Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2328
Bermatingen (Bodenseekreis)

Das Gasthaus Adler in Bermatingen

Die Abtei Salem hatte ausgedehnten Besitz in Bermatingen, auch wenn die ersten Immobilien erst gegen Ende des 13. Jh. erworben wurden. Im Jahre 1390 ging schließlich der Besitz des ganzen Dorfes an das Zisterzienserkloster Salem über. Zuvor hatte es Ulrich von Hörningen gehört, der das Dorf aber mit Genehmigung des Konstanzer Fürstbischofs Burkhard I. von Hewen (1387-1398) mit allen Rechten und Pflichten an Salem verkauft hatte. Auch die dem Hochstift Konstanz lehenspflichtigen Teile des Dorfes, der Kirchensatz, der Kehlhof und das Widdum mit allem Zubehör wurden seitens des Bischofs dem Kloster übertragen. Und die Besitzübernahme wurde noch vollständiger, als Papst Bonifaz IX. dem Kloster die Inkorporation der Pfarrei Bermatingen bewilligte, was 1396 dahingehend ergänzt wurde, daß Salem die Pfarrei mit eigenen Mönchen bemannen durfte. Dem Kloster Salem, das die Ortsherrschaft und damit auch die Bauaufsicht innehatte, gehörten aber nicht alle Höfe des Ortes, denn auch andere Abteien hatten hier eigene Höfe, Häuser bzw. Grundbesitz, so die Augustiner-Chorherren aus Kreuzlingen, die Dominikanerinnen aus Meersburg und Zoffingen, die Franziskanerinnen von Waldsee, Bächen, Königseggwald, Oggelsbeuren und Weppach, die Zisterzienserinnen aus Wald und Heggbach etc. Das heutige historische Ortszentrum entstammt im wesentlichen dem 18. Jh., weil erst ein Großbrand 1590 und dann der Dreißigjährige Krieg so gut wie keine ältere Bausubstanz übriggelassen hatten. Nach besagtem Brand entstand z. B. das Gasthaus Adler (ehemals Gasthof Traube), ein Tafernwirtshaus mit angrenzendem Meierhof (Markdorferstraße 1). Dieses Wirtshaus, dessen Betrieb vom Kloster als Leiblehen vergeben wurde, wurde bereits 1390 erwähnt, aber das heutige Gebäude mit der Gaststube im linken Teil entstand 1596 im Zuge des Wiederaufbaus des abgebrannten Ortes. Danach wurde das größtenteils aus Fachwerk errichtete, zweistöckige Gebäude mit Satteldach freilich noch mehrfach umgestaltet.

Der über dem straßenseitigen Eingang angebrachte, rechteckige Wappenstein aus Sandstein ist unten auf einem Schriftband auf das Jahr 1596 datiert und trägt das in einen Zierrahmen mit Rollwerk im Stil der Renaissance eingepaßte Wappen des Abtes Petrus II. Miller (oder Peter II. Müller). Diese Darstellung zeigt sowohl Klostersymbole (Felder 1, 2 und 3) als auch das persönliche Wappensymbol des Abtes. Im einzelnen ist das Wappen wie folgt aufgebaut (Tinkturen nach der Salemer Äbtewappentafel, weil die hiesige aktuelle Farbfassung bis auf die in Feld 4 nicht als verläßlich angesehen werden kann): Geviert, Feld 1: in Schwarz (hier abweichend und unbegründet Blau) ein rot-silbern in zwei Reihen geschachter Balken (Zisterzienserorden, Wappen für Bernhard von Clairvaux), Feld 2: gespalten, rechts in Gold ein schwarzer Löwe, links in Rot ein silberner Balken (Erzstift Salzburg, weil Bischof Eberhard II. von Salzburg Mitstifter war, das Kloster dem Schutz des Erzbistums unterstellt wurde und damit den Rücken gegen das Hochstift Konstanz und dessen Interessen gestärkt bekam, Farben hier erratisch), Feld 3: in Gold (Deckengemälde in der Abtei: in Rot, hier: in Grün) auf einem grünen Dreiberg oder Boden ein schwarzer (hier silberner) Widder (Wappen für den Klosterstifter Guntram von Adelsreute), Feld 4: in Silber ein schwarzer, mit drei roten, nach der Figur gelegten Lilien belegter Schrägbalken, begleitet von zwei roten, vierspeichigen Mühlrädern (Petrus Miller). Es gibt noch weitere Fundstellen für dieses Wappen an einer Scheune in Ostrach, an der ehemaligen Grangie Tiefenhülen bei Frankenhofen, auf der Altarspitze der St. Nikolauskapelle, und an einem Gebäude in der Oberuhldinger Bahnhofstraße. An der Salemer Mühle in Schemmerberg ist das Wappen in wenig plausiblen Farben wiedergegeben. Die ovale Schildkartusche wird von einem ornamentalen Rand mit Rollwerk eingefaßt. Auf dem oberen Rand ruht die reichverzierte Inful; schräglinks hinter der Kartusche befindet sich der Abtsstab mit herabhängendem, nach rechts abfliegendem Sudarium.

 

Petrus II. Miller (oder Peter II. Müller) stammte aus Schellenberg bei Bad Waldsee im Landkreis Ravensburg. Er wurde am 10.12.1593 zum Abt des Zisterzienserklosters Salem gewählt und kämpfte zeitlebens gegen wirtschaftliche Schwierigkeiten des Klosters. Die Klosterfinanzen waren bei Amtsübernahme zerrüttet, so daß er einen Kurs der Sparsamkeit wählen mußte, keine leichte Aufgabe angesichts immer neuer Lasten. Die außerplanmäßigen und leider unvermeidlichen Ausgaben entstanden vor allem in den Kategorien Abgaben, Kontributionen und Steuern: Die an die Reichskammer zu zahlende Reichssteuer für das Kloster lag allein bei 316 fl. Dazu kam die sogenannte Türkensteuer zur Finanzierung der Türkenkriege. Von 1594 bis 1603 zahlte Abt Petrus II. Miller allein 77894 fl. Kreissteuer an die Reichskammer, im Zeitraum 1594-1606 zusätzliche 51828 fl. an die Kasse des reichsprälatischen Kollegs und in seiner gesamten Regierungszeit insgesamt stolze 180000 fl. Türkensteuer. Dagegen nimmt sich die 1602 zu zahlende Beisteuer zur Errichtung eines Jesuitenkollegs in Konstant in Höhe von 4000 fl. fast wie Peanuts aus. Weitere ungeplante, aber notwendige wie unwillkommene Ausgaben waren die Prozeßkosten: Gegen die Grafen von Heiligenberg führte man langwierige Prozesse beim Reichskammergericht, die ein weiteres Vermögen verschlangen. Weitere Kostenverursacher waren die Truppendurchzüge und Einquartierungen, 1610 z. B. die braunschweigischen und markgräflich-ansbachischen Truppen, im Vorfeld des Dreißigjährigen Krieges mit steigender Tendenz. Petrus Miller kämpfte zur Kompensation dieser Ausgaben um Erhalt von Einkünften, indem mit Einmalzahlungen regelmäßige Einnahmen generiert wurden: 1594 kaufte der Abt das Dorf Mainwangen für 22000 fl. 1603 kaufte er vom Konstanzer Fürstbischof das Dorf Einhart bei Ostrach für 25000 fl. Damit waren auch die Vogtei, das Patronatsrecht, die niedere Gerichtsbarkeit und der Zehnte verbunden. Manches erwarb man auch zu Pfand wie 1611 die Regalien und der Wegzoll im Amt Ostrach von Ernst Georg Graf zu Sigmaringen für 14000 fl. Aber auch diese Summen mußten erst einmal vorgestreckt werden, als Kaufsumme oder als Darlehen, ehe man die regelmäßig sprudelnden Einnahmen genießen konnte. Petrus Miller amtierte als Abt bis zu seinem Tod am 29.12.1614, wobei ihm nach ca. 20jähriger Amtszeit auf eigenen Wunsch und mit Zustimmung des Generalabtes am 10.12.1614 Thomas Wunn als Koadjutor mit dem Recht zur Nachfolge als Gehilfe zur Seite gestellt wurde.

Zur Übersicht ein Ausschnitt aus der Salemer Äbteliste unter Hervorhebung des mit einem bauplastischen Wappen vertretenen Abtes:

Literatur, Links und Quellen:
Reinhard Schneider: Die Geschichte Salems, in: Salem, 850 Jahre Reichsabtei und Schloß, Konstanz 1984.
Lebensdaten der Äbte:
http://www.leo-bw.de/web/guest/ergebnisliste-gross/-/Suchergebnis/liste/GROSS?_LEOBWSearchResult_WAR_sucheportlet_searchId=1459108115829&cur=1 ff.
Tafel mit allen Abtswappen:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/75/Bodenseeraum_2012_ii_16.jpg
Liste der Äbte von Salem:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Äbte_von_Salem
Liste der Äbte von Salem:
http://www.zisterzienserlexikon.de/wiki/Salem/Äbteliste
Alberich Siwek, Fridolin Schmid, Schw. Dr. Marcella Kugler O. Cist.: Die Zisterzienserabtei Salem: Der Orden, das Kloster, seine Äbte, hrsg. anläßlich der Gründung des Klosters vor 850 Jahren, hrsg. vom Erzb. Münsterpfarramt Salem, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen, 1984, S. 218-222
Ulrich Knapp: Auf den Spuren der Mönche - bauliche Zeugen der Zisterzienserabtei Salem zwischen Neckar und Bodensee, Schnell & Steiner Verlag, 1. Auflage 2009, 336 Seiten, ISBN-10: 3795422477, ISBN-13: 978-3795422479, S. 161-170
Michael Losse: Burgen, Schlösser, Adelssitze und Befestigungen am Bodensee und am Hochrhein, Band 1.2, 176 S., Imhof-Verlag, Petersberg, 1. Auflage 2011, ISBN-10: 3865681913, ISBN-13: 978-3865681911, S. 18-19.

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