Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2327
Ostrach (Landkreis Sigmaringen)

Die Salemer Zehntscheune in Ostrach

Neben dem Wappenstein am Pfarrhaus gibt es in Ostrach noch einen zweiten, an der ehemaligen Salemer Zehntscheune (Rentamtstraße 1). Der etwas versteckt abseits der Durchgangsstraße liegende, langgestreckte Bau aus dem Jahr 1595 besitzt auf seiner Ostseite mittig zwei dicht nebeneinander liegende Rundbogeneinfahrten, zwischen denen der Wappenstein angebracht ist. Zu beiden Seiten hat das in Massivbauweise errichtete und verputzte Gebäude mit dem hohen Satteldach je einen mächtigen Treppengiebel mit nach innen geschrägten Stufen. Diese Zehntscheune ist Teil eines Ensembles, das Sitz des ehemaligen Oberamts des Reichsstifts Salem (Besitz "ob den Bergen") war und aus besagter Lagerscheune, einem im Erdgeschoß massiv und im Obergeschoß in Fachwerk ausgeführten Wohnhaus und einem aus dem 18. Jh. stammenden Waschhaus besteht. Zum Salemer Oberamt Ostrach gehörten bei der Aufhebung Ostrach, Bachhaupten und zehn andere kleine Ortschaften. Nachdem die Ortsherrschaft über Ostrach nach der Säkularisierung des Klosters Salem 1803 an die Fürsten von Thurn und Taxis überging, wurde das Ensemble Sitz des Rentamtes. Ab 1806 kam Ostrach im Zuge der Mediatisierung unter die Landeshoheit der Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen, die hier ihr Oberamt einrichteten, das bis 1862 bestand. Danach wurde Ostrach dem Oberamt Sigmaringen unterstellt. Von 1877 bis 1952 war in dem Ensemble die Oberförsterei der Fürsten von Thurn und Taxis eingerichtet.

Der zwischen den beiden mit Steingewänden eingefaßten mittigen Tordurchfahrten angebrachte, rechteckige Wappenstein ist auf dem unteren Rand auf das Jahr 1595 datiert und trägt das in eine Scheinarchitektur mit zwei seitlichen Vorlagen, schlichten Kapitellen und Bogen eingepaßte Wappen des Abtes Petrus II. Miller (oder Peter II. Müller). Dieser Stein zeigt sowohl Klostersymbole (Felder 1, 2 und 3) als auch das persönliche Wappensymbol des Abtes. Im einzelnen ist das Wappen wie folgt aufgebaut (Tinkturen nach der Salemer Äbtewappentafel): Geviert, Feld 1: in Schwarz ein rot-silbern in zwei Reihen geschachter Balken (Zisterzienserorden, Wappen für Bernhard von Clairvaux), Feld 2: gespalten, rechts in Gold ein schwarzer Löwe, links in Rot ein silberner Balken (Erzstift Salzburg, weil Bischof Eberhard II. von Salzburg Mitstifter war, das Kloster dem Schutz des Erzbistums unterstellt wurde und damit den Rücken gegen das Hochstift Konstanz und dessen Interessen gestärkt bekam), Feld 3: in Gold (Deckengemälde in der Abtei: in Rot) auf einem grünen Dreiberg oder Boden ein schwarzer Widder (Wappen für den Klosterstifter Guntram von Adelsreute), Feld 4: in Silber ein schwarzer, mit drei roten, nach der Figur gelegten Lilien belegter Schrägbalken, begleitet von zwei roten, vierspeichigen Mühlrädern (Petrus Miller).

Es gibt noch weitere Fundstellen für dieses Wappen über dem Eingang des Gasthofs Adler in Bermatingen (Bodenseekreis), datiert 1596, an der ehemaligen Grangie Tiefenhülen bei Frankenhofen, auf der Altarspitze der St.-Nikolaus-Kapelle, und an einem Gebäude in der Oberuhldinger Bahnhofstraße. An der Salemer Mühle in Schemmerberg ist das Wappen in wenig plausiblen Farben wiedergegeben. Die ovale Schildkartusche wird von einem reichverzierten ornamentalen Rand mit Rollwerk im Stil der Renaissance eingefaßt. Auf dem oberen Rand ruht die Inful; schräglinks hinter der Kartusche befindet sich der Abtsstab mit herabhängendem, nach rechts abfliegendem Sudarium.

Petrus II. Miller (oder Peter II. Müller) stammte aus Schellenberg bei Bad Waldsee im Landkreis Ravensburg. Er wurde am 10.12.1593 zum Abt des Zisterzienserklosters Salem gewählt. Auf diesen Abt geht eine wichtige Konventsordnung zurück, die am 18.11.1607 erlassene Ordnung "Leges ac Statuta", die bis 1749 Gültigkeit hatte und erst dann durch Anselm II. Schwab verändert und etwas strenger gefaßt wurde. Der Erlaß eines solchen Regelungswerkes ist insbesondere vor den Hintergrund zu sehen, daß Salem als führende Abtei der Oberdeutschen Kongregation eine gewisse Vorbildfunktion in monastischer Disziplin zu haben hatte. Im wesentlichen wird darin die Tagesordnung festgelegt: Mitternachtsmetten, Schlafen bis 5.45 Uhr, Betrachtung um 6.00, Prim um 6.30, Missa pro defunctis um 7.00, Messe de Beata um 8.00, Hochamt um 9.00, Mittagessen um 10.00 (!), kurze Rekreation, Studium bis 15.00, Vespersingen, Abendessen um 17.00, erneute Rekreation, Komplet, Gewissenserforschung und schließlich Bettruhe um 19.30 Uhr. Sonntags gab es eine geistliche Ansprache durch einen Präsides. Ausgang war zweimal wöchentlich nach Tisch erlaubt, darüber hinaus konnte man nur zur Wahrnehmung seelsorgerischer Pflichten oder zum Besuch der Wallfahrtskapelle in Birnau das Kloster verlassen. Der Besuch von Primizen, Hochzeiten oder gar Kirchweihfesten war natürlich verboten. In den Regeln gab es ferner Vorschriften zum Umgang mit Gästen und zur Lesung beim Essen. Diese Regelungen hatten 142 Jahre lang Gültigkeit. Petrus Miller amtierte als Abt bis zu seinem Tod am 29.12.1614.

Einen modernen Widerhall der Klosterherrschaft können wir im Kommunalwappen der Gemeinde Ostrach sehen. Die hier abgebildete Darstellung ist ein Pflastermosaik vor dem Rathauseingang. Das Wappen ist geteilt, oben in Silber eine schräggelegte rote Speerspitze, welche dem Siegel des Ortsadligen Heinrich genannt Schwendi von Ostrach aus dem Jahre 1309 entnommen wurde, unten in Schwarz ein in zwei Reihen rot-silbern geschachter Schrägbalken, welcher an die vom 13. bis 19. Jh. währende Zugehörigkeit Ostrachs zum Kloster Salem hinweist. Als die Kommunalstruktur 1971-1975 durch Eingliederung von insgesamt acht Orten und Zusammenschluß mit Burgweiler, Jettkofen und Kalkreute neugestaltet wurde, wurde das bisherige, 1947 verliehene Ostracher Wappen für die Gesamtgemeinde Ostrach beibehalten (Verleihung durch das Landratsamt Sigmaringen am 18.4.1978).

Zur Übersicht ein Ausschnitt aus der Salemer Äbteliste unter Hervorhebung des mit einem bauplastischen Wappen vertretenen Abtes:

Literatur, Links und Quellen:
Reinhard Schneider: Die Geschichte Salems, in: Salem, 850 Jahre Reichsabtei und Schloß, Konstanz 1984.
Lebensdaten der Äbte:
http://www.leo-bw.de/web/guest/ergebnisliste-gross/-/Suchergebnis/liste/GROSS?_LEOBWSearchResult_WAR_sucheportlet_searchId=1459108115829&cur=1 ff.
Tafel mit allen Abtswappen:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/75/Bodenseeraum_2012_ii_16.jpg
Liste der Äbte von Salem:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Äbte_von_Salem
Liste der Äbte von Salem:
http://www.zisterzienserlexikon.de/wiki/Salem/Äbteliste
Alberich Siwek, Fridolin Schmid, Schw. Dr. Marcella Kugler O. Cist.: Die Zisterzienserabtei Salem: Der Orden, das Kloster, seine Äbte, hrsg. anläßlich der Gründung des Klosters vor 850 Jahren, hrsg. vom Erzb. Münsterpfarramt Salem, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen, 1984, S. 218-222
Ulrich Knapp: Auf den Spuren der Mönche - bauliche Zeugen der Zisterzienserabtei Salem zwischen Neckar und Bodensee, Schnell & Steiner Verlag, 1. Auflage 2009, 336 Seiten, ISBN-10: 3795422477, ISBN-13: 978-3795422479, S. 254-257
Ostrach und Kommunalwappen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ostrach#Wappen
Kulturdenkmäler in Ostrach:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Kulturdenkmale_in_Ostrach
Ostrach:
http://www.leo-bw.de/web/guest/detail-gis/-/Detail/details/ORT/labw_ortslexikon/21199/Ostrach

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