Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2256
Steyr (Oberösterreich)

Das Rathaus in Steyr

Das Steyrer Rathaus befindet sich auf der Ostseite des Stadtplatzes (Nr. 27). Mit dem hohen, in der Mitte der Fassade aufragenden Turm setzt es einen eigenen städtebaulichen vertikalen Akzent auf der dem Schloßberg abgewandten Seite des Stadtplatzes. Das Rathaus ist ein Neubau aus dem Rokoko, der einen baufällig gewordenen Vorgängerbau ersetzte. Der Entwurf stammte von Stadtbaumeister Gotthard Hayberger (1695-1764), der auch für seine barocken Klosterkonzepte in St. Florian und Seitenstetten sowie in Admont berühmt ist. Erste Entwürfe für den Neubau wurden 1757 gemacht. Der Bau wurde jedoch wegen schlechter Materialqualität und durch den Ausbruch des Siebenjährigen Krieges verzögert. Entstanden ist 1765-1772 eine in die Höhe strebende Kulissenarchitektur, die sich hoch über die Nachbarhäuser erhebt und oben von einer feingliedrigen Zwiebelhaube abgeschlossen wird. Das neue Rathaus, von Haybergers Nachfolger, dem Stadtbaumeister Wolfgang Hueber, vollendet, wurde ein Meisterwerk des österreichischen Rokoko, monumental in seinen Dimensionen und zartgliedrig in der Ausführung.

 

Kolossalpilaster binden die Stockwerke optisch zusammen und schaffen zugleich weitere vertikale Akzente in der Fassade. Die etwas vorspringende mittlere Achse, durch Turm, Uhr und angedeuteten Giebel darüber besonders hervorgehoben, enthält den Hauptzugang, über dem ein Balkon mit reichgestaltetem schmiedeeisernem Gitter angebracht ist. Die hohe Fassade des fünfachsigen, vierstöckigen Gebäudes wird oben seitlich des Turmes mit einer Attika-Balustrade abgeschlossen. Sechs allegorische Figuren schmücken die Podeste; von links nach rechts symbolisieren diese Justitia (mit Schwert, Waage und Augenbinde), Strafe (Eisenkugel und Kette), Allwissenheit (Auge Gottes), Selbsterkenntnis (Spiegel), Kirchenpatronanz (Weihrauchgefäß) und kodifiziertes römisches Recht (Buch und Säule). Die beiden mittleren Figuren stehen auf den Sockeln der beiden in Voluten endenden steinernen Aufbauten rechts und links des Turmes. Hinter dieser Fassade umschließen die einzelnen, bis zum Ennskai reichenden Trakte des Rathauses einen rechteckigen Innenhof. Diese Trakte wurden 1778 vollendet. Der große Sitzungssaal befindet sich im ennsseitigen Flügel; am 16.10.1778 konnte die erste Sitzung im schönsten Rokoko-Rathaus Österreichs abgehalten werden. Im Südflügel ist das Stadtarchiv untergebracht.

Über dem mittleren Fenster des ersten Obergeschosses ist das Stadtwappen angebracht, das Motiv weiß angestrichen und teilweise vergoldet, also nicht in korrekten Tinkturen. Das Stadtwappen von Steyr zeigt nämlich in Grün ein silbernes, rotbewehrtes, doppelschwänziges Pantier (Panther) mit stierähnlichem Kopf, kurzen Hörnern und Klauen; aus den Körperöffnungen (Maul, Ohren, Hintern und Geschlechtsteil) kommen rote Flammen hervor. Dieses Pantier geht zurück auf das persönliche Wappen Markgraf Otakars III. der Steiermark und ist dem ebenfalls davon abgeleiteten Stadtwappen von Graz und dem steiermärkischen Landeswappen sehr ähnlich. Die späteren Herzöge der Steiermark hatten ihren Stammsitz in Steyr. Unterscheiden lassen sich die drei zur bajuwarisch-karantanischen Pantierfamilie zählenden Wappen wie folgt: Im Gegensatz zum Landeswappen der Steiermark wird der Panther (das Pantier) beim Stadtwappen von Graz ohne rote Hörner, dafür aber mit einer goldenen Laubkrone dargestellt. Ferner hat das Stadtwappen eine goldene Bewehrung des Panthers, das Landeswappen weist eine rote Bewehrung auf. Und beim Landeswappen schlagen schließlich die Flammen nur aus dem Mund, beim Stadtwappen aus allen Körperöffnungen. Das Landeswappen setzt zudem auf den oberen Schildrand den steirischen Herzogshut. Der Panther der Stadt Steyr stimmt in seiner Darstellung völlig mit dem des Landeswappens überein, also mit Flammen aus allen Körperöffnungen, ohne Krone, aber mit Hörnern, mit roter Bewehrung, so daß der Unterschied nur noch durch den Herzogshut bei letzterem garantiert wird. Diese Unterschiede mögen nur Nebenteile betreffen und aus historischer Sicht berechtigterweise Varianten darstellen; sie dienen nach heutiger Definition aber der Unterscheidung und der Gewährleistung der Wappeneindeutigkeit bei drei so ähnlichen Motiven.

Literatur, Quellen und Links:
Das Rathaus von Steyr http://www.steyr.at/system/web/zusatzseite.aspx?menuonr=218378016&detailonr=219045881
Das Rathaus von Steyr
https://de.wikipedia.org/wiki/Rathaus_Steyr
Das Rathaus von Steyr
http://www.steyr.info/kultur/sehenswuerdigkeiten/stadtplatz.html
Bauten in Steyr:
http://www.steyr.at/system/web/zusatzseite.aspx?menuonr=218378016&detailonr=219059664
Historisches Steyr, Verlag Kellner, Korneuburg, 2007, S. 4 ff.
Reinhard Kaufmann: Kleiner Führer durch Steyr, Ennsthaler, Steyr, 2004 S. 55, ISBN 3-85068-297-8
Das Rathaus von Steyr
https://steyrerdenkmal.wordpress.com/2014/02/09/wappen-am-steyrer-rathaus/
Das Pantier in der Heraldik
http://www.verwaltung.steiermark.at/cms/ziel/74837745/DE/
Raimund Locicnik: Schatztruhe Oberösterreich, Sutton Verlag, Erfurt 2011, ISBN 978-3-86680-878-2, S. 136-137

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