Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2159
Dietkirchen (Limburg an der Lahn, Landkreis Limburg-Weilburg)

Das Epitaph für Philipp Frey von Dehrn in der ehem. Stiftskirche St. Lubentius

Auf einem schroffen Kalkfelsen hoch über der Lahn stehend beherrscht die ehemalige Stiftskirche, nun katholische Pfarrkirche St. Lubentius die Ortschaft Dietkirchen. Es ist eine der ältesten Kirchen der Region, zurückgehend auf ein 839/841 gegründetes Kollegiatsstift. Der kirchenpolitischen Bedeutung insbesondere bei der Etablierung des Christentums im Lahntal wurde mit der Erhebung in den Rang eines Archidiakonates Rechnung getragen, vielleicht schon um 900, spätestens zu Beginn des 12. Jh. Der Archidiakon, einer von fünf im Hochstift Trier, war zugleich Stiftspropst. Die im wesentlichen auf die Zeit der Romanik zurückgehende und in der Gotik ausgebaute Stiftskirche präsentiert sich heute als dreischiffige Emporenbasilika mit fünf Jochen und einem zweijochigen Querhaus, mit einer Chorapsis und einer die Landschaft prägenden, weithin sichtbaren Doppelturmfront im Westen. Heraldische Reliefplastik findet sich an einem aus der Frührenaissance stammenden Epitaph, aufgestellt im nördlichen Seitenschiff. Es ist mit seiner figürlichen Darstellung des in Harnisch gekleideten Verstorbenen vor einem mit Arabesken belegten Hintergrund zwischen zwei flankierenden Säulen, über denen auf figürlichen Konsolen ein geschweifter Bogen ruht, eines der schönsten und aufwendigsten Frührenaissance-Epitaphien der Region. Der lebensgroß dargestellte Verstorbene blickt den Betrachter frontal an und hat die Hände vor der Brust zum Gebet zusammengelegt. Insbesondere das Gesicht ist ein ausdrucksvolles Porträt mit individuell wirkenden Zügen. Dolch und Schwert sind umgebunden. Den Helm hat er abgesetzt, er ist zwischen seinen leicht gespreizten Beinen auf dem Boden abgestellt. Insgesamt wirkt das Zentralfeld prunkvoll dekoriert, aber trotz seines verspielten Detailreichtums insbesondere der Rüstung ausgewogen und wohlproportioniert. Das Epitaph ist polychrom gefaßt, wobei die erneuerte Farbfassung sich bei mehreren Wappen der aus vier Vollwappen bestehenden Ahnenprobe nicht an den Erwartungen orientiert.

 

Das Epitaph wurde für den am 31.10.1550 verstorbenen Philipp Frey von Dehrn angefertigt. Er war mit Anna von Eltz verheiratet. Sie hatten mehrere Kinder, die Söhne Johann (-5.10.1568), Georg (-28.12.1605), Philipp (1531-23.3.1568) und Wilhelm (-12.3.1595), sowie die Töchter Elisabeth (-1.12.1588), Katharina (-13.1.1571), Kunigunde (-26.5.1611), Dorothea (-22.4.1618) und Margaretha (-1564). Die Frey von Dehrn hatten in der Stiftskirche ihr Erbbegräbnis.

Die von zwei geflügelten Putten begleitete Inschrift im Sockelbereich des Epitaphs lautet: "ALS MAN ZÄ(H)LT NACH CHRISTI VNSER(E)S HER(R)N VND ERLOESERS GEBVRT 1550 DEN LETZTEN TAGH DES MONATS OCTOBRIS IST WEILANT DER EDELL VND ERNVEST PHILIPP FREIHE VON DHERN IN GOTT VERSTORBEN DER SE(E)LEN DER ALM(A)ECHTICH GNEDICH SEIN WOLL(E) AMEN."

Oben über dem Rechteckfeld ist das Wappen des Philipp Frey von Dehrn zu sehen, unter goldenem Schildhaupt in Blau 3 (2:1) goldene Getreidegarben, auf dem Helm mit blau-goldenen Decken zwei hier golden-blau übereck geteilte Büffelhörner mit daran hängenden Ohren in Gegenfarbe. Das Wappen wird beschrieben im Gruber, dort lediglich die Büffelhörner blau-golden übereck geteilt, sowie bei Wolfert auf Tafel 66 und Seite 115, 124, dort die Büffelhörner gänzlich blau. Bei Zobel finden sich auf Tafel 74 zwei Varianten, einmal mit blau-golden übereck geteilten und einmal mit golden-blau geteilten Büffelhörnern. Im Siebmacher Band: NaA Seite: 20 Tafel: 29 werden die Garben abweichend silbern dargestellt, die Büffelhörner golden-blau geteilt mit goldenen Ohren.

Das Wappen kann außer in dieser Stiftskirche noch im Schloß Dehrn, an einem Haus im Dorf Dehrn, außen an der Pfarrkirche St. Josef in Lohr-Steinbach, in der Kirche in Eltville, am Freihof in Eltville (jetzt Burg Grass), auf einem Schlußstein in St. Burkard in Würzburg, auf der Grabplatte für Johann Georg Specht von Bubenheim im Würzburger Domkreuzgang und auf dem Rochusberg in Bingen gefunden werden.

Die Familie erlosch im Mannesstamm 1737 mit Franz Alexander Casimir Frey von Dern (13.2.1705-24.10.1737) und zur Gänze im Jahre 1793. Aufgrund der 1753 erfolgten Heirat zwischen Adolf Wilhelm Franz Freiherr von Greiffenclau zu Vollraths (1727-25.5.1763) und der kaum siebzehnjährigen Maria Johanna Catharina Amalia Frey v. Dehrn (28.12.1736-11.11.1793), der mit 10 Monaten Vollwaise gewordenen, alleinigen Erbin der umfangreichen Güter, kam das Wappen der Frey von Dehrn an die von Greiffenclau zu Vollraths, die es als Herzschild aufnahmen.

 

Abb. links: Das Wappen heraldisch rechts oben ist das der Frey von Dehrn wie zuvor beschrieben. Dieses Wappen steht für den Vater des Probanden, den Ritter Johann Frey von Dehrn, sowie für den Großvater väterlicherseits, ebenfalls Johann Frey von Dehrn, dessen Eltern wiederum Friedrich Frey von Dehrn und Liebmuth von Reifenberg waren.

Abb. rechts: Das Wappen heraldisch links oben ist das der von Lindau. Es zeigt in rotem Feld einen silbernen, am oberen Ende mit einer nach der Figur gelegten Lilie belegten Schrägbalken, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein Flug. Dieses Wappen steht in der Ahnenprobe für die Mutter des Probanden, Anna von Lindau, sowie für den Großvater mütterlicherseits, Philipp von Lindau, der ein Sohn von Sifrit von Lindau und Margarethe von Stockheim war. Das Wappen wird in der Literatur beschrieben bei Zobel mit etlichen Varianten, zwei davon mit einer Lilie wie hier, eine nach einer Darstellung von 1605 mit einer blauen Lilie und einem silbernen (oder schwarzen), außen mit roten Rosen besteckten Flug, und eine nach einer Darstellung von 1453 für Philipp von Lindau mit einer schwarzen Lilie und einem schwarzen Flug. Weitere Nachweise und Varianten (Fisch, Lindenblatt, Stern, Richtungswechsel des Schrägbalkens) in Siebmacher Band: NaA Seite: 30 Tafel: 48 sowie im Gruber. Der Stammsitz dieser selten auftauchenden Familie war Lindau bzw. der nachmalige Hof Lindenthal bei Wiesbaden. Die von Lindau hatten Güter in Flachs bei Dietz, in Selbach bei Runkel, in Wiesbaden, Erbenheim und Sonnenberg inne und waren Burgmänner in Idstein und in Reifenberg.

 

Abb. links: Heraldisch rechts unten befindet sich das Wappen der von Dorfelden. Dieses Wappen steht für die Großmutter väterlicherseits, Margret von Dorfelden, die Ehefrau des Johann Frey von Dehrn. In der Literatur wird die Tingierung wie folgt angegeben (hier abweichend): Unter goldenem Schildhaupt mit zwei schwarzen, hier achtzackigen Sternen nebeneinander rot-silbern gespalten, auf dem Helm mit schwarz-silbernen Decken ein rotgezungter, silbern-schwarz geteilter Brackenrumpf wachsend (Wolfert Tafel 29 Seite 224, 154, Gruber S. 32-33, Zobel Tafel 80).

Abb. rechts: Heraldisch links unten befindet sich das Wappen der von Hohenweisel. Dieses Wappen steht für die Großmutter mütterlicherseits, Lisa von Hohenweisel (Hochweisel), die Ehefrau des zuvor erwähnten Philipp von Lindau. In der Literatur wird die Tingierung wie folgt angegeben: Unter einem mit drei Spitzen abgeteilten Schildhaupt in Schwarz sechs (3:2:1) Steckkreuzchen (Fußspitzkreuzchen), auf dem Helm ein beiderseits wie der Schild bez. Flug. Bezüglich der Tinkturen finden sich als Angaben für Schildhaupt und Kreuzchen Gold, dazu schwarz-goldene Decken (Siebmacher Band: NaA Seite: 25-26 Tafel: 39, Zobel Tafel 149), für Schildhaupt und Kreuzchen Silber (Zobel Tafel 149) und für das Schildhaupt Silber und die Kreuzchen Gold, während die Decken schwarz-silbern sind (Otto Gruber, Zobel Tafel 149). Die von Hohenweisel stammen ursprünglich aus der Wetterau und waren später im Rheingau und im Nassauischen begütert. Die Familie erlosch 1564. Die hier gewählte Farbfassung ist in beiden Fällen frei und hat nichts mit den Literaturangaben zu tun.

Abb.: Detail, Halter des Schriftbandes optisch links unten über dem Dorfelden-Wappen, die Rechte am eingerollten Ende, die Linke dort, wo das Band nach hinten umgeschlagen ist. Die Figur trägt ein grünes Gewand mit gesteppten Ärmeln, darüber ein rotes, vorn golden geknöpftes Wams mit geschlitzten und golden gefütterten Ärmeln, von der roten Kopfbedeckung mit einem Rand aus gewundenem Tuch hängt auf der linken Seite ein langer, weißer Tuchstreifen herab, der um das Kinn und über die rechte Schulter geschlagen ist und der Darstellung Schwung verleiht.

Abb.: Detail, Halter des Schriftbandes optisch rechts unten über dem Hohenweisel-Wappen, die Linke am eingerollten Ende, die Rechte kurz vor der Stelle, an der das Band nach vorne umgeschlagen ist. Die Figur trägt über einer weißen Bluse mit am Unterarm roten, am Oberarm weiß gepufften Ärmeln ein grünes, tief ausgeschnittenes Gewand mit goldenem Saum, die Kopfbedeckung ist ebenfalls grün und golden gesäumt.

 

Abb.: Details, die beiden oberen Konsolträger in Menschengestalt, rechts ein Bärtiger, der die Rechte an die Hüfte legt und die Linke auf einen kräftigen Stock stützt, links ein "Türke" oder "Sarazene" mit Schnurrbart, Harnisch, Helm und gezogenem Krummsäbel in der Rechten, die Linke an die Scheide gelegt. Die jeweils inneren Knie sind bei beiden Figuren angewinkelt wie in einer eingefrorenen Bewegung.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenwerk wie angegeben
Otto Gruber: Wappen des mittelrheinisch-moselländischen Adels, Trier 1962-1965, incl. Nachtrag Trier 1967, ebenfalls veröffentlicht in verschiedenen Jahrgängen der 'landeskundlichen Vierteljahresblätter'
Rolf Zobel: Wappen an Mittelrhein und Mosel, Books on Demands GmbH, Norderstedt 2009, ISBN 978-3-8370-5292-3, 527 S.
Alfred F. Wolfert, Aschaffenburger Wappenbuch, Veröffentlichung des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg e. V., Aschaffenburg 1983
Epitaph: http://de.wikipedia.org/wiki/Epitaph_für_Philipp_Frei_von_Dehrn
Denkmalpflege Hessen:
http://denkxweb.denkmalpflege-hessen.de/cgi-bin/mapwalk.pl?obj=52860&event=Query.Details
Genealogie:
http://old.geneall.net/D/per_tree.php?id=1923224 - http://old.geneall.net/D/per_page.php?id=1923224 - http://old.geneall.net/D/per_page.php?id=1923216 - http://old.geneall.net/D/per_page.php?id=1891429 - http://geneall.net/de/name/1923224/philipp-frey-von-dehrn/ - http://geneall.net/de/name/1923216/johann-frey-von-dehrn-ritter/ - http://geneall.net/de/name/1891429/anna-von-lindau/
Das Epitaph wird hier falsch zugeordnet unter "Dietrich Frei von Dehrn“: Grabdenkmäler
http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/gdm/id/1460
Ferdinand Luthmer, Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Wiesbaden, 1902
https://archive.org/details/bauundkunstdenkm06luth bzw. https://archive.org/download/bauundkunstdenkm06luth/bauundkunstdenkm06luth.pdf oder https://archive.org/stream/bauundkunstdenkm06luth/bauundkunstdenkm06luth_djvu.txt
Ferdinand Luthmer, Bau- und Kunstdenkmäler des Lahngebietes:
https://archive.org/details/bauundkunstdenkm03luth - https://archive.org/stream/bauundkunstdenkm03luth#page/162/mode/2up - https://archive.org/download/bauundkunstdenkm03luth/bauundkunstdenkm03luth.pdf S. 162
Gabriel Hefele, Dietkirchen a. d. Lahn, Katholische Pfarrkirche St. Lubentius, 3. Auflage. Schnell & Steiner, Regensburg 2006, ISBN 978-3-7954-5802-7, S. 28
Die Frey von Dehrn:
http://www.dehrn.net/Geschichte/Seite3.html
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Germania Sacra, NF 22: Struck, Wolf-Heino, Das Erzbistum Trier 4: Das Stift St. Lubentius in Dietkirchen (Germania Sacra. N. F. 22), Herausgeber: Max-Planck-Institut für Geschichte, Göttingen, Verlag: Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin/New York, 1986, ISBN: 978-3-11-010829-3, online:
http://rep.adw-goe.de/handle/11858/00-001S-0000-0005-BCDE-1 und http://rep.adw-goe.de/bitstream/handle/11858/00-001S-0000-0005-BCDE-1/NF%2022%20Struck%20St.%20Lubentius.pdf?sequence=1
Ein herzliches Dankeschön an Herrn Pfarrer Friedhelm Meudt für die Erlaubnis, die Photos aus dem Innenraum hier zu publizieren (4.11.2014).

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