Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2185
Rietberg (Kreis Gütersloh, Reg.-Bez. Detmold)

Das Rietberger Rathaus

Das historische Rathaus von Rietberg befindet sich im Zentrum der Altstadt und stößt in spitzem Winkel an die katholische Pfarrkirche St. Johannes Baptist. An der engsten Stelle sind gerade einmal zwei Meter Abstand zwischen den beiden historischen Gebäuden. Es handelt sich um einen symmetrischen, zweistöckigen Fachwerkbau mit verschiefertem Mansarddach. Zur Kirche hin gliedern neun Fensterachsen die Fassade, zur Rathausstraße hin beherrscht der zweiläufige, gedeckte, je einmal mit einem Zwischenpodest abgesetzte Treppenaufgang mit einem schmucken Uhrturm über der mittleren Achse das Bild. Beiderseits des Türmchens gliedern je drei Achsen die seitlichen Fassadenteile. Diese Art der gedeckten beidseitigen Außentreppe mit je 32 Stufen, die zu einem Bürgersaal im ersten Obergeschoß führt, ist einzigartig und macht es zu einem der schönsten Rathäuser Westfalens. Im Erdgeschoß ist unter dem Türmchen ein älteres Portal mit Wappenstein.

Der Bau ist weit weniger alt, als man auf den ersten Blick vermutet. Ein Vorgängerbau läßt sich im Jahr 1600 belegen. Das am Erdgeschoßportal angebrachte Ehewappen trifft für ein Zeitfenster von 1647 bis 1660 zu. Der Neubau wurde vom Rat der Stadt Rietberg 1804 beschlossen. Da der Neubau größer als der Vorgängerbau werden sollte, wurde ein Stück des aufgegebenen Friedhofes überbaut. Baumaterial holte man sich vom 1802-1803 abgebrochenen Residenzschloß außerhalb der Stadt. Im Jahr 1806 war der von Baumeister Adrian ausgeführte Bau vollendet. Zunächst war die doppelläufige Freitreppe ungedeckt. Erst 1915 wurde sie zum, Schutz vor Regen- und Schneeglätte überdacht, wobei der Architekt Max Sonnen den Fachwerkrhythmus geschickt aufgriff und modifizierte. Auch das Türmchen entstand erst bei diesem Umbau. Ein weiterer Umbau erfolgte im Jahr 1939, als das bisherige Dach zu einem barockisierenden Mansarddach mit insgesamt 24 Dachgauben für zusätzliche Büroräume ausgebaut wurde. Doch wer jetzt sagt "Wenigstens ist das Gebäude 100 Jahre alt", wird erneut enttäuscht werden: 1977 wurde das gesamte Gebäude abgebrochen und vollständig mit dem Aussehen des alten Gebäudes wieder aufgebaut. Es ist trotzdem schön und malerisch.

Nun zu dem Allianzwappen am Erdgeschoßportal: Die heraldisch rechte Hälfte steht für den Ehemann, Johann II. Graf von Ostfriesland und Rietberg (31.5.1618-7.8.1660), Sohn von Johann III. von Ostfriesland-Rietberg (1566-23.1.1625) und Sabina Catharina von Ostfriesland (11.8.1582-31.5.1618). Die Lebensdaten überliest man leicht, ohne die Schicksale wahrzunehmen: Seine Mutter starb im Kindbett nur zwei Stunden nach der Geburt ihres Sohnes. Ganze zwei Stunden waren dem Sohn vergönnt mit der Mutter, der er die ganze Rietberger Grafschaft verdankt. Johann II. war zunächst Domherr in Köln, resignierte dann mit päpstlichem Dispens, heiratete mit 19 Jahren am 3.3.1647 und war als Johann IV. 1640-1660 regierender Graf von Rietberg, während er in Bezug auf Ostfriesland bis dahin Johann II. war.

Der Schild ist zweimal gespalten zu drei Pfählen, Feld 1: in Rot ein goldener Adler (Grafschaft Rietberg), Feld 2: in Schwarz ein goldener Jungfrauenadler oder Königsadler, begleitet von vier (2:2) goldenen Sternen (Cirksena-Ostfriesland), Feld 3: geviert, Feld a und d: in Gold ein schwarzer, aufspringender Bär mit goldenem Halsband (Herrschaft Esens), Feld b und c: in Blau zwei gekreuzte goldene Peitschen oder Geißeln (Herrschaft Stedesdorf-Wittmund). Angesichts der außerordentlich schlanken Felder ist die Darstellung der Adler mit immerhin ausgebreiteten Flügeln nur durch maßlose, ans Ornamentale grenzende Verlängerung der Schwanzfedern befriedigend lösbar.

Die heraldisch linke Hälfte steht für die Ehefrau, Anna Katharina Ernestine zu Salm-Reifferscheidt (4.11.1624-), Tochter von Ernst Friedrich Altgraf zu Salm-Reifferscheidt (29.5.1583-13.9.1639) und Maria Ursula zu Leiningen und Dagsburg-Falkenburg (-16.8.1649). Zunächst war sie für eine kirchliche Laufbahn bestimmt. Sie wurde 1640 Stiftsdame in Vreden, 1641 Stiftsdame in Thorn und 1642 Stiftsdame in Elten. In Vreden wurde sie 1645 zur Pröpstin gewählt, zusätzlich wählte man sie am 20.6.1646 zur Äbtissin von Thorn. Im selben Jahr resignierte sie von all ihren kirchlichen Ämtern, um Johann II. Graf von Ostfriesland und Rietberg zu heiraten.

Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1660 führte sie als Regentin im Namen ihrer Söhne 20 Jahre lang die Grafschaft. Drei ihrer Söhne übernahmen nacheinander die Regierung, doch so ganz war keiner dabei. Friedrich Wilhelm Graf von Rietberg (16.9.1650-7.10.1677) war beim Tod des Vaters 10 Jahre alt und fiel im Alter von 27 Jahren bei Straßburg als Rittmeister im Holländischen Krieg. Also regierte seine tatkräftige Mutter erst als Vormund und dann in Stellvertretung bei seiner Abwesenheit. Sein jüngerer Bruder Franz Adolf Wilhelm Graf von Ostfriesland und Rietberg (13.11.1651-15.3.1689) übernahm 1677 die Regierung, aber eigentlich wollte er eine kirchliche Karriere machen. Er war Domherr und Domdekan in Köln, Domherr in Paderborn (seit 1673) und Domherr und Domscholaster in Straßburg, übernahm nach dem Tod seines älteren Bruders die Regierung, er trat Rietberg 1680 zunächst an den dritten Bruder Ferdinand Maximilian und nach dessen Tod 1687 an seine Nichten ab, um weiter Domherr bleiben zu können. Bis 1685 führte er aber noch die Regentschaft wegen Minderjährigkeit seines Bruders. Der erwähnte dritte Bruder Ferdinand Maximilian Graf von Ostfriesland und Rietberg (8.5.1653-10.6.1687) wählte auch erst eine kirchliche Laufbahn, war Domherr in Straßburg und in Münster, und er erhielt 1673 die Diakonsweihe, aber als letzte Hoffnung der Familie resignierte er mit päpstlichem Dispens und heiratete. Seine Tochter brachte die Grafschaft dann an die Grafen Kaunitz. Anna Katharina Ernestine zu Salm-Reifferscheidt überlebte alle ihre Söhne.

Ihr Wappen ist geviert mit Herzschild, Feld 1: gespalten, rechts in Silber zwei pfahlweise gestellte, gekrümmte, voneinander abgewendete rote Salme (Grafschaft Niedersalm), links in Silber ein rotes Schildchen, darüber ein blauer, fünflätziger Turnierkragen (Herrschaft Reifferscheidt), Feld 2: in mit silbernen Schindeln bestreutem, rotem Feld ein silberner, golden gekrönter Löwe (Herrschaft Bedburg), Feld 3: in Gold mit hier drei, eigentlich vier roten Balken ein silberner, golden gekrönter Löwe (Herrschaft Alfter), Feld 4: in Gold ein schwarzer Löwe (Herrschaft Hackenbroich), Herzschild: in Silber drei (2:1) rote Rauten (Herrschaft Dyck).

Literatur, Links und Quellen:
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Grafschaft Rietberg: http://de.wikipedia.org/wiki/Grafschaft_Rietberg
Liste der Grafen von Rietberg:
http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Grafen_von_Rietberg und dort verlinkte Einzelportraits
Haus Rietberg:
http://www.kaunitz-rietberg.de/kaunitz/rietberg.html und dort verlinkte Einzelportraits
Haus Ostfriesland:
http://www.kaunitz-rietberg.de/kaunitz/ostfriesland.html und dort verlinkte Einzelportraits
Haus Kaunitz:
http://www.kaunitz-rietberg.de/kaunitz/haus_kaunitz.html und dort verlinkte Einzelportraits
Siebmachers Wappenbücher
Manfred Beine, Käthe Herbort: Rietberg - historischer Stadtrundgang, Westfälische Kunststätten 67, 2. Auflage, Münster 2008, hrsg. vom Westfälischen Heimatbund in Verb. mit dem LWL-Amt für Denkmalpflege in Westfalen und dem Kulturamt der Stadt Rietberg, 86 S.
Johann II. von Ostfriesland-Rietberg:
http://www.kaunitz-rietberg.de/kaunitz/ostfriesland/johann_iv.html
Sehenswertes in Rietberg:
http://www.rietberg.de/tourismus/touristikinformationen/sehenswertes.html
Rathaus Rietberg:
http://www.rietberg.de/rathaus.html
ehem. Eintrag über das Rathaus Rietberg auf
www.fachwerkhaus.de

Johannes-Nepomuk-Kapelle - Franziskanerkloster und Klosterkirche - Progymnasium - Pfarrkirche St. Johannes Baptist

Ortsregister - Namensregister - Regional-Index
Zurück zur Übersicht Heraldik

Home

© Copyright / Urheberrecht an Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2015
Impressum
Bestandteil von
www.dr-bernhard-peter.de und www.heraldik-leitfaden.de