Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2174
Bad Kissingen (Landkreis Bad Kissingen, Unterfranken)

Das Neue Rathaus von Bad Kissingen (Heußleinscher Hof)

Das neue Rathaus von Bad Kissingen (Rathausplatz 1) wurde nicht als solches gebaut, sondern ist ein barockes Adelspalais der Heußlein von Eußenheim, die das Grundstück in der Kissinger Altstadt mit dem Vorgängerbau 1634 erworben hatten. Dieser Vorgängerbau, die sog. "Schlettensche Kemenate", war im Jahre 1590 von Hans Christoph von Schletten und seiner Ehefrau Anna Maria von Erthal erbaut worden. Innen in der Tordurchfahrt ist ein datierter, aber schlecht erhaltener Reliefstein mit Bauinschrift eingemauert, der sich von diesem Bau erhalten hat und das entsprechende Ehewappen unter einer Ädikula trägt (ohne Abb.). Das prunkvolle neue Anwesen, ein zweigeschossiger Massivbau mit Sockelgeschoß und Mansarddach, ließ Heinrich Christoph Heußlein von Eußenheim 1707-1710 nach Plänen des fränkischen Baumeisters Johann Dientzenhofer, der auch Hofbaumeister der Fürstäbte von Fulda war, erbauen. Er war in seiner Zeit ein vielbeschäftigter Stararchitekt, den zu beschäftigen allein schon eine Prestigefrage für die Familie war. Der Grundriß ist T-förmig mit breitgelagertem Haupthaus und rückwärtig mittig angesetztem Nebenflügel. Die Schauseite ist die nach Südosten gerichtete Fassade aus Sandstein, rückwärtig ist das Anwesen verputzt. Die nach hinten durchgehende Toreinfahrt an der hier leicht nach hinten abknickenden rechten Gebäudeseite ist überbaut.

Die Inschrift unter dem Wappen lautet: "AUSPICE DEO HEINR(ICH) CHRISTO(PH) HEUSLEIN DE EUSSENHEIMB ELECTORALIS MOGUNTINO BAMBERGENSIS CONSILIARIUS ET ARCHISATRAPA IN MAROLFFSTEIN ET NEUDECK ET MARIA FRANCIS(CA) SOPHIA NATA DE EHRTAL CONIUGE HABITATIONEM HANC AEDIFICARVNT" - unter der Führung Gottes haben Heinrich Christoph Heußlein von Eußenheim, Rat des Mainzer Kurfürsten und Bambergischer Rat und Oberamtmann in Marloffstein und Neudeck, und seine Gemahlin, Maria Franziska Sophia geborene von Erthal, diese Behausung erbaut. Die letzten beiden Zeilen bergen ein Chronogramm: HABITATIONEM HANC AEDIFICARVNT = I + I + M +C + D + I + I + C + V = 1 + 1 + 1000 +100 + 500 + 1 + 1 + 100 + 5 = 1709.

Im Tordurchgang hängt eine weitere Inschriftentafel mit folgendem Text: "WO SCHLETTENS KEMENATE STVNDT / ERBAWT DIES HAVS SO SEY EVCH KVNDT / HOFKRIEGSRATH VND AMBTMANN ZV MARLOFFSTEIN / HEINZ CHRISTOPH HEVSSLEIN VON EVSSENHEIM / NEBST SEYNEM EHELICH GEMAHL / MARIE SOPHIA VON ERTHAL / NACH JOHANN DIENTZENHOFERS PLAN / HVB MAN MIT GOTT ZE BAWEN AN / SO DAS JAHR MAN HAT GESCHRIEBEN / EINTAVSEND SIEBENHVNDERT SIEBEN / DIES HAVS VON GOTT DEM HERRN BEWACHT / IST WOHL BEGRÜNDET VND BEDACHT ."

Die Heußlein von Eußenheim führen in Gold drei (2:1) rote, golden bebutzte Rosen, auf dem Helm mit rot-goldenen Decken ein flacher, roter, golden aufgeschlagener Hut, oben mit einem Busch schwarzer Hahnenfedern besteckt. Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Bay Seite 40, Tafel 38, sowie bei Schöler, S. 57, Tafel 53. Die Familie war eine Ministerialenfamilie des Würzburger Hochstifts. Das älteste urkundlich in Erscheinung tretende Familienmitglied war Herolt Huzelin, Ministerialer des Bischofs Hermann, der 1231 erwähnt wurde. Alternative Schreibweisen des Namens sind Hußlin, Heußlin, Hurzlin etc. Die Heußlein erwarben im 14. Jh. Grundbesitz in Eußenheim an der Wern (früher auch Uzzenheim genannt) bei Karlstadt. Das entsprechende Burglehen wird seit 1303 erwähnt und war seitdem in Familienbesitz. Diesen Grundbesitz, nach dem sie sich fortan nannten, veräußerten die Heußlein im 16. Jh., als sie nach Kissingen zogen. Ein Mitglied der Familie erwarb ein Würzburger Hofamt, das Grasmarschallamt. Der Grasmarschall hatte die Aufsicht über die Wiesenmahd und die Futterbeschaffung für die fürstbischöflichen Stallungen. Weiterer Besitz lag in Schönhart, Wiesenfeld, Binsfeld und Rieden, in Karlburg, Arnstein und Thüngen, alles mehr oder weniger im Werntal. Durch eine Heirat des Balthasar Heußlein von Eußenheim mit Susanne Neustädter gen. Stürmer kam die Familie an Grundbesitz im Kanton Gebürg: Sachsendorf, Schönfeld, Pilgerndorf. Im Steigerwald erwarben sie ein Gut in Fatschenbrunn. Ab dem 16. Jh. waren die Heußlein ritterschaftlich und im Kanton Gebürg eingetragen. Die Familie besaß 1641-1685 das Rittergut Schönfeld bei Hollfeld.

Heinrich Christoph Heußlein von Eußenheim (1656-1719) war der Sohn von Adam Valentin Heußlein von Eußenheim (1614-6.8.1679) zu Kissingen, Fatschenbrunn, Sachsendorf, Bilgendorf und Schönfeld und dessen Frau, Anna Katharina von Harstall (1633-17.10.1633). Heinrich Christoph setzte den Hauptstamm fort, von seinen Brüdern wurde Marsilius (1651-31.10.1702) Deutschordensritter, Otto Hermann (1652-3.7.1694) fiel gegen die Franzosen, Eitel Friedrich (1655-1674), fiel ebenfalls bei Ensisheim gegen die Franzosen, Johann Eitel (1664-6.12.1694) trat in das Stift zu Fulda ein, Georg Anton und Johann Michael Eitelhard starben jung, und Johann Gottfried (16.7.1657-24.2.1699) wurde von den Hollfelder Bürgern in seinem Garten zu Sachsendorf meuchlings erschossen, seine zwei minderjährigen Söhne starben in der Jugend. So blieb Heinrich Christoph als einziger übrig, um die Familie fortzusetzen. Er wurde kurmainzischer und hochfürstlich-bambergischer Geheimer Rat und Hofkriegsrat, und er war Oberamtmann zu Riesen, Marloffstein und Ebermannstadt.

Das heraldisch linke Wappen ist das der von Erthal, es ist geviert, Feld 1 und 4: in Rot zwei silberne Balken, Feld 2 und 3: ledig und blau, auf dem gekrönten Helm mit rechts rot-silbernen und links blau-silbernen Decken ein Paar geteilter Büffelhörner, rechts oben rot mit zwei silbernen Balken, unten blau, rechts umgekehrt. Maria Franziska Sophia geborene von Erthal (1659-1716) war die Tochter von Julius Gottfried von und zu Erthal, hochfürstlich-würzburgischer Rat und Oberamtmann zu Bischofsheim in der Rhön, und dessen Frau, Maria Martha von Weiler.

Sie war die erste Frau des Heinrich Christoph Heußlein von Eußenheim, nach ihr heiratete er in zweiter Ehe Maria Charlotta Wilhelmina Amalia von Rotenhan (1699-1756), Tochter von Joachim Ignatius von Rotenhan und Maria Elisabeth von Wernau. Aus erster Ehe hatte er sechs Söhne, aus zweiter Ehe einen, wobei letzterer, Heinrich Hartmann Ignatius Donatus Heußlein von Eußenheim (17.2.1720-1788), der erst nach dem Tod seines Vaters zur Welt kam, das Geschlecht dauerhaft fortführte. Er war vermählt mit Josepha Veronica Amalia Veronika von Münster (-1767). Danach folgte als Besitzer Adam Joseph Maria Valentin Donat Heußlein von Eußenheim (1755-11.11.1830), vermählt mit Therese Philippine von Mauchenheim genannt Bechtolsheim. Eigentlich hatte er eine geistliche Laufbahn eingeschlagen, doch weil seine beiden anderen Brüder gestorben waren, mußte er die Familie retten, nach entsprechendem Dispens resignieren und heiraten. Ursprünglich war es sogar umgekehrt: Sein Bruder Franz Anton Donat Heußlein von Eußenheim (13.1.1742-25.9.1805) machte den Platz für ihn im Kirchendienst frei, denn er schwor zwar am 1.2.1764 als Domizellar am Würzburger Dom auf, resignierte aber bald darauf zugunsten seines jüngeren Bruders und machte selbst eine militärische Karriere, wurde Hauptmann beim Guttenbergschen Dragonerregiment und Obristlieutenant beim Bubenhofenschen Dragonerregiment und außerdem hochfürstlich-würzburgischer Kammerherr. Aber er heiratete nie, und so mußte sein Bruder Adam Joseph Maria Valentin Donat wieder raus aus dem Schatten des Domes und heiraten. Adam Joseph Maria Valentin Donat wurde fürstbischöflich-würzburgischer Wirklicher Geheimer Rat und Präsident des Oberen Rats, nach der Säkularisation großherzoglich-toskanischer Kämmerer, und nachdem Bayern Königreich geworden war, wurde er zusammen mit seinen beiden Schwestern am 29.3.1816 bei der Freiherrnklasse immatrikuliert. Dann folgte als Besitzer des Heußleinschen Hofes sein Sohn Philipp Heinrich Christoph Aloys Donat Heußlein von Eußenheim (28.6.1808-7.8.1870), vermählt mit Mathilde Caroline von Syberg (7.6.1819-1887).

Die Familie ist 1870 ausgestorben mit Johann Carl Leo Joseph August Freiherr Heußlein von Eußenheim, Sohn des oben genannten Philipp Heinrich, Lieutenant im königlich-bayerischen VI. Chevauxlegers-Regiment, Komtur des päpstlichen Gregorius-Ordens. Er hatte den deutschen Truppen in der Schlacht bei Sedan die Nachricht vom herannahenden Entsatz überbringen wollen und ist dabei so sehr mit dem Pferd gehetzt, daß er sich eine Lungenentzündung zugezogen hatte, an der er zu Messincourt bei Sedan am 25.9.1870 als der letzte seiner Familie starb, nur sechs Wochen nach seinem Vater, im Alter von 32 Jahren, unvermählt und ohne Nachkommen. Seine Schwester Adelheid Mathilde Philippina Heußlein von Eußenheim (1837-1907) hatte 1860 Freiherr Christian Anton Josef Justin Philipp Lochner von Hüttenbach geheiratet (Siebmacher Band: BayA1 Seite: 75), deshalb erbten die Herren Lochner von Hüttenbach (Ast Lindenberg, heute in Oberbayern beheimatet) das Anwesen, welches bis 1927 in ihrem Besitz blieb. Sie nahmen auch mit Erlaubnis des bayerischen Königs Ludwig II. den Namen und das Wappen der Heußlein zusätzlich an. In den 1880er Jahren fanden Baumaßnahmen am Schloß statt, dabei erhielten die bisher flachen Dachgauben eine Giebelform. Weitere Renovierungen erfolgten 1907-1908, wobei eine Zentralheizung und elektrisches Licht installiert wurden. Der letzte Herr dieses Hauses aus adeliger Familie war Reichsfreiherr Karl Josef Philipp Maria Christoph Albert Lochner von Hüttenbach gen. Heußlein von Eußenheim (5.11.1868-24.12.1927), der hier eine eigene Arztpraxis für sich einrichtete und wohlhabende Kurgäste unterbrachte, denn der Fideikommißbesitzer war selbst Badearzt und bayerischer Stabsarzt. Er war vermählt mit Bertha Elisabeth Zilliken (1886-1978). Nach Karls Tod verkaufte die Familie 1928 den barocken Ansitz an die Stadt für 242500 Reichsmark, weil sich ihr Schwerpunkt regional nach München verlagert hatte, und weil wirtschaftliche Zwänge den Verkauf durch die Witwe erforderlich machten. 1929 fand nach dem Umbau zum Amtsgebäude die erste Sitzung des Stadtrates im neuen Domizil statt. Heute dient das Gebäude als Rathaus der Stadt Bad Kissingen und enthält den Oberbürgermeisterdienstsitz und die Abteilungen Zentrale Rechtsangelegenheiten, Bürgerbüro, Soziale Hilfsstelle, Standesamt, Bestattungswesen, Ordnungsverwaltung und Jugendarbeit.

Literatur, Links und Quellen:
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener 3. Aufl. 1999
Baudenkmäler in Bad Kissingen: http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Baudenkmäler_in_Bad_Kissingen - Liste_der_Baudenkmäler_in_Bad_Kissingen#Ensemble_Altstadt_Bad_Kissingen_mit_Kurviertel
Biedermann, Geschlechtsregister der Reichsfrei unmittelbaren Ritterschaft Landes zu Franken Löblichen Orts Gebürg
http://books.google.de/books?id=49JDAAAAcAAJ Tafel 107 ff.
Das (Neue) Rathaus der Stadt Bad Kissingen, in: Thomas Ahnert, Peter Weidisch (Hg.): 1200 Jahre Bad Kissingen, 801-2001, Facetten einer Stadtgeschichte. Festschrift zum Jubiläumsjahr und Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung. Sonderpublikation des Stadtarchivs Bad Kissingen. Verlag T. A. Schachenmayer, Bad Kissingen 2001, ISBN 3-929278-16-2, S. 172 f.
Thomas Ahnert: Als das Rathaus noch ein Schloß war - Artikel in der Mainpost vom 11.10.2012:
http://www.mainpost.de/regional/bad-kissingen/Dichtel-Lochner-von-Huettenbach-Heußlein-von-Eußenheim-Dientzenhofer;art433641,7731113
Benno Dichtel: Als das Rathaus noch ein Schloß war - aus der Geschichte eines fränkischen Adelsgeschlechts - ein Familienmitglied erinnert sich, Selbstverlag 2012, 60 S.
Werner Bartsch: Das Rathaus in Bad Kissingen: Johann Dientzenhofers Planung zum Heußleinschen Schloß, 144 S., Michael Imhof Verlag 2015, ISBN-10: 3865686745, ISBN-13: 978-3865686749
http://www.imhof-verlag.de/978-3-86568-674-9.html
Bad Kissingen:
http://www.badkissingen.de/de/tourismus-kurort-bayern/urlaub-freizeit-bayern-rhoen/subdir51/schloesser/111.Schloesser_Burgen__Tuerme.html
Rathaus:
http://www.badkissingen.de/de/stadt/rathaus/
Heußlein von Eußenheim:
http://www.mariae-himmelfahrt-hollfeld.de/kirchen/Schoenfeld/Heuslein_von_Eusenheim.html
Neues Rathaus:
http://de.wikipedia.org/wiki/Neues_Rathaus_(Bad_Kissingen)
Genealogisches Handbuch des Adels, Adelslexikon Band V, Seite 183, Band 84 der Gesamtreihe, C. A. Starke Verlag, Limburg (Lahn) 1984
Heußlein von Eußenheim:
http://de.wikipedia.org/wiki/Heußlein_von_Eußenheim
Franz Anton Donat Heußlein von Eußenheim
http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Anton_Donat_Heußlein_von_Eußenheim
August Amrhein: Reihenfolge der Mitglieder des adeligen Domstiftes zu Wirzburg, St. Kilians-Brüder genannt, von seiner Gründung bis zur Säkularisation, in: Archiv des Historischen Vereins von Unterfranken 33, 1890, S. 1 ff.
Anton P. Rahrbach, Reichsritter in Mainfranken. Zu Wappen und Geschichte fränkischer Adelsfamilien. Bauer & Raspe Verlag - Die Siebmacherschen Wappenbücher, die Familienwappen deutscher Landschaften und Regionen, Band 2, 2003, ISBN 3-87947-113-4, S. 125-126

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