Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2242
Franzen (Pölla, Niederösterreich, Bezirk Zwettl)

Schloß Waldreichs

Schloß Waldreichs liegt idyllisch und einsam im Waldviertel ca. 15 km östlich von Zwettl inmitten einer herrlichen Naturlandschaft auf einer flachen Hochebene über dem Nordufer des Dobrastausees, einem der Kamptalseen. Es gehörte formal zur Gemeinde Franzen, welche zusammen mit Altpölla, Neupölla, Ramsau und Schmerbach am Kamp am 1.1.1968 zur heutigen Großgemeinde Pölla fusionierte. Auch direkt an Schloß Waldreichs liegt ein weiterer künstlicher See, der aber nicht um das Schloß herum angelegt ist, sondern westlich daneben als Fischgewässer kultiviert wird. Der noch vorhandene breite Graben rings um das Schloß ist heute trocken. Das Schloß selbst ist eine Vierflügelanlage mit etwas verzerrtem Grundriß und je einem Rundturm mit Kegeldach an jeder der jeweils in eine Himmelsrichtung weisenden Ecken. Der Zugang in das Schloß erfolgt auf der Südostseite, und hier liegt auch die durch einen breiten Zwinger abgesetzte Vorburg, eine L-förmige, 1563 errichtete und inhomogene Gebäudegruppe, in der heute die Gastronomie, das Museum und das Greifvogelzentrum mit Falknerei untergebracht sind, deren moderne Gebäude sich weiter südwestlich anschließen. Ein weiterer Zugang in den Innenhof des Kernschlosses befindet sich auf der Nordostseite, dieser ist aber späteren Datums. Die Wohntrakte sind zweigeschossig, einzig der Nordostflügel ist dreigeschossig.

Hier über dem Kamptal wurde im Mittelalter eine ganze Kette von Burgen angelegt, die das nördliche Waldviertel vor Einfällen aus dem Norden sicherten. Dazu gehörte auch eine Wasserburg aus dem 13. Jh., von der sich aber nichts erhalten hat. Nachdem die Burg ein Raubnest geworden war, wurde sie um 1447 von den Landständen eingenommen und zerstört. Aus dem 15. Jh. hat sich unter Hans Harracher entstandene Bausubstanz aus der Zeit des Wiederaufbaus im Südostteil des Hauptschlosses erhalten, und aus dieser Zeit stammen auch die zweigeschossige Kapelle und der bergfriedartige Rundturm an der Ostecke, der größere Dimensionen als die drei anderen Rundtürme aufweist und dessen Wehrfunktion durch zahlreiche Schießscharten belegt wird. Was wir heute sehen, stammt aber hauptsächlich aus der Zeit von 1530-1534, als ein größerer Umbau unter Eustach Stodiligk erfolgte. Danach wurde das Schloß einmal beschädigt, als es im Dreißigjährigen Krieg im Jahr 1620 von kaiserlichen Truppen besetzt und angezündet wurde, doch es wurde kurz darauf wieder repariert.

Diese Burg bzw. das Schloß gehörte im Lauf der Zeit vielen verschiedenen Familien. Im 13. Jh. saß hier eine niederadelige Familie, die sich von Waldreichs nannte (1258 ein Rapoto de Waltreches). Dann kam die Burg an die Herren von Maissau, die sie als Lehen vergaben (1400 werden Kaspar und Bernhard von Waldreichs als Inhaber des Lehens genannt). In der Mitte des 15. Jh. gehörte die Burg Hans Harracher, in der zweiten Hälfte des 15. Jh. wurde sie an Vinzenz Stodoligk verkauft (Belehnung 1460), einem Parteigänger des Matthias Corvinus, der sich an der Fehde gegen seinen Lehnsherrn, Kaiser Friedrich III., beteiligte, aber seltsamerweise weitgehend unbehelligt davonkam und sein Lehen behielt. Von ihm stammt der bereits erwähnte Eustach Stodiligk ab, der das heute sichtbare Renaissance-Wasserschloß erbaute. 1533 wurde das Lehen in ein freies Eigengut umgewandelt. Nach den Stodiligk saß bis 1550 die Familie Haymsran-Goldt auf dem Schloß, dann 1557 Siegmund Woytich und ab 1563 die Freiherren von Althann (Althan), dann 1624 an den Ehrenreich von Kainach und 1628 Georg Andre von Kronsegg, schließlich die Grundemann, die von Volkher (Volkhra), die von Kielmannsegg, die von Sickingen, die von Rumpf und die von Stiebar; die letzten adeligen Besitzer waren ab 1815 die Freiherren von Pereira-Arnstein, die Waldreichs aber nicht mehr bewohnten, so daß das Schloß verfiel. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam das Schloß an den österreichischen Staat.

Im 20. Jh. ging das Schloß komplett "den Bach runter". Nach Verfall, der Nutzung des in der Nachbarschaft gelegenen Geländes als Truppenübungsplatz Allentsteig-Döllersheim und dem Zweiten Weltkrieg war das Schloß in völlig desolatem Zustand, und es war fragwürdig, ob es überhaupt gerettet werden konnte. Im Jahr 1959 wurde es von der Windhag-Stipendienstiftung für Niederösterreich gekauft und ab 1981 instandgesetzt, wobei der Wassergraben trockengelegt wurde und die Obergeschosse praktisch neu aufgebaut wurden. Seit 1990 wird es als Sitz des Forstamtes Ottenstein genutzt, das auch die Teichwirtschaft auf der Ottensteiner Teichplatte betreibt.

Damit wird der Bogen geschlagen zu einer bereits im Kapitel über das St.-Barbara-Spital in Münzbach vorgestellte Persönlichkeit, denn diese Stiftung geht zurück auf den letzten Willen von Joachim Enzmilner (21.2.1600-21.5.1678), dem Grafen von Windhag, der in seinem Testament vom 31.10.1670 mit drei Ergänzungen vom 8.12.1672, 19.12.1676 und vom 9.5.1678 einen Teil seines riesigen Vermögens in eine Stiftung zur Unterstützung bedürftiger Studenten überführte, eine Stiftung, die nach wie vor besteht, vom Landeshauptmann von Niederösterreich verwaltet wird und mit den Erträgnissen Schüler und Studierende an Höheren Schulen und Hochschulen fördert. Der Stiftung gehören die ehemaligen Herrschaften Groß-Poppen, Neunzen, Rausmanns und Wurmbach. Der Besitz kam nach dem Zweiten Weltkrieg unter russische Verwaltung und wurde erst 1959 restituiert, nachdem Landeshauptmann Johann Steinböck die Rückstellung und Wiedererrichtung der Windhag-Stipendienstiftung für Niederösterreich erreichen konnte. Derzeit werden nach dem immer wieder geänderten Stiftungsbrief in der Fassung vom 6.3.1970 an bedürftige Studenten/Studentinnen aus Niederösterreich (österreichische Staatsbürgerschaft und Hauptwohnsitz in Niederösterreich) jährlich zwanzig Leistungsstipendien für besondere Studienleistungen des vergangenen Studienjahres (Notenschnitt je nach Art der Hochschule nicht schlechter als 2,5 bzw. 3, bei Schülern nicht schlechter als 2,1 und kein "nicht genügend") vergeben.

Wegen dieser Stiftungszugehörigkeit ist am Eingang der Vorburg auch ein Wappen besagten Stiftungsgründers, Joachim Enzmilner Graf von Windhag, angebracht. Der Lebenslauf von Joachim Enzmilner Graf von Windhag wurde im Kapitel zum St.-Barbara-Spital in Münzbach ausführlich diskutiert, Details siehe dort. Der Wappenstein besteht aus zwei Teilen aus unterschiedlichen Materialien. Der eigentliche Schild ist mit drei Haken auf dem rotmarmornen Rahmen befestigt, welcher die Jahreszahl 1673 trägt. Der Stiftung gehört Schloß Waldreichs aber ausdrücklich erst seit 1959.

Oberhalb des Wappens ist auf einem Schriftband eine komplexe Initialbuchstabenfolge zu sehen, die für "IOACHIM GRAF VND HERR VON WINDHAG FREIHERR ZV ROSENBVRG (DER) ROEMISCH KAISERLICHEN MAIESTAET RAT VND REGENT DER NIEDER ÖSTERREICHISCHEN LANDE" steht. Darüber ist die Datierung auf das Jahr 1673 angebracht. Diese Titulatur unter Weglassung des eigentlichen Familiennamens ist nach der Erhebung in den Reichsgrafenstand am 10.9./19.11.1669 durch Kaiser Leopold auf Schloß Eberstorff zutreffend. Zum kaiserlichen Rat wurde er von Kaiser Ferdinand II. am 20.8.1627, und zum Regenten am 19.8.1636 ernannt.

 

Der dargestellte gräfliche Wappenschild selbst entspricht dem Stand des Freiherrenstandsdiplomes vom 5.1.1651, weil der Reichsgrafenstand 1669 nämlich sine armis (ohne neues Wappen) verliehen wurde und keine weitere Veränderung eintrat. Der Schild ist geviert mit unten eingeschobener, eingebogener Spitze, Feld 1 und 4: in Blau einwärts ein gekrönter, goldener Greif, ein halbes goldenes Mühlrad haltend (lt. Siebmacher ohne Dreiberg), Feld 2 und 3: in Rot auf einem silbernen Felsen einwärts ein silberner, gekrönter Steinbock, im Maule an einem Ring einen goldfarbenen, vorne aufgeplatzten Granatapfel haltend, Feld 5 (eingebogene Spitze): in Gold auf einem grünen, über den Kopf der Taube gebogenen Olivenzweig stehend eine silberne Taube mit einem grünen Lorbeerzweig im Schnabel, Herzschild: in Rot ein auf den Hinterbeinen hockender "natürlicher" Affe, das Ende der an seinem Halsband befestigten und von hinten unter dem Körper hindurchgehenden, silbernen Kette mit einer halben Endschelle in seinen Händen haltend (Freiherren von Prag zu Windhaag).

Nicht dargestellt sind hier die dazu geführten drei gekrönten Helme: Helm 1 (Mitte: auf dem Helm mit rechts blau-goldenen und links rot-silbernen Decken ein schwarzer, auf beiden Häuptern königlich gekrönter Doppeladler, auf der Brust einen roten, mit einem silbernen Balken belegten und mit dem Erzherzogshut gekrönten Schild, der silberne Balken mit dem goldenen Majuskelbuchstaben "W" belegt, Helm 2 (rechts): auf dem Helm mit blau-goldenen Decken ein wachsender, gekrönter, goldener Greif mit einem halben, goldenen Mühlrad zwischen zwei blauen Büffelhörnern, Helm 3 (links): auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein silberner, gekrönter Steinbock mit einem an einem Ring am Maul hängenden, goldfarbenen, vorne aufgeplatzten Granatapfel wachsend vor einem roten Straußenfederbusch. Eine Vergleichsdarstellung mit diesen Helmen ist das Messingwappen auf dem Eingang zur Gruft im Langhausmittelgang der Laurentiuskirche in Münzbach. Die Entwicklung des Wappens unter Auflistung aller Diplome wurde im Kapitel zum St.-Barbara-Spital in Münzbach ausführlich diskutiert, wo ein vorfreiherrliches Wappen ohne die eingebogene Spitze zu sehen ist, Details siehe dort und im Siebmacher Band: OÖ Seite: 649-651 Tafel: 130.

Literatur, Quellen und Links:
Siebmachers Wappenbücher wie angegeben
Burgen Austria:
http://www.burgen-austria.com/archive.php?id=549
Waldreichs / Forstamt Ottenstein:
http://www.waldreichs.at/
Waldreichs / Greifvogelzentrum:
http://www.greifvogelzentrum.at/ - Schloß: http://www.greifvogelzentrum.at/index.php/schloss
Schloß Waldreichs:
http://www.waldviertel.at/schloss-waldreichs
Schloß Waldreichs:
https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Waldreichs
Schloß Waldreichs:
http://geschichte.landesmuseum.net/index.asp?contenturl=http://geschichte.landesmuseum.net/orte/ortedetail.asp___id=16000
Joachim Enzmilner:
https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Enzmilner
Artikel von Johannes Ebner über Joachim Enzmilner:
http://www.ooegeschichte.at/epochen/reformation-und-renaissance/reformation-und-gegenreformation-in-oberoesterreich/gegenreformation-in-oberoesterreich/protagonisten-der-gegenreformation/joachim-enzmilner/
Georg Grüll: Geschichte des Schlosses und der Herrschaft Windhag, in: Jahrbuch des oberösterreichischen Musealvereines, 87. Band, Linz, 1937, S. 185-312, online:
http://www.ooegeschichte.at/uploads/tx_iafbibliografiedb/JBMusver_1937_087_0185-0311_a.pdf - http://www.ooegeschichte.at/uploads/tx_iafbibliografiedb/JBMusver_1937_087_0185-0311_b.pdf - http://www.ooegeschichte.at/uploads/tx_iafbibliografiedb/JBMusver_1937_087_0185-0311_c.pdf
Walpurga Oppeker: Joachim von Windhag, Versuch eines Lebensbildes, in: Fritz Weber (Hrsg): 300 Jahre Windhagsche Stipendienstiftung für Niederösterreich, Wien, Ottenstein, 1970, S. 7-21
Walpurga Oppeker: Joachim Graf von und zu Windhag - Reformationskommissär, Großgrundbesitzer und Stifter im Viertel ober dem Manhartsberg, in: Edmund Teufl (Hrsg.): Forstwirtschaft im Waldviertel, Waldreichs 1994
Artikel zu Graf Joachim Enzmilner von Windhag (Windhaag) in der Datenbank Gedächtnis des Landes zur Geschichte des Landes Niederösterreich (Landesmuseum Niederösterreich), online:
http://geschichte.landesmuseum.net/personen/personendetail.asp?id=1020348420
Georg Clam-Martinic, Österreichisches Burgenlexikon, Linz, 1992, S. 203
Studienstiftung:
https://de.wikipedia.org/wiki/Windhag_Stipendienstiftung_für_Niederösterreich
Stipendien-Richtlinien:
http://www.noel.gv.at/Bildung/Stipendien-Beihilfen/Stipendienstiftungen/Windhag-Stipendienstiftung_Antrag_Richtlinie.html - http://www.noe.gv.at/Bildung/Stipendien-Beihilfen/Stipendienstiftungen.html

Münzbach (Oberösterreich, Bezirk Perg): St. Barbara-Spital

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