Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2210
Hattenheim (zu Eltville, Rheingau-Taunus-Kreis)

Die Domäne Neuhof bei Hattenheim

Kloster Eberbach besaß ein ausgedehntes Portfolio an Eigengütern, Grangien und Domänen, welche die wirtschaftliche Basis des Klosters bildeten und nicht zuletzt auch die kostspieligen Baumaßnahmen finanzierten. Dazu gehörten der Neuhof, der Draiser Hof, der Steinheimer Hof, der Mapper Hof und der Reichartshäuser Hof in der näheren Umgebung, der Klosterhof in Geisenheim sowie der Hof im hessischen Ried, der Stadthof in Limburg, der Hof in Oppenheim usw. Schon in der zweiten Hälfte des 12. Jh. besaß Eberbach zwölf Grangien. Der Begriff ist von lat. granum = Korn abgeleitet, beschrieb zuerst einen Vorratsspeicher für landwirtschaftliche Erzeugnisse und später eine größere Hofanlage in Klosterbesitz.

Von besonderem Interesse ist davon der Neuhof zum einen durch seine unmittelbare Nähe zum Kloster und zum anderen durch seinen authentischen Zustand. Der Hof liegt weithin sichtbar auf einem zum Rheintal abfallenden Hangrücken und bildet ein langgestrecktes Rechteck mit Toren in der südöstlichen und in der nordwestlichen Schmalseite. Ersteres bildet den Hauptzugang, letzteres führt in den angrenzenden Weinberg (Steinberg) und ist mit dessen Ummauerung verbunden. Der Hof ist uralter Eberbacher Besitz und wird bereits 1178 als "Nuenhoven" erwähnt. Von hier aus wurden die Klostergüter in der Hattenheimer Feldgemarkung und bei Hallgarten verwaltet. Es wurden Schafe und Schweine gehalten, die zum einen das Kloster mit Nahrungsmitteln und Sekundärprodukten wie Wolle und Leder versorgten und zum andern die Klosterdomäne Steinberg mit Dünger für den Weinberg.

Mit der Aufhebung und Auflösung des Klosters Eberbach in der Säkularisation 1803 kam auch das klostereigene Gut Neuhof an die herzoglich-nassauische Domänenverwaltung. 1806 übernahmen private Pächter den Hof, Peter Spring mit seiner Familie, Mennoniten aus Wasserlos bei Aschaffenburg. Danach übernahm die Familie Destree den Hof und in den 1970er Jahren die Familie Wolf. Die landwirtschaftliche Nutzung des Hofes ist ungebrochen. Die schmale Südostseite bildete das Wohnhaus. Die schmale Nordwestseite beherbergte den Schafstall. Die lange Südwestseite hatte die Ställe für Rinder und Pferde, die Ostseite die Schweineställe, das Haus des Weinbergaufsehers und Schuppen sowie das Brennhaus. Heute dient der Neuhof neben der Ackerbautätigkeit auch als Reiterhof mit Pferdehaltung und außerhalb des Rechtecks errichteter Reithalle.

Wendet man sich hinter dem Hauptportal, das in Teilen noch romanisch ist, nach links, gelangt man zu dem den südöstlichen Abschluß des Hofrechtecks bildenden Wohnhaus, ein zweistöckiges Gebäude mit hohem Walmdach und Dachreiter. Über dem hofseitigen Türsturz befindet sich das Wappen von Alberich Kraus aus Boxberg, dem 53. Abt des Klosters Eberbach. Alberich Kraus war von seiner Wahl am 8.3.1667 bis zu seinem Tod am 11.5.1702 Abt. Er ließ die Klosterhöfe in Bingen, Mainz und den Neuhof erneuern. Die Initialen bedeuten Frater Albericus Abbas Eberbacensis. Der Wappenschild mit den drei schwebenden Tatzenkreuzen wird von zwei Palmwedeln flankiert; über dem oberen Schildrand erkennt man Inful und Krummstab als Zeichen seines Amtes.

 

Ein im Prinzip gleich aufgebauter, aber wesentlich kunstvoller ausgeführter Wappenstein des Abtes Alberich Kraus mit den drei (2:1) schwebenden Kreuzen ist auf der Ostseite des Wohnhauses in die Mauer eingelassen. Dieser Stein mit ausführlicher inschriftlicher Zuweisung ist auf 1682 datiert. Im 17. Jh. waren viele Gebäude verfallen, so daß ein Neubau erforderlich war. Die Bauleitung hatte der Architekt Giovanni Angelo Barella inne.

 

In der Mitte des langrechteckigen Hofes befindet sich ein Brunnenhaus von achteckigem Grundriß, welches im aus Fachwerk errichteten Obergeschoß den Taubenschlag enthielt. Über dem Erdgeschoßeingang ist ein sandsteinernes Wappen des Eberbacher Abtes Hermann Hungrichhausen (Hungrighausen) eingemauert. Dieser Abt wurde 1737 zum 56. Abt gewählt und leitete die Abtei bis zu seinem Tod am 9.9.1750. Sein Wappen zeigt vier (2:2) gemeine Figuren, oben rechts und links unten einen sechsstrahligen Stern, oben links und unten rechts eine hier ausnahmsweise vierblättrige Rose mit Kelchblättern und Butzen. Die ovale Kartusche wird von einem zweiteiligen Inschriftenband umschlossen, dann erst folgt der Rocaille-Rahmen. In den beiden oberen Ecken sind Krummstab und Inful zu sehen, wenngleich schlecht erhalten. Ein zweites Mal taucht sein Wappen an der Wetterfahne auf dem Dach des Brunnenhauses auf. Die gemeinen Figuren sind in umgekehrter Anordnung zu sehen. Die Initialen stehen für Reverendissimus Dominus Hermannus Abbas Eberbacensis; als Jahreszahl wird 1750 angegeben.

Derselbe Abt begegnet uns erneut an einem isoliert auf der östlichen Längsseite erhöht und zurückgesetzt stehenden, zweistöckigen Haus mit Krüppelwalmdach, das ehemalige Haus des Weinbergaufsehers. Hier hat das Wappen von Abt Hermann Hungrichhausen eine erweiterte Form; die Kartusche wird durch eine erhöhte, eingebogene Spitze in drei Felder unterteilt. In Feld 1 (oben rechts) ist schräglinks der Zisterzienserbalken zu sehen (rot-silbern geschacht auf schwarzem Feld), in Feld 2 (oben links) der Eber für das Kloster dieses Namens, und in der eingebogenen Spitze befinden sich die Sterne und Rosen des persönlichen Wappens, wobei die Rosen hier fünfzählig und die Sterne achtstrahlig sind. Der Stein ist auf 1747 datiert.

 

Ein letztes Wappen befindet sich nach Durchschreiten des Haupteingangs gleich rechterhand an einem Wirtschaftsgebäude (Brennhaus). Es ist im unteren Teil beschädigt und gehört zum vorletzten Abt von Eberbach, dem aus Salmünster stammenden Adolph II. Werner. Er kam 1750 ins Amt und leitete die Abtei bis zu seinem Tod im Jahr 1795. Das Wappen selbst folgt dem typischen Aufbau der Äbtewappen und ist durch eine erhöhte, eingebogene Spitze in drei Felder unterteilt, in Feld 1 (oben rechts) ist schräglinks der Zisterzienserbalken zu sehen, in Feld 2 (oben links) befindet sich der schräggestellte Eber für das Kloster dieses Namens, und in der eingebogenen Spitze befindet sich das persönliche Wappenbild von Abt Adolph II. Werner. Dieses zeigt in der Mitte einen gekrönten, mit dem Leib nach oben im Uhrzeigersinn (aus der Sicht des Betrachters) gekrümmten und seinen pfahlweise nach oben gerichteten Schwanz einmal überkreuzenden Fisch bzw. Delphin zwischen zwei einwärts gerichteten, gekrönten Tierköpfen (Löwenköpfen). Es sei angemerkt, daß die Drehrichtung des gekrönten Fisches bzw. Delphins bei allen anderen bekannten Darstellungen am Kloster Eberbach und am Portalbogen zum Steinberg jeweils entgegengesetzt ist, so daß der Kopf heraldisch rechtsgerichtet ist. Nur am Eberbacher Hof in Limburg an der Lahn befindet sich noch eine weitere Darstellung mit dem abweichenden Drehsinn.

Liste der Äbte von Kloster Eberbach unter Hervorhebung der hier beschriebenen Wappenbesitzer:

Literatur, Quellen und Links:
Äbteliste: http://www.zisterzienserlexikon.de/wiki/Eberbach/Äbteliste - http://kloster-eberbach.de/kloster/historie/abts-chronologie.html -
Kloster Eberbach:
http://www.kuladig.de/Objektansicht.aspx?extid=P-TB-20100918-0017
Kloster Eberbach:
http://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Eberbach
Wolfgang Einsingbach, Wolfgang Riedel: Kloster Eberbach im Rheingau, Deutscher Kunstverlag Berlin München, 2. Auflage 2009, ISBN 978-3-422-02166-2
Wolfgang Einsingbach, Wolfgang Riedel: Kloster Eberbach, DKV-Kunstführer Nr. 267, Deutscher Kunstverlag Berlin München, 20. Auflage 2014, ISBN 978-3-422-02242-3
Yvonne Monsees, Grabmäler im Kloster Eberbach, ein Rundgang, hrsg. vom Freundeskreis Kloster Eberbach e. V., Eltville 2009, ISBN 978-3-00-027060-4
Dagmar Söder: Klosterlandschaft Eberbach. Das Kloster Eberbach als Wirtschaftsbetrieb und seine Spuren in der Rheingauer Landschaft. In: Meier, Johannes (Hrsg.): Klöster und Landschaft. Das kulturräumliche Erbe der Orden. Schriftenreihe des Westfälischen Heimatbundes, Münster, 2010, S. 39-59. Vgl. auch:
http://p7115.typo3server.info/fileadmin/alumni/CampusLandschaft2006/CL_Klosterlandschaft_Eberbach.pdf
J. Söhn: Geschichte des wirtschaftlichen Lebens der Abtei Eberbach im Rheingau, J. F. Bergmann, Wiesbaden 1914.
Gabriele Schnorrenberger: Wirtschaftsverwaltung des Klosters Eberbach im Rheingau, Selbstverlag der Historischen Kommission für Nassau, Wiesbaden 1977.
Domäne Neuhof:
http://de.wikipedia.org/wiki/Domäne_Neuhof - http://www.kuladig.de/Objektansicht.aspx?extid=P-TB-20100918-0021 - http://hattenheim.de/index.php?s=2&c=sehenswuerdigkeiten_neuhof-01
Paul Claus: Der Neuhof bei Hattenheim, in: Rheingauer Zehnt- und Klösterhöfe und der Wein, hrsg. von der Gesellschaft für Rheingauer Weinkultur mbH, Oestrich-Winkel 2001.

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