Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2141
Hattenheim (zu Eltville, Rheingau-Taunus-Kreis)

Der Raitz von Frentz'sche Hof

Schräg gegenüber dem Domänenweingut Schloß Schönborn befindet sich in der selben Straße in Hattenheim der Raitz von Frentz'sche Hof (Hauptstraße Nr. 54). Es handelt sich um ein zweistöckiges Gebäude von sieben Fensterachsen Breite und einem mittig angeordneten Portal von relativ großer Breite, über dem ein Balkon mit schmiedeeisernem Geländer auf drei Konsolen vorspringt. Dieser barocke Bau wurde 1667 errichtet, kurz nachdem das Gelände an die Raitz von Frentz gekommen war. Zuvor hatte er den Horneck von Weinheim gehört, dann den von Werth. Der in Kiedrich lebende Ritter Johann Bernhard Horneck von Weinheim hatte 1642 seine Hattenheimer Besitzungen an Jan (Johann) Reichsfreiherr von Werth (1591-12.9.1652), kaiserlicher General und Reiterführer im 30jährigen Krieg auf spanischer, kurkölnischer und schließlich kaiserlicher Seite, verkauft. Nach dem Kauf löste er die Pachtanteile aus, damit die Immobilie verpflichtungsfrei in seinem Besitz war. Aber bereits fünf Jahre nach dem Erwerb bekam Jan von Werth ein hübsches Dankeschön vom Kaiser für geleistete Dienste, nämlich die Herrschaft Benatek in Böhmen (heute: Benátky nad Jizerou), wo er sich nun niederließ.

Wie kam der Hof nun an die Raitz von Frentz? Jan von Werth hatte dreimal geheiratet, in erster Ehe Gertrud von Genth zu Cönen (Koenen), ab 1637 in zweiter Ehe Isabella Gräfin von Spaur und ab 1648 in dritter Ehe Susanna Maria Gräfin von Kuefstein, damals noch minderjährig. Drei Söhne und eine Tochter gab es aus den ersten beiden Ehen, doch alle drei Söhne verstarben vor dem Vater. Nur die Tochter aus erster Ehe, Lambertina Irmgardis von Werth, überlebte und hatte mit ihrem 1640 geehelichten Mann, Winand Hieronymus Freiherr Raitz von Frentz von und zu Schlenderhan (1614-), 16 Kinder. Winand Hieronymus Raitz von Frentz, Sohn von Arnold Raitz von Frentz zu Schlenderhan und Elisabeth Weimbs von Wambach zu Wambach, war seit 1650 Reichsfreiherr und seit 1652 Erbburggraf des Erzstiftes Köln, auch seit 1652 Burggraf zu Odenkirchen, Herr zu Schlenderhan, Kellenberg, Kleinenbroich und Randerath. Auf der Rückseite des Hauses befindet sich ein auf 1667 datiertes Ehewappen von Winand und Lambertine.

Jan von Werth wollte eigentlich den Sohn dieser beiden, also seinen Enkel, Johann Wilhelm Freiherr Raitz von Frentz (1649-), adoptieren, nicht zuletzt, um seiner lebenslustigen dritten Gemahlin, die den alternden Haudegen als Gatten eigentlich nicht mochte und anderweitig Zerstreuung und Befriedigung suchte und fand, eins auszuwischen bzw. um sicherzugehen, daß sein Erbe auch wirklich sein Nachkomme ist. Das vorbereitete Testament konnte Jan von Werth aber nicht mehr unterzeichnen, der Tod war schneller. Die Witwe Susanna Maria geb. Gräfin von Kuefstein, die zum Zeitpunkt des Ablebens ihres Mannes mit ihrem Sohn Franz Ferdinand (1652-1671, von welchem Vater auch immer) schwanger war, und die Tochter Lambertine stritten sich nun ums Erbe, denn jede kämpfte für ihren Sohn.

1655 kam es schließlich zu einem Vergleich: Die rheinischen Besitzungen, darunter auch dieser Hof in Hattenheim, kamen an Lambertine und ihre Nachkommen, die böhmischen Güter und damit auch Benatek kamen an Susanna Maria, und nach dem Ableben von Franz Ferdinand von Werth im Jahre 1671 kam noch einmal ein Fünftel der Herrschaft Benatek an Lambertine, wurde aber von Winand Freiherr Raitz von Frentz 1682 wieder an Susanna Maria zurückverkauft, die bis zum 13.1.1697 lebte und insgesamt vier Männer geheiratet hatte. Die Familie Raitz von Frentz bekam also nach dem ganzen Hin und Her den Besitz in Hattenheim im Rheingau (das erworbene Haus und die z. T. gekauften und z. T. von Kaiser Ferdinand II. an seinen General geschenkten Weingüter), dazu das Schloß Kellenberg bei Barmen und ein Teil des Schlosses Hubbelrath bei Düsseldorf, ein Kölner Stadthaus (Raitzenhof), Güter in Mensfelden bei Limburg, die Burgherrschaft Odenkirchen bei Mönchengladbach etc. Letztere ist ein Erbe des Jan von Werth, der am 18.4.1648 von Erzbischof Ferdinand von Köln damit belehnt worden war. Sie ging aber später an die Grafen von Merode-Westerloo verloren. Und die Freiherren Raitz von Frentz erbten den Titel des Erbburggrafen des Erzstiftes Köln.

Doch die Raitz von Frentz besitzen den Hattenheimer Hof nicht mehr. Zunächst ging der Hof an Franz Karl Anton Johann Nepomuk Raitz von Frentz (15.4.1763-5.8.1821), welcher von Johann Wilhelms Bruder Theodor Adolph abstammt, dann an Adolf Karl Hubert Raitz von Frentz (10.3.1797-4.1.1867), dann an Franz Karl Anton Hubert Raitz von Frentz (23.5.1835-) und schließlich an Carl Raitz von Frentz. Carl Ernst Adolf Hubert Reichsfreiherr Raitz von Frentz-Hattenheim (2.9.1873-3.11.1953), vermählt mit Gertrud Julia Faber (17.6.1879-18.10.1954), wurde um 1930 wegen seines aufwendigen Lebensstiles insolvent, und die Güter kamen unter Zwangsverwaltung. Nach deren Aufhebung kam der Hattenheimer Hof an Carls Sohn Winand Hieronymus Karl Marx Hubert Reichsfreiherr Raitz von Frentz (3.12.1901-), vermählt mit Eva Stacke gen. Masorsky, der aber den Hattenheimer Hof 1957 zwangsversteigern lassen mußte. Die einst hier befindlichen Ausstattungsstücke wurden schon viel früher, nämlich 1930 anläßlich Carls Insolvenz, von der Stadt Köln erworben.

Das Wappen an der Vorderseite des Hauses, über dem Portalbogen und unter dem Balkon, ist das gevierte Wappen der Linie Schlenderhan, Feld 1 und 4: in Schwarz ein goldenes durchgehendes Kreuz (Raitz von Frentz), Feld 2 und 3: in Silber ein schwarzer Balken, belegt mit 3 goldenen Amseln (ausgestorbene von Schlenderhan). Zwei Kleinode: Helm 1 (rechts): auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken Hals und Kopf eines schwarzen Ochsens mit goldenen Hörnern (Raitz von Frentz), Helm 2 (links): auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken ein entblätterter natürlicher Baumstumpf, an den sich ein natürlicher (schwarzer) Eber anlehnt (von Schlenderhan). Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: Na Seite: 9 Tafel: 9 und bei Anton Fahne. Die Vereinigung beider Wappenbestandteile basiert auf der 1512 geschlossenen Ehe zwischen Winand Raitz von Frentz und Maria von und zu Schlenderhan, deren Familie im Mannesstamm ausstarb und die die Herrschaft Schlenderhan (heute in Quadrath-Ichendorf bei Bergheim im Rhein-Erft-Kreis) 1527 in den Besitz der Raitz von Frentz einbrachte. Das reichsfreiherrliche Wappen wird normalerweise noch zusätzlich mit einem Herzschild und mit einem dritten Helm geführt, die hier fehlen.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenwerk
Otto Gruber: Wappen des mittelrheinisch-moselländischen Adels, Trier 1962-1965, incl. Nachtrag Trier 1967, ebenfalls veröffentlicht in verschiedenen Jahrgängen der 'landeskundlichen Vierteljahresblätter'
Rolf Zobel: Wappen an Mittelrhein und Mosel, Books on Demands GmbH, Norderstedt 2009, ISBN 978-3-8370-5292-3, 527 S.
Valentin Statzner, Hattenheim - Geschichte eines Weindorfes von 954 - 2000, Hattenheim 2000, Seite 89 ff., online: http://www.hattenheim.de/download/Hattenheim_Geschichte_eines_Weindorfes.pdf
Dr. Werner Kratz, Hattenheim - Baudenkmale und Geschichte, Hattenheim 1966, S. 15, online:
http://www.hattenheim.de/download/Hattenheim_Baudenkmale_und_Geschichte.pdf
Quellen zu Hattenheim:
http://www.hattenheim.de/index.php?c=infos_quellen-01
Jan von Werth
http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_von_Werth
Alexander Langheiter, Johann Graf von Werth , in: Jürgen Wurst und Alexander Langheiter (Hrsg.), Monachia. München, Städtische Galerie im Lenbachhaus, 2005. S. 134. ISBN 3-88645-156-9
Bernhard von Poten: Johann von Werth, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 42, Duncker & Humblot, Leipzig 1897, S. 103-111,
http://de.wikisource.org/wiki/ADB:Werth,_Johann_von
Friedrich Bülau, Geheime Geschichten und räthselhafte Menschen, 1863,
http://books.google.de/books?id=FqAMAAAAYAAJ&pg=PA202#v=onepage&q&f=false
Schloß Benatek:
http://de.wikipedia.org/wiki/Ben%C3%A1tky_nad_Jizerou
Raitz von Frentz:
http://de.wikipedia.org/wiki/Raitz_von_Frentz
Raitz von Frentz, Genealogie:
http://www.raitz-von-frentz.de/tng/getperson.php?personID=I128, http://www.raitz-von-frentz.de/tng/getperson.php?personID=I159, http://www.raitz-von-frentz.de/tng/getperson.php?personID=I161, http://www.raitz-von-frentz.de/tng/getperson.php?personID=I166, http://www.raitz-von-frentz.de/tng/getperson.php?personID=I170, http://www.raitz-von-frentz.de/tng/getperson.php?personID=I176
Abb. des vermehrten Wappens der Linie Schlenderhan:
http://www.raitz-von-frentz.de/tng/ - http://www.raitz-von-frentz.de/tng/index.php - http://www.raitz-von-frentz.de/tng/templates/template3/img/rvf-wappen-1.jpg

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