Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2039
Rütschenhausen (zu Wasserlosen, Landkreis Schweinfurt, Unterfranken)

Die Wallfahrtskirche "Maria von der Tann"

Die Kirche "Maria von der Tann" in Rütschenhausen ist eine alte Wallfahrtskirche. Ihr Name hat nichts mit dem entsprechenden Adelsgeschlecht zu tun, sondern bezieht sich auf ein "Marienbild in den Tannen". Das Pilgern zu diesem Gnadenbild begann im 13. Jh. im Zuge der fränkischen Marienfrömmigkeit, und aus dieser Zeit stammen auch die ältesten Mauerstücke der Kapelle. Zeitweise geriet die Wallfahrt wieder in Vergessenheit, wurde aber 1443 durch den Oberpfarrer Eberhard von Grumbach wiederbelebt, ebenso gegen Ende des 16. Jh./Anfang des 17. Jh. im Zuge der Gegenreformation. In beiden Wiederbelebungsphasen wurde die Kapelle renoviert, einmal 1483-1485, und einmal 1593-1615. Mit der Säkularisation erlosch das Interesse an der Wallfahrt nach Rütschenhausen.

 

Was wir heute sehen, ist ein typisches Produkt der Echterzeit. Der Turm, dessen Unterbau noch vom Ende des 15. Jh. stammt, wurde in echterzeittypischer Form 1598 mit hohem, spitzem Helm erneuert, und das Kirchenschiff wurde vergrößert. Im Innern stammt die steinerne Kanzel aus dem Jahr 1593. Die beiden Wappensteine außen liefern die Jahreszahlen 1600 und 1615 als Beleg für weitere Baumaßnahmen. Weitere Jahreszahlen finden sich an der Westseite: Die beiden runden Fenster sind auf 1659 datiert, in diesem Jahr wurde unter Pfarrvikar Valentin Klee auch der Innenraum neugestaltet. Der Türsturz trägt die Jahreszahl 1762. Ebenso stammen die Fenster aus einer Baumaßnahme lange nach der Echter-Zeit.

An dieser Kirche finden wir außen zweimal den Wappenschild des Würzburger Fürstbischofs Julius Echter von Mespelbrunn (reg. 1573-1617). Der eine Wappenstein (Abb. oben) befindet sich außen an der südlichen Längswand und ist auf das Jahr 1600 datiert, der andere (Abb. unten) ist auf das Jahr 1615 datiert und befindet sich direkt über der Eingangstür am Westende der Kirche, letzterer enthält noch eine Bauinschrift. Ein dritter Wappenschild, auf 1593 datiert, ist an der Kanzel im Innern angebracht (ohne Abb.). Das Wappen ist geviert: Feld 1: "Fränkischer Rechen" = von Rot und Silber mit drei aufsteigenden Spitzen geteilt, für das Herzogtum zu Franken, Feld 2 und 3: in Blau ein silberner Schrägbalken, belegt mit drei blauen Ringen, Stammwappen der Echter von Mespelbrunn, Feld 4: "Rennfähnlein" = in Blau (hier fälschlicherweise weiß) eine rot-silbern gevierte, an den beiden senkrechten Seiten je zweimal eingekerbte, schräggestellte Standarte mit goldenem Schaft, für das Hochstift Würzburg.

Die Bauinschrift lautet: "Liebs Franckenlant du selig bist / Julius ein fri(e)den(s)fürst dir (ge)geben ist / Der dich vom Ir(r)thum auf die ba(h)n / Des wa(h)ren glaubens weiset an / Mit schönen kirchen dich auch zi(e)rt / Wie Er dan(n) diese Restauri(e)rt / Der tref(f)lich fürst gethan hat vi(e)l / Wan(n) man (e)s nur recht erken(n)en wil(l) / 1615". Wie so viele Bauinschriften dieses Fürstbischofs thematisiert auch diese sowohl die Zurückführung des Frankenlandes zum katholischen Glauben im Zuge der Gegenreformation als auch die Bautätigkeit des Landesherrn, um den Untertanen die Beilegung religiöser Dispute angesichts der gebauten Wohltaten und landesherrlichen Fürsorge leicht zu machen - Wohlverhalten gegen Infrastruktur. Das ist hier insbesondere wichtig vor dem Hintergrund, daß dem Fürstbischof und dem Oberpfarrer Erhard von Lichtenstein 1587 zur Kenntnis gegeben wurde, daß seine Untertanen im Reichtal allesamt die lutherische Lehre angenommen hatten. Mit Hilfe des in Greßthal amtierenden Pfarrvikars Andreas Bastmann wurde die katholische Lehre wieder eingeführt, und auch die umliegenden Orte wurden rekatholisiert, wobei die Wallfahrt nach Rütschenhausen eine wichtige Rolle spielte. 1614 konnte mit der Altarweihe in der Greßthaler Pfarrkirche die Gegenreformation im Reichtal als erfolgreich durchgeführt gefeiert werden.

 

Über dem Altar im Innern mit einer spätgotischen Madonna aus der Riemenschneiderschule befindet sich ein Wappen von Josef Stangl. Der aus Kronach stammende Würzburger Bischof (lebte 12.8.1907-8.4.1979) amtierte vom 27.6.1957 (Ernennung) bzw. 12.9.1957 (Bischofsweihe) bis zum 8.1.1979 (em.). Sein Wappen ist geviert: Feld 1 und 4: "Fränkischer Rechen" = von Rot und Silber mit drei aufsteigenden Spitzen geteilt, Feld 2 und 3: in Blau ein goldener Wellenbalken, oben von vier und unten von drei balkenweise gereihten goldenen Flammen begleitet. Der Bischof greift mit dem fränkischen Rechen die traditionelle Komponente fürstbischöflicher Wappen auf. Das persönliche Feld steht mit seiner Zahl 7 für die sieben Sakramente bzw. die sieben Gaben des Heiligen Geistes und verbindet die Elemente Feuer und Wasser.

Lebenslauf von Bischof Josef Stangl:

  • 12.8.1907 geboren in Kronach als Sohn von Kosmas Stangl und seiner Frau Margaretha Scheubel
  • 1916-1921 Gymnasium in Bamberg
  • 1921-1925 Gymnasium in Würzburg
  • ab 1926 Alumnus des Priesterseminars Würzburg
  • 16.3.1930 Priesterweihe
  • 1930-1934 Kaplan in Thüngersheim, Himmelstadt und Aschaffenburg
  • 1.9.1934 Religionslehrer am Institut der Englischen Fräulein in Würzburg
  • 1938-1943 Diözesanjugendseelsorger
  • 1943-1947 Pfarrer in Karlstadt, 1947 Ehrenbürgerwürde
  • 1947-1952 Tätigkeit als Religionslehrer an der Lehrerbildungsanstalt in Würzburg
  • 1953 Ordinariatsrat und Leiter des Seelsorgereferats sowie des Bildungshauses "Sankt Burkardus"
  • 1956-1957 Regens des Priesterseminars Würzburg
  • 27.6.1957 Ernennung zum Würzburger Bischof
  • 12.9.1957 Bischofsweihe
  • ab 1961 Mitglied der Kommission für Lateinamerika
  • 1961-1970 Jugendreferent der Deutschen Bischofskonferenz
  • ab 1966 Mitglied der Kommission für Laienfragen und der Pastoralkommission
  • 1967 Abschluß des Wiederaufbaus des Würzburger Doms nach den Kriegszerstörungen
  • ab 1968 Mitglied der Kommission für ökumenische Fragen
  • 28.5.1977 provisorischer Vorsitzender der bayerischen Bischofskonferenz
  • 1978 Einreichung der Resignation aus gesundheitlichen Gründen
  • 8.1.1979 Annahme seines Rücktrittsgesuches, Emeritierung
  • 8.4.1979 gestorben in Schweinfurt

Literatur, Links und Quellen:
Peter Kolb: Die Wappen der Würzburger Fürstbischöfe. Herausgegeben vom Bezirk Unterfranken, Freunde Mainfränkischer Kunst und Geschichte e.V. und Würzburger Diözesangeschichtsverein. Würzburg, 1974, 192 Seiten.
Rütschenhausen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Rütschenhausen
Wallfahrtskirche:
http://de.wikipedia.org/wiki/Wallfahrtskirche_Maria_von_der_Tann
Wallfahrtskirche:
http://www.mobile-geschichte.de/objektuebersicht.php?land=Deutschland,603&state=Bayern,587&county=Schweinfurt,283&poi=Wallfahrtskirche%20Maria%20von%20der%20Tann,45263
Artikel in der Mainpost: Ruodsuvinduhusen alias Rütschenhausen 906 erstmals erwähnt
http://www.mainpost.de/regional/schweinfurt/Ruodsuvinduhusen-alias-Ruetschenhausen-906-erstmals-erwaehnt;art763,3542612
Artikel in der Mainpost: Rütschenhausen - von der Rodung zum Autobahn-Anschluß,
http://www.mainpost.de/regional/schweinfurt/5spalten;art763,3998754
Pfarrei Rütschenhausen:
http://103460.kirchenserver.info/index.html
Veröffentlichung der Photos aus dem Innenraum mit freundlicher Erlaubnis von Pfarrer Chr. Dörringer vom 19.11.2013, wofür ihm hier ganz herzlich gedankt sei.
Josef Stangl:
http://www.de.wikipedia.org/wiki/Josef_Stangl - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:WappenStangl.jpg
Biographie von Joseph Stangl:
http://www.bischof-stangl.de/bwo/dcms/sites/bistum/information/sgv/bischof_josef_stangl/Biographie.html nach: Klaus Wittstadt, Josef Stangl, in: Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1945-2001, hrsg. von Erwin Gatz (2002), und: Theodor Kramer, Hirte und Bischof, in: "In Memoriam Dr. Josef Stangl" (1979).
Wolfgang Altgeld, Johannes Merz, Wolfgang Weiß (Hrsg.): Josef Stangl (1907-1979) - Bischof von Würzburg, Lebensstationen in Dokumenten, 380 S. mit 280 Abb., Echter Verlag 2007, ISBN 3-429-02905-8 bzw. 978-3-429-02905-0

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