Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2157
Iphofen (Landkreis Kitzingen, Unterfranken)

Das Spital und die Spitalkirche St. Johannes der Täufer in Iphofen

Das Spital und die Spitalkirche von Iphofen befinden sich im südwestlichen Teil der Altstadt an der Nordseite des Julius-Echter-Platzes. Es wurde im 14. Jh. als Bürgerspital (hospitale infirmorum) St. Johannis Baptistae gegründet und basiert auf einer Stiftung des Iphofer Bürgers Bertold Schurig (Schurrich) aus dem Jahr 1338, welche am 29.5. des Jahres vom Würzburger Fürstbischof Otto II. von Wolfskeel bestätigt wurde. Was wir heute als eines der besterhaltenen Spitäler Unterfrankens sehen, entstammt aber ausnahmslos der Echterzeit, denn der Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn erweckte das zur Unterbringung von Alten, Armen, Waisen und Kranken vorgesehene Spital zu neuem Leben, nachdem es im 16. Jh. ziemlich heruntergewirtschaftet gewesen war. Der Stiftung waren die Finanzmittel ausgegangen, die Gebäude konnten nicht mehr unterhalten werden, und der Spitalbetrieb konnte nicht mehr finanziert werden. Julius Echter, der im ganzen Land im Zuge der Rekatholisierung die Bevölkerung mit Kirchen (in Iphofen auch die Stadtpfarrkirche St. Veit mit ihrem typischen Echter-Turm), Schulen, Spitälern beglückte und eine beispiellose neue Infrastruktur im Hochstift aufbaute, nahm sich des heruntergekommenen Spitals an und ließ Spital und Kirche instand setzen und erweitern. Genau genommen wurde daraus ein völliger Neubau, und nur der Kirchenchor aus der Mitte des 15. Jh. mit Strebepfeilern an den drei Kanten wurde vom Vorgängerbau übernommen, aber mit Fenstern der Echtergotik ausgestattet. Doch weil diese Elemente von der alten Kirche übernommen wurden, handelt es sich trotz aller Erweiterungen noch um das älteste Gotteshaus Iphofens. Das alte Langhaus war wesentlich niedriger als der Echterbau, was man gut an einem erhaltenen alten Fenster am östlichen Ende der Nordwand nachvollziehen kann. Aus der stilistischen Verwandtschaft der Fenster und des Giebels kann geschlossen werden, daß vermutlich als Baumeister Jobst Pfaff aus Würzburg beteiligt war, der ab 1594 auch an der Kirche St. Veit in Iphofen tätig war, wo ganz ähnliche Formen auftauchen.

Der in West-Ost-Richtung langgestreckte Bau besteht aus zwei in einer Flucht aneinandergebauten Bauteilen, links das eigentliche Spital mit drei Stockwerken, rechts die Kirche mit den typischen Fenstern der Echtergotik, zweibahnig, mit hohlgekehlter Laibung und mit nachgotischem, jeweils individuell gestaltetem Maßwerk (mal sind es ineinandergeschachtelte Ringe und Dreiviertelkreise, mal sind es Fischblasen, mal gerade, sich durchkreuzende Stäbe, dann wiederum wird eine Sternform zugrunde gelegt etc.), und mit an der Ostseite angesetztem, eingezogenen Polygonalchor. Gerade die stilistische Rückbesinnung auf Formen der Gotik in nachgotischer Zeit ist so typisch für die Bauten dieses bedeutenden Gegenreformators, daß sie als eigene Stilrichtung wahrgenommen wird und als "Echtergotik" bezeichnet wird. Ein kleiner Dachreiter akzentuiert das Ostende des Kirchenschiffes. Etwas links der Gebäudemitte ist dem dreistöckigen Spitalteil ein polygonaler Treppenturm mit Zwiebelhaube und diagonal geschnittenen Fenstern auf der Südseite vorgebaut. Der Spitalteil besitzt auf jeder Ebene einen in West-Ost-Richtung durchgehenden Mittelkorridor, von dem aus die Zimmer der einzelnen Bewohner zu erreichen waren. Den westlichen Abschluß bildet ein dreifach gestufter Volutengiebel, der aber nicht den sonst typischen Echter-Schweifgiebeln entspricht, denn die Besonderheit dieses Giebels sind die an den Ecken jeder Stufe erzeugten Kreuzformen und die Schneckenformen dazwischen. Die winzige Kugel auf der Spitze überzeugt nicht, vermutlich war hier früher ebenfalls eine Kreuzform angebracht. Der Westgiebel der Kirche St. Veit sah einmal ganz ähnlich aus, was den gleichen Baumeister vermuten läßt, wurde aber nachträglich verändert.

Wie es bei anderen fränkischen Spitälern der Zeit auch beobachtet werden kann und wie es auch vorzüglich beim Auber Pfründnerspital gesehen werden kann, sind der Wohn- und Pflegebereich und die Kirche baulich sehr eng verbunden und bilden eine Einheit mit gleicher Wandflucht, mit gleicher First- und Traufhöhe und Dachneigung. Nur die Dachgauben fehlen im rechten Teil. Ein Portal in der Trennmauer verbindet beide Bereiche in der unteren Ebene, ebenso gibt es in der oberen Ebene einen direkten Zugang vom Spital auf die im 18. Jh. erneuerte Empore. Mehrere Baudaten sind am Objekt überliefert: Am Portal mit einer Stabwerksrahmung ist in der Spitze nebst einem Steinmetzzeichen die Jahreszahl 1607 eingemeißelt, an der Innentreppe zum Glockentürmchen ist die Jahreszahl 1611 zu finden. Direkt über der Laibung des Portals, deren Stabwerk sich an der Spitze durchkreuzt, ist das einfache fürstbischöfliche Wappen (Abb. unten) von Julius Echter von Mespelbrunn (regierte 1573-1617) ohne Oberwappen und ohne Prunkstücke angebracht. Es ist geviert: Feld 1: "Fränkischer Rechen" = von Rot und Silber mit drei aufsteigenden Spitzen geteilt, Herzogtum zu Franken, Feld 2 und 3: in Blau ein silberner Schrägbalken, belegt mit drei blauen Ringen, Stammwappen der Echter von Mespelbrunn, Feld 4: "Rennfähnlein" = in Blau eine rot-silbern (das Silber ist hier fälschlicherweise ockerfarben angestrichen) gevierte, an den beiden senkrechten Seiten je zweimal eingekerbte, schräggestellte Standarte, Hochstift Würzburg.

Die mit Rollwerk eingefaßte Inschriftentafel über dem spitzbogigen Portal auf der Südseite, die oben ebenfalls das fürstbischöfliche Wappen von Julius Echter von Mespelbrunn wie beschrieben (mit der genauso fehlerhaft angestrichenen Standarte) trägt, ist jedoch auf 1615 datiert, sie dürfte also nach der Fertigstellung der Gebäude als letzter Schmuck angebracht worden sein. Der Wortlaut der Inschrift ist: "Frew dich du alte schwache Schahr / Di(e)ß orts Gott segnet dich fürwa(h)r / Durch Bischoff Julium des handt / Weißlich regi(e)rt das Franckenlandt / Über Vi(e)rtzig Jahr vnd baut gantz New / Viel(e) Kirchen Schuel vnd and(e)re Bew / Wie dan(n) vor augen di(e)ß Spittal / Bitt(e) das(s) er komm(e) ins Himmels Saal". Typisch für die Bauinschriften dieses das geistige und kulturelle Leben seiner Zeit in erheblichem Maße bestimmenden Fürstbischofs ist der Hinweis auf seine Leistungen zur Wiederherstellung der sozialen und kulturellen Infrastruktur im Fürstbistum. Im Jahr 1616, also ein Jahr nach diesem Inschriftenstein, ist vom Fürstbischof die Spitalsordnung erlassen worden, in der u. a. steht, daß jedem Bewohner täglich eine halbe fränkische Maß Wein zustand. Über der Inschriftentafel ist ein Christuskopf unbekannter Provenienz eingemauert.

 

Die Kirche, die nach dem Dreißigjährigen Krieg vernachlässigt wurde, bekam im 18. Jh. eine neue Ausstattung (Altäre, Kanzel) im heiteren fränkischen Rokoko-Stil und 1725 eine mit der Echtergotik der Fenster kontrastierende Flachdecke mit Stuck. Nur im mit fünf Flächen polygonal geschlossenen Chor besteht noch das bauzeitliche Rippengewölbe. Im Innern der Kirche finden sich weitere Wappen an den beiden aus der Zeit um 1740 stammenden Seitenaltären, über dem nördlichen Seitenaltar mit dem heiligen Johannes Nepomuk ist das Wappen von Hans Georg Kaspar Linck, vermählt mit Anna Barbara, über dem südlichen Seitenaltar mit dem Bild des heiligen Aloysius ist das Wappen von Franziskus Vollands (ohne Abb.).

1977 wurde die Spitalstiftung aufgelöst, und die beiden letzten dort noch aktiven Schwestern des Franziskanerordens wurden abgezogen, der Pflegebetrieb erlosch. Leerstand gefährdete zunehmend die Bausubstanz. Im Jahr 1983 wurden die Spitalgebäude von der evangelischen Kirche gemäß einem Pacht- und Nutzungsvertrag mit der Stadt als Kirche, Gemeindezentrum und Jugend-Übernachtungshaus der Evangelischen Jugend des Dekanats Kitzingen übernommen. Es sind die erfreulichen Entwicklungen der Geschichte, die dazu führten, daß der Bau gerade des Fürstbischofs, der ein eifriger Gegenreformator war und die Iphofer Bürger vor die Wahl stellte, entweder zum katholischen Glauben zurückzukehren oder die Stadt zu verlassen, heute ganz entspannt ein protestantisches Gotteshaus ist, ein Glücksfall für die Erhaltung der Gebäude. Von 1983 bis zur Einweihung als evangelische Kirche am 29.3.1987 und noch einmal von 2008 bis 2010 wurden die Gebäude umfangreich renoviert.

Literatur, Links und Quellen:
Barbara Schock-Werner, Die Bauten im Fürstbistum Würzburg unter Julius Echter von Mespelbrunn, 536 S., Schnell & Steiner Verlag 2005, ISBN-10: 379541623X, ISBN-13: 978-3795416232, S. 300-301.
Spitalkirche:
http://de.wikipedia.org/wiki/Spitalkirche_St._Johannes_der_Täufer_(Iphofen)
Andreas Brombierstäudl, Spitalkirche St. Johannes d. T., in: Kirchen der Stadt Iphofen, Schnell Kunstführer Nr. 333, 11. Auflage, Verlag Schnell & Steiner GmbH, Regensburg 2012.
Geschichte der Spitalkirche:
http://www.iphofen-evangelisch.de/index.php/geschichte.html - http://www.offene-kirchen-bayern.de/www.iphofen-evangelisch.de
Kulturpfad Castell:
http://www.kulturpfad-grafen-castell.de/html/iphofen.html

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