Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2321
Uhldingen-Mühlhofen (Bodenseekreis)

Schloß Maurach

Schloß Maurach ist ein barocker Gebäudekomplex mit Stallungen und Wirtschaftsgebäuden der ehemaligen Reichsabtei Salem unterhalb der Wallfahrtskirche Birnau direkt am Bodenseeufer bei Uhldingen-Mühlhofen. Beide nur durch einen mit Weinreben bepflanzten Steilhang getrennten Bauten bilden zusammen ein malerisches, die wirtschaftlichen wie die religiösen Aktivitäten der weißen Mönche gut illustrierendes Ensemble, dessen Einzelkomplexe allerdings in moderner Zeit durch eine Eisenbahnlinie getrennt wurden.

Auch wenn wir heute das malerische Anwesen als Schloß wahrnehmen und bezeichnen, war es in Wirklichkeit eine Grangie des Klosters Salem, keine Residenz, sondern ein wirtschaftlicher Nutzbau. Salem erwarb Maurach bereits 1155 vom Kloster Einsiedeln (Schweiz). Der Name Grangie leitet sich vom lateinischen "granum" = Korn und von "grangium" = Kornvorratshaus ab. Was dem Wortstamm nach einfach nur ein Getreidespeicher ist, bezeichnete später auch einen außerhalb des eigentlichen Klosters gelegenen, aber klostereigenen landwirtschaftlichen Gutskomplex. Die Zisterzienser besiedelten typischerweise einsame Landstriche, die erst landwirtschaftlich erschlossen wurden, und bei diesem Orden hatte die landwirtschaftliche Selbstversorgung und Eigenbewirtschaftung einen hohen Stellenwert. Natürlich wurde die Arbeit mit dem Wachsen der Klöster nicht von den Mönchen selbst erledigt, und mit zunehmender Betriebsgröße wurden Außenstellen notwendig. Dörfliche Strukturen und zersplitterte Grundherrschaften waren bei den Zisterziensern eher unerwünscht, da eine einzelne Grangie auf gut arrondiertem Landbesitz sich viel einheitlicher, wirtschaftlicher und rationaler betreiben ließ. Deshalb bildeten dem Kloster unterstehende, von Konversen (Laienbrüdern) geleitete und von Klosterhörigen und /oder Lohnarbeitern bewirtschaftete Grangien die typische Gutsform der Zisterzienser. Im 12. und 13. Jh. kauften die Mönche von der Abtei Reichenau und von den Herren von Vaz weiteren Besitz hinzu. Maurach wurde unter den Salemer Besitzungen besonders bedeutend und wurde zum Sitz einer Hofmeisterei. Und trotzdem wurde die Grangie Maurach aufgrund der Lage am See und der Schönheit des Ortes von etlichen Äbten als Sommerresidenz genutzt, insofern steckt in der Bezeichnung "Schloß" wiederum ein bißchen Wahrheit.

Aber Maurach war nicht nur eine Klostergrangie, sondern auch ein Seehafen des Klosters mit Schiffsanlegestelle. Mit dem Kloster Salem war Maurach über den sogenannten Prälatenweg verbunden, der sowohl ein Prozessionsweg im Zuge der Verehrung des Gnadenbildes in Birnau war als auch ein Wirtschaftsweg zwischen Kloster und Grangie bzw. Seehafen. Da die ganze Strecke Salemer Territorium war, konnte man Waren zollfrei verschiffen, um die landwirtschaftlichen Erzeugnisse dann über diverse Stadthöfe entlang des Seeufers bzw. der mit dem Bodensee verbundenen Wasserwege abzusetzen. Zugleich war die so leicht erreichbare Wasserstraße ein wichtiger Reiseweg für die Äbte: Wenn der Salemer Abt zum jährlich stattfindenden Generalkapitel des Ordens nach Cîteaux reisen wollte, nahm er zuerst die Kutsche nach Maurach, dann ein Schiff über den Bodensee und fuhr dann den Hochrhein entlang bis Basel, um dann nach Burgund zu gelangen, wo das Mutterkloster der Zisterzienser in einem Tal der Saône in der Gemeinde Saint-Nicolas-lès-Cîteaux lag. Und auch im Dreißigjährigen Krieg, als kaiserliche, schwedische und französische Truppen durchzogen, floh der Salemer Konvent über den Seehafen Maurach.

In dieser Zeit wurden die bestehenden Gebäude der Grangie verwüstet. Erst nach Kriegsende wurden unter Abt Thomas Schwab 1648-1650 die Schäden beseitigt und der Wiederaufbau eingeleitet. Der Salemer Abt Stephan I. Jung baute 1722-1725 das Gut unter Verwendung bestehender Bausubstanz zu seinem heutigen schloßartigen Erscheinungsbild mit Garten um, so daß spätestens mit diesen Baumaßnahmen die Nutzung als Sommerresidenz der Äbte erkennbar ist. Damit kümmerten sich auch namhafte Handwerker um den Ausbau: Klostermaurermeister Jakob Rüscher fertigte die Entwürfe und war für die Maurerarbeiten zuständig, Barthel Schelling für die Steinmetzarbeiten, Hans Georg Bendele für die Zimmermannsarbeiten, Dominikus Zimmermann für den Stuck, Joseph Anton Feuchtmayer für die Altäre und Skulpturen der Kapelle und andere bauplastische Arbeiten und Johann Georg Brueder für die Ausmalung. Es entstand ein langgestreckter Baukörper in Nord-Süd-Ausrichtung mit einem Querbau am Südende, der die Schloßkapelle und darüber das Abtszimmer enthielt. Im Norden kreuzt ein weiterer Querbau den Hauptflügel. Über der wappengeschmückten Durchfahrt auf der Ostseite liegt das Tafelzimmer. Im nördlichen Teil lagen Keller und Wirtschaftsräume. Der obere Ökonomieflügel mit Scheunen- und Tennenfunktion, direkt an der Bahnlinie gelegen, entstand 1727. Weitere Wirtschaftsgebäude entstanden 1730 ff. unter Abt Konstantin Miller. Um 1780 wurde die Inneneinrichtung klassizistisch umgestaltet.

Über dem östlichen Portalbogen ist das Wappen des Salemer Abtes Stephan I. Jung angebracht, der 1698-1725 amtierte. Sein Wappen wird durch eine eingebogene Spitze in drei Felder aufgeteilt (Tinkturen nach der Äbtewappentafel), Feld 1: in Schwarz ein silberner, einwärts mit einem goldenen oder naturfarbenen Fisch belegter Balken (der schwarze Hintergrund ist im vorliegenden Fall üppig mit Ranken damasziert), Feld 2: in Blau ein aufspringendes silbernes Einhorn, Feld 3: in Rot ein silberner Pelikan mit Jungen auf seinem Nest.

Neben dieser herausragend gearbeiteten bauplastischen Arbeit in Maurach ist sein Wappen noch an etlichen anderen Orten mit Bezug zum Kloster Salem zu finden, z. B. an der Südfassade des Schlosses Salem, als Deckengemälde des Kaisersaals in der Prälatur Salem, an der Kirche St. Wolfgang in Oberuhldingen und am Pfarrhaus in Ostrach. Eine Sonderstellung nimmt das Wappen des Abtes am Salmansweiler Hof in Stockach ein, weil es zusätzliche Felder mit heraldischen Symbolen für das Kloster Salem selbst besitzt, was im hier vorliegenden Fall nicht vorkommt. Die Ovalkartusche wird von einem aufwendigen, breiten, ornamentalen Rahmen eingefaßt. Oben ist ein geflügelter Puttenkopf mit reichverzierter Inful zu sehen. Krummstab und gestürztes Schwert wären zu erwarten, gingen aber vermutlich verloren; am heraldisch rechten Flügel ist noch ein Ansatz der Krümme zu erkennen.

 

Nach der Säkularisation hatte das Anwesen ein wechselvolles Schicksal. Mit dem Klosterbesitz kam Maurach 1802 an Baden. Nachdem der Salemer Konvent endgültig aufgelöst worden war, kamen hier 1804 sechs heimatlos gewordene Mönche unter. Nach 1840 hielt sich gelegentlich die markgräfliche Familie hier auf. 1857 richtete man das Schloß als Wohnsitz für den psychisch erkrankten Prinzen Ludwig von Baden her; ansonsten diente es als markgräflicher Pachthof. Danach war das Anwesen wieder eine Zeitlang unbewohnt.

1918/19 gab es einen Besitzwechsel: Die Bregenzer Territorialabtei Wettingen-Mehrerau erwarb vom Haus Baden neben der Wallfahrtskirche Birnau auch Schloß und Hofgut Maurach und wandelte es 1946 wieder in einen landwirtschaftlichen Betrieb um, nachdem das zwischenzeitlich eingerichtete Tochterkloster 1941 aufgehoben worden war. 1951-1961 diente das Schloß als Jugendherberge. Nach deren Schließung verfielen die Gebäude immer mehr, und das Schloß befand sich in einem desolaten Zustand. Mutwillige Zerstörungen und Plünderung hatten das Anwesen in einen Schandfleck verwandelt. Nachdem 1979 das Ökonomiegebäude und das Knechtehaus abbrannten, schloß man auch noch die Landwirtschaft.

Aufwärts ging es erst ab 1984 wieder, als man ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept zur Wiederherstellung entwickelte und am 31.10.1985 einen Erbbauvertrag zwischen dem Zisterzienser-Priorat Birnau und der L-Bank (ehemalige Landeskreditbank Baden-Württemberg) schloß, der bis 2025 verlängert wurde. Letztere baute im Schloß ein Tagungszentrum auf, das 1988 seinen Betrieb aufnahm. Das Schloß wurde 1985-1992 vom Orden restauriert und zur Tagungs-und Bildungsstätte für Firmen und Kommunen umgebaut, während die Bank anstelle der abgebrannten Ökonomie einen sich in Form und Dimensionen dem Schloß anpassenden Gästebau mit 25 Gastzimmern errichtete. Dabei benutzt die Bank die Gebäude nicht für eigene Maßnahmen, sondern vermietet die Räume auf wirtschaftlicher Basis. So arbeiteten beide Partner zur Rettung des Schlosses Hand in Hand. Restaurierung, Modernisierung und Umbau erfolgten durch den Karlsruher Architekten Heinz Mohl. Das Schloß ist nicht zu besichtigen und nur im Rahmen von Kursen zugänglich.

Zur Übersicht ein Ausschnitt aus der Salemer Äbteliste unter Hervorhebung des mit einem bauplastischen Wappen vertretenen Abtes:

Literatur, Links und Quellen:
Schloß Maurach: http://www.leo-bw.de/web/guest/detail-gis/-/Detail/details/DOKUMENT/lad_denkmale/1213693/Schloss+Maurach+(Birnau-Maurach+4+Uhldingen-Mühlhofen)
Schloß Maurach:
https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Maurach
Schloß Maurach:
http://www.schloss-maurach.de/schloss-maurach/inhalt/nav/startseite.xml?ceid=117433&page=startseite
Geschichte von Schloß Maurach:
http://www.schloss-maurach.de/schloss-maurach/inhalt/nav/das-schloss/historie.xml?ceid=117444
Die L-Bank:
http://www.schloss-maurach.de/schloss-maurach/inhalt/nav/das-schloss/engagement-der-l-bank.xml?ceid=117445
Reinhard Schneider: Die Geschichte Salems, in: Salem, 850 Jahre Reichsabtei und Schloß, Konstanz 1984.
Lebensdaten der Äbte:
http://www.leo-bw.de/web/guest/ergebnisliste-gross/-/Suchergebnis/liste/GROSS?_LEOBWSearchResult_WAR_sucheportlet_searchId=1459108115829&cur=1 ff.
Tafel mit allen Abtswappen:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/75/Bodenseeraum_2012_ii_16.jpg
Liste der Äbte von Salem:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Äbte_von_Salem
Liste der Äbte von Salem:
http://www.zisterzienserlexikon.de/wiki/Salem/Äbteliste
Alberich Siwek, Fridolin Schmid, Schw. Dr. Marcella Kugler O. Cist.: Die Zisterzienserabtei Salem: Der Orden, das Kloster, seine Äbte, hrsg. anläßlich der Gründung des Klosters vor 850 Jahren, hrsg. vom Erzb. Münsterpfarramt Salem, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen, 1984, S. 259-274
Ulrich Knapp: Auf den Spuren der Mönche - bauliche Zeugen der Zisterzienserabtei Salem zwischen Neckar und Bodensee, Schnell & Steiner Verlag, 1. Auflage 2009, 336 Seiten, ISBN-10: 3795422477, ISBN-13: 978-3795422479, S. 188-192
Michael Losse: Burgen, Schlösser, Adelssitze und Befestigungen, 176 S., Imhof-Verlag, Petersberg, 1. Auflage 2011, ISBN-10: 3865681913, ISBN-13: 978-3865681911, S. 95-99
Günter Schmitt: Schlösser und Burgen am Bodensee, Band 1: Westteil. Von Maurach bis Arenenberg. Biberach 1998, ISBN 3-924489-94-7

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