Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2223
Landeshauptstadt Mainz

Der Turm von St. Quintin

Die katholische Pfarrkirche St. Quintin steht an der Kreuzung von Schusterstraße und Quintinstraße in der zentralen Altstadt, früher am Westrand des fränkischen Stadtkernes. Die Kirche ist eine dreischiffige, quadratische Halle mit einem ebenfalls quadratischen, dreigeschossigen Turm in Südwesten über dem Eckjoch, sodaß sein Untergeschoß vollständig in den Hallenraum einbezogen ist. Die Jocheinteilung ist unregelmäßig. Die ganze Halle wird von einem einzigen, großen Walmdach abgedeckt. Im Osten ist ein einschiffiger Chor angesetzt, der im Süden von der gewinkelten Sakristei und im Norden von einer Heiligkreuzkapelle von zwei Jochen begleitet wird. Der Baukörper wirkt dadurch sehr wuchtig und wird an der Außenseite nur durch Strebepfeiler gegliedert, deren Abstände nicht regelmäßig sind, was an der unregelmäßigen Gewölbestrukturierung liegt. Die Kirche wurde um 1288 begonnen und um 1330 vollendet. Nach den Kriegszerstörungen hatte der Turm zunächst nur ein Notdach bekommen; das heutige Dach ist eine erst 1994 errichtete und durch Spenden und Zuschüsse finanzierte Rekonstruktion des ursprünglichen Helmes.

 

Das Wappen des Mainzer Fürstbischofs Berthold von Henneberg (reg. 1484-1504) an der westlichen Turmseite (Abb. unten links) ist geviert, Feld 1 und 4: in Rot ein sechsspeichiges, silbernes Rad, Erzstift Mainz, Feld 2 und 3: Grafen von Henneberg-Römhild, erneut geviert, Feld a und d: Colonna, in Rot eine goldgekrönte silberne Säule, Feld b und c: gefürstete Grafschaft Henneberg, in Gold auf eigentlich grünem, hier ebenfalls schwarzem Dreiberg eine schwarze Henne mit eigentlich rotem Kamm und ebensolchem Kehllappen. An der südlichen Turmseite (Abb. unten rechts) ist das Wappen inhaltsidentisch, aber spiegelverkehrt angebracht. Diese Wappen wurden zusammen mit der Datierung auf 1489 anläßlich des Einbaus einer Türmerwohnung angebracht.

 

Berthold von Henneberg (1442-21.12.1504) war der Sohn von Georg I. Graf und Herr von Henneberg-Römhild (1395-25.7.1465) und dessen Frau Johanna von Nassau-Weilburg (-1.2.1481). Sein Vater saß 1434 zu Aschach und Münnerstadt (hälftig), war 1442 Stiftspfleger zu Würzburg und gründete das Stift Römhild. Berthold wurde 1451 im Alter von neun Jahren Domherr zu Straßburg, 1458 Domherr zu Köln und 1464 Domherr zu Mainz. Er studierte ab 1455 in Erfurt, danach in Padua. Im Jahre 1465 verzichtete er auf die Herrschaft.

Sein Bruder Friedrich II. Graf von Henneberg-Römhild (1429-17.11.1488) übernahm zusammen mit dem anderen Bruder Otto III. von Henneberg-Aschach (1437-9.6.1502) die Herrschaft, aber 1468 teilten sie sich in zwei Linien auf, Friedrich zu Römhild, Otto zu Aschach. Jener Bruder Friedrich war es, der am 7.12.1467 von Kaiser Friedrich III. zu gesamter Hand mit dem Bruder mit den Reichslehen belehnt wurde und der die kaiserliche Bestätigung der (fiktiven) Abstammung von dem römischen Adelsgeschlecht der Colonna erhielt mit der Erlaubnis, die goldene Säule der Colonna ins Wappen aufzunehmen.

Berthold verzichtete zwar auf die Herrschaft, beteiligte sich aber an der Zueigenmachung der fiktiven Abstammung von den Colonna, wie sein Wappen hier belegt. Er wurde 1466 Domthesaurarius zu Köln, war 1471-1472 Domherr in Bamberg, 1475 Domdekan in Mainz, 1478-1484 Propst zu St. Gangolf in Bamberg, wurde 20.5.1484 trotz pfälzischer Gegenbestrebungen Elekt von Mainz, Die Wahl zum Erzbischof wurde am 20.9.1484 von Papst Innozenz VIII. bestätigt. Erst am 13.3.1485 erhielt er die Bischofsweihe. 1486 wurde er Fürst, und 1495 wurde er der geistige Leiter der Reichsreform. Berthold von Henneberg starb 1504 an der Syphilis. Ein anderer Bruder Bertholds war Philipp von Henneberg, 1475-87 Fürstbischof von Bamberg.

Literatur, Quellen und Links:
Werner Schäfke: Der Rhein von Mainz bis Köln, eine Reise durch das romantische Rheintal, DuMont Kunstreiseführer, DuMont Verlag, Köln 2006, ISBN 978-3-7701-4799-1
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz, Stadt Mainz, Band 2.2: Altstadt, bearb. von Ewald Wegner, hrsg. vom Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz 1988, Wernersche Verlagsgesellschaft Worms, 3. Auflage 1997, ISBN 3-88462-139-4, S. 112-113
Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (Hrsg.) (2014): Nachrichtliches Verzeichnis der Kulturdenkmäler, Kreisfreie Stadt Mainz (Denkmalverzeichnis Mainz, 31. März 2014),
http://www.denkmallisten.gdke-rlp.de/Mainz.pdf
Hinweistafel am Objekt
Berthold von Henneberg:
http://de.wikipedia.org/wiki/Berthold_von_Henneberg
Karl August Klüpfel: Berthold von Henneberg (Kurfürst und Erzbischof von Mainz), in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 2, Duncker & Humblot, Leipzig 1875, S. 524-528, online:
http://de.wikisource.org/wiki/ADB:Berthold_(Kurfürst_und_Erzbischof_von_Mainz)
Ernst Bock: Berthold von Henneberg, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 2, Duncker & Humblot, Berlin 1955, ISBN 3-428-00183-4, S. 156 f., online:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118656724.html
Karl Sudhoff, Gotteslästerermandat, Berthold von Henneberg und die Syphilis. Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften XII, 1-9.
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9

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