte oberhalbe Engelchen folgen außen der Kartuschenrundung. Unten ist ein dritter, von einem Tuch bedeckter Kopf zu sehen, den Betrachter frontal anschauend.

Abb.: stark verwittertes Wappen des Fuldaer Fürstabtes Adalbert von Schleifras (reg. 1700-1714) über einer Tür der Nordwestseite, über eine Außentreppe zu erreichen. Allein in Feld 3 kann man noch gut den Kesselhaken an seinem Ring zum Aufhängen erkennen. Der geringen Bedeutung der betreffenden Tür entsprechend, ist der Wappenstein eher schlicht im Vergleich zu den anderen. Der Stein ist am unteren Rand auf das Jahr 1714 datiert.

Abb.: Wappen des Fuldaer Fürstabtes Konstantin von Buttlar (reg. 1714-1726) über einer Tür am Nordwestflügel der vorgelagerten Gebäude. Es ist das einzige bauplastische Wappen im Außenbereich des Schlosses für den Nachfolger des Erbauers. Die ovale Kartusche ist geviert, Feld 1 und 4: in Silber ein schwarzes, durchgehendes Kreuz, Fürstabtei Fulda, Feld 2 und 3: in Rot eine silberne Butte mit goldenen Reifen und links zwei goldenen Tragbändern, Stammwappen der von Buttlar. Schrägrechts steht der Krummstab hinter dem Schild, schräglinks das gestürzte Schwert, in der Mitte ist der Fürstenhut zu sehen. Drei (2:1) geflügelte Engelsköpfe füllen die Zwickel.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere Band Bistümer
Josef Leinweber: Die Fuldaer Äbte und Bischöfe, Knecht Verlag Frankfurt am Main, 1989, ISBN 3-7820-0585-6
Die Wappen der Hochstifte, Bistümer und Diözesanbischöfe im Heiligen Römischen Reich 1648-1803, hrsg. von Erwin Gatz, von Clemens Brodkorb, Reinhard Heydenreuter und Heribert Staufer, Schnell & Steiner Verlag 2007, ISBN 978-3-7954-1637-9
Hans und Doris Maresch: Hessens Schlösser und Burgen, Husum Verlag 2005, ISBN 3-89876-158-4, S. 162-163
Adalbert von Schleifras in den Hessischen Biographien:
http://lagis-hessen.de/de/subjects/rsrec/sn/bio/register/person/entry/schleifras%252C%2Badalbert%2Bfreiherr%2Bvon - http://www.lagis-hessen.de/pnd/119473909
Adalbert von Schleifras:
https://de.wikipedia.org/wiki/Adalbert_von_Schleifras
Konstantin von Buttlar:
https://de.wikipedia.org/wiki/Konstantin_von_Buttlar
Konstantin von Buttlar: Hessische Biographien
http://www.lagis-hessen.de/pnd/118977717
Geschichte von Schloß Bieberstein:
http://apple.bplaced.net/wiki/wiki/index.php?seite=Geschichte%20von%20Burg%20und%20Schloss%20Bieberstein
Schloßinternat Bieberstein:
http://www.internat-schloss-bieberstein.de/schlossinternat-bieberstein - http://www.internat-schloss-bieberstein.de/
Schloß Bieberstein:
https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Bieberstein_(Hessen)
Schloß Bieberstein:
http://osthessen-news.de/n1247899/bieberstein-eine-ereignisvolle-geschichte---zweifaches-jubil-um-auf-schloss-bieberstein.html

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