Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2211
Hofgut Patershausen (zu Heusenstamm, Landkreis Offenbach)

Das Hofgut und ehem. Kloster Patershausen

Wenn man es nicht weiß, sucht man hier kaum nach Wappensteinen. Irgendwo auf einer einsamen Wiesenlichtung im Wald zwischen Heusenstamm und Dietzenbach befinden sich ein vierflügeliger Bauernhof und ein Wohnhaus, noch auf der Gemarkung Heusenstamm. Ersterer ist das Hofgut Patershausen, und hier stand ursprünglich ein Ende des 12. Jh. erstmals belegtes Benediktinerkloster, welches vermutlich von Kuno I. von Münzenberg gegründet worden war. In der ersten Hälfte des 13. Jh. versiegen die Nachweise, vermutlich wurde das Kloster aufgegeben. Im Jahre 1252 kam es zu einer zweiten Gründung, diesmal für Frauen und als Reformkloster der Zisterzienserinnen. 1267 erfolgte die Aufnahme des Klosters in den Dachorden, und es wurde der Abtei Arnsburg unterstellt. Die alten Gebäude waren nicht mehr zu verwenden; das Kloster wurde neu gebaut. Diese Stiftung ging von Ulrich II. von Hagen-Münzenberg, seiner Schwester Lucardis von Münzenberg und seiner Tante Lucardis von Ziegenhain aus, wobei letztere die erste Äbtissin wurde.

Als die Münzenberger ausstarben, ging die Förderung des Klosters auf die Falkensteiner und die Grafen von Hanau über, wobei letztere quasi Vogteirechte und später Landeshoheit über das Klostergelände ausübten, nicht unangefochten vom Mainzer Fürstbischof. Weitere Förderung erfuhr das junge Kloster von den Herren von Heusenstamm u.v.a.m., und so kommt es, daß die weiter unten beschriebene Grabplatte ihren Weg nach Patershausen fand.

Als Kloster erfuhr Patershausen im frühen 14. Jh. eine Blütezeit mit kultureller Ausstrahlung auf die ganze Wetterau und mit beträchtlichem, durch Schenkungen vermehrtem Besitz, der von Patershausen, einem Klosterhof in Frankfurt und einem ebensolchen in Friedberg aus verwaltet wurde. Insgesamt unterstanden dem Kloster 50 Höfe und Güter, und es bezog aus ca. 200 Ortschaften Einkünfte. Zeitweise hatte das Kloster über 50 Nonnen, und es war so beliebt, daß es Aufnahmebeschränkungen gab. In der Tat war es eines der größten Frauenklöster der Region.

Der Niedergang erfolgte im späten 14. Jh., Einkünfte fielen aus, Verluste wurden gemacht, wirtschaftliche Nöte führten zur Überschuldung, interne Fraktionsspaltung gefährdete die Disziplin und das friedliche Zusammenleben. Mit der Reformationszeit und dem Bauernkrieg ging es dann ganz bergab, wirtschaftlich und personell. Die Grafen von Hanau-Lichtenberg streckten immer mehr ihre landesherrliche Hand nach dem Klosterterritorium aus. Als die letzte Äbtissin 1558 verstarb, wollte niemand mehr diesen Posten übernehmen: Statt Verantwortung zu übernehmen und den Karren aus dem Dreck zu ziehen, jammerten die letzten verbliebenen vier Nonnen bei Graf Philipp IV. von Hanau-Lichtenberg um Pensionen und boten die Auflösung des Klosters an. Einerseits hätten die Hanauer gerne das Territorium gehabt, andererseits war das Kloster hochverschuldet, außerdem gab es deswegen Streit mit dem Erzbischof von Mainz, der nicht gerne sah, wie sich die Hanauer bei der Auflösung 1561 die Klostergüter einsackten. Schließlich wurden 1567 Wege gefunden, alle Beteiligten zufrieden zu stellen: Die Nonnen erhielten ihre Pension vom Grafenhaus und lebten in Dietzenbach, der Hanauer Graf bekam im Tausch von Kurmainz Brumath im Elsaß, und der Fürstbischof von Mainz bekam die Rechte an Patershausen, der die Einkünfte wiederum 1568 dem Mainzer Jesuitenkolleg abtrat, das Eigentum aber behielt. Und die Jesuiten nutzten Patershausen ab 1605 zum dritten Mal als Kloster. Die nächste Zerstörung erfolgte im 30jährigen Krieg. Erst 1724 war endgültig Schluß mit dem dritten Kloster, und die Anlage verfiel.

         

Links von der Einfahrt zum Hof, an der rechten Gebäudeecke im ersten Photo zu erkennen, ist eine vorzüglich gearbeitete und sehr gut erhaltene Grabplatte aus rötlichem Sandstein in die Außenmauer eines aus Bruchsteinen gemauerten Wirtschaftsbaues eingelassen. Die umlaufende, nur an einer einzigen Stelle beschädigte Inschrift lautet: "Anno d(omi)ni m d v iii ia(h)r (a)uf den xii dag juny starb die e(h)rber frau elß brendlin vo(n) ho(m)berg her(rn) marty(ns) vo(n) h(e)usensta(mm) ritters e(he)liche h(a)usfrau der got(t) gnad". Es handelt sich um die Platte für Elisabeth Brendel von Homburg (-12.6.1508), die Ehefrau des Ritters Martin I. von Heusenstamm (-1540), welcher 1495 Burgmann von Friedberg, seit 1503 Hauptmann, Schultheiß der Stadt Frankfurt und 1523-28 Vizedom war, und Mutter des Sebastian von Heusenstamm (1508-18.3.1555), der vom 20.10.1545 bis 1555 Kurfürst und Erzbischof von Mainz war. Ihre Eltern waren Eberhard Brendel von Homburg und Agnes Röder von Rodeck. Ihre Großeltern waren väterlicherseits Georg Brendel von Homburg sowie Elisabeth von Cleen und mütterlicherseits Dieter (nach anderen Quellen Peter) Röder von Rodeck sowie Anna (andere Quellen: Elisabeth) von Zeiskam. Die Urgroßeltern werden nach Nikolaus Serarius angegeben: Johannes Brendel von Homburg, Margaretha von Stockheim, Georg von Cleen, Anna Wais von Feuerbach, Dieter Röder von Rodeck, Anna von Hirschhorn, Johannes von Zeiskam, Eva von Guttenberg. Die Ahnenprobe des Fürstbischofs im Mainzer Dom beschränkt sich auf die beiden elterlichen Wappen.

 

Die Brendel von Homburg führten in Gold einen roten Zickzackbalken. Die Helmzier ist zu rot-goldenen Decken ein goldener, beiderseits mit einem roten Zickzackbalken belegter Flug (Zobel Tafel 152, Wolfert Tafel 8 Seite 52, 63, 88, 124, 216, Gruber, Siebmacher Band: NaA Seite: 17 Tafel: 22).

 

Die Röder von Rodeck führten in Rot einen nach rechts gekippten (gedrehten) silbernen, golden bewehrten Adler. Als Zier wurde zu rot-silbernen Decken ein wachsender silberner, golden bewehrter Adlerkopf mit Hals geführt (Scheiblersches Wappenbuch Folio 383, Alberti S. 647, Siebmachers Wappenwerk Band: Bad Seite: 12 Tafel: 9, Band: Els Seite: 19 Tafel: 22, Band: PrGfN Seite: 19 Tafel: 14).

 

Die von Cleen führten in Gold drei dreipaßförmig zusammengestellte rote Blätter bzw. ein Kleeblatt ohne Stiel, die Zier wäre zu rot-goldenen Decken ein wachsender goldener Drachenrumpf zwischen einem goldenen Flug, beiderseits belegt mit drei dreipaßförmig zusammengestellten roten Blättern bzw. einem Kleeblatt ohne Stiel (Aschaffenburger Wappenbuch Tafel 62 Seite 143, 219, vgl. Siebmacher Band: NaA Seite: 19 Tafel: 26 nur mit dem Flug, im Gruber S. 153 ein Rüdenrumpf, danach Zobel). Das Vorliegen eines Drachenrumpfes ist in der Ausschnittsvergrößerung gut zu sehen.

 

Die von Zeiskam führten einen von Silber und Blau fünfmal geteilten Schild und auf dem Helm mit blau-silbernen Decken einen von Silber und Blau fünfmal geteilten Flug (Scheiblersches Wappenbuch Folio 272, Siebmacher Band: BayA1 Seite: 194 Tafel: 195, Zobel Tafel 380, alter Siebmacher Tafel 118).

Das Pendant dieser Platte, nämlich die des Ehemannes Martin von Heusenstamm, ist in gleicher Qualität angefertigt worden, aber schlechter erhalten. Sie befindet sich aber nicht mehr in Patershausen, sondern ist in die Südwand der Pfarrkirche St. Cäcilia in Heusenstamm eingelassen worden. Beide Platten zeigen das charakteristische griechische Kreuz in der Mitte zwischen den vier Wappen.

Die Herrschaft Heusenstamm im Rodgau kam 1661 durch Verkauf an die Reichsfreiherren von Schönborn. Im Jahre 1741 wurde das aufgegebene Patershausen von Maria Theresia von Schönborn gekauft. Es handelt sich um Maria Theresia Ernestina Magdalena von Montfort-Tettnang (1.2.1698-2.4.1751), die Tochter von Anton II. Graf von Montfort (26.11.1670-7.12.1733) und Maria Anna Leopoldina von Thun (26.11.1664-1733). Sie hatte am 10.3.1717 in Langenargen am Bodensee Anselm Franz Graf von Schönborn-Heusenstamm (1681-1726) geheiratet, den Sohn von Melchior Friedrich Graf von Schönborn (16.3.1644-19.5.1717) und Maria Anna Sophia Johanna Freiin von Boineburg und Lengsfeld (16.10.1652-11.4.1726). Sie kaufte das ehemalige Kloster als Witwe. Das Gut wurde nun als landwirtschaftlicher Betrieb geführt; die baufällig gewordenen Gebäude wurden zu einem Wohngebäude (Herrenhaus) an der Stirnseite und Wirtschaftsgebäuden an den drei anderen Seiten des Hofes umgewandelt. Aus dieser Zeit stammt der Wappenstein am Herrenhaus.

 

Über dem in der mittleren von fünf Achsen angeordneten Eingang zum Herrenhaus ließ Maria Theresia von Schönborn ihr Ehewappen im Stil des Rokoko anbringen. Heraldisch rechts ist das Stammwappen der Grafen von Schönborn, in Rot auf drei silbernen Spitzen ein schreitender goldener Löwe mit ursprünglich blauer, später meist goldener Krone. Heraldisch links ist das Wappen der Grafen von Montfort, in Silber eine rote Kirchenfahne mit drei Lätzen an drei Ringen.

Alles, was wir heute an Gebäuden sehen, stammt weitestgehend aus nachklösterlicher Zeit und ist nicht älter als 1741. Nur die Nordwand des ehemaligen Konventsbaus ließ sich dendrochronologisch in die Zeit 1499-1500 datieren. Vielleicht geht dieser Bau auf eine Spende der hier bestatteten Elisabeth Brendel von Homburg und ihres Mannes zurück. Die Nordwand der Klosterkirche ist noch erhalten, aber in einem Stallgebäude verbaut; die anderen Kirchenmauern wurden um 1720 abgerissen. An das Kloster erinnert sonst nur noch ein erhaltener Altar im Mainzer Dom- und Diözesanmuseum. Im Jahr 1978 ging das Eigentum am Hofgut zusammen mit den zugehörigen Wäldern und Feldern von den Schönborn an die Stadt Heusenstamm über. Das Hofgut wird auch heute noch durch Pächter landwirtschaftlich als ökologisch ausgerichteter Betrieb unter der Marke Demeter genutzt.

Literatur, Quellen und Links:
Hinweistafel am Objekt
Kloster Patershausen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Patershausen
Kloster Patershausen:
http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/hofgut-patershausen-die-nordwand-stammt-noch-von-der-klosterkirche-11928313.html
Richard Wimmer: Patershausen - vom Kloster zum Hofgut, Heusenstammer Hefte 14, Heusenstamm 2000.
Ausgrabungen in Patershausen:
http://www.kreis-offenbach.de/index.phtml?NavID=1856.780&La=1
Peter Engels: Patershausen, in: Die Mönchs- und Nonnenklöster der Zisterzienser in Hessen und Thüringen, Germania Benedictina IV, 2011, S. 1228-1268.
Röder von Rodeck: Eintrag in Kindler von Knobloch, Julius (Bearb.) / Badische Historische Kommission (Hrsg.), Heidelberg, 1898, Oberbadisches Geschlechterbuch: Band 3
http://diglit.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kindlervonknobloch1919bd3 speziell http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kindlervonknobloch1919bd3/0555 zu Familie und Wappen und insbesondere zur Genealogie http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kindlervonknobloch1919bd3/0559
Friedhelm Jürgensmeier: Sebastian von Heusenstamm, in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 108-109
http://www.deutsche-biographie.de/ppn118550535.html
Sebastian von Heusenstamm:
http://www.hexenprozesse-kurmainz.de/epoche/regenten-und-territorium/die-kurfuersten-von-mainz/sebastian-von-heusenstamm.html
Vorfahren des Sebastian von Heusenstamm: Nikolaus Serarius: Rerum Moguntiacarum libri V, Band 1,
https://books.google.de/books?id=ulBXAAAAcAAJ S. 848
Sebastian von Heusenstamm:
http://de.wikipedia.org/wiki/Sebastian_von_Heusenstamm
Brendel von Homburg:
http://de.wikipedia.org/wiki/Brendel_von_Homburg
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Alfred F. Wolfert, Aschaffenburger Wappenbuch, Veröffentlichung des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg e. V., Aschaffenburg 1983
Otto Gruber: Wappen des mittelrheinisch-moselländischen Adels, Trier 1962-1965, incl. Nachtrag Trier 1967, ebenfalls veröffentlicht in verschiedenen Jahrgängen der "landeskundlichen Vierteljahresblätter".
Siebmachers Wappenwerk
Rolf Zobel: Wappen an Mittelrhein und Mosel, Books on Demands GmbH, Norderstedt 2009, ISBN 978-3-8370-5292-3, 527 S.
Stein des Martin von Heusenstamm in Heusenstamm an St. Cäcilia:
http://www.steine-in-der-dreieich.de/images/Epitaphe/HS_epi%20%281%29.JPG

Die Entwicklung des Wappens der von Schönborn
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