Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2340
Grünberg (Landkreis Gießen)

Das Grünberger Schloß (ehem. Antoniterkloster)

Im Norden der Altstadt von Grünberg, direkt an der ehemaligen Stadtmauer, liegt ein dreiflügeliger Komplex, dessen straßenseitiger Flügel das landesfürstliche Schloß ist (Rosengasse 2). Es handelt sich bei dem Komplex um ein ehemaliges Antoniterkloster, das wie alle hessischen Klöster von Landgraf Philipp (1504-1567) im Jahre 1527 aufgehoben wurde, nachdem 1526 die Reformation in Hessen eingeführt worden war. Der kurze Westflügel mit den Strebepfeilern und dem gotischen Sakristeifenster enthielt die Klosterkirche, und im der Stadtmauer aufsitzenden langen Nordflügel befanden sich einst der Mönchsbau und vermutlich auch das Refektorium. Das wurde später zum Marstall umgebaut. Dort befindet sich heute u. a. die Schloß-Apotheke. Die Einkünfte des Klosters aus Grundbesitz etc. dienten nach der Auflösung der Universität Marburg als Finanzierung, ab 1625 der Universität Gießen, die 1607 gegründet worden war. Nach Osten mit einer deutlichen baulichen Lücke abgesetzt steht noch ein vierter Flügel, der dreigeschossige, in Fachwerk ausgeführte sogenannte Universitätsbau: Während der Pestepidemie 1542 wurde die Universität Marburg in das Gebäude ausgelagert, und 1613 die Gießener Universität aus dem gleichen Grund.

Das Hauptgebäude des Klosters wurde im Auftrag von Landgraf Ludwig IV. von Hessen-Marburg (27.5.1537-9.10.1604) umgenutzt und nach 1577 von Baumeister Eberhard Baldwein zum Schloß umgebaut. Es entstand ein massiv aus Stein gebauter Traufbau von drei Geschossen Höhe. An der Front zur Rosengasse wurden zwei jeweils zweigeschossige Fachwerkerker mit Zwerchgiebel angebaut. Die Erker sind ein bißchen ungleich; sie haben zwar beide je vier Fenster pro Geschoß, aber der rechte Erker ist um ein Gefach breiter als der linke. Rechts entstand noch ein dreigeschossiger Anbau, der ebenfalls zum Großteil aus Fachwerk besteht. Stilistisch weisen einige Merkmale wie die Zweischiffigkeit der Räume ohne Flure und die unregelmäßige Fensterstellung noch spätgotische Elemente auf, andererseits verweisen die Formen der Schweifgiebel klar in die Renaissance. Die Treppe ist eine an der Gebäudeseite innen liegende Spindel. Gedacht war das hergerichtete Gebäude als späterer Witwensitz für seine Frau, Hedwig von Württemberg (15.1.1547-4.3.1590). Diese starb allerdings schon vor ihrem Ehemann, so daß Grünberg dann eben Witwensitz für Ludwigs zweite Frau wurde, Maria von Mansfeld-Hinterort (1567-). Danach wurde das Gebäude von den Landgrafen als Jagdschloß verwendet. 1594 wurde das Gebäude noch einmal umgebaut.

Die heraldischen Spuren muß man im Innenhof auf der Rückseite des straßenparallelen Flügels suchen. Etwa in Position des im obigen Bild rechten Fachwerkerkers befindet sich auf der Rückseite eingemauert ein Wappenstein, der die von einem bärtigen Mann gehaltenen Wappenschilde für Landgraf Wilhelm II. von Hessen (29.3.1469-11.7.1509) und seine Frau Anna von Mecklenburg (14.9.1485-12.5.1525) abbildet. Dieser Wappenstein stammt aus der Zeit vor der Auflösung des Klosters und vor dem Umbau zum Schloß und ist hier als Spolie vermauert. Zwischen beiden Schilden befindet sich noch ein kleiner Schild mit dem Antoniterkreuz auf der Brust des Schildhalters und weist ihn so als Mönch des Antoniterklosters aus.

 

Der heraldisch rechte, vollständig und insgesamt gewendete Schild gehört zu Landgraf Wilhelm II. von Hessen (29.3.1469-11.7.1509), Sohn von Ludwig III. Landgraf von Hessen (7.9.1438-8.11.1471) und Mathilde (Mechthild) von Württemberg-Urach (-1495). Er regierte zunächst ab 1483 in Kassel gemeinsam mit seinem Bruder, ab 1493 allein. Der Hintergrund war, daß sein Bruder Wilhelm I. Landgraf von Hessen (4.7.1466-8.2.1515), der 1471 Landgraf wurde, an einer durch Syphilis ausgelösten Geisteskrankheit litt, sich nach Spangenberg zurückzog und 1493 auf die Herrschaft verzichtete. Ab 1500 regierte er auch in Marburg. Hier war der Hintergrund, daß sein Vetter, auch ein Wilhelm, kinderlos verstorben war und das Erbe geteilt wurde. Im Jahr 1500 übernahm er auch die Grafschaft Katzenelnbogen, nachdem er den Erbstreit mit den Grafen von Nassau durch Aussitzen de facto zugunsten Hessens entschied. Er heiratete in erster Ehe 1497 Jolanthe von Vaudémont, die aber 1500 im Kindbett starb. Hier sehen wir seinen Schild in Begleitung desjenigen seiner zweiten Frau, die er am 20.10.1500 geheiratet hatte.

Sein Wappenschild enthält eine Kombination, die 1479-1642/1659 geführt wurde, und ist geviert mit Herzschild: Feld 1: in Gold ein roter Löwe, blau bewehrt und blau gekrönt, Grafschaft Katzenelnbogen, Feld 2: schwarz-golden geteilt, oben ein silberner sechsstrahliger Stern, Grafschaft Ziegenhain, Feld 3: schwarz-golden geteilt, oben zwei achtstrahlige silberne Sterne, Grafschaft Nidda, Feld 4: in Rot zwei goldene, blau bewehrte, schreitende, hersehende Löwen, Grafschaft Diez, Herzschild: in Blau ein silbern-rot mehrfach geteilter Löwe, golden gekrönt und golden bewehrt, Landgrafschaft Hessen (Stammwappen).

Heraldisch links befindet sich der Schild für Wilhelms Ehefrau, Anna von Mecklenburg (14.9.1485-12.5.1525). Sie war seine zweite Frau und die Tochter von Magnus II. Herzog von Mecklenburg-Schwerin (1441-20.11.1503) und Sophia von Pommern-Wolgast (ca. 1458-26.4.1504). Während ihr Ehemann seit 1506 bis zu seinem Tod an Syphilis siechte, an der er sich 1504 infiziert hatte und die schon zuvor dessen älteren Bruder hinweggerafft hatte, glänzte sie durch Tatendrang, auch wenn die Regierung zunächst von einem Regentschaftsrat ausgeübt wurde. Ihr Gatte setzte sie in seinem zweiten Testament aus dem Jahre 1508 als Regentin ein. Das wurde jedoch von den hessischen Ständen nicht hingenommen, die sich auf ein erstes, anderslautendes Testament aus dem Jahr 1506 mit darin vorgesehenen fünf Räten als Regenten beriefen. Tatsächlich errichtete die Witwe, nachdem sie nach ihres Gatten Tod erst fünf Jahre lang um die Herrschaft, also um die Vormundschaft für den minderjährigen Erben, kämpfen mußte, 1514-1518 eine musterhafte Landesverwaltung, freilich ohne offiziell dafür legitimiert worden zu sein. 1518 wurde Sohn Philipp (13.11.1504-31.3.1567) von Kaiser Maximilian für volljährig erklärt - das war jener Philipp, der später den Beinamen "der Großmütige" erhielt und eine der wichtigsten und einflußreichsten Personen der Reformationszeit wurde. Und der dieses Kloster aufheben ließ. Anna heiratete noch ein zweites Mal, Otto I. Graf von Solms-Laubach (11.5.1496-14.5.1522). Ihr gemeinsames Epitaph befindet sich in Lich in der ev. Marienstiftskirche (siehe dort). Ihr Enkel erst ließ das Kloster in Grünberg zum Schloß umbauen. Bei der Landesteilung 1567 (Tod Philipps I.) kam Grünberg an Hessen-Marburg, 1604 (Tod Ludwigs IV.) an Hessen-Darmstadt.

Der Mecklenburger Wappenschild ist geviert mit Herzschild, Feld 1: in Gold ein schwarzer hersehender Stierkopf mit silbernen Hörnern, mit Halsfell, goldener Lilienkrone, aufgerissenem roten Maule und ausgestreckter roter Zunge, weißen Zähnen und Augen, Herzogtum Mecklenburg, Feld 2: in Blau ein goldener Greif, Grafschaft Rostock, Feld 3: in Rot ein silberner rechter Arm, aus einer silbernen Wolke (ursprünglich wohl ein Puffärmel) wachsend, mit Armbinde (erst am Unterarm, später am Oberarm), einen goldenen Ring mit blauem Juwel haltend, Grafschaft Stargard, Feld 4: in Gold ein schwarzer hersehender Stierkopf ohne Halsfell mit silbernen Hörnern, goldener Laubkrone, weißen Zähnen und Augen und roter Zunge, Fürstentum Wenden, Herzschild: rot-golden geteilt, Grafschaft Schwerin.

Am Schloß lassen sich noch zwei weitere Wappen finden: An einem kleinen Standerker mit geschweiftem Dach ist eine gußeiserne Ofenplatte mit dem hessischen Wappen (Vollwappen mit Helmen) angebracht (ohne Abb.). Qualität und Erhaltung sind bescheiden.

 

Ebenso an der rückwärtigen Wand im hinteren Innenhofbereich ist eine gesprungene, 1,22 m x 2,35 m messende Grabplatte aus rotem Sandstein für den 1477 verstorbenen Bruder Conrad von Angersbach aufgestellt, die aus dem ehemaligen Antoniterkloster stammt. Die auf dem Rand umlaufenden und im Feld unterhalb des Wappenschildes fortgesetzten gotischen Minuskeln lauten: "Redemptor meus domine resuscita me in novissimo die quia de terra plasmasti me et carne induisti me Obiit frater Conradus de Angerspach preceptor hui(us) domus An(n)o domini M cccc lxxvii xii kal(endas) maii" - Herr, mein Erlöser, laß mich am Jüngsten Tage auferstehen, der du mich aus Erde geformt und mit Fleisch bekleidet hast. Von uns gegangen ist Bruder Conrad von Angersbach Präzeptor dieses Hauses an den 12. Kalenden des Mai im Jahre 1477.

Der am 20.4.1477 verstorbene Bruder Conrad, der 1431 in Erfurt studierte und 1452 Antoniterbruder in Grünberg war, erscheint urkundlich 1459 und 1465-1474 als Präzeptor (eigentlich: Lehrer, hier: Klostervorsteher) und 1474-1477 als Generalpräzeptor des Antoniterklosters. Dieses verdeutlicht die Stellung des Klosters, das durch seine Lage nahe von zwei Hauptverkehrswegen florierte und sich zu einer Generalpräzeptorei mit Tochterklöstern entwickelte. Zudem war Bruder Conrad von Angersbach Rat des Landgrafen Heinrich III. von Hessen. Sein Wappen zeigt einen Wellenschrägbalken; die Farben sind nicht bekannt. Das Wappen ist nicht in der Standardliteratur enthalten, Hinweise willkommen. Der Sprung entstand erst nach der Herauslösung der Platte aus dem ursprünglichen Kontext, in älteren Abbildungen ist die Platte noch ganz. Der letzte Klostervorsteher von Grünberg starb übrigens im Jahre der Auflösung.

Literatur, Links und Quellen:
Antoniterkloster und Schloß Grünberg: https://de.wikipedia.org/wiki/Antoniterkloster_Grünberg
Antoniterkloster und Schloß Grünberg:
http://schloesser.gnm.de/wiki/Grünberg,_Schloss
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere die Bände Grafen und Hoher Adel (Fürsten)
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Landgraf Wilhelm II. von Hessen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_II._(Hessen) und http://regiowiki.hna.de/Landgraf_Wilhelm_II.
Reimer: Wilhelm II. Landgraf von Hessen, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 43, Duncker & Humblot, Leipzig 1898, S. 28-31.
Grabplatte Conrad von Angersbach:
http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/gdm/id/854
Albrecht Eckhardt: Die oberhessischen Klöster - Regesten und Urkunden, 3. Band, 2. Hälfte: Texte und Indices, Marburg 1988, S. 152
Waldemar Küther: Grünberg - Geschichte und Gesicht einer Stadt in 8 Jahrhunderten, Gießen 1972.
Anna von Mecklenburg:
http://regiowiki.hna.de/Landgräfin_Anna
Regentschaftsrat der hessischen Stände:
http://regiowiki.hna.de/Regentschaftsrat_der_hessischen_Stände
Stadtrundgang Grünberg:
http://www.gruenberg.de/inhalt/Stadt+Stadtteile/Stadtinformationen/Stadtrundgang.html
Antoniterkloster
http://denkxweb.denkmalpflege-hessen.de/47326

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