Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2061
Euerbach (Landkreis Schweinfurt, Unterfranken)

St. Cosmas und Damian in Euerbach (3):
Gadenanlage der Wehrkirche

Die evangelische Pfarrkirche St. Cosmas und Damian ist ringsum von einer malerischen Gadenanlage umgeben, deren Hauptzugang ein Tor auf der Ostseite ist. Steinbauten und Fachwerk-Obergeschosse ergänzen sich zu einem typisch fränkischen Wehrkirchen-Ensemble. In unruhigen Zeiten konnte hier die Dorfbevölkerung Schutz hinter den Mauern finden und ihre Vorräte einlagern. Im Bild unten ist das östliche Torhaus (Hauptstraße 9), in dessen Obergeschoß früher Lehrerswohnung und Schule waren, bis 1879.

Der größte Gaden, der Zehntgaden im Innern der Anlage, wurde ausweislich der eingeschlagenen Jahreszahl 1560 von Wolff von Steinau gen. Steinrück erbaut. Im Schutze der wehrhaften Außenmauern wurden die Naturalabgaben der Bauern, die sie der Dorfherrschaft schuldeten, hier gelagert. Der Stein an der Gebäudekante trägt das Wappen der von Steinau gen. Steinrück, in Silber drei (2:1) schwarze, fünfspeichige Wagenräder, im Schild durch die Initialen des Bauherren personalisiert.

Dieser Zehntgaden diente ab 1879 als Schulhaus und ersetzte in dieser Funktion das Torhaus. 1960 wurde eine neue Schule gebaut, und der Zehntgaden wird seitdem als evangelisches Gemeindezentrum benutzt. Im Keller des Zehntgadens ist ein noch auf einer Länge von 20 m begehbarer ehemaliger Fluchtgang.

Gruftkapelle auf dem alten Friedhof

Diese Gruftkapelle mit Pyramidendach auf dem alten Friedhof hinter der Kirchenburg wurde von der Familie von Steinau gen. Steinrück 1608 erbaut, davor befindet sich die Gruft der Familie von Münster, zu der eine Treppe vor der Kapelle unter der eisernen Falltür hinabführt. Die Vorderseite der Kapelle ist verputzt und weist Diamantquaderung aus Sandstein an den Ecken auf, die übrigen Seiten sind unverputzter Bruchstein.

Auf dem Schlußstein des runden Torbogens ist die einzige Vollwappendarstellung des Wappens der von Steinau gen. Steinrück im Ort zu finden. Neben dem beschriebenen Schildinhalt ist auch das Oberwappen zu sehen, auf dem Helm mit schwarz-silbernen Decken ein schwarzes, fünfspeichiges Wagenrad, außen mit fünf silbernen Straußenfedern besteckt. In der Literatur wird das Wappen beschrieben im Aschaffenburger Wappenbuch, Tafel 82, Seite 124, im Siebmacher Band: BayA3 Seite: 95 Tafel: 61, Band: Sa Seite: 48 Tafel: 56, Band: Pr Seite: 393 Tafel: 440, Band: ThüA Seite: 85 Tafel: 67 und in Band: SchlA1 Seite: 104 Tafel: 76. Man beachte das Renaissance-Steinmetzzeichen auf dem Diamantquader zur Linken des Wappens.

Neben diesem Stammwappen gibt es auch noch ein vermehrtes, gräfliches Wappen für die Familie. Es ist geviert mit Herzschild, Feld 1 und 4: in Rot 3 (2:1) Paare oben und unten gekreuzter, grüner Palmzweige, Feld 2 und 3: in Schwarz ein einwärts gekehrter, doppelschwänziger, gekrönter, goldener Löwe, Herzschild: in Silber drei (2:1) schwarze, sechsspeichige Wagenräder (Stammwappen). Dazu werden drei gekrönte Helme geführt: Helm 1 (Mitte): auf dem Helm mit schwarz-silbernen Decken ein wachsender grüner Palmbaum, auf dessen Krone stehend ein schwarzes Wagenrad, oben mit fünf Straußenfedern besteckt, silbern-rot-schwarz-rot-silbern, Helm 2 (rechts): auf dem Helm mit rot-goldenen Decken ein wachsender goldener Markuslöwe mit einem goldenen Stern und einer silbernen oder goldenen Mondsichel in den Vorderpranken, Helm 3 (links): auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken ein wachsender, doppelschwänziger, gekrönter, goldener Löwe. Hinter dem Wappen werden als Prunkstücke zwei türkische Feldzeichen mit Mondsichel und Lanzenspitze am oberen Ende und mit davon herabhängendem Roßschweif an goldenem Schaft geführt. Das vermehrte Wappen, das ein besonders unschönes Beispiel dafür ist, wie man ein schönes und schlichtes Stammwappen mit mehreren Farbregelverstößen und unnötigem Kleinklein verschlimmbessern kann, wird beschrieben im Siebmacher Band: PrGfE Seite: 15 Tafel: 10 und Band: SchlA1 Seite: 104 Tafel: 76. Adam Heinrich von Steinau gen. Steinrück war polnisch-sächsischer Generalfeldmarschall und venezianischer Oberbefehlshaber, und dieser 1653 geborene und 1712 verstorbene Held der Türkenkriege wurde am 20.12.1702 in den Reichsgrafenstand erhoben. Am 12.3.1703 erfolgte die preußische Anerkennung des Grafenstandes, am 18.6.1703 die kursächsische Anerkennung. Am 8.6.1706 folgte der böhmische Grafenstand. Er hatte zwar einen Sohn, doch der verstarb noch vor dem Vater 1708 in Venedig. Weiterhin hatte er eine Tochter, Maria Theresia Antonia Josepha Felicitas Anna Eleonore Gräfin von Steinau gen. Steinrück, geb. 1691. Mit des Erhobenen Bruder ist die fränkische Familie 1734 im Mannesstamm erloschen. Eine Familie Steinrück behauptete später die Abstammung "mit hoher Wahrscheinlichkeit" von dem fränkisch-vogtländischen Adelsgeschlecht und erhielt sogar am 21.6.1869 eine preußische Adelsbestätigung mit dem Stammwappen der erloschenen Familie. Der Abstammungsbeweis konnte nie erbracht werden.

Literatur, Links und Quellen:
Geschichte von Euerbach: http://de.wikipedia.org/wiki/Euerbach
Baudenkmäler in Euerbach:
http://geodaten.bayern.de/denkmal_static_data/externe_denkmalliste/pdf/denkmalliste_merge_678128.pdf und http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Baudenkmäler_in_Euerbach
Genealogie von Steinau gen. Steinrück: Biedermann, Geschlechtsregister Der Reichsfrey unmittelbaren Ritterschaft Landes zu Franken Löblichen Orts Rhön und Werra
http://books.google.de/books?id=j9JDAAAAcAAJ
Johannes Krüger et al., 750 Jahre Euerbach 1251-2001, Kirche St. Cosmas & Damian in Euerbach, Kirchenführer zum Jubiläum
Kirche:
http://de.wikipedia.org/wiki/St._Cosmas_und_Damian_(Euerbach)
Alfred F. Wolfert, Aschaffenburger Wappenbuch, Veröffentlichung des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg e. V., Aschaffenburg 1983, Tafel 82 Seite 124
Rundgang durch Euerbach:
http://www.euerbach.de/images/hge.pdf
Anton P. Rahrbach, Reichsritter in Mainfranken. Zu Wappen und Geschichte fränkischer Adelsfamilien. Bauer & Raspe Verlag - Die Siebmacherschen Wappenbücher, die Familienwappen deutscher Landschaften und Regionen, Band 2, 2003, ISBN 3-87947-113-4, S. 250-253

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