Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2181
St. Goar (Mittelrheintal, Rhein-Hunsrück-Kreis)

Evangelische Stiftskirche St. Goar:
Johann Heugel

Innen an der Westwand der Turmhalle der evangelischen Stiftskirche ist diese einfache, aber sehr qualitätvolle sandsteinerne Platte von 1,98 m x 1,01 m angebracht, die aktuell leider von herabgetropftem Kerzenwachs verunziert wird. Die Platte mit der im unteren Bereich herrlich verspielten Helmdecke ist so gut erhalten, weil sie als Spolie mit dem Gesicht nach unten als Fundament für die unterste Stufe des im 19. Jh. erbauten Chortreppenaufgangs verwendet worden war und 1966 bei der Wiederherstellung des Fußbodens entdeckt wurde. Nur einer der schneckenförmig eingerollten Schildränder ist abgebrochen, und Teile des Rahmens fehlen.

Schildbild, Helmzier und Helmdecke sind hingegen vorzüglich erhalten. Die auf einem beidseitig profilierten Rand umlaufende Inschrift in Majuskeln lautet: "ANNO 1601 DEN 12 IVNII IST DER GESTRE(N)G VND EHR(E)NVEST IOHANN HEVGEL FV(E)RSTLICHER HES(S)ISCHER RATH VND OBERAMPTMAN(N) DER NI(E)DE(R)GRAFSCHAFFT CATZENELENBOGEN IN GOTT SELIGLICH VERSTORBE(N)". Das Zentralfeld besitzt unter dem Vollwappen auf einer Rollwerktafel ein Bibelzitat in Frakturschrift: "Jesaia 56 Die Gerechten Werden Weggeraf(f)t Fu(e)r dem VnGlu(e)ch, Vnd die Richtich Fu(e)r sich gewandelt haben, kommen zum friede(n) Vnd Ruhen in ihren Kammern". Tatsächlich handelt es sich in heutiger Zählung um Jesaia 57, 1: "Aber der Gerechte kommt um, und niemand ist, der es zu Herzen nehme; und heilige Leute werden aufgerafft, und niemand achtet darauf. Denn die Gerechten werden weggerafft vor dem Unglück und die richtig vor sich gewandelt haben, kommen zum Frieden und ruhen in ihren Kammern".

Der Verstorbene war der 1553 in Kassel als Sohn des landgräflich-hessischen Hofkapellmeisters und Komponisten Johannes Heugel (ca. 1500-1585) und dessen Frau Margerita (-1612) geborene und am 12.6.1601 verstorbene Johann Heugel. Sein Wappen ist geteilt, oben ein achtstrahliger Stern, unten auf einem Hügel zwei langgestielte, nach außen umgebogene Kleeblätter, auf dem Helm ein achtstrahliger Stern zwischen zwei Büffelhörnern, die in den Mündungen jeweils mit einem gestielten Kleeblatt besteckt sind (Tinkturen unbekannt, Hinweise willkommen).

Johann Heugel studierte ab 1570 an der Universität Marburg u. a. bei Justus Vulteius, einem guten Freund des Vaters. Er trat nach dem Abschluß 1573 in landgräflich-hessische Dienste, wurde 1577 Kanzleischreiber, 1578 Kammersekretär, Kammerrat und schließlich 1594 unter Landgraf Moritz von Hessen-Kassel Kammermeister. Seinem Landesherrn diente er oft als Gesandter. Johann Heugel war seit 1578 mit Anna Bischoff (5.8.1554-3.1.1610) vermählt, ein Kammerfräulein bei Hofe, deren Eltern der Felsberger Pfarrer Martin Bischoff und Ursula Kymen waren. Im Jahr 1600 kam Johann Heugel an den Rhein, als er zum Oberamtmann der Niedergrafschaft Katzenelnbogen (auch als Untergrafschaft Katzenelnbogen bezeichnet) bestellt wurde.

Die Niedergrafschaft war das Gebiet um St. Goar mit dem Stammsitz Katzenelnbogen und mit Burg Reichenberg, die Obergrafschaft das Gebiet im Odenwald, um Darmstadt und an der Bergstraße, u. a. mit der Residenz Lichtenberg. Die begriffliche Unterscheidung geht auf eine im 13. Jh. erfolgte Teilung in eine jüngere und eine ältere Linie zurück. 1402 wurden beide Gebiete wieder durch Erbheirat unter einem Grafen vereint, und mit dem Aussterben der Grafen von Katzenelnbogen kam das ganze Gebiet an die Landgrafen. Die Niedergrafschaft wechselte mehrfach zwischen verschiedenen hessischen Linien, Hessen-Darmstadt, Hessen-Kassel, Hessen-Rotenburg und Hessen-Rheinfels. Von 1583 bis 1626, also in dem hier wichtigen Zeitraum, gehörte St. Goar zu Hessen-Kassel, danach zu Hessen-Darmstadt, und nach 1648 wieder zu Hessen-Kassel.

Johann Heugel hatte als Oberamtmann seinen Amtssitz auf Burg Rheinfels. Er war bei seinem Tod noch im ersten Amtsjahr, kaum 50jährig. Das Paar hatte drei Söhne und sechs Töchter; Frau und Kinder zogen nach Johann Heugels Tod wieder nach Kassel.

Literatur, Links und Quellen:
Evangelische Kirchengemeinde St. Goar: http://www.ev-kgm-stgoar.de/
Herbert Gräff, Bernhard Jakobs und Wolfgang Krammes (Hrsg.), Die Kirchen im Mittelrheintal - Führer zu den Bauten des UNESCO-Welterbes Mittelrhein - Michael Imhoff-Verlag, 2008 - S. 53-55 - online:
http://www.ev-kgm-stgoar.de/Kirchen/St_Goar/2008-UNESCO/UNESCO-Fuehrer-StG.html
Pfr. Wolfgang Krammes, Hansen-Blatt, Schriftenreihe des "Internationalen Hansenordens e.V. zu St. Goar am Rhein", S. 103 - 109, 63. Jahrgang, Heft Nr. 51 - Juli 1998 - online:
http://www.ev-kgm-stgoar.de/Kirchen/St_Goar/Kra-1998-Hansenblt.html
Susanne Kern, Die Inschriften der Evangelischen Stiftskirche St. Goar, Inschriften Mittelrhein-Hunsrück, Heft 6, hrsg. v. d. Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, und dem Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e.V., Mainz 2008
Auf
http://www.inschriften.net/nc/rhein-hunsrueck-kreis/broschueren.html das Heft http://www.inschriften.net/nc/rhein-hunsrueck-kreis/broschueren.html?download=IMH6-StGoar-EvStiftskirche.pdf&did=6
Veröffentlichung der Innenaufnahmen mit freundlicher Genehmigung von Herrn Pfarrer Wolfgang Krammes vom 5.5.2010, wofür ihm an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.
Geschichtlicher Überblick:
http://www.inschriften.net/rhein-hunsrueck-kreis/einleitung/2-kurzer-historischer-ueberblick.html
Beschreibung dieser Platte: Eberhard J. Nikitsch, Rhein-Hunsrück-Kreis, Nr. 271, in:
www.inschriften.net - urn:nbn:de:0238-di060mz08k0027106 - http://www.inschriften.net/rhein-hunsrueck-kreis/inschrift/nr/di060-0271.html
Hessische Biographie:
http://lagis.online.uni-marburg.de/de/subjects/print/sn/bio/id/9500 - http://www.lagis-hessen.de/pnd/130432555 (Stand: 29.12.2014)
Holger Th. Gräf, Konfession und internationales System. Die Außenpolitik Hessen-Kassels im konfessionellen Zeitalter, Darmstadt 1993, S. 252, 398
Vater Johann Heugel:
http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Heugel - http://www.geschichtsverein-deggendorf.de/docs/gbl_01/gbl_01_05_32_johannes_heugel.pdf
Niedergrafschaft Katzenelnbogen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Niedergrafschaft_Katzenelnbogen

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