Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2360
Erfurt (Landeshauptstadt)

Die Zitadelle Petersberg

Oberhalb der Altstadt liegt die Erfurter Zitadelle Petersberg. Sie wurde kurz nach dem erfolgreichen Wiederanschluß Erfurts an das Kurfürstentum Mainz errichtet, um die territorial wichtige Einheit abzusichern, über die man die Landeshoheit im Westfälischen Frieden zugesichert bekommen hatte, was man 1664 auch militärisch durchgesetzt hatte, um die Stadtbevölkerung zum Dasein als brave Untertanen zu ermuntern. Am 1.6.1665 fand die Grundsteinlegung statt. Die Idee, hier eine Festung zu errichten, war aber schon etwas älter und kam erstmals im Dreißigjährigen Krieg auf, als die Schweden fast 20 Jahre lang Erfurt besetzt hatten. König Gustav Adolf wollte damals schon den Petersberg zu einer Festung ausbauen, doch weit kam man nicht.

Erst nachdem der Westfälische Friede die aus dem Mittelalter stammenden Rechtsansprüche von Kurmainz auf Erfurt bestätigt hatte und man die "Reduktion" erfolgreich durchgeführt hatte, entstand noch unter Kurfürst Johann Philipp von Schönborn (regierte 1647-1673) eine mächtige Festung, die innerhalb kürzester Zeit hochgezogen wurde (erste Bauperiode). Nach ihrem Bauherrn nannte man sie zunächst "Citadelle Johann Philippsburg". Die Leitung hatte der italienische Baumeister Antonio Petrini inne, der uns bei anderen Bauten z. B. in Würzburg begegnet, wo er für denselben Fürstbischof arbeitete, der immerhin zuletzt drei Bistümer innehatte und drei Hochstifte regierte. Unter Petrini entstanden die Bastionen, das Kommandantenhaus und das Peterstor. Teile der Stadtbefestigung wurden geschickt integriert. Petrini wählte das neuitalienische Befestigungssystem mit den fünfeckigen Bastionen. Aufgrund der territorialen Beschaffenheit des Baugrundes hat die Zitadelle eine sehr unregelmäßige, vieleckige Form. Im Norden beginnend umgeben die Festung insgesamt acht Bastionen, im Uhrzeigersinn sind das die Bastion Johann, die Bastion Franz, die Bastion Philipp, die Bastion Leonhard, die Bastion Kilian, die Bastion Martin, die Bastion Gabriel und die Bastion Michael. Die Festungsmauer erreicht über 2 km Länge. Auf der Festungsfläche steht aber auch ein Gebäude, das so gar nicht zu den ganzen Kasernen paßt, die Kirche St. Peter und Paul, die eine ganz andere Geschichte des Petersberges erzählt, die einer Königspfalz und die eines Benediktinerklosters, das einmal hier stand und sich auf einmal vollständig von Befestigungswerken umgeben wiederfand. Kurfürst Johann Philipp von Schönborn baute in seiner Amtszeit an mehreren wichtigen Festungen: Die Zitadelle in Mainz ließ er ebenso mit Bastionen ummanteln wie die Festung Marienberg in Würzburg. Aber auch seine Nachfolger, darunter Anselm Franz von Ingelheim (regierte 1679-1695), ließen an der Zitadelle Petersberg bauen. Wir haben heute das Glück, daß diese Festung, die eine Gesamtfläche von etwa 15 ha einnimmt, bis auf die Außenwerke fast unzerstört erhalten geblieben ist.

Es wird gerne gesagt, daß sich die Zitadelle nicht so sehr als Zwingburg gegen die Stadtbevölkerung richtete, die so gerne quasiselbständig geblieben wäre, sondern allein der Sicherung des Territoriums diente, das im territorial zersplitterten Hochstift Mainz eine der wichtigsten zusammenhängenden Einheiten war. Die Jahreszahlen an den Bastionen sprechen eine andere Sprache: Die ältesten Bastionen sind die stadtseitigen, die Bastion Martin, die Bastion Kilian, die Bastion Leonhard und die Bastion Philipp, mit den Jahreszahlen 1668, 1669, 1666 und 1669. Die jüngsten Bastionen sind die feldseitigen im Norden, die Bastion Philipp, zweiter Teil (1690) Bastion Franz (1680/1695) und die Bastion Johann (1675/1695), wo man den Ring der Festung erst 1704 vollständig schloß. Die erste Bastion überhaupt war also die, die genau nach Südwesten auf die Altstadt zeigt, und dann machte man rechts und links davon weiter mit den Bastionen, die gegen Stadt und Domplatz gerichtet waren. Dann erst kümmerte man sich um die Feldseite, zuletzt um die Nordostseite. Das ist eine baugeschichtliche Besonderheit, die militärischer Logik entgegensteht, nach der man zuerst hätte feldseitig beginnen müssen. Damit ist bewiesen, daß sich diese Festung in erster Linie nicht gegen einen Feind von außen richtete, sondern ihren hauptsächlichen Zweck darin hatte, die Bürger der Stadt brav zu halten und die kurfürstliche Macht zu demonstrieren. Dazu paßt auch, daß das Kommandantenhaus mit Blick auf die Stadt errichtet wurde. Die Stärke der geplanten Festung allerdings und ihre Größe war aber auch ein machtpolitisches Symbol von außenpolitischer Signalwirkung: Mainz errichtete für sich und stellvertretend für die katholischen Mächte im Reich diese Festung zur Stärkung seiner vorher schwachen Position in Thüringen an den Grenzen zu dem protestantischen Nordostdeutschland.

An besonders kritischen Stellen wurden die Kurtinen durch vorgelagerte Ravelins geschützt, davon gibt es noch drei von einst vier, im Nordwesten das Ravelin Lothar, im Nordosten das Ravelin Wilhelm (geschleift), im Südosten das Ravelin Peter vor dem Peterstor und im Westen das Ravelin Anselm. Das Ravelin Anselm gehört noch der ersten Ausbauphase an.

Der Hauptzugang, das Peterstor, lag stadtseitig. In kurfürstlicher Zeit bestand die zum Tor führende Rampe aus einer Holzkonstruktion mit einer hölzernen Zugbrücke, deren Rollen man in den Schlitzen seitlich der Durchfahrt noch erkennen kann. Erst 1864 wurde die jetzige Steinbogenbrücke erbaut. Über dem Peterstor erhebt sich das Kommandantenhaus, in dem ein Museum eingerichtet ist.

Im Zentralfeld über dem Peterstor befindet sich ein besonders prunkvolles Wappen des Bauherrn, des Mainzer Fürsterzbischofs und Kurfürsten Johann Philipp von Schönborn (regierte 1647-1673). Er ließ an mehreren Festungen bauen, in Würzburg an der Festung Marienberg und in Mainz an der dortigen Zitadelle, doch nirgends wird sein Wappen so aufwendig dargestellt wie hier. Johann Philipp von Schönborn, seit 1663 Reichsfreiherr, war in drei Bistümern Bischof und in drei Hochstiften Landesherr: in Würzburg ab 1642, in Mainz ab 1647 und in Worms ab 1663. An der Zitadelle Petersberg ist in allen Wappen das Wormser Symbol enthalten, so daß die zwischen 1663 und 1673 benutzte Form zu sehen ist.

Das Wappen ist wie folgt aufgebaut: Hauptschild: geteilt und zweimal gespalten, Feld 1: "Fränkischer Rechen" = von Rot und Silber mit drei aufsteigenden Spitzen geteilt, Herzogtum zu Franken, Feld 2 und 5: in Rot ein silbernes sechsspeichiges Rad, Erzstift Mainz, Feld 3 und 6: in Schwarz ein schräg aufwärts gerichteter und schräggestellter silberner Schlüssel, begleitet von eigentlich 4:4, hier nur 4:3 goldenen Schindeln, Hochstift Worms, Feld 6: "Rennfähnlein" = in Blau eine rot-silbern gevierte und an den beiden senkrechten Seiten je zweimal eingekerbte, schräglinksgestellte Standarte mit goldenem Schaft, Hochstift Würzburg, Herzschild: in Rot auf drei silbernen Spitzen ein schreitender, goldener, gekrönter Löwe, Stammwappen der Grafen von Schönborn.

Dazu werden sechs Helme geführt. Es ist eine große Seltenheit, das Wappen dieses Kurfürsten mit vollständigem Oberwappen in der Bauplastik zu finden, weil es meist nur mit Kurhut geführt wird.

In der Mitte ragt ein Prozessionskreuz zwischen den beiden mittleren Helmen empor, außen neben Helm 5 ist das schrägrechts gestellte, gestürzte Schwert für die weltliche Landesherrschaft zu sehen, gegenüber außen neben Helm 6 der schräglinks gestellte Krummstab für die geistliche Macht im Kurstaat. Als Schildhalter dienen zwei goldene Löwen wie im Wappen der von Schönborn. An der Würzburger Festung gibt es am Neutor zwar auch eine Darstellung mit allen Helmen, doch weil das Neutor früher als die Erfurter Zitadelle erbaut wurde, fehlen alle Wormser Elemente. Daher ist am Erfurter Peterstor die aufwendigste Form mit allen sechs möglichen Kleinoden zu sehen. Wie im folgenden gezeigt wird, gibt es noch viele Wappen dieses Kurfürsten an der Zitadelle. Er ließ praktisch jede während seiner Amtszeit errichtete Bastion auf beiden Flanken mittig mit seinem Wappenschild ausstatten. Dafür wurde aber stets die einfache Variante nur mit Kurhut, Schwert und Krummstab gewählt, ohne Oberwappen und ohne Schildhalter.

Die Bastion Martin ist die südlichste Bastion der Zitadelle. Zwischen den Bastionen Gabriel und Kilian schiebt sie sich fast genau nach Süden in Richtung Altstadt. Sie wurde 1667-1668 durch italienische Bautrupps errichtet. Eine Hauptzufahrtsstraße in die Innenstadt, das Lauentor, durchschneidet seit 1920/21 hier die Zitadelle und trennt die Bastion Martin vom Festungskörper ab. Im Bild oben ist die Westflanke.

Das Wappen links an der Westflanke der Bastion Martin ist auf 1668 datiert und zeigt das Wappen des Mainzer Kurfürsten Johann Philipp von Schönborn wie beschrieben.

Die Bastion Martin ist wegen ihrer exponierten Lage heute ein beliebter Aussichtspunkt, von dem man den Blick über die Altstadt genießen kann. An der Spitze befindet sich ein kleines Wachhäuschen. Ab 1997 wurde die Bastion saniert. Im Bild die Südostflanke der Bastion.

Das Wappen rechts an der Südostflanke der Bastion Martin ist auf 1668 datiert und zeigt das Wappen des Mainzer Kurfürsten Johann Philipp von Schönborn wie beschrieben.

Die Bastion Kilian liegt stadtseitig im Südosten der Zitadelle zwischen der Bastion Martin und der Bastion Leonhard. In den Winkel zwischen den beiden letztgenannten ist noch das freistehende Ravelin Peter vorgeschoben. Im Bild oben die südwestliche Flanke der Bastion Kilian, dahinter angeschnitten das Ravelin Peter. Unten am Mauerfuß befindet sich ein 1943-1944 angelegter Schutzeingang mit zwei Treppen und einer Betonüberdachung. Hier kam man zu den Minengängen, die als Luftschutzräume der Erfurter Zivilbevölkerung bei britischen und amerikanischen Luftangriffen genutzt wurden.

 

Abb. links: Das Wappen links an der Südwestflanke der Bastion Kilian ist auf 1669 datiert und zeigt das Wappen des Mainzer Kurfürsten Johann Philipp von Schönborn wie beschrieben. Abb. rechts: Erker mit Wachtürmchen an der Spitze der Bastion Kilian.

Die Bastion Kilian ist von besonderer Wichtigkeit, weil sie zusammen mit der Bastion Leonhard den Hauptzugang in die Zitadelle schützt. Im Bild oben die Südostflanke der Bastion Kilian mit Blick in den Zwischenraum zum Ravelin Peter (1708, abgerissen und rekonstruiert; unten ist ein Raum als Weinkeller eingerichtet). Die Bastion Kilian wurde 1668-1669 von italienischen Bautrupps errichtet. 1995-1998 wurde sie saniert. Sie wird heute für Veranstaltungen genutzt.

 

Abb. links: Das Wappen an der Südostflanke der Bastion Kilian ist auf 1669 datiert und zeigt das Wappen des Mainzer Kurfürsten Johann Philipp von Schönborn wie beschrieben. Abb. rechts: Blick von unten auf den Wacherker an der Bastionsspitze.

Die Bastion Leonhard ist eine der flächengrößten Bastionen und liegt stadtseitig im Südosten der Zitadelle zwischen der Bastion Kilian und der Bastion Philipp. Ihre Spitze zeigt genau auf den Dom und St. Severi. Im Bild oben die südliche Flanke der Bastion Kilian, links angeschnitten das Ravelin Peter. Die Bastion wurde 1665-1666 von italienischen Bautrupps errichtet. Sie wurde 1995-1996 saniert. Die großen Bastionen erhielten bei ihrer Renovierung großflächige Schriftzüge mit ihren Namen.

Das Wappen in der Mitte der Südflanke der Bastion Leonhard ist auf 1666 datiert und zeigt das Wappen des Mainzer Kurfürsten Johann Philipp von Schönborn wie beschrieben. Auf der Ostflanke der Bastion befindet sich ein weiterer, inhaltsgleicher Wappenstein (ohne Abb.).

Die Bastion Philipp, welche die östliche Spitze der Zitadelle bildet und zwischen Bastion Leonhard und Bastion Franz liegt, wurde 1668-1669 von italienischen Bautrupps errichtet und 1996-1997 saniert. Ein kleiner Wacherker ziert die Bastionsspitze. Im Bild ist die südliche Flanke. Am Mauerfuß ist ein Schutzraumzugang aus dem Zweiten Weltkrieg zu sehen.

Das Wappen in der Mitte der Südflanke der Bastion Philipp zeigt das Wappen des Mainzer Kurfürsten Johann Philipp von Schönborn wie beschrieben. Die Jahreszahl ist nicht mehr zu erkennen, zu erwarten wäre 1669.

Ein weiterer, aus seinem ursprünglichen Kontext herausgelöster Wappenstein dieses Kurfürsten ist am inneren Ausgang des Peterstores als Spolie aufgestellt. Der Stein ist auf das Jahr 1669 datiert. Die Auflistung der kurfürstlichen Wappen ist übrigens nicht vollständig, weil die nördlich gelegenen Bastionswälle (Bastion Johann, Bastion Franz, Ravelin Lothar) nicht photographisch erfaßt wurden.

Die Bastion Michael (1685-1695, teilweise restauriert, Nutzung als Jugendverkehrsgarten Stadt Erfurt) bildet die Nordwestspitze der Zitadelle. Sie ist eine der drei flächengrößten Bastionen und liegt zwischen den Bastionen Gabriel (1676-1695, geschleift, teilrestauriert, Naturschutzgebiet) und Bastion Johann (1675-1695, restauriert, Nutzung als Park), jeweils durch ein längeres, mit einem Ravelin geschützten Zwischenstück getrennt. Diese Bastion zeigt heute in Richtung Gutenbergplatz und Gutenberg-Gymnasium. Da das Gelände hier weniger steil abfällt als an der Süd- und an der Ostseite, wurde hier ein besonders aufwendiges System mit mehreren Ravelins und Lünetten und davor weiteren Zickzack-Festungsgräben gebaut. Die Nordflanke der Bastion Michael, die kürzer war als die restaurierte Südwestflanke (im Bild), wurde geschliffen und ist nicht mehr erhalten.

Das Wappen in der Mitte der Südwestflanke der Bastion Michael ist undatiert und zeigt das Wappen des Mainzer Kurfürsten Anselm Franz von Ingelheim (regierte 1679-1695). Seine Schildkartusche ist geviert, Feld 1 und 4: in Rot ein silbernes, sechsspeichiges Rad, Erzstift Mainz, Feld 2 und 3: in Schwarz ein rot-golden geschachtes, durchgehendes Kreuz, Stammwappen der von Ingelheim. Anstelle einer heraldisch üblichen, schildförmigen Einfassung werden die Inhalte hier in einen runden Laubkranz gesetzt. Oben ruht der Kurhut auf der Komposition, schrägrechts ist der Krummstab dahinter gestellt, schräglinks das gestürzte Schwert, beide hinter der Schildkartusche schräggekreuzt. An der geschliffenen Nordflanke der Bastion wäre ein ebensolches Wappen zu erwarten gewesen.

Das Ravelin Anselm ist eine vorgeschobene bauliche Einheit, die isoliert im Vorfeld des Zwischenraumes zwischen den Bastionen Michael und Gabriel steht. Sie schützt die dahinter liegende Kurtine (geraden Wallabschnitt zwischen zwei Bastionen). Das Ravelin zeigt mit seiner Spitze genau nach Westen. Die hinter dem Ravelin Anselm liegende Kurtine mußte besonders geschützt werden, weil sie relativ lang ist, die Bastionen Michael und Gabriel relativ weit auseinander stehen und weil hier ein zweites Tor in die Festung liegt. Entsprechend wurde nicht nur das Ravelin gebaut, sondern in die Zwickel zwischen Ravelin und den beiden Bastionen kamen jeweils noch Lünetten, ebenfalls gänzlich von der Hauptfestung losgelöste Bauwerke in Bastionsform mit je zwei Facen und zwei Flanken. Die nördliche Lünette ist noch intakt, die südliche Lünette wurde zwecks Anlegung einer Straße halb geschliffen. Das Ravelin Anselm wurde um 1680 errichtet und 1996-1998 saniert.

Das Wappen auf der Nordwestflanke des Ravelin Anselm ist undatiert und zeigt das Wappen des Mainzer Kurfürsten Anselm Franz von Ingelheim wie oben beschrieben. Gegenüber dem Wappen an der Bastion Michael sind allein die Positionen von Krummstab und Schwert vertauscht.

Das Wappen auf der Südwestflanke des Ravelin Anselm ist undatiert und zeigt das Wappen des Mainzer Kurfürsten Anselm Franz von Ingelheim wie oben beschrieben.

Ein weiterer, aus seinem ursprünglichen Kontext herausgelöster Wappenstein dieses Kurfürsten ist am inneren Ausgang des Peterstores als Spolie aufgestellt. Der Stein ist wie die anderen dieses Fürstbischofs undatiert. Bei diesem Stein steht der Krummstab wieder schrägrechts, das gestürzte Schwert schräglinks. Ansonsten ist die Gestaltung aller Ingelheim-Steine gleich mit dem Laubkranz.

Eine zweite Ausbauphase kann man auf den Zeitraum von 1707 bis 1737 datieren. Festungsbautechnisch kam es zu einem Paradigmenwechsel. Bisher war unter Petrini das italienische Befestigungssystem prägend. Nun hatte Maximilian von Welsch die Bauleitung inne, der sich eher am französischen Festungsbaustil nach Prinzipien des Festungsbaumeisters Vauban orientierte: Das Vorfeld, das Glacis wurde wichtig, und die isolierten Bauwerke im Glacis, die das Vorfeld in Zickzackwege auflösten, auf denen jedes Vordringen zum Spießrutenlauf werden würde, bestimmten dieses neue System. Ein Ravelin war ja bereits unter Anselm Franz von Ingelheim entstanden, und das gab bereits die neue Richtung vor: Die Festung griff nach außen immer weiter ins Gelände vor. Unter Maximilian von Welsch entstanden das Ravelin Peter, die Lünetten I und II zum Lückenschluß, die Zickzackgräben auf dem Glacis (1708-1713) und ein gestaffeltes Palisadensystem. All das diente dazu, den Angreifer möglichst weit draußen abzufangen, aufzuteilen in kleine Grüppchen, in Kreuzfeuer-Fallen zu locken, den Herantransport von Geschützen etc. zu verhindern: Der beste Angreifer war der, der gar nicht bis an die Bastionsmauern herangelassen wurde. Eine der jüngsten Zutaten war das im Südwesten als Außenwerk errichtete Hornwerk (1725-1728), das aber nur noch teilweise erhalten ist. Dadurch wurde die Verteidigungsfähigkeit beträchtlich erhöht. Die alten Bastionen aus der ersten Ausbauphase wurden modernisiert, in die Hauptwälle wurden Gänge, Geschütz-Kasematten und Poternen (gedeckte Gänge) eingebaut. Maximilian von Welsch beendete seien Tätigkeit in Erfurt 1726. Die letzte Bautätigkeit an der Zitadelle war der Einbau von zwei Geschützkasematten 1736-1737 in die Bastion Franz.

In den letzten Jahrzehnten des Kurfürstentums wurde nicht mehr viel an der Zitadelle gebaut. Im Gegenteil, ab den späten 1730er-Jahren führte man nur die nötigsten Instandsetzungsarbeiten durch. Die Wälle verfielen ohne Pflege, und 1735 sackte ein Teil der Bastion Philipp in den Graben ab. Kurmainz war einfach finanziell zu klamm, um hier noch viel zu investieren. Im Siebenjährigen Krieg 1756-1763 verschanzten sich Mainzer und Kaiserliche auf dem Petersberg, während die Truppen des preußischen Königs Friedrich II. die Stadt mehrfach besetzen. Groß war die Wirkung der Zitadelle nicht mehr. 1782-1784 war der Fortschritt des Verfalls so dramatisch, daß die Mainzer Regierung sogar darüber nachdachte, alles komplett abzureißen und zu schleifen, ehe noch mehr einstürzt. Doch auch dazu kam es nicht, für uns heute glücklicherweise. Erfurt wurde 1802 preußisch, 1806-1814 französisch und 1814 wieder preußisch. Erst 1803 wurde das Kloster auf dem Petersberg aufgehoben. Napoléon erkannte den militärischen Wert der in die Jahre gekommenen Anlage und ließ sie angesichts der gegen ihn gebildeten Koalition aus Preußen und den Reichen Rußland und Österreich 1812-1813 verstärken. 1813 wurde die beschädigte Peterskirche zum Magazin umgebaut. Tatsächlich geriet die Zitadelle Petersberg am 6.11.1813 unter ernsthaften Beschuß, zum ersten Mal, aber die Schäden waren gering. Nur die Klostergebäude gingen kaputt. Trotzdem waren die Preußen stärker, allein zahlenmäßig weit überlegen, und Napoléon mußte ihnen die Zitadelle überlassen. Preußen fand die Zitadelle klasse! Erfurt wurde zur Festung ersten Ranges ausgebaut. Nun hielt die dritte festungsbautechnische Philosophie Einzug: Die Widerstandkraft sollte zum Zentrum der Anlage hin massiv zunehmen. Das Zentrum wurde verstärkt, indem alles zum Schutz der Kasematten gegen mögliche Bomben im Innern hoch mit Erde bedeckt wurde gegen mögliche Bomben. Geschützkaponnieren, Pulvermagazine, Kanonenhöfe und neue Kasematten verstärkten das Zentrum weiter. Das ohnehin kaputte Peterskloster riß man bis auf die Kirche ab und baute statt dessen 1828-1831 die sogenannte Defensionskaserne für ca. 500 Soldaten, die so stark und durch eine dicke Erdschicht auf dem Dach bombensicher wurde, daß eine Festung innerhalb der Festung entstand. Später erhielt sie 1913 ein zweigeschossiges Mansarddach. In preußischer Zeit wurde auch 1864 die Bogenbrücke zum Peterstor aus Stein erneuert. Bis dahin bestand hier noch eine leicht abzubrechende Holzkonstruktion.

Ein Wappen aus preußischer Zeit ist über dem neuen Anselmitor zu sehen. Das war ein Hilfstor am südlichen Ende der Kurtine zwischen den Bastionen Michael und Gabriel. Es lag gut geschützt und versteckt hinter dem Ravelin Anselm und den beiden Lünetten. Es war nach außen noch durch eine Zugbrücke geschützt. Der Torweg ist nicht gerade, sondern knickt sofort nach Passieren des Tores um 90 Grad nach Norden ab und verläuft in einem langen gedeckten Gang bzw. Tunnel auf die nächsthöhere Ebene (mit unterer und oberer Poterne, gedeckte Gänge). Dieses Tor ist das einzige feldseitige Tor zur Zitadelle. Es wurde erst 1828-1829 durch das preußische Ingenieur- und Pioniercorps eingebaut und ersetzte das früher in der Mitte der Kurtine befindliche, alte Anselmitor, das mittig hinter dem Ravelin Anselm lag. Als die Festung 1873 aufgehoben wurde, wurden die Zugbrücke abgebrochen, der Brückengraben verfüllt, ebenso wie der Brückenkeller und die obere Rampe. 1998-1999 wurde die Anlage saniert, wobei die beiden Poternen wieder freigelegt und erschlossen wurden. 1999-2000 wurden der Brückenkeller, der Brückengraben und die als Wippbrücke gestaltete Zugbrücke und die obere offene Rampe wieder freigelegt bzw. rekonstruiert. Das Wappen ist das des Königreichs Preußen, in Silber ein königlich gekrönter, schwarzer, golden bewehrter und rotgezungter Adler mit goldenen Kleestengeln auf den Flügeln und goldenem preußischen Königszepter mit schwarzem Adler rechts und blauem, golden beschlagenen Reichsapfel links in den Fängen sowie den Initialen FR (für Fridericus Rex, König Friedrich I.) auf der Brust.

Im Deutschen Kaiserreich verlor die Zitadelle an Bedeutung, wie fast alle alten Festungen. 1873 wurde der Festungsstatus Erfurts durch Kaiser Wilhelm I. aufgehoben. Eigentlich sollten die nun überflüssigen Anlagen der Schleifung anheimfallen, doch das war bei der 15 ha großen Anlage zu teuer. Die Ravelins Peter im Südosten und Wilhelm im Nordosten, das Hornwerk im Südwesten und die Nordwestflanke der Bastion Gabriel wurden abgetragen; die äußeren Wälle und Gräben wurden eingeebnet. Eine neue Straße wurde von Westen kommend angelegt, der auf der teilgeschleiften Lünette II verläuft. Die Kasernen wurden weiter genutzt, außerdem nutzte man den Petersberg als Patronenfabrik und als Militärgefängnis. Ab 1920 legte man Kleingärten im westlichen Glacisbereich an. 1921 durchschnitt man die bis dahin vollständig erhaltene Bastion Martin mit einer neuen Zufahrtsstraße zur Innenstadt, dem Lauentor. Erst 1964 endete die letzte militärische Nutzung der Zitadelle, zuletzt noch von der Kasernierten Volkspolizei und der Nationalen Volksarmee, und 1990 begann man mit der Sicherstellung und Sanierung der Festung und der Peterskirche.

Literatur, Links und Quellen:
Steffen Raßloff: Historische Verbindungen zwischen Erfurt und Mainz, Artikel in der Thüringer Allgemeinen 2008: http://www.erfurt-web.de/Historische_Verbindungen_Erfurt-Mainz
Plan des Petersberges:
http://www.petersberggeschichte.info/images/skizze%20plan%20petersberg2.gif und http://www.erfurt-web.de/Datei:PetersbergPlan.jpg
Datierung der einzelnen Bauwerke:
http://www.petersberggeschichte.info/wege-plan/legende.html
Chronik der Stadt Erfurt:
http://www.erfurt.de/ef/de/erleben/entdecken/geschichte/chronik/111883.html
Historische Beziehungen Erfurt - Mainz:
http://www.erfurt-web.de/Historische_Beziehungen_Erfurt_Mainz
Steffen Raßloff: Erfurt und Mainz, 20 Jahre Städtepartnerschaft mit langer Vorgeschichte, in: Stadt und Geschichte, Zeitschrift für Erfurt, 40 (2008), S. 30.
Steffen Raßloff: 100 Denkmale in Erfurt, Geschichte und Geschichten, Thüringen Bibliothek Bd. 11, Essen 2013.
Zitadelle Petersberg:
http://www.erfurt-web.de/Zitadelle_Petersberg
Zitadelle Petersberg:
https://de.wikipedia.org/wiki/Zitadelle_Petersberg
Siebmachers Wappenbücher, Band Bistümer
Die Wappen der Hochstifte, Bistümer und Diözesanbischöfe im Heiligen Römischen Reich 1648-1803, hrsg. von Erwin Gatz, erstellt von Clemens Brodkorb, Reinhard Heydenreuter und Heribert Staufer, Schnell & Steiner Verlag 2007, ISBN 978-3-7954-1637-9
Peter Kolb: Die Wappen der Würzburger Fürstbischöfe. Herausgegeben vom Bezirk Unterfranken, Freunde Mainfränkischer Kunst und Geschichte e.V. und Würzburger Diözesangeschichtsverein. Würzburg, 1974. 192 Seiten.
Hinweistafeln auf dem Petersberg und an den einzelnen Bastionen
350 Jahre Zitadelle Petersberg: Historischer Kontext - Bauphasen - Schicksal und Chancen des Petersberges, Tagungsband eines wissenschaftlichen Kolloquiums 2015, Hrsg. vom Verein Freunde der Citadelle Petersberg zu Erfurt e.V., Erfurt 2016.
Freunde der Citadelle Petersberg zu Erfurt e.V.
http://petersberg.info/
Geschichte der Zitadelle:
http://petersberg.info/geschichte-der-ci/ und http://www.petersberggeschichte.info/
Horst Moritz, Bernd Könnig, Karl-Heinrich Reich, Dieter Schreck, Holger Werner: Die Festung Petersberg im Überblick 1664-2008, hrsg. von dem Verein Freunde der Citadelle Petersberg zu Erfurt e. V., 2004
Horst Moritz, Bernd Könnig, Jürgen Nehls, Karl Heinrich Reich, Dieter Schreck, Holger Werner: Der Petersberg und seine wichtigsten Bauten, hrsg. von dem Verein Freunde der Citadelle Petersberg zu Erfurt e. V., 2006
Bernd Könnig, Volker Barczyk, Dieter Schreck, Holger Werner, Helmut-Eberhard Paulus: Citadelle Petersberg, amtlicher Führer, hrsg. von dem Verein Freunde der Citadelle Petersberg zu Erfurt e. V. und der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, 2015
Historischer Stadtplan der Festung Erfurt:
http://www.petersberggeschichte.info/images/karte_festung_erfurt.gif und http://www.petersberggeschichte.info/images/robert_huth1907.jpg - https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2a/Grundri%C3%9FPetersberg_1814.jpg
Steffen Raßloff: Petersberg
http://www.erfurt-web.de/Petersberg
Steffen Raßloff: Portal Zitadelle Petersberg - Symbol der Macht, Beitrag der Serie Denkmale in Erfurt aus der Thüringer Allgemeinen vom 29.09.2012:
http://www.erfurt-web.de/Petersbergportal
Johann Philipp von Schönborn:
https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Philipp_von_Schönborn
Winfried Romberg: Die Würzburger Bischöfe von 1617 bis 1684, Germania Sacra, Dritte Folge, 4: Die Bistümer der Kirchenprovinz Mainz, das Bistum Würzburg 7, de Gruyter, Berlin 2011, ISBN 978-3-11-025183-8
Alfred Wendehorst: Johann Philipp von Schönborn, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 10, Duncker & Humblot, Berlin 1974, ISBN 3-428-00191-5, S. 497-499
http://daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00016327/images/index.html?seite=511 - https://www.deutsche-biographie.de/gnd118610066.html#ndbcontent
Constantin von Wurzbach: Johann Philipp von Schönborn, in: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, 31. Theil, Kaiserlich-königliche Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1876, S. 136 f.
https://de.wikisource.org/wiki/BLKÖ:Schönborn,_Johann_Philipp_von - http://www.literature.at/viewer.alo?objid=12540&page=156&scale=3.33&viewmode=fullscreen
Anselm Franz von Ingelheim:
https://de.wikipedia.org/wiki/Anselm_Franz_von_Ingelheim_(1634-1695)
Anton Ph. Brück: Anselm Franz von Ingelheim, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 1, Duncker & Humblot, Berlin 1953, ISBN 3-428-00182-6, S. 310 f.
https://www.deutsche-biographie.de/gnd118971344.html#ndbcontent - http://daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00016233/images/index.html?seite=328
Franz Werner: Anselm Franz Freiherr von Ingelheim, in: Der Dom von Mainz und seine Denkmäler; nebst Darstellung der Schicksale der Stadt und der Geschichte seiner Erzbischöfe. 1836, S. 71-106
http://books.google.de/books?id=ejECAAAAcAAJ&pg=PA71

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