Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2346
Erfurt (Landeshauptstadt)

Obelisk auf dem Domplatz

Auf dem Domplatz steht auf einem Granitsockel ein 18 m hoher Obelisk aus in Wandersleben abgebautem Sandstein, der an einen Besuch des Landesherrn im Jahr 1777 erinnert. Die ursprüngliche Inschrift auf der Südostseite trieft vor zeitgemäßer Devotheit und lautet: "DEM BESTEN VATER DES LANDES FRIEDRICH CARL IOSEPH DES HEIL(IGEN) STUHLES ZU MAINZ ERZBISCHOFF DES HEIL(IGEN) RÖM(ISCHEN) R(EICHES) DURCH GERM(ANIEN) ERZKANZLER UND CHURFÜRST AUCH FÜRST UND BISCHOFF ZU WORMS etc. etc. GEBOREN DEN 3. JANUARII 1719 ERWAEHLT DEN 18. JULI 1774 IN HOECHST EIG(E)NER PERSON GEGENWAERTIG IN ERFURT DEN 17. MAJI 1777 DIESES DENKMAL HABEN ZU EWIGER GEDAECHTNIS AUS TIEFST GEBÜHRENDER DANKBARKEIT DER HOECHST GNAEDIGEN HULDREICHSTEN GEGENWART SEINER CHURFÜRSTLICHEN GNADEN ERRICHTET DIE TREUEN UNTERTHANEN DIESER STADT ERFURT." Der steinerne Schleim und Fußfall vor dem Landesherrn kostete damals 1120 Taler, von denen die Bürger 858 Taler per Sammlung aufbrachten.

Die zweite Inschrift auf der Nordwestseite berichtet von der Erneuerung des Denkmals im Jahre 1899: "DIESES DENKMAL AUS ERFURTS KUR-MAINZISCHER ZEIT WURDE ERNEUERT IM JAHRE 1899 IM 97 JAHRE NACH DER VEREINIGUNG ERFURTS MIT DEM PREUSSISCHEN STAATE IM 29 JAHRE SEIT DER WIEDERAUFRICHTUNG DES DEUTSCHEN REICHES UNTER DER REGIERUNG KAISER WILHELMS II." Weitere Teilrestaurierungen folgten 1990 und 2005.

 

Das auf der Nordwestseite angebrachte Wappen ist das des Mainzer Fürstbischofs Friedrich Karl Joseph von Erthal (3.1.1719-25.7.1802), dem vorletzten Fürstbischof auf dem Mainzer Bischofsstuhl. Er hatte 1774-1802 gleichzeitig die beiden Bistümer Mainz und Worms inne. Der Hauptschild ist geviert, Feld 1 und 4: in Rot ein silbernes, sechsspeichiges Rad, Erzstift Mainz, Feld 2 und 3: in Schwarz ein schräg aufwärts gerichteter silberner Schlüssel, begleitet von 4:4 goldenen Schindeln, Hochstift Worms, Herzschild: Stammwappen von Erthal, geviert: Feld 1 und 4: in Rot zwei silberne Balken, Feld 2 und 3: ledig und blau. Der Schmuck mit Laubgirlanden und Palmwedeln ist zeittypisch klassizistisch.

Die anderen Seiten tragen ähnliche Kartuschen, eine mit dem Monogramm FCJ, eine andere mit dem Brustbild des Kurfürsten. Für Erfurt war er der letzte Kurfürst, denn kurz nach seinem Tod kam die Stadt für die kommenden anderthalb Jahrhunderte an Preußen, worauf die zweite Inschrift (s. o.) verweist. Interessant ist die Wahl der Form des Denkmals. Einerseits lagen natürlich die antikisierenden Formen in der Luft, als man klassizistische Architektur baute. Andererseits war das Zeitalter der Aufklärung auch das Zeitalter der Freimaurerei, und in deren Symbolik paßt der die ägyptische Formensprache zitierende Obelisk hervorragend. Der kurmainzische Statthalter in Erfurt war damals, als der Obelisk aufgestellt wurde, Karl Theodor von Dalberg (1744-1817), der Friedrich Karl Joseph von Erthal in Mainz als Fürstbischof nachfolgte und später Fürstprimas des Rheinbundes wurde. 1772-1802 war er kurfürstlicher Statthalter, residierte in der prächtigen kurmainzischen Statthalterei in der Regierungsstraße und machte als Anhänger der Aufklärung Erfurt zu einem kulturellen Zentrum dieser Zeit. Er war selbst Angehöriger des Illuminaten-Geheimbundes und stand der Freimaurerei offen gegenüber. Während seiner Amtszeit wurde in Erfurt 1787 die Loge "Carl zu den 3 Rädern" gegründet.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere Band Bistümer
Die Wappen der Hochstifte, Bistümer und Diözesanbischöfe im Heiligen Römischen Reich 1648-1803, hrsg. von Erwin Gatz, erstellt von Clemens Brodkorb, Reinhard Heydenreuter und Heribert Staufer, Schnell & Steiner Verlag 2007, ISBN 978-3-7954-1637-9
Friedrich Karl Joseph von Erthal:
https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Karl_Joseph_von_Erthal
Emanuel Leser: Friedrich Karl Joseph Freiherr von Erthal, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 7, Duncker & Humblot, Leipzig 1877, S. 552-557, online: https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Friedrich_Karl_(Kurfürst)
Heribert Raab: Friedrich Karl Freiherr von Erthal, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 5, Duncker & Humblot, Berlin 1961, ISBN 3-428-00186-9, S. 517 f., online:
http://daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00016321/images/index.html?seite=533
Friedrich Karl Joseph von Erthal: http://www.aschaffenburg.de/de/Kultur__Tourismus/Stadtportrait/Aschaffenburger_Persoenlichkeiten/normal/chf/index_1643.html - http://www.regionalgeschichte.net/bibliothek/texte/biographien/erthal-friedrich-karl-joseph.html
Alfred F. Wolfert, Aschaffenburger Wappenbuch, Veröffentlichung des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg e. V., Aschaffenburg 1983
Obelisk:
https://de.wikipedia.org/wiki/Erthal-Obelisk
Steffen Raßloff: Erthal-Obelisk - Das Zeitalter der Erleuchtung, Beitrag der Serie Denkmale in Erfurt aus der Thüringer Allgemeine, Teil 2, vom 23.7.2011:
http://www.erfurt-web.de/Erthal_Obelisk_Domplatz_Erfurt
Erthal-Obelisk:
http://www.erfurt-lese.de/index.php?article_id=213
Steffen Raßloff: 100 Denkmale in Erfurt, Geschichte und Geschichten, Thüringen Bibliothek Bd. 11, Essen 2013.

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