Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2302
Weisendorf (Landkreis Erlangen-Höchstadt, Mittelfranken)

Schloß Weisendorf

Schloß Weisendorf liegt im Zentrum des gleichnamigen Ortes östlich der Höchstadter Straße in einem ausgedehnten Park mit altem Baumbestand. Seebach und Sauerheimer Graben durchziehen den Park mit Wasseradern, und mit dem Badweiher und dem Mühlweiher befinden sich zwei Seen in unmittelbarer Nähe zum Schloßareal. Es handelt sich um eine annähernd quadratische, durchweg zweistöckige Vierflügelanlage um einen Innenhof mit einem polygonalen Turm mit welscher Haube an jeder Ecke. Der Hauptzugang erfolgt von Westen über die Schloßgartenstraße. Im Westen ist dem Schloß nördlich der Zufahrt eine weitere, größere Vierflügelanlage versetzt vorgebaut, die ehemaligen Ökonomiegebäude, wobei der nördliche und südliche Flügel jeweils nach Westen vorspringen. Das heutige Schloß wurde im wesentlichen ab 1698 erbaut.

Die ersten Ortsherren waren die Ritter von Berg (1288-1438), die aber im Mannesstamm erloschen. Arnold von Seckendorff heiratete die Nichte des letzten Herren von Berg, und so kam Weisendorf an die von Seckendorff-Nold (1438-1626). Im Ort stand zuvor ein älterer Bau, der aber 1449 im ersten Markgrafenkrieg vom Nürnberger Feldhauptmann Reuß von Plauen eingenommen und niedergebrannt wurde. Die nächste Zerstörung von Weisendorf fand 1504/05 während des Landshuter Erbfolgekrieges statt, als Nürnberger Truppen Balthasar von Seckendorff bis Weisendorf verfolgten und alles bis auf die Kirche in Schutt und Asche legten. Das nächste Schloß war ein von des Letztgenannten Sohn, Friedrich Joachim von Seckendorff, errichtetes befestigtes Wasserschloß gegenüber dem alten Rittergutsgebäude. 1552 wurde Weisendorf im Zweiten Markgrafenkrieg erneut von Nürnberger Soldaten geplündert. Die nächsten Ortsherren waren die Truchseß von Wetzhausen (1626-1650), nachdem Wolf Dietrich Truchseß von Wetzhausen, ein in schwedischen Diensten stehender Oberst, das Schloß den von Seckendorff abgekauft hatte. Ihm folgte sein Bruder Philipp Albrecht Truchseß von Wetzhausen 1632 als Inhaber des Rittergutes. Natürlich wurde Weisendorf im Dreißigjährigen Krieg erneut zerstört. Danach wurde Weisendorf rekatholisiert, nachdem 1650 Major Martin Ballhorn vom Wrangelschen Leibregiment das Rittergut gekauft hatte. Der nächste Besitzer ab 1689 war Hans Georg Freiherr von Lauter. Er stand als Amtmann in Höchstadt und Wachenroth in Diensten des Hochstifts Bamberg und hatte das bischöfliche Lustschloß Seehof bei Bamberg wohl als Vorbild vor Augen, als er das Weisendorfer Schloß neu errichten ließ.

Nach Hans Georg Freiherr von Lauter folgten als Besitzerinnen der Herrschaft 1723 seine beiden verheirateten Töchter, Barbara von Brandenstein und Sybilla von Hanstein. Damian Joseph und Franz Maximilian von Langen, Sybillas Enkel, konnten irgendwann das Rittergut finanziell nicht mehr halten: 1761 verkauften sie die das Rittergut Weisendorf an Freiherr Philipp Wilhelm von Bibra, Geheimer Rat, Kammerherr und Obrist-Leutnant. 1784 wurde erneut verkauft, diesmal an den böhmischen Grafen Rummerskirch. Der machte aus dem Wasserschloß ein Landschloß, indem er die Wassergräben mit 400 Fuhren Sand zuschütten ließ. Der nächste Besitzerwechsel fand nach dem ganzen sich aus der großen Politik zwischen Bayern, Preußen und Frankreich ergebenden Chaos im Jahr 1813 statt: Franz Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg, k. k. österreichischer und großherzoglich- toskanischer Kämmerer, kaufte das Rittergut Weisendorf. Nach ihm folgte sein Sohn, Hermann von Guttenberg, der während der 1848er Revolution nach Würzburg floh. Fortan nutzen die zu Guttenberg das Schloß nur noch als Sommerresidenz.

 

Das Wappen über dem Hauptportal ist das der Familie zu Guttenberg, in Blau eine goldene Rose, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein hermelingestulpter roter Hut, aus dem fünf rotbraune (natürliche) Rohrkolben wachsen. Das Wappen entstammt stilistisch der heraldischen Verfallszeit des frühen 19. Jh.: Wesentliche Elemente wie die Helmdecken fehlen, der Schildinhalt ist nicht raumfüllend, sondern zu klein, die Proportionen stimmen nicht, der winzige Helm wirkt anachronistisch deplaciert über den Rocailleformen des ovalen Schmuckrahmens, dafür hängen von der ornamentalen Fassung ausgehende Girlanden vor den Schildinhalten. Die aus Metall gefertigte Helmzier kontrastiert mit dem Sandstein - ein typischer Stilmix aus der Zeit des Verlustes des Gefühls für überzeugende heraldische Gestaltung. Der Familie zu Guttenberg gehörte Schloß Weisendorf von 1813 bis 1957.

Während des Zweiten Weltkrieges diente das Ökonomiegebäude der Unterbringung polnischer, französischer und sowjetischer Kriegsgefangener, die zur Zwangsarbeit herangezogen wurden, das Schloß als Sitz einer SS-Einheit. Danach diente das Schloß als Kaserne amerikanischer GIs, die die Einrichtung zerstörten und mit den historischen Fußböden und noch vorhandenen Rokokomöbeln heizten. Eine Würzburger Finanzschule nutzte kurzfristig die Gebäude. Dann wurden ab 1946 ca. 300 Flüchtlinge aus den Ostgebieten und dem Sudetenland im Schloß einquartiert. 1949 machte man es zum Seniorenheim für Flüchtlinge. In der Mitte des 20. Jh. war das Weisendorfer Schloß in desolatem Zustand, kein Wunder bei der beschriebenen Nutzung: Böden kaputt, Dach einsturzgefährdet, Eisenverankerungen der Türme durchgerostet - ein echter Sanierungsfall, der sehr viel Geld kosten würde. Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg schenkte das völlig heruntergekommene Schloß 1957 an den Karmeliten-Pater Maria-Eugen Grialou, den Gründer des karmelitischen Säkularinstitutes Notre Dame de Vie (Unsere Frau vom Leben), in dessen Eigentum es sich auch heute noch befindet. Der Name ist abgeleitet von der französischen Wallfahrtskirche "Notre-Dame de Vie“ in Venasque (Provence), wo Pater Maria-Eugen Grialou und Frau Marie Pila das Säkularinstitut gegründet hatten.

Der Orden sanierte die dringend renovierungsbedürftige Anlage und baute sie für die duale Nutzung einerseits als Ort der Zurückgezogenheit für die Ordensangehörigen und andererseits für die Nutzung als Tagungsstätte um. Aus dem ehemaligen Gutsgebäude wurde das "Edith-Stein-Haus", ein Seminar-, Bildungs- und Exerzitienhaus. Das Schloßgebäude selbst hingegen dient als Wohn-, Begegnungs- und Rückzugsraum für die Gemeinschaft des Ordens, und es wird von einigen Frauen der Gemeinschaft permanent bewohnt. Dem Orden ist es zu verdanken, daß das Schloß nicht dem Verfall überlassen wurde. Der Park, der nicht Bestandteil der Schenkung war, wurde geteilt; der größere Teil wurde an das Institut verkauft, der kleinere Teil wurde von den zu Guttenberg 1980 an die Gemeinde verkauft. Ursprünglich wollten die zu Guttenberg das Areal in Bauland umwandeln, und das Gelände wurde erst einmal zwecks Niveauausgleichs zur Bauschuttdeponie, wodurch die alten Bäume abstarben. Die Familie zu Guttenberg, das Säkularinstitut und die Gemeinde schlossen schließlich vor dem Landgericht Ansbach einen Vergleich, wodurch die Gemeinde den ehemaligen Barockgarten, den Englischen Garten und Teile der Schloßwiesen für 188688 DM kaufen konnte, zusammen 1,5 Hektar Park. Die Neugestaltung des erst seit 1957 der Öffentlichkeit zugänglichen Schloßgartens wurde zwischenzeitlich zum Politikum.

Literatur, Quellen und Links:
Schlösser und Burgen in Mittelfranken, von Ruth Bach-Damaskinos, Jürgen Schabel, Sabine Kothes. Hofmann Verlag Nürnberg, ISBN 3-87191-186-0, S. 162
Siebmachers Wappenbücher
Geschichte von Weisendorf:
http://www.weisendorf.de/index.php?id=0,26
Institut "Notre-Dame de Vie" und "Edith-Stein-Haus"
http://www.st-josef-weisendorf.de/kirche/Schloss.html - http://www.edith-stein-haus-weisendorf.de/
Schloß Weisendorf:
http://www.freizeit-erh.de/sehenswertes/schloesser/weisendorf.html
Baudenkmäler in Weisendorf:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Baudenkmäler_in_Weisendorf
Neugestaltung des Schloßgartens:
http://www.nordbayern.de/region/hoechstadt/weisendorf-schlosspark-soll-neu-gestaltet-werden-1.4321280
zu Guttenberg:
http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_45555
zu Guttenberg:
https://de.wikipedia.org/wiki/Guttenberg_(Adelsgeschlecht)
Ingrid Jungfer:  Erst Burg, später SS-Quartier, am Ende fast marode: Wie das Schloß Weisendorf in den Besitz des Schwesterordens kam:
http://ingas-blog.com/2015/05/31/erst-burg-spater-ss-quartier-am-ende-fast-marode-wie-das-schloss-weisendorf-in-den-besitz-des-schwesterordens-kam/
Ingrid Jungfer: Blüte und Verfall des Schloßparks – vom hochherrschaftlichen Park zur vielfältigen Nutzung:
http://ingas-blog.com/2015/04/17/blute-und-verfall-des-schlossparks-vom-hochherrschaftlichen-park-zur-vielfaltigen-nutzung/
Ingrid Jungfer: Teure Schloßparksanierung: Mehrheit im Gemeinderat verweigert Zustimmung wegen Kostenexplosion:
http://ingas-blog.com/2015/07/16/teure-schlossparksanierung-mehrheit-im-gemeinderat-verweigert-zustimmung-wegen-kostenexplosion/

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