Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2219
Landeshauptstadt Mainz

Haus "Zum Römischen Kaiser"

Das Haus "Zum Römischen Kaiser" liegt am Nordrand des Liebfrauenplatzes (Nr. 5). Es beherbergt seit 1930 das Gutenbergmuseums, dessen moderner Neubau sich dahinter befindet und an das er baulich durch verbrückende Zwischenbauten so angebunden ist, daß ein dreiseitig umschlossener, nach Westen offener Hof entsteht. Das Haus besteht aus zwei Seitenteilen mit Volutengiebeln und einem Mittelteil mit einem polygonal sich aus der Mauerflucht nach vorne schiebenden Erkertürmchen über dem zentralen Durchgang. Früher war der vordere, im Bild sichtbare Bereich das Wohngebäude, rückwärtig lagen um zwei Binnenhöfe gruppierte Nebengebäude mit Laubengängen, so daß die ganze "Insula" zwischen Liebfrauenplatz, Mailandsgasse, Seilergasse und Rotekopfgasse umfaßt wurde. Im Jahre 1945 brannte der "Römische Kaiser" aus, die rückwärtigen Teile brannten vollständig ab. In den Jahren 1960-61 wurde der vordere Prachtbau wiederaufgebaut. Der rückwärtige, moderne Platz zwischen Alt- und Neubau des Museums erinnert ein wenig an den ersten der beiden einstigen Binnenhöfe. Im Neubau befinden sich die Sammlungen des Museums, im Altbau die Fachbibliothek, die Restaurierungsabteilung sowie die Museumsverwaltung des Museums. Im Erdgeschoß ist ein Café. Auch die Gutenberg-Gesellschaft hat im Altbau ihren Sitz. 2005-2009 wurde die komplette Fassade für 460000 Euro saniert.

So einheitlich das Haus heute auch aussieht, bei genauem Hinsehen erkennt man, daß die Volutengiebel nicht gleich sind, sondern daß das Haus in zwei Abschnitten erbaut wurde. Der ältere, 1653 erbaute Teil ist das linke Giebelhaus, das gänzlich noch in der Tradition bürgerlicher Giebelhäuser steht. Einst war der Eingang in dessen mittlerer Fensterachse. Der Giebel bekam eine vertikale Verspannung zwischen den Gesimsen durch alternierend gesetzte Halbsäulen. Erst danach wurden 1657-64 der traufständige Mittelteil und der rechte Giebelteil angebaut, der die vorerwähnten Halbsäulen im Giebel nicht hat und auch die Fenster in anderer Anordnung gesetzt bekommen hat. Der alte Eingang im linken Giebelhaus wurde zum Fenster geschlossen, behielt aber seinen Rahmen. Symmetrisch wurde rechts eine bauliche Entsprechung geschaffen, und der neue Eingang lag in der neuen Mitte; von der Durchfahrt geht linkerhand das Treppenhaus ab. Die Fassadengestaltung wurde angeglichen; beide Giebel haben die gleichen Voluten, Obelisken und die abschließende Ziermuschel.

Mit diesem dreiteiligen Konzept eines niedrigeren Mittelbaus und zwei markanten Seitenbauten war ein neuer Typus repräsentativer Stadthöfe entwickelt, der vorbildlich wurde für die Gestaltung späterer städtischer Adelshöfe. Es war nicht nur das erste größere Stadtpalais, das nach dem Dreißigjährigen Krieg erbaut wurde, sondern es war auch das reichste Bürgerhaus seiner Zeit. Stilistisch steht es am Übergang des Manierismus zum Barock. Aufgrund seiner beeindruckenden architektonischen Pracht und seiner stilistischen Avantgarde wurde die Gliederung der Baukörper richtungsweisend für die lange Reihe danach entstandener Adelspalais, wie der stilistisch sehr ähnliche Schönborner Hof beweist und das nicht mehr vorhandene Bischofspalais bewies.

Und dennoch wurde die Mitte des Ensembles zu einem architektonischen Höhepunkt und Blickfang, weil das Erkertürmchen sich über die Balustradenattika erhebt und mit einem freistehenden, achteckigen Turmgeschoß unter der Haubenbedachung mit Laterne abschließt. In der Höhe ergibt sich eine Staffelung der Fassadenelemente durch die unterschiedliche Art der Fensterbedachungen; im Erdgeschoß sind es Segmentbogengiebel, im ersten Obergeschoß Dreiecksgiebel, und ganz oben fehlen sie. Im älteren Gebäudeteil werden die Zwischenräume zwischen den Steinpfostenfenstern und den Verdachungen noch nicht durch Sandsteinprofile überbrückt wie im neuen Gebäudeteil.

 

Für das Haus namengebend ist die mittig in Höhe des ersten Obergeschosses dem Erkertürmchen vorgesetzte Statue eines römischen Kaisers aus der ersten Hälfte des 18. Jh. Der in Harnisch und Mantel gehüllte Kaiser spielt evtl. auf Kaiser Karl VI. (reg. 1711 bis 1740) an. Die Anbringung der Statue steht in Zusammenhang mit der Umbenennung des Hauses "Zum Marienberg" in die Herberge "Zum Römischen Kaiser", denn das Haus diente damals als Hotel.

Der Bauherr des stattlichen Anwesens war der 1632 eingebürgerte E(d)mund Rokoch, Großkaufmann, kurfürstlicher Rat und Rentmeister, 1633 vermählt mit Anna Katharina Eichhorn. In der vierjochigen, kreuzgratgewölbten Toreinfahrt sind ihrer beider Wappen in der ca. 1665 von Domenico Rossi geschaffenen Stuckdecke über dem südlichen Torbogen zu sehen. Beide Wappen sind aufgrund der Anbringungsstelle stark konkav verzogen und folgen dem Übergang der Decke von der Vertikalen in die Horizontale. In der Mitte dient ein Putto als Schildhalter. Das Wappen Rokoch zeigt einen mit einem aufrechten, goldenen Pfeil belegten Pfahl. Das Kleinod ist ein Flug, der beiderseits mit dem Pfahl und dem goldenen Pfeil darauf belegt ist, rechts schräglinks und links schrägrechts. Das Wappen Eichhorn ist redend und zeigt über einem im Schildfuß befindlichen Vierberg ein auf einem aus dem linken Berg wachsenden, nach rechts gebogenen Zweig sitzend ein Eichhörnchen. Das Kleinod ist ein Flug. Beide Wappen sind nicht im Siebmacher enthalten. Im Rietstap ist wenigstens das Wappen Rokoch zu finden. Dort wird als Feldfarbe Gold angegeben, im Gegensatz zum hier gewählten, sicherlich nicht korrekten Hellblau, ferner ist der Pfahl dort blau: "D'or au pal d'azur chargé d'une flèche d'or. Casque couronné. Cimier un vol aux armes de l'écu (le pal est transformé en barre sur l'aile dextre et en bande sur l'aile senestre). Weitere Hinweise zur korrekten Tinktur der beiden Wappen sind willkommen.

 

Ein weiteres Mal tauchen diese Familienwappen an der Fassade auf, aber ganz versteckt: Die rechte Säulenportalrahmung um das mittlere Fenster des Erdgeschosses im rechten Giebelbau, dessen gedrehte, bereits in den Barock weisende Säulenvorlagen auf eine erheblich spätere Bauzeit und nachträgliche Hinzufügung schließen lassen, trägt auf den Giebelpodesten zwei Putten. Der optisch linke Putto hielt einmal einen Pfeil, welcher heute verlorengegangen ist; der optisch rechte Putto hält ein Eichhörnchen auf dem Schoß - Wiederholung der beiden Wappenfiguren.

Literatur, Quellen und Links:
Werner Schäfke: Der Rhein von Mainz bis Köln, eine Reise durch das romantische Rheintal, DuMont Kunstreiseführer, DuMont Verlag, Köln 2006, ISBN 978-3-7701-4799-1
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz, Stadt Mainz, Band 2.2: Altstadt, bearb. von Ewald Wegner, hrsg. vom Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz 1988, Wernersche Verlagsgesellschaft Worms, 3. Auflage 1997, ISBN 3-88462-139-4, S. 260-263
Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (Hrsg.) (2014): Nachrichtliches Verzeichnis der Kulturdenkmäler, Kreisfreie Stadt Mainz (Denkmalverzeichnis Mainz, 31. März 2014),
http://www.denkmallisten.gdke-rlp.de/Mainz.pdf
Gutenbergmuseum:
http://www.gutenberg-museum.de/ - http://www.mainz.de/WGAPublisher/online/html/default/mkuz-5tadbv.de.html - http://de.wikipedia.org/wiki/Gutenberg-Museum
Zum Römischen Kaiser:
http://de.wikipedia.org/wiki/Zum_Römischen_Kaiser_(Mainz)
Zum Römischen Kaiser:
http://www.mainz.de/WGAPublisher/online/html/default/LMHR-7PSKVY.DE.0
Gutenberg-Bibliothek:
http://www.gutenberg-bibliothek.de/
Gutenberg-Gesellschaft:
http://de.wikipedia.org/wiki/Gutenberg-Gesellschaft - http://www.gutenberg-gesellschaft.de/
Ein herzliches Dankeschön an Herrn Andreas Praefcke für wertvolle Hinweise

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