Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2010
Stadelschwarzach (zu Prichsenstadt, Landkreis Kitzingen)

Kirchenburg und Rathaus zu Stadelschwarzach

Stadelschwarzach ist ein kleines Dorf im Landkreis Kitzingen etwa in der Mitte zwischen Gerolzhofen und Wiesentheid, zwischen Volkach und Ebrach. Es ist heute in das südöstlich gelegene Prichsenstadt eingemeindet. Das historische Ortszentrum ist das im Norden bogenförmig von der Würzburger Straße umzogene Ensemble rings um die Pfarrkirche.

Das Zentrum des Ensembles bildet die barockisierte Hallenkirche mit Chorturm im Südwesten, rechts daneben, an der Nordecke des Ensembles steht das alte Rathaus des Ortes, ein steinerner Putzbau mit Eckquaderung, einem in hübschem Fachwerk ausgeführten zweiten Obergeschoß und einem Satteldach, jüngst renoviert.

Im westlichen Bereich des Ensembles haben sich noch alte Speichergaden erhalten, die zeigen, daß das Ensemble einmal eine von einer rechteckigen Mauer umschlossene Kirchenburg war, in der die Dorfbewohner jeweils eigene Gaden zur Sicherung ihrer Vorräte hatten. Dieser malerische Rest der einstigen Kirchenburg harrt der Renovierung.

 

Abb. links: Das dreigeschossige ehemalige Rathaus, das einst den nördlichen Eckbau der Kirchenburg bildete, wurde im Jahr 1605 errichtet. Hier amtierte im noch erhaltenen historischen Ratssaal früher der Zehntvogt, der den Ort Stadelschwarzach verwaltete, ein weltlicher Dienstmann und Bevollmächtigter des Abtes von Münsterschwarzach, der von den 12 Räten des Dorfes bestätigt und vom Abt unterstützt wurde. Der Zehntvogt nahm zugleich die Rolle eines Bürgermeisters der politischen Gemeinde ein. Abb. rechts: die Kirchenfassade.

Das Rathaus hat zwei Eingänge, beide durch eine kleine Freitreppe zu erreichen. Links führt eine kleinere Rundbogenpforte in Erdgeschoßräume, rechts befindet sich das wappengeschmückte Renaissance-Prunkportal vor dem Aufgang zur Ratsstube, welches allerdings im Barock durch ein neues Wappen verändert wurde. Im rückwärtigen Hochparterre des Rathauses befand sich die erste Schule der Gemeinde.

Im Südosten der Anlage befinden sich weitere ehemalige Wohn- und Verwaltungsbauten der Abtei Münsterschwarzach, der der Ort einst gehörte. Das heruntergekommene Gebäude hat zwei Wappensteine von Münsterschwarzacher Äbten, einer ist in die Wand über dem linken Erdgeschoßfenster eingelassen, der andere befindet sich über dem Prunkportal mit Segmentbogengiebel im rechten Teil des Gebäudes.

Der auf dem Architrav auf das Jahr 1593 datierte Wappenstein über dem Prunkportal dieses Wohnbaus zeigt einen Wappenschild im Stil der Renaissance mit Einbuchtungen an beiden Seiten sowie am Schildrand. Der Architrav ruht auf zwei Karyatiden, die jedoch stark verwittert sind, ebenso wie der vorstehende untere Teil des Schildes. Über dem Architrav befindet sich ein Aufsatz mit einer Löwenmaske, in deren Maul ein Sparren steckt (Kloster Münsterschwarzach). Dieser Löwe ist auch Bestandteil des großen Wappens der Abtei (s. u.), er wird dann golden mit goldenem Sparren im Maul auf blauem Feld geführt. Dieser Löwe begegnet uns noch in gänzlich anderem Zusammenhang, nämlich als Wappen des Ritterstifts Comburg. Er wird zurückgeführt auf die Mattonen, die mit der Gründung beider Klöster zu tun hatten, bzw. auf die diesem ostfränkischen Geschlecht entsprossenen Grafen von Rothenburg-Comburg, und als deren heraldisches Symbol taucht dieser Löwe mit dem Sparren sowohl bei der Comburg, als auch in Rothenburg ob der Tauber als auch im Wappen der Abtei Münsterschwarzach auf. So wird er auch hier als Symbol für das fränkische Adelsgeschlecht der Mattonen geführt, welche die beiden Gründungsklöster von Münsterschwarzach, das Frauenkloster in Münsterschwarzach und das Männerkloster in Megingaudshausen (s. u.) errichteten. Es ist das Symbol nicht der Grafenfamilie, sondern für diese, denn es handelt sich um eine nachträgliche Zuweisung heraldischer Inhalte zu in vorheraldischer Zeit lebenden Personen, denn die beiden Gründungen fanden in karolingischer Zeit statt, und die Gründer ahnten noch nicht, daß es jemals Wappen geben würde.

Der Schild selbst ist gespalten, rechts zwei schräggekreuzte, mit den Krümmen jeweils nach außen gelegte Krummstäbe (Kloster Münsterschwarzach, Erklärung siehe unten), links in Gold eine eingebogene, gestürzte, schwarze Spitze, über allem ein aufrechter Lindenzweig mit drei (1:2) Blättern, die unteren abwärts gebogen, alles in verwechselten Farben. Dieses Feld ist das persönliche Wappen des Münsterschwarzacher Abtes Johannes IV. Burckhardt (lebte 1538-26.1.1598, amtierte 24.5.1563-1598). Dieser Abt stammte aus Wettelsheim bei Treuchtlingen. Im Alter von 10 Jahren, nämlich 1548, trat er in das Benediktinerkloster Münsterschwarzach ein, und am 30.3.1555 empfing er die Priesterweihe. 8 Jahre später leitete er die Abtei als Abt. Er war ein bedeutenderer Abt, der ab 1575 in Personalunion auch das Kloster Banz als Abt leitete. 1573 war er Wahlkommissar bei der Wahl des neuen Würzburger Fürstbischofs Julius Echter von Mespelbrunn, und er war ein tatkräftiger Mitarbeiter des Fürstbischofs, und er ließ die Abtei Münsterschwarzach nach einer Zeit des Niedergangs wieder wirtschaftlich gesunden und zu neuem Glanz erstrahlen.

Zeitlich der nächstjüngere Wappenstein befindet sich über dem Prunkportal des Rathauses. Es ist der aufwendigste Wappenstein des Ensembles, für den zwei verschiedene Steinsorten kombiniert wurden. Beim näheren Hinsehen erkennt man, daß hier ein neuerer Wappenstein vor einen älteren gesetzt wurde, denn seitlich lugt noch die Kontur eines Renaissance-Wappensteines hervor. Der rötliche Sandstein, der seitlich der zentralen Wappenkartusche zwei eingerollte Delphinschwänze mit dreiblattartigen Schwanzflossen erkennen läßt, trägt eine Inschrift aus der Bauzeit des Rathauses: "A(nn)o 1605 hat .... Burg .......s Haus Alhier vo(n) Neuen Bau." Zeitlich paßt das in die Amtszeit des Münsterschwarzacher Abtes Johannes V. Cruck (lebte 1555/56-20.3.1613, amtierte 20.4.1598-20.3.1613). Der aus Mellrichstadt stammende Abt trat im Alter von ca. 17 oder 18 Jahren in die Abtei ein, wurde 1580 zum Priester geweiht, stieg 1598 zum Prior auf und wurde am 20.4.1598 zum Nachfolger des verstorbenen, oben erwähnten Abtes Johannes IV. Burckhardt gewählt. Seine Abtsweihe nahm der Bamberger Weihbischof Johann Ortlich am 16.2.1599 vor. Von seinem Wappen sehen wir aber nicht mehr als die äußeren Kartuschenränder.

Nun zu dem vorgeblendeten, neueren Wappen aus der Barockzeit: Es besteht eigentlich aus zwei Wappen. Die große Barockkartusche enthält das Wappen der Abtei Münsterschwarzach, und diesem ist das persönliche Abtswappen mit Helm und Kleinod aufgelegt. Das große Wappen der Benediktinerabtei Münsterschwarzach ist durch eine eingebogene Spitze in drei Felder geteilt, Feld 1: in Blau eine goldene Löwenmaske (hersehender Löwenkopf), im Maul einen erniedrigten goldenen Sparren haltend, Feld 2: in neunmal blau-silbern geteiltem Feld ein golden gekrönter Adler in verwechselten Farben, Feld 3: in Blau zwei schräggekreuzte goldene Krummstäbe, die Krümmen einwärts gerichtet. In ähnlicher Form wird das Wappen auch heute nach der Wiederbelebung von der Abtei geführt, wobei das Feld 2 in Blau drei silberne Balken hat mit einem golden gekrönten Adler in verwechselten Farben.

Feld 3 wird alleine auch als kleines Wappen der Benediktinerabtei Münsterschwarzach geführt. Die beiden schräggekreuzten Abtsstäbe weisen auf die beiden Klöster hin, aus denen die Abtei Münsterschwarzach hervorgegangen ist, das ist zum einen das um 788 von Fastrada, der dritten Ehefrau Karls des Großen, in Münsterschwarzach gegründete Ursprungskloster, das noch ein Frauenkloster und ein Eigenkloster des karolingischen Herrscherhauses war, und zum anderen das 816 vom fränkischen Grafen Megingaud im mittelfränkischen Megingaudshausen bei Oberlaimbach (Landkreis Scheinfeld) gegründete Benediktinerkloster, ein Männerkloster, dessen Mönche in das nach dem Tod der letzten karolingischen Äbtissin 877 aufgegebene Frauenkloster Münsterschwarzach übersiedelten, um es wieder mit neuem benediktinischen Leben zu füllen. Feld 2 mit dem Adler soll an den Würzburger Bischof Adalbero von Lambach-Wels (1045-1090) erinnern, der zusammen mit Abt Egbert (1047-1077) aus Gorze in Lothringen Münsterschwarzach zu hoher Blüte führte, aber wie schon bereits weiter oben bei dem Löwen mit dem Sparren in Feld 1 ausgeführt, handelt es sich auch hier um eine nachträgliche Zuweisung heraldischer Inhalte zu in vorheraldischer Zeit lebenden Personen, die Wappen noch gar nicht kannten und auch nicht kennen konnten, weil es sie noch nicht gab.

       

Diesem großen Abteiwappen ist nun das persönliche Wappen des Abtes Dominicus Otto (lebte 21.6.1716-10.7.1773, amtierte als Abt 24.11.1766-10.7.1773) aufgelegt. Der aus Bamberg stammende Abt, der ursprünglich Johann Anton Alois hieß und Dominicus als mönchischen Namen wählte, wurde am 17.12.1740 zum Priester geweiht und nach seiner Wahl am 24.11.1766 durch den Würzburger Fürstbischof am 25.1.1767 zum Abt geweiht. Sein Wappen zeigt in Silber einen roten Sparren, der einem goldenen sechszackigen Stern einschließt, auf dem Helm der Stern zwischen einem Paar Büffelhörner.

Kommen wir zum jüngsten Wappenstein des Ensembles: Dafür gehen wir zurück zu dem zweigeschossigen, traufseitigen Satteldachbau mit Barockportal im Südosten der Anlage, dem ehemaligen Amtsbau, der jetzt als Wohnhaus genutzt wird und dessen erster Wappenstein über dem Barockportal bereits weiter oben vorgestellt wurde. Dieser Stein ist im linken Gebäudeteil in die Wand eingelassen, und er trägt unten als Jahreszahl die 1797. Oben befindet sich das Kürzel I T A S - das steht für Judas Thaddäus Abt von Schwarzach. Judas Thaddäus Siegerst (lebte 10.7.1735-6.5.1806, amtierte 25.2.1794-7.5.1803) war der letzte Abt von Münsterschwarzach. Er führt als persönliches Wappen auf der rechten Hälfte des gespaltenen Schildes in Blau einen von drei (2:1) Sternen begleiteten Balken, alle Figuren silbern. Die heraldisch linke Spalthälfte enthält eine eingebogene Spitze, und in den drei Feldern sind die oben beschriebenen drei Komponenten zu sehen, die an die Klostergründung mit den beiden Abtsstäben und den Gründern nachträglich zugewiesenen Inhalten erinnern. Abt Judas Thaddäus stammt aus Poppenlauer bei Bad Kissingen, wo sein Vater Ulrich Siegerst Würzburger Amtskeller war. Mit 18 Jahren trat er ins Münsterschwarzacher Kloster ein; am 11.10.1753 legte er die Profeß ab. Am 21.11.1759 erfolgte die Priesterweihe. Der am 25.2.1794 gewählte und am 22.6.1794 geweihte Abt erlebte am 7.5.1803 die Aufhebung der Abtei im Zuge der Säkularisierung. Danach bezog er in Stadelschwarzach Quartier, verstorben ist der heimatlos gewordene 70. Abt in Würzburg. Dieses Wappen ist sogar im Siebmacher Band Klöster vertreten, als eines der wenigen dieser Abtei. Auf dem Helm sehen wir in der Mitte die Inful (nach Siebmacher auf einem roten Kissen, und aus der Inful ragen drei Ähren heraus), rechts auf dem Helm ein sitzender Falke (nach der Abb. im Siebmacher auf dem blau-silbern bewulsteten Helm mit ebensolchen Decken ein schwarzer, auffliegender Falke), auf dem Helm links ist das Kleinod nicht mehr zu erkennen (nach dem Siebmacher-Eintrag auf dem blau-silbern bewulsteten Helm mit ebensolchen Decken der blau-silbern mehrfach geteilte Adler aus Feld 2 der hinteren Spalthälfte.

Literatur, Links und Quellen:
Rainer Kengel, die Wappen der Äbte von Münsterschwarzach, in: Abtei Münsterschwarzach, Arbeiten aus ihrer Geschichte, Festgabe zur Weihe der Kirche 1938, S. 129-152
Äbte von Münsterschwarzach mit Wappen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Äbte_von_Münsterschwarzach
Abtei Münsterschwarzach im Frankenwiki:
http://www.franken-wiki.de/index.php/Abtei_Münsterschwarzach
Abtei Münsterschwarzach:
http://www.abtei-muensterschwarzach.de/ams/startseite/index.html - Chroniktafel: http://www.abtei-muensterschwarzach.de/ams/kloster/Abteigeschichte/index.html - Abteigeschichte: http://www.abtei-muensterschwarzach.de/ams/kloster/Abteigeschichte/geschichte.html - Abteiwappen: http://www.abtei-muensterschwarzach.de/ams/kloster/Abteigeschichte/wappen.html - Literaturübersicht: http://www.abtei-muensterschwarzach.de/ams/kloster/Abteigeschichte/literatur.html
Abtei Münsterschwarzach:
http://www.orden-online.de/wissen/m/muensterschwarzach/
Hinweistafel am ehemaligen Rathaus
Liste der Baudenkmäler:
http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Baudenkmäler_in_Prichsenstadt#Stadelschwarzach
Siebmachers Wappenbücher Band Klöster

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