Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2218
Landeshauptstadt Mainz

Das Rochusspital in der Rochusstraße 9

Das Rochusspital am Südwestrand der Altstadt war einst ein Armenhaus, ein Spital für Bedürftige, Arme, Mittellose. In der engen, kleinteilig bebauten Straße, die früher Aichgasse hieß, dann Am Armenhaus, schließlich Armenhausgasse, und die erst 1856 den Namen nach dem Spital bekam, wirkt die hohe Fassade monumental. Die von Fürstbischof Lothar Franz von Schönborn veranlaßte Gründung "ad sanctum Rochum" sollte nach der ursprünglichen Idee auch noch ein Krankenhaus und - heute seltsam anmutende Zusammenstellung aller "gesellschaftlichen Problemgruppen" - ein Zuchthaus umfassen, was aber nicht verwirklicht wurde. Statt dessen wurden verschiedene Werkstätten hinzugefügt, weil es nicht nur Wohnunterkunft, sondern auch Arbeitsstätte für die Bedürftigen war. Der Architekt des Rochusspitals war der Ingenieur und Major Johann Baptist Farolsky. Die Mittel zum Bau kamen aus Spenden, Gebühren und Lotterieeinnahmen. Lothar Franz von Schönborn war nicht der erste Erbauer einer sozialen Einrichtung, denn bereits sein Amtsvorgänger aus der gleichen Familie, Johann Philipp von Schönborn, hatte ein Waisenhaus errichten lassen.

Erbaut wurde das Rochusspital in drei Bauabschnitten von 1721 bis 1729. Konzipiert war das Spital als Vierflügelanlage, realisiert wurde aber nur eine Dreiflügelanlage; von dem breiten Straßenflügel aus gingen zwei Seitenflügel nach hinten. Die 47 m lange Fassade ist dreistöckig und dreigeteilt. Eine Gliederung aus kolossalen ionischen Pilastern auf Erdgeschoß-Wandvorlagen strukturiert die hohe Fassade. In der Mitte des Straßenflügels befindet sich die rückwärtig zum Hof hin vorspringende Kapelle, zu der auch das hier beschriebene Prunkportal gehört. Sie nimmt die mittleren drei Achsen der Fassade ein und wird von zwei Tordurchfahrten in den jeweils innersten der seitlichen fünf Achsen flankiert. Zwei die beiden oberen Geschosse übergreifende Rundbogenfenster in den äußeren beiden Achsen des Mittelteiles und die besonders durch das Schmuckportal, durch die Ädikulanische darüber mit einer Statue des hl. Rochus von Montpellier darin (ein 1727 geschaffenes Werk des Barockbildhauers Burkhard Zamels, mit den Pilgerattributen Muschel, Pilgerstab und Hut, ein Hund bringt Brot) und durch das abschließende Ovalfenster betonte Mittelachse setzen die Kapelle als Mittelteil nicht nur der Fassade, sondern auch der ganzen Anlage architektonisch in Szene.

 

Im verkröpften Dreiecksgiebel des weit vorspringenden Kapellenportals befindet sich ein Wappen des Mainzer Fürstbischofs Lothar Franz von Schönborn (reg. 1695-1729). Er war in zwei Bistümern Bischof, in Bamberg ab 1693 und in Mainz ab 1695. Der Hauptschild ist geteilt und zweimal gespalten, Feld 1 und 6: in Gold ein schwarzer Löwe, darüber eine silberne Schrägrechtsleiste, Hochstift Bamberg, Feld 2 und 5: in Rot ein silbernes, sechsspeichiges Rad für das Erzstift Mainz, Feld 3: in Rot drei (2:1) silberne Schildchen für die reichsständische Herrschaft Reichelsberg, Feld 4: in Blau ein silberner Balken, begleitet von 3 (2:1) silbernen Rauten, für die Herrschaft Heppenheim, Herzschild: in Rot auf drei silbernen Spitzen ein schreitender, blau oder später golden gekrönter, goldener Löwe, Stammwappen der Grafen von Schönborn. Auf der Kartusche ruht der Kurhut, dahinter wären das gestürzte Schwert sowie der Krummstab schräggekreuzt zu erwarten, diese Details gingen bei diesem Wappenstein allerdings verloren.

Auf dem Schlußstein des Torbogens unter dem obengenannten Schönbornwappen ist ein weiteres Wappen als Relief dargestellt; dabei handelt es sich um das Wappen der Freiherren von Dalberg, genauer um das der Kämmerer von Worms, genannt von Dalberg. Es ist geviert, Feld 1 und 4: unter einem mit drei Spitzen abgeteilten goldenen Schildhaupt in (hier verblichenem) Blau 6 (3:2:1) (hier schwer erkennbare) silberne Lilien (Kämmerer von Worms), Feld 2 und 3: in Gold ein schwarzes Ankerkreuz (Dalberg). Die reichverzierte Kartusche wird von einer Laubkrone bedeckt.

Ab 1797 bzw. 1799 hatte das Rochusspital zusätzlich eine Krankenhausfunktion als Bürgerspital, die dann ab 1848 überwog und zur ausschließlichen Nutzung im Sinne eines Stadtkrankenhauses bis 1914 wurde. Die Armen und Invaliden hatte man zuvor ins ehemalige Jesuitennoviziat an der heutigen Altenauergasse umquartiert ("Invalidenhaus"). Im Ersten Weltkrieg war das Rochusspital ein Lazarett. 1944 brannte das Rochusspital nach mehreren Bombentreffern völlig aus; nur die Außenmauern blieben stehen. Beinahe wäre die Ruine sogar ganz abgerissen worden, denn 1958 hielt der Bauausschuß die Wiederherstellung für unwirtschaftlich und wollte "Tabula rasa" machen. Erst nach massiven Protesten des Denkmalpflegers Fritz Arens erfolgte ein Umdenken.

Beim Wiederaufbau 1962-64 wurde die alte Fassade entlang der Rochusstraße wiederhergestellt. Es wurden nur zwei Flügel rekonstruiert, so daß die ursprüngliche Hufeisenform mangels Südflügel nicht mehr existiert. Innen war der Ausbau modern und der Nutzung als Altenheim ab 1964 angepaßt. Eine nicht authentische Zutat sind die schmiedeeisernen Fensterkörbe - diese stammen vom abgebrochenen Bischofshof und wurden hier zweitverwendet. Sie sind stilistisch zu früh, denn der Bischofshof wurde bereits 1666 erbaut. 1988 gab man die Nutzung als Altenheim auf. Heute sind hier diverse kirchliche Institutionen untergebracht, darunter das Dom- und Diözesanarchiv.

Literatur, Quellen und Links:
Werner Schäfke: Der Rhein von Mainz bis Köln, eine Reise durch das romantische Rheintal, DuMont Kunstreiseführer, DuMont Verlag, Köln 2006, ISBN 978-3-7701-4799-1
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz, Stadt Mainz, Band 2.2: Altstadt, bearb. von Ewald Wegner, hrsg. vom Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz 1988, Wernersche Verlagsgesellschaft Worms, 3. Auflage 1997, ISBN 3-88462-139-4, S. 292-293
Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (Hrsg.) (2014): Nachrichtliches Verzeichnis der Kulturdenkmäler, Kreisfreie Stadt Mainz (Denkmalverzeichnis Mainz, 31. März 2014),
http://www.denkmallisten.gdke-rlp.de/Mainz.pdf
H. Fritzen: Zur Baugeschichte des Rochus-Hospitals in Mainz, in: Mainzer Zeitschrift 52, 1957, S. 1-18.
Hinweistafel am Objekt
Lothar Franz von Schönborn:
http://de.wikipedia.org/wiki/Lothar_Franz_von_Schönborn
Friedhelm Jürgensmeier: Lothar Franz von Schönborn, in: Neue Deutsche Biographie. Band 15, Duncker & Humblot, Berlin 1987, ISBN 3-428-00196-6, S. 227 f., online:
http://daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00016333/images/index.html?seite=241
Constantin von Wurzbach: Lothar Franz Graf Schönborn, in:
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, Bd. 31. Verlag L. C. Zamarski, Wien 1876, S. 138 f., online: http://www.literature.at/viewer.alo?objid=12540&page=159&scale=3.33&viewmode=fullscreen und http://de.wikisource.org/wiki/BLKÖ:Schönborn,_Lothar_Franz_Graf
Dalberg:
http://de.wikipedia.org/wiki/Dalberg_(Adelsgeschlecht)
Rochusspital:
http://www.regionalgeschichte.net/rheinhessen/mainz/kulturdenkmaeler/rochusspital.html
Rochusspital:
http://www.mainz.de/WGAPublisher/online/html/default/JKIR-99HJJ6.DE.0

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