Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2336
Untermarchtal (Alb-Donau-Kreis)

Das Untermarchtaler Schloß

Das in der Nähe der Donau zu findende Untermarchtaler Schloß ist ein dreigeschossiger Einflügelbau auf rechteckigem Grundriß mit vier Eckerkern und mit Satteldach, der heute völlig in einen riesigen modernen Komplex integriert ist, denn es ist Bestandteil des ortsbestimmenden Klosters Untermarchtal (Margarita-Linder-Straße 8), ein Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul (Vinzentinerinnen). Es handelt sich um einen Komplex aus Altersheim, Krankenhaus, Wohnpark, Kirche (moderne Rundbaukirche des Schweizer Architekten Hermann Baur), Haushaltsschule, Exerzitienheim, Erziehungsheim, Bildungs- und Tagungshaus und Klosterladen. Zum Schloß gelangt man über den zweiten, nördlichen Innenhof des Geländes.

Außen findet man am Schloß in der von einem hohen Zwerchgiebel akzentuierten Mittelachse übereinander zwei Wappensteine aus unterschiedlichen Zeiten, einer bauzeitlich, der andere an eine Renovierung erinnernd. Im Inneren sind noch ein barockes Treppenhaus mit geschnitztem Balustergeländer sowie eine qualitätvolle Stuckdecke aus der selben Zeit im zweiten Obergeschoß zu sehen, weiterhin bemalte Leinwandtapeten aus dem 19. Jh. mit Ansichten der fürstlich Oettingen-Wallersteinschen Schlösser.

Untermarchtal wurde 1442 Besitz von Dietrich von Speth. Vor ihnen hatten die Herren von Steußlingen und danach die Herren von Stein die Ortsherrschaft inne. Im Jahre 1517 wurden Ort und Adelssitz durch Herzog Ulrich von Württemberg gebrandschatzt, ebenso wie Zwiefaltendorf und die Steußlinger Burg auf dem Denkertfelsen. Hintergrund war, daß Dietrich von Speth (-1.12.1536), kaiserlicher Rat, mit des Herzogs Ehefrau Sabina von Bayern, die etwas mit dem herzoglichen Stallmeister angefangen hatte, nach Untermarchtal und dann weiter nach Bayern geflohen war. Hans von Hutten wurde getötet, und der Helfer in dieser Sache bekam seine Burgen eingeäschert. Dietrich von Speth, einst ein enger Vertrauter des Herzogs, wechselte die Seiten und wirkte maßgeblich an der Vertreibung des Herzogs mit. Nach dessen Rückkehr wurden 1534 die Besitzungen des Dietrich von Speth eingezogen. Erst nach Herzog Ulrichs Tod bekam die Familie 1550 ihre Güter wieder zurück. Von der einstigen Burg in Untermarchtal ist nichts mehr vorhanden. Die ersten Speth waren Speth von Ehestetten, und als diese ausstarben, übernahm die Linie Speth von Zwiefalten den Besitz. Als wiederum die Speth von und zu Zwiefalten ausstarben, übernahmen die Speth von Marchtal auch Zwiefalten. Das jetzige Schloß wurde 1573-1576 erbaut von Freiherr Ulrich Speth von Zwiefalten (1535-1627) und Ursula Speth von Zwiefalten, geborene von Uttenheim zu Ramstein (-8.9.1586), seiner Mutter.

Der ältere, aufwendig im Stile der Renaissance verzierte Wappenstein befindet sich in der Mittelachse des Schlosses zwischen den Fenstern des ersten und denen des zweiten Obergeschosses. Die erste Inschrift ganz oben ist unleserlich und wurde bei der Renovierung deshalb auch nicht farblich abgesetzt nachgezogen. Die zweitobere Inschrift lautet: "Drumb Mensch zu erst baw ein, Da du gerrn wol(l)t(e)st Ewig sein." Die dritte Inschrift, unterhalb der Wappenzone, gibt die Eckdaten des Baues an: "Anno anfang dess baws im Jhar: 1573. Uund hernach sein ende na(h)m zwar: 1576." Die vierte, unterste Inschrift nennt die Bauherren, Mutter und Sohn: "Die Edel Ehren Tugentreich, von Uttenheim geboren(e) z(u)gleich, fraw Ursula Spettin genan(n)dt, Sampt der Edel Vest wo(h)lbekan(n)t(e), I(h)r so(h)n Ulrich Spett von Zwi(e)falten, Dem Jetzt Marchtal g(e)h(o)ert zu verwalten, Haben mit Gottes hülff(e) herauß, von grund lassen bawen di(e)ss hauß, Befehlens Ihm auch in sein huat, Dar zu Seel(e) Leib Eher hab uund guat."

Der verstorbene Ulrich Speth von Zwiefalten (-1549) hatte Ursula von Uttenheim zu Ramstein geheiratet. Ihr gemeinsamer Sohn war der gleichnamige, in der Inschrift genannte Ulrich Speth von Zwiefalten (1535-1627). Zum Zeitpunkt des Baus war Ursula geb. von Uttenheim schon verwitwet, aber der Sohn noch nicht verheiratet; das geschah erst am 10.2.1578. So kommt es zu der Wappenkonstellation Mutter und Sohn. Für die Kinder des 1549 verstorbenen Ulrich Speth zu Zwiefalten und Hettingen fungierten zunächst Jörg Speth zu Schülzburg und Stefan von Uttenheim zu Ramstein (Bruder der Ursula von Uttenheim) als Vormünder. Nach der Volljährigkeit übernahm der Sohn Ulrich die Herrschaft Marchtal, deshalb die Formulierung "dem jetzt Marchtal gehört", in der der Generationenwechsel anklingt. Ursula von Uttenheim verstarb am 8.9.1586. Sohn Ulrich hatte noch einen Bruder, Wilhelm Dietrich (23.6.1546-2.3.1615), der zu Zwiefalten und Zwiefaltendorf saß und mit dessen Kindern Hans Ulrich (-1616) und Georg Dietrich (-1639) jene Linie ausstarb, worauf deren Besitz an Bernhard Speth von Zwiefalten zu Marchtal (-1663) kam. Im Jahre 1711 wurde das Schloß Untermarchtal übrigens durch Freifrau Barbara Theresia von Speth, geborene Schad von Mittelbiberach (ca. 1661-1722), umgestaltet, vor allem im Inneren. Sie war die Witwe von Adam Bernhard Speth von Zwiefalten (1662-1691).

Heraldisch rechts ist das gewendete Wappen der Speth von Zwiefalten zu sehen, in Rot schräg übereinandergelegt drei silberne Schlüssel mit gezähntem Bart, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein wachsender Mannesrumpf, dessen rotes Gewand mit silbernem Kragen mit drei schräg übereinandergelegten silbernen Schlüsseln mit gezähntem Bart belegt ist, auf dem Kopf eine rote, silbern aufgeschlagene Mütze. Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: Bad Seite: 77 Tafel: 46, Band: Bay Seite: 58 Tafel: 61, Band: MeA Seite: 101 Tafel: 57, Band: Wü Seite: 12 Tafel: 14, im Münchener Kalender 1920, im Aschaffenburger Wappenbuch Tafel 76 Seite 51, 157 und ist im Scheiblerschen Wappenbuch auf Folio 112 abgebildet.

Heraldisch links ist das Wappen der von Uttenheim zu sehen, in Schwarz ein goldener Schrägbalken, auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken das Haupt eines wilden Mannes oder Riesen mit langen, wallenden Haaren. Die Familie gehört zu den Patriziergeschlechtern der Stadt Straßburg. Alternative Namen sind Klett von Uttenheim, Klött von Uttenheim oder Kloett zu Uttenheim und Matzenheim. Ihr Wappen wird beschrieben im Siebmacher Els Seite: 13 Tafel: 15, weiterhin im Basler Wappenkalender 1920, und es wird ebenfalls abgebildet im Stett- und Ammeisterbuch der Stadt Straßburg. Als Darstellungsvariante wird auf die Helmdecke verzichtet, wobei die wallenden Haare als Deckenersatz dienen.

Diese Wappenkombination ist auch an einem Nebengebäude von Schloß Zwiefaltendorf und an Epitaphien in der Kirche von Zwiefaltendorf zu sehen, wo es als schönes Beispiel für das zuvor Geschriebene dient.

Der weitaus neuere, auf 1842 datierte Wappenstein zwischen der Tür und den Fenstern des ersten Obergeschosses trägt die Inschrift: "Friederich Freiher(r) v(on) Speth, geb(oren) d(en) 21.April An(n)o 1793, Therese Frei-Frau v(on) Speth gebor(e)ne Prinzessin v(on) Oettingen u(nd) Wallerstein geboren d(en) 13. August An(n)o 1799, 1842". Bei dem Ehepaar, welches am 7.6.1827 in Wallerstein geheiratet hatte, handelt es sich um Friedrich Freiherr Speth von Marchtal (21.4.1793-8.7.1850), Major, 1834-1840 Oberstleutnant, seit 1840 Oberst in württembergischen Diensten, und seine Frau, Maria Theresia Prinzessin zu Oettingen-Oettingen und Oettingen-Wallerstein (13.8.1799-1859), Tochter von Craft Ernst Judas Thaddäus Notger Fürst zu Oettingen-Oettingen und Oettingen-Wallerstein (3.8.1748-6.10.1802) und Wilhelmine Friederike Elisabeth Herzogin von Württemberg (4.7.1764-9.8.1817).

Die Darstellung ist zwar aufgrund des geringen Alters klar und deutlich, läßt aber stilistisch zu wünschen übrig, Helmdecken fehlen, und Helm und Kleinod sind völlig unterproportioniert. Interessant ist, daß der gesellschaftlich deutlich tiefer stehende Ehemann mit Helm und Helmzier repräsentiert wird, die Prinzessin aber statt dessen einen Ranghut über dem Schild führt. 1830 wurde das Schloß von diesem Ehepaar renoviert. Mit Friedrich Freiherr Speth von Marchtal und seinem Bruder Gustav Freiherr von Speth, Ehrendomherr zu Würzburg und Eichstätt, der ersterem bald im Tode nachfolgte, erlosch diese Familienlinie; Friedrich von Speth wurde als Letzter seiner Linie in der Familiengruft in der am Hang gelegenen Pfarrkirche St. Andreas beigesetzt. Damit endete eine 408jährige Besitzgeschichte der Familie. Der letzte Speth der Linie Zwiefalten in Zwiefaltendorf, Rudolf von Speth, starb 1878.

 

Heraldisch rechts ist das Wappen der Speth von Zwiefalten wie zuvor beschrieben zu sehen. Heraldisch links ist das Wappen der von Oettingen-Wallerstein zu sehen (welche die Linie Oettingen-Oettingen beerbt hatte), in Eisenhutfeh aus in vier Reihen angeordneten aufrechten roten und gestürzten goldenen Eisenhüten ein blauer Mittelschild, alles überdeckt von einem silbernen Schragen (von Oettingen), darüber ein goldener Herzschild mit rotem Doppelhaken (Wolfsangel, von Soetern).

1853-1886 folgten verschiedene Besitzer. Zunächst wurde es von der verwitweten Reichsfreiherrin von Späth, geborene Prinzessin von Oettingen-Wallerstein, an den protestantischen Pfarrer Schuster von Rottenacker verkauft, ehe das Schloß 1886 vom Kaufmann Franz Joseph Linder aus Rottweil erworben wurde. Dieser schenkte es 1887 seiner Tochter, die als Schwester Margarita Linder 1893-1918 Generaloberin des Ordens war. Am 16.9.1891 wurde das Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul von Schwäbisch Gmünd nach Untermarchtal verlegt. Unter Generaloberin Margarita Linder und ihren Nachfolgerinnen wurde die ehemalige Schloßanlage immer weiter zu einer großen Klosteranlage umgebaut. In den Jahren 1982-1986 fand durch die Genossenschaft der Barmherzigen Schwestern in Untermarchtal eine grundlegende Renovierung des Gebäudes in Zusammenarbeit mit dem baden-württembergischen Landesdenkmalamt statt.

Auszug aus der Genealogie der Speth von Zwiefalten:

Literatur, Links und Quellen:
Hinweistafeln am Schloß
Siebmachers Wappenbücher wie angegeben
Wolfgang Willig: Landadel-Schlösser in Baden-Württemberg, eine kulturhistorische Spurensuche, Selbstverlag Willig, Balingen, 1. Auflage 2010, ISBN 978-3-9813887-0-1, S. 538.
Otto Hupp, Münchener Kalender 1920
Scheiblersches Wappenbuch (Bayerische Staatsbibliothek Cod.icon. 312 c), Folio 112
Alfred F. Wolfert, Aschaffenburger Wappenbuch, Veröffentlichung des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg e. V., Aschaffenburg 1983, Tafel 76 Seite 51, 157
Carl Roschet, Basler Wappenkalender 1920, mit genealogischen Anmerkungen von W. R. Staehelin
Siebmacher Els Seite: 13 Tafel: 15
Rietstap, Rolland
Karl von Neuenstein nach einem Stett- und Ammeisterbuch der Stadt Straßburg, aus den "Monatsheften Wappenkunde", die Karl Freiherr von Neuenstein 1892-1904 herausgab
Genossenschaft der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul in Untermarchtal e.V.:
http://www.untermarchtal.de/
Gemeindeseite:
http://www.gemeinde-untermarchtal.de/index.php/freizeit/klosteranlagen und http://www.gemeinde-untermarchtal.de/index.php/home/untermarchtal-zwischen-gestern-und-morgen sowie http://www.gemeinde-untermarchtal.de/index.php/component/content/article/145
Schloß Untermarchtal:
http://schloesserrundschau.de/bawue/schloesser/albdonau13.html
Kloster Untermarchtal:
http://www.oberschwaben-tipps.de/kloster-untermarchtal/
Kloster Untermarchtal:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Untermarchtal
Genealogie: Stammbäume von Christoph Graf von Polier auf Geneanet:
http://gw.geneanet.org/cvpolier?lang=de&p=adam+joseph+tiber&n=speth+von+zwiefalten, http://gw.geneanet.org/cvpolier?lang=de&p=bernhard&n=speth+von+zwiefalten, http://gw.geneanet.org/cvpolier?lang=de&p=dietrich&n=speth+von+zwiefalten&oc=1 etc.
Genealogie: Abgleich mit den Epitaphien in der Pfarrkirche von Zwiefaltendorf
Geschichte der Herrschaften:
https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/einfueh.php?bestand=2282

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