Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2235
Bruneck (Brunico, Italien, Provinz Bozen, Region Trentino-Südtirol)

Das Haus Kirchberger

Das dreistöckige Haus Kirchberger (Casa Kirchberger) befindet sich in der Stadtgasse 62. Dieses prächtige und breite Haus mit einem doppelgeschossigen Rechteckerker an seiner Schaufassade entstand in dieser Form erst nach dem Stadtbrand von 1723. Beim Wiederaufbau der zerstörten Altstadt wurden drei ehemals selbständige, gotische Stadthäuser zu einem einzigen verschmolzen. Im Kern enthält das Anwesen aber noch etliches an mittelalterlicher Bausubstanz, was nicht zuletzt an dem unter dem zweiten Obergeschoß verlaufenden Spitzbogenblendfries des mittleren Abschnitts sichtbar wird. Einst im Besitz des Brixener Bischofs, wurde es nach der Zerstörung an Johann Kirchberger verkauft, der hier eine Brauerei betrieb. Bis 1916 blieb das Haus Brauereisitz, danach war es noch zwei Jahrzehnte lang ein Gastronomiebetrieb.

 
 

Zwei Wappen sind am auf drei abgetreppten Kragsteinen ruhenden Erker zu sehen: Unterhalb des Fensters des ersten Obergeschosses befindet sich ein auf 1600 datiertes Fresko eines Wappenschildes der Familie von Söll (oder Sell), in Rot ein silberner, hier linksgewendeter, aus dem Schildfuß wachsender oberhalber Stier mit schwarzen Hörnern. Die hier nicht dargestellte Helmzier wäre zur rot-silbernen Decken die Schildfigur wachsend. Diese vom Amserhof zu Wielenbach bei Bruneck stammende Familie ist ein tief in der Geschichte der Stadt Bruneck verwurzeltes Geschlecht, das bereits 1375 mit Heinrich der Sell, auch Amser genannt, nachweisbar ist. Seine beiden Söhne, Lienhart und Erasmus, wurden zu Stammvätern zweier Hauptlinien, der Linie der hier relevanten Ochsen-Söll und der Linie der Aichel-Söll. Die Familie stellte im Laufe der Zeit in Bruneck sechs Stadtrichter, drei Oberamtspfleger und vier Schloßhauptmänner sowie vierundzwanzig Bürgermeister im Zeitraum von 1426 bis 1609.

Der Linie der Aichel-Söll, von der Sigmund Söll 1446 einen kaiserlichen Wappenbrief bekam und die am 4.8.1559 zu Augsburg den Reichsadelsstand mit dem Prädikat "von oder zu Aichperg" (Aichberg) und eine Wappenbesserung erhielt für die Brüder Wolf, Georg, Caspar, Christoph, Mautner zu Rottenmann, Johann und David Sell, gehörte seit ca. 1600 Schloß Neuhaus. Das Wappen dieser Linie ist anders; es zeigt in Rot auf einem grünen Dreiberg einen silbernen Eichbaum mit zwei Eicheln, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken den Eichbaum zwischen einem roten Flug. Am 14.3.1646 wurde Ferdinand Söll von Aichberg, erbländisch-österreichischer Pfleger zu Sterzing, in die Tiroler Adelsmatrikel aufgenommen. Johann Baptist von Söll zu Aichberg und Hahnberg erhielt zu Wien am 24.9.1751 für den erbländisch-österreichischen Freiherrenstand.

Die andere Linie, die Ochsen-Söll, hatte am 13.1.1443 einen kaiserlichen Wappenbrief für Lienhard Sell und seine Vettern bekommen, des weiteren am 27.11.1501 eine kaiserliche Wappenbesserung für Peter Sell und seine Vettern. Am 4.11.1542 wurden die Vettern Peter Söll, Tiroler Kriegszahlmeister in Ungarn, und Wolf Söll, vom Kaiser mit dem Prädikat "von Teissegg" in den Adelsstand erhoben. Dieser Linie gehörte bis 1629 der Ansitz Teissegg. Ein Zweig zog nach Villach in Kärnten. Leonhard Söll von Teissegg auf Pizlstetten erhielt am 17.5.1631 die Landmannschaft in Kärnten. Anton Christian Ritter Söll von Teissegg auf Steinburg, Landschaftsverordneter und erbländisch-österreichischer General-Einnehmer in Kärnten, erhielt am 27.7.1716 den erbländisch-österreichischen Freiherrenstand. Der Tiroler Zweig starb am 10.11.1824 mit dem k. k. Kreisamtsregistrator Johann von Söll zu Teissegg, Steinburg und Mohrberg in Bruneck aus. Sein Grabstein, auf dem die Familie sogar bis 1340 zurückgeführt wird, trägt ein vermehrtes Wappen (gevierter Hauptschild mit Herzschild, zwei Kleinode) und befindet sich bei der Brunecker Pfarrkirche. Nach dieser Familie ist in Bruneck der Söllweg benannt.

An der Zwischenzone zwischen erstem und zweitem Obergeschoß prangt das üppig im Stil des Rokoko verzierte Wappen des Bistums und Hochstifts Brixen, in Rot auf grünem Boden ein widersehendes, silbernes Gotteslamm, das mit dem einen Vorderbein ein silbernes Banner (Osterfahne) mit einem roten Hochkreuz schultert. Dieses Wappen befindet sich hier, weil sich in dem Gebäude vor dem Verkauf an Privatleute die bischöfliche Verwaltung befand.

Literatur, Quellen und Links:
Liste der Baudenkmäler in Bruneck: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Baudenkmäler_in_Bruneck
Stadtrundgang durch Bruneck:
http://www.kronplatz.net/kultur/brauchtum/historischer-rundgang-bruneck/
Hinweistafel am Gebäude
Familie von Söll, Stadtarchiv Bruneck:
http://www.archiv-bruneck.it/de/erinnerung/strassennamen/bruneck/soellweg
Grabstein Söll:
http://www.sagen.at/doku/bruneck/Bruneck_28.html - http://www.sagen.at/doku/bruneck/images/Grabstein_28.JPG
Söll von Aichberg:
http://www.austroaristo.com/adelslexikon/3795-soll-aichberg.html
Söll von Teissegg:
http://www.austroaristo.com/adelslexikon/2263-soell-theissenegg.html
Frhr. Ludwig Hohenbühel gen. Heufler zu Rasen: Beiträge zur Geschichte des Tiroler Adels, in: Jahrbuch der Gesellschaft Adler, Bd. 1, Wien 1891, S. 135-136.
Franz Sylvester Weber: Das Bozner Geschlechterbuch - hundert Stammfolgen aus dem Jahre 1770 - Nach der Handschrift in der Museumsbücherei, in: Jahrbuch für Geschichte / Kunst 1935/36, hrsg. v. Dr. Karl M. Mayr, Wappentafeln nach Pausezeichnungen von Egon Frhr. von Eyrl, 2 Bde., Athesia, Bozen 1936.

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