Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2207
Wiesbaden

Das Dilthey-Haus in Wiesbaden-Biebrich

Im Wiesbadener Stadtteil Biebrich hat sich mit dem Dilthey-Haus ein ehemaliger Besitz des Klosters Eberbach mit Wappenstein erhalten. Das Haus liegt in der Nähe der östlichen Längsseite des Biebricher Schloßparks (Am Schloßpark 129) und ist heute eine von der Scheidgen Gaststätten-Betriebs GmbH geführte Gaststätte mit Biergarten auf der anderen Straßenseite. Das zweistöckige Haus mit Krüppelwalmdach ist im oberen Stockwerk als Fachwerkbau ausgeführt. Die Wappentafel ist auf der westlichen Giebelseite zwischen den Fenstern des Erdgeschosses eingelassen. Das Kloster Eberbach hatte seit dem Mittelalter Besitzungen in Biebrich und erwarb 1472 dazu den Zehnten von Mosbach und Biebrich vom Simeonstift in Trier, welches ihn zuvor 400 Jahre lang besessen hatte. Als Zehntherren waren die Zisterziensermönche nun auch zugleich Patronatsherren der Mosbacher Kirche (Mosbach war ein Dorf, welches in Biebrich aufgegangen ist), und sie stellten auch die seelsorgerische Betreuung der Gemeinde. Damit war auch die Pflicht zum Bau und Unterhalt eines entsprechenden Pfarrhauses verbunden. Damit ist Eberbach das dritte Kloster, welches die Geschichte Biebrichs prägte, neben den Klöstern Selz im Elsaß und Klarenthal bei Wiesbaden. Das Dilthey-Haus war einstmals als Pfarrhaus für den Pfarrer Martin Weinrich errichtet worden, wurde aber auch als Unterkunft für Eberbacher Mönche genutzt, wenn sie als Ernteherren das Einziehen des Zehnten überwachten. Hinter dem Pfarrhaus stand noch eine große Zehntscheune, die aber 1873 abgerissen wurde; heute steht dort ein Wohnhaus. Benannt ist das bis 1868 als Pfarrhaus dienende und 1980/81 restaurierte Haus nach dem Wiesbadener Theologen, Gymnasiallehrer und Philosophen Wilhelm Dilthey (19.11.1833-1.10.1911). Der berühmte Biebricher Wilhelm Dilthey wurde aber nicht hier, sondern im alten Jägerhof geboren. Erst später zog Vater Maximilian Dilthey mit seiner Familie in das Pfarrhaus um. Immerhin hat der Philosoph hier einen Teil seiner Kindheit und Jugend verbracht.

Die Inschrift unter dem mit der Inschrift "ALBERICUS ABBAS EBERBACENSIS" persönlich zugeordneten Wappenstein lautet "STRVXERAT HAS AEDES ABBAS ALBERICVS IN ANNIS QVEIS MAVORS TOTO SAEVIT IN ORBE FERVS" und birgt ein Chronogramm: V + X + D + L + I + C + V + I + I + V + I + M + V + V + I + I + V = 5 + 10 + 500 + 50 + 1 + 100 + 5 + 1 + 1 + 5 + 1 + 1000 + 5 + 5 + 1 + 1 + 5 = 1696. Diese Jahreszahl ist zusätzlich noch einmal unten rechts und links neben die Wappenkartusche eingeschlagen. Übersetzt heißt das lateinische Distichon: Abt Alberich hat dieses Gebäude errichtet in jenen Jahren, in denen der wilde Mars auf der Erde wütete. Das ist eine Anspielung auf die Réunionskriege und insbesondere den Pfälzer Erbfolgekrieg, der das Rheinufer und die dortigen Siedlungen verwüstete.

Bei dem Wappen handelt es sich um dasjenige des Abtes Alberich Kraus. Er stammte aus Boxberg und war von seiner Wahl am 8.3.1667 bis zu seinem Tod am 11.5.1702 der 53. Abt des Klosters Eberbach. Er kümmerte sich um die wirtschaftliche Gesundung des Klosters und ließ die Klosterhöfe in Bingen, Mainz und den Neuhof erneuern. In diesem Zusammenhang standen auch die Baumaßnahmen am Biebricher Klosterbesitz. Sein Wappen ist geviert mit Herzschild, Feld 1 und 4: in Schwarz ein in zwei Reihen silbern-rot geschachter Schrägrechtsbalken (Zisterzienserorden), Feld 2 und 3: ein aufspringender Eber (Eberbach), Herzschild: drei (2:1) schwebende, griechische Kreuze (Alberich Kraus). Auf der Kartusche ruht die Inful, und schräglinks dahinter ist der Krummstab zu sehen. Neben dieser Darstellung ist sein Wappen mehrfach, darunter auch in vereinfachter Form, am Kloster Eberbach und an verschiedenen ehemaligen Klosterdomänen zu finden.

Liste der Äbte von Kloster Eberbach unter Hervorhebung des hier beschriebenen Wappenbesitzers:

Literatur, Quellen und Links:
Äbteliste: http://www.zisterzienserlexikon.de/wiki/Eberbach/Äbteliste - http://kloster-eberbach.de/kloster/historie/abts-chronologie.html -
Kloster Eberbach:
http://www.kuladig.de/Objektansicht.aspx?extid=P-TB-20100918-0017
Kloster Eberbach:
http://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Eberbach
Wolfgang Einsingbach, Wolfgang Riedel: Kloster Eberbach im Rheingau, Deutscher Kunstverlag Berlin München, 2. Auflage 2009, ISBN 978-3-422-02166-2
Wolfgang Einsingbach, Wolfgang Riedel: Kloster Eberbach, DKV-Kunstführer Nr. 267, Deutscher Kunstverlag Berlin München, 20. Auflage 2014, ISBN 978-3-422-02242-3
Yvonne Monsees, Grabmäler im Kloster Eberbach, ein Rundgang, hrsg. vom Freundeskreis Kloster Eberbach e. V., Eltville 2009, ISBN 978-3-00-027060-4
Dagmar Söder: Klosterlandschaft Eberbach. Das Kloster Eberbach als Wirtschaftsbetrieb und seine Spuren in der Rheingauer Landschaft. In: Meier, Johannes (Hrsg.): Klöster und Landschaft. Das kulturräumliche Erbe der Orden. Schriftenreihe des Westfälischen Heimatbundes, Münster, 2010, S. 39-59. Vgl. auch:
http://p7115.typo3server.info/fileadmin/alumni/CampusLandschaft2006/CL_Klosterlandschaft_Eberbach.pdf
J. Söhn: Geschichte des wirtschaftlichen Lebens der Abtei Eberbach im Rheingau, J. F. Bergmann, Wiesbaden 1914.
Gabriele Schnorrenberger: Wirtschaftsverwaltung des Klosters Eberbach im Rheingau, Selbstverlag der Historischen Kommission für Nassau, Wiesbaden 1977.
Dilthey-Haus:
http://www.dilthey-haus.de/
Wilhelm Dilthey:
http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Dilthey
Geschichte von Biebrich:
http://www.specknet.de/biebrich/kirchentext.php
Geschichte von Biebrich:
http://www.wiesbaden.de/leben-in-wiesbaden/stadtteile/biebrich/geschichte.php

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