Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2261
Schaafheim (Landkreis Darmstadt-Dieburg)

Die Schaafheimer Wartturm (Radheimer Warte)

Der Schaafheimer Wartturm befindet sich südsüdöstlich des Ortes frei im Feld auf einer Anhöhe (Binselberg) stehend. Wenn man den Ort auf der Mosbacher Straße in Richtung Radheim und Mosbach verläßt (K106), zweigt nach einem kleinen Wäldchen auf einer Anhöhe ein asphaltierter Feldweg nach links (nach Osten) ab (zur anderen Seite geht es zur Straußenfarm Tannenhof). Nach ca. 800 m erreicht man an einer Wegekreuzung den weithin sichtbaren Turm, neben dem ein Modellflugplatz angelegt ist. Der Turm liegt auf ca. 216 m über NN. Nur wenige Meter weiter befindet sich die heutige Landesgrenze zwischen Hessen und Bayern. Die Besonderheit dieses Turmes ist, daß es sich um den letzten Überrest einer im späten Mittelalter befestigten Landesgrenze handelt. In der Nähe des Turmes verlief der sog. Schiffweg, und hier war ein Grenzposten mit Geleitsübergabestelle.

Der mit einem gemauerten, spitzkegeligen Helm und etlichen Schießscharten und Gußerkern (Pechnasen) versehene Turm war ein Wacht- und Signalturm der von dem Mainzer Fürstbischof Berthold von Henneberg als Landesherr über die Cent Bachgau (auch Cent Ostheim genannt) geschaffenen Landwehr. Das Kurfürstentum Mainz grenzte hier im Westen an Gebiete der Grafen von Hanau, der Landgrafen von Hessen und der Kurpfalz. Schaafheim und Babenhausen gehörten zur Grafschaft Hanau, Mosbach zu Kurmainz. Umstadt war eine kurpfälzisch-hessische Cent. Dorndiel gehörte wiederum schon zur mainzischen Cent Bachgau. Die Landwehr begann im Süden bei Mömlingen am Fluß Mümling und führte dann ins Amorbachtal, von da entlang des Dorndieler Baches und am Radheimer Waldrand entlang, ein Stück parallel zur Straße nach Schaafheim, knickte dann nach rechts ab und zog bis zum Wartturm. Von dort ging die Landesgrenze zwischen dem Schaafheimer und dem Babenhäuser Wald einerseits und dem Großostheimer und dem Stockstädter Wald andererseits weiter bis nach Stockstadt.

 

Die nicht exakt entlang der Centgrenzen, sondern eher geographisch vorteilhaft verlaufenden Befestigungen erschwerten nicht nur räuberische oder kriegerische Ein- und Überfälle, vor allem zwangen sie Reisende zum Passieren der Zollstationen an den bewachten Durchlässen (sog. Schläge) der Landesgrenze, wo sie Zölle und Geleitsgelder entrichten mußten. Das war ein lukratives Geschäft, vor allem wegen der Handelsreisenden zwischen Augsburg oder Nürnberg einerseits und Frankfurt andererseits. Natürlich hätten diese auch die etwas längere, aber bequemere Route entlang des Untermaines auf der Maintalstraße nehmen können, aber die Route über den Bachgau war eine Abkürzung. Diese Alternativmöglichkeit verschwand 1486: Damals bekam Kurmainz das Recht, die Geleitsroute ausschließlich durch eigenes Territorium zu führen. Sämtliche Kaufleute, die zur Frankfurter Messe wollten, mußten den Weg Miltenberg - Klingenberg - Aschaffenburg - Stockstadt - Seligenstadt - Steinheim - Offenbach nehmen, und Mainz kassierte alle Einnahmen entlang des Weges, ein Monopol zum Ausbeuten. So gesehen, insbesondere vor dem Hintergrund zeitlicher Koinzidenz der Errichtung, diente die Landwehr sehr den wirtschaftlichen Interessen des Kurstaates, um die Kaufleute auf eine bestimmte Route zu zwingen, Interessen, die vermutlich sogar die territorialen überwogen. Für diese Annahme sprechen neben der zeitlichen Koinzidenz vor allem auch der besonders starke Ausbau in diesem "Abkürzungsbereich", der nicht der tatsächlichen Grenze entsprechende Verlauf und ferner die auf alten Karten zu findende Bezeichnung "Landwehr gegen Frankfurt".

Bis zum Ende des 18. Jh. sicherte diese Landwehr kurmainzische territoriale und wirtschaftliche Interessen ab; danach wurden die Territorien im Zuge der napoléonischen Eroberungen und Veränderungen neu gegliedert, wodurch die aus mehreren parallelen, dicht mit Gestrüpp bepflanzten Wällen und Gräben bestehenden Befestigungen bedeutungslos wurden und bis auf diesen Turm geschleift wurden. Im Wald (Heege) sind noch Reste der Grenzwälle zu sehen, aber im Bereich der Felder ist längst alles eingeebnet. Erst 1936/37 erwachte wieder das historische Interesse an dem aufgegebenen Wartturm; er wurde saniert. Dabei wurde unter Umgehung des gut sichtbaren, ursprünglichen, in 10 m Höhe gelegenen und früher nur mit einer Leiter erreichbaren Hocheingangs ein ebenerdiger Zugang in die Mauer gebrochen, und über eine neu eingebaute Holztreppe kann man hochsteigen und die drei Geschosse im Inneren erreichen. Die Aussichtsplattform befindet sich im zweiten Stock. Der Turm hat eine Höhe von 22 m, einen Umfang von 21 m und unten eine Mauerstärke von 1,3 m.

 

Das Wappen des Mainzer Fürstbischofs Berthold von Henneberg (regierte 1484-1504) befindet sich hoch oben unter dem Dachansatz auf der Ostseite des Turmes und ist geviert, Feld 1 und 4: in Rot ein sechsspeichiges, silbernes Rad, Erzstift Mainz, Feld 2 und 3: Grafen von Henneberg-Römhild, eigentlich geviert, Feld a und d: in Rot eine goldgekrönte silberne Säule, Colonna, Feld b und c: in Gold auf grünem Dreiberg eine schwarze Henne mit rotem Kamm und ebensolchem Kehllappen, gefürstete Grafschaft Henneberg. Diese Anordnung ist hier nicht auf die genannte, ideale Weise eingehalten worden: Die Säulen stehen zwar korrekt höhenversetzt, aber nicht im erforderlichen Ausmaß, und die Henne ist auf die höhere Säule gesetzt worden anstatt in ihren eigenen Platz, und über der tiefer gestellten Säule ist nichts zu erkennen. Ein Oberwappen fehlt. Direkt oberhalb des oberen Schildrandes ist aus dem roten Sandstein die Jahreszahl 1492 erhaben herausgearbeitet worden, das Baujahr des Wartturmes.

Literatur, Quellen und Links:
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere Band Bistümer
Hinweistafel am Objekt
Schaafheimer Warte, Landkreis Darmstadt-Dieburg“, in: Historisches Ortslexikon http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/13654
http://www.burgenwelt.de/schaafheimerturm/index.htm
http://journalismus.h-da.de/projekte/ws0304/ladadi/sue_wartturm.htm
http://www.main-echo.de/regional/rhein-main-hessen/art4013,531605
http://www.warttuerme.de/Hessen/RB_Darmstadt/LK_Darmstadt_Dieburg/Schaafheim/schaafheim.html
Wolfgang Hartmann: Die Kurmainzer Landwehr in der südlichen Cent Bachgau. In: Der Odenwald 39, 1992, S. 43-57, online: 
http://www.geschichte-untermain.de/f_landwehr.html

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