Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2323
Stockach (Landkreis Konstanz)

Alte Landvogtei in Stockach

Die sog. Alte Landvogtei liegt an der Hauptstraße im Zentrum der Stockacher Altstadt (Nr. 14). Der fünfachsige, dreistöckige Bau mit Satteldach und Dachreiter besitzt im Erdgeschoß mittig ein Portal mit gesprengtem Dreiecksgiebel, flankiert von zwei Fenstern mit vollständigen Dreiecksgiebeln. Die Gestaltung der Fenster in den oberen Stockwerken ist schlichter. Ein im tiefgestaffelten Gebäude verlaufender Durchgang von der Hauptstraße zur Kaufhausstraße diente früher als Lager- und Verkaufsplatz. In dem alten Verwaltungssitz sind heute mehrere Geschäfte, ein Hörgeräteakustiker und eine HNO-Praxis untergebracht.

Stockach wurde unter der jüngeren Linie der Grafen von Nellenburg-Veringen auf der geschützten Anhöhe gegründet und in der zweiten Hälfte des 13. Jh. zur Stadt erhoben; 1283 ist es als Stadt erstmals bezeugt. Insgesamt gab es drei verschiedene Familien mit dem Titel der Grafen von Nellenburg. Die ersten Grafen von Nellenburg, verwandt mit den Burchardingern, gründeten die Stammburg Nellenburg in der Nähe von Stockach, starben aber 1105 mit Eberhard von Nellenburg im Mannesstamm aus. Die zweite Familie des Namens waren die Herren von Bürglen, die das Territorium erbten, aber nur kurz blühten. Um 1170 kam alles an die Grafen von Veringen. 1216 teilten diese sich in zwei Linien, nachdem der 1150-1186 erwähnte Graf Mangold von Veringen die Nellenburger Erbtochter geheiratet hatte. Diese Linie der Grafen von Veringen übernahm seit des letztgenannten gleichnamigem Sohn den Namen und gründete damit das dritte Haus der Grafen von Nellenburg: Der 1216-1228 erwähnte Mangold von Veringen, vermählt mit Elisabetha von Montfort, wurde zum Stammvater der 3. Nellenburger Stammlinie. Diese Grafen von Nellenburg führten im Schild die drei blauen Hirschstangen in goldenem Feld.

Nach dem Aussterben der Grafen von Nellenburg kam Stockach mit der Landgrafschaft Nellenburg (entstanden aus den Grafschaften Hegau und Nellenburg, reichte vom Bodensee bis zur Schwäbischen Alb) 1422 an die Herren von Tengen, weil Margareta von Nellenburg Johann III. von Tengen gen. von Wartenfels geheiratet hatte. Ihm folgte sein Sohn, Johann I. von Tengen, Graf von Eglisau und Nellenburg, und dann sein Enkel, Johann IV. von Nellenburg, dann dessen Sohn Eberhard VIII., Graf von Tengen und Nellenburg, und schließlich dessen Sohn, Christoph von Nellenburg-Tengen (-1539), Graf und Erbe der Grafen von Nellenburg, Herr zu Tengen mit der Grafschaft Tengen und Herr zu Wehrstein.

Stockach wurde unter den Hegau-Städten ein bedeutender Gerichtsort; die Verhandlungen des Landgerichts Hegau fanden nach 1400 hier statt, und auch nachdem die Habsburger die Landgrafschaft Nellenburg 1465 durch Kauf vom hochverschuldeten Johann von Nellenburg-Tengen erworben hatten, wurde Stockach bis 1805 ein vorderösterreichischer Verwaltungssitz, und die entsprechenden Landvögte zogen in der Stadt ein. 1522 kam auch die vordere Herrschaft Tengen an Vorderösterreich (verkauft von Christoph von Nellenburg-Tengen) und wurde mit der Landgrafschaft Nellenburg zusammengelegt. Diese sog. Alte Landvogtei, deren Gebäude anstelle eines älteren, seit ca. 1600 bestehenden Verwaltungssitzes 1706 neu aufgebaut wurde, war bis zum Ende der vorderösterreichischen Herrschaft Sitz des k.u.k. Oberamtes. 1805 kam Stockach mit der Landgrafschaft an Württemberg und 1810 an das Großherzogtum Baden. Von 1820 bis 1977 war in dem historischen Verwaltungssitz die Stadtverwaltung untergebracht, die heute in einem Neubau in der Adenauerstraße 4 zu finden ist.

In der Mitte des gesprengten Dreiecksgiebels über dem Portal ist das auf das Jahr 1756 datierte Stadtwappen von Stockach angebracht. Es zeigt in Gold einen silbernen, mit einem nach der Figur gelegten abgeasteten Baumstamm belegten Schrägbalken, beiderseits begleitet von je einer blauen, schräggelegten, fünfendigen Hirschstange. Heute wird das Wappen mit vierendigen Hirschstangen definiert, und der Baumstamm als gestümmelter Ast. Das Wappen ist teilweise redend; der Ast soll einen Stock für Stockach darstellen. Bis zum 16. Jh. trugen die Stadtsiegel nur den Ast. Dann wurde das Stadtsymbol um die Hirschstangen im Stile des Wappens der von Nellenburg ergänzt. Es gab vier sehr eng verwandte Wappen mit Hirschstangen: Die Herzöge von Württemberg und die Herren von Landau hatten drei schwarze, die von Veringen rote und die von Nellenburg blaue Hirschstangen in goldenem Feld. Seitdem wurde das Stadtwappen nie verändert, außer daß es 1937 einen Engel als Schildhalter bekam. Die Farben wurden erstmals 1898 offiziell festgelegt. Der ältere Wappenstein wurde vermutlich erst nach 1820 hier am Haus angebracht.

Literatur, Links und Quellen:
Hinweistafel zur Stadtgeschichte am Salmannsweiler Hof
Rundgang durch Stockach:
http://www.stockach.de/fileadmin/Dateien/Dateien/Prospekte/Endgueltige_VersionHistorischer_Stadtfuehrer_2014_240114_1.pdf
Stadtwappen von Stockach:
http://www.ngw.nl/heraldrywiki/index.php?title=Stockach
K. Stadler: Deutsche Wappen - Bundesrepublik Deutschland. Angelsachsen Verlag, 1964-1971, 8 Bände.
Stockach:
https://de.wikipedia.org/wiki/Stockach#Geschichte
Grafen von Nellenburg:
https://de.wikipedia.org/wiki/Grafen_von_Nellenburg
Landgrafschaft Nellenburg:
https://de.wikipedia.org/wiki/Landgrafschaft_Nellenburg
Grafen von Veringen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Veringen_(Adelsgeschlecht)
Grafschaft Tengen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Grafschaft_Tengen
Wilhelm Baum: Die Habsburger und die Grafschaft Nellenburg bis zu deren Übergang an Österreich (1275-1465), in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, 110. Jg., 1992, S. 73-94
http://www.bodenseebibliotheken.de/viewer.html?page=vgeb-j1992-t-A073

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