Dieter Linder, Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1997
Hannover (Niedersachsen)

Das Leineschloß in Hannover (Niedersächsischer Landtag)

Heute ist das sog. Leineschloß, am Flußufer am westlichen Rand der Innenstadt gelegen, Sitz des Niedersächsischen Landtages. Doch früher war es Residenz der Herzöge, Kurfürsten und Könige von Hannover. Bedarf für ein Schloß in Hannover gab es, nachdem die Residenz des im Rahmen der letzten welfischen Landesteilung 1635 wieder erstandenen Fürstentums Calenberg 1636 durch Herzog Georg von Braunschweig und Lüneburg-Calenberg in das wirtschaftlich aufstrebende Hannover verlegt wurde. Früher war hier ein im Mittelalter gegründetes Franziskanerkloster, das aber im Zuge der Reformation 1533 aufgehoben worden war. Dieses erste Schloß von 1637-1642, das die ehemalige Klosterkirche als Schloßkirche übernahm, war ein simpler Fachwerkbau, der weit hinter anderen Welfenresidenzen zurückstand. Man muß bedenken, der Bau entstand mitten im Dreißigjährigen Krieg, da waren die Mittel knapp. Erst Georgs Nachfolger, allen voran Herzog Johann Friedrich, bauten es bis 1698 aus, mit standesgemäßen Repräsentationsräumen, mit einem Kapuzinerkloster (wieder aufgelöst 1680), mit einem Hoftheater und mit einem hölzernen Opernhaus (1690). Man befreite das Schloß 1680 aus seinem beengten Umfeld durch Abriß von Bürgerhäusern zwecks Schaffung einer Schloßfreiheit. Und als die Welfen Könige von Großbritannien wurden, entwickelte sich das Leineschloß immer mehr zur prächtigen Residenz, wobei der Regent aber meistens abwesend war. 1742 wurde der nordwestliche Flügel nach einem Brand erneuert. 1797 wurde die Westfassade neu gestaltet.

Mit dem 19. Jh. folgte auf die Blüte die Verwahrlosung. 1803 wurde Hannover durch französische Truppen unter General Edouard Adolphe Mortier besetzt und geplündert, und die Welfenresidenz, nun aufgrund einer Schenkung durch Jérôme Bonaparte im Eigentum der Stadt, mußte als Kaserne für 3000 Soldaten umgebaut und umgenutzt werden. Dieser Zustand militärischer Nutzung, der bis 1814 währte, ließ die Gebäude herunterkommen. Nach 1815 diente das Leineschloß kurzzeitig für 4 Jahre als Sitz der neugegründeten "Allgemeinen Ständeversammlung" im Königreich Hannover, die aber bereits 1837 wieder aufgelöst wurde. Die Könige von Hannover wollten aber vor allem ihre Residenz wiederhaben, und 1817-1844 erfolgte ein kompletter Umbau des Leineschlosses. Der Stil hatte sich kräftig gewandelt. Die dreigeschossige Leineseite mit Mansarddach (Abb. oben) läßt noch die barocke Architektur durchblicken, doch die Stadtseite wurde jetzt klassizistisch. Baumeister war Georg Ludwig Friedrich Laves, Hofbauverwalter und später ein bedeutender Architekt des klassizistischen Stils. Bei diesem Umbau entstand 1834 der nach Osten gerichtete Portikus (Abb. ganz unten) an der Leinstraße mit sechs korinthischen Säulen und mit einem flachen Dreiecksgiebel, in dem sich das hier gezeigte Wappen des Königreichs Hannover befindet. 1856 erfolgte ein Wechsel in den Präferenzen der Könige, denn König Georg V. hatte keine Lust mehr auf das Stadtschloß und baute ab 1856 das sog. Welfenschloß im Nordwesten des Stadtzentrums, ein Monstrum im Trammschen Rundbogenstil, das 1866 wegen preußischer Besetzung und Baustop funktionslos wurde, erst ab 1876 vollendet wurde und seit 1879 Sitz der Universität ist. Das am 26.7.1943 ausgebrannte und teilzerstörte Leineschloß wurde 1957-1962 durch Dieter Oesterlen wiederaufgebaut und mit einem modernen Plenarsaal im Südosten des Komplexes an der Stelle des ehemaligen Opernhauses ausgestattet, so daß wir heute einen Stilmix aus barocken und klassizistischen Fassaden und funktionaler Moderne, letztere vor allem im Inneren, haben, ein architektonisch völlig uneinheitlicher Komplex, der im Laufe seiner Geschichte die unterschiedlichsten Nutzungen erfahren hat, von der strahlenden Residenz bis zum Wärmesaal für Obdachlose, von der Kaserne bis zur Ständeversammlung war alles dabei.

Bei diesem Wappen im Giebel des Portikus von 1834 handelt es sich um das dritte Wappen der englischen Könige aus dem Haus Hannover, in der Version nach dem Verlust der Kurwürde. In dieser Form (Einschränkung siehe unten) wurde es von 1816 bis 1837 geführt. Hannover stand nach dem Untergang des Heiligen Römischen Reiches und dem Wiener Kongreß nicht länger die Kurfürstenwürde zu. Es wurde Königreich. Entsprechend wird 1816 der bisher geführte Kurfürstenhut über dem Herzschild durch eine Bügelkrone ersetzt. Der Herzschild mit dem Symbol des Erzamtes wird noch beibehalten, obwohl er nicht mehr ganz korrekt und zutreffend ist, denn auch ein Erzamt gab es nach dem Ende des Alten Reiches nicht mehr. In der neuen Form wird das Wappen geführt von folgenden britischen Königen aus dem Haus Hannover: Georg/George III. (1816-1820), Georg/George IV. (1820-1830) und Wilhelm/William IV. (1830-1837), wobei letzterer der Bauherr dieses Portikus war.

 

Im Detail ist das Wappen (wegen der Bäume im Vorfeld nur in steilem Winkel photographisch erfaßbar) wie folgt aufgebaut

Um das Wappen herum gelegt ist das Band des Hosenbandordens ("HONI SOIT QUI MAL Y PENSE"). Die beiden Schildhalter sind die des britischen Monarchen, ein gekrönter, hersehender Löwe heraldisch rechts und ein Einhorn mit Halskrone und Kette heraldisch links. Eine Ordenskette schließt sich außen an. Ein weiteres Beispiel für genau diesen Wappentyp ist übrigens am Buckingham Palace in London an den südlich angebauten "service areas" zu sehen.

Im Detail muß jedoch etwas bei der Darstellung am Leineschloß moniert werden: Ganz unten ist der Schriftzug "Dieu et mon droit", der einem britischen Souverän zusteht. Dazu müßte jedoch die "Imperial State Crown" auf dem Schild geführt werden, nicht wie hier die Hannoversche Königskrone, die dadurch zweimal auftaucht, einmal über dem Herzschild und einmal über dem Hauptschild. Korrekterweise hätte man sich für eine der beiden Möglichkeiten entscheiden müssen: Entweder stellt man die Funktion als britischer Monarch in den Vordergrund, dann hat das Wappen den Schriftzug "Dieu et mon droit" untendrunter, auf dem Hauptschild läge die "Imperial State Crown" und auf dem Herzschild die Hannoversche Königskrone. So ist es auch am Buckingham Palace dargestellt und auch am kürzlich wiederaufgebauten Schloß Herrenhausen. Oder man stellt die Funktion als König von Hannover in den Vordergrund, dann würde das Motto wegfallen, die Hannoversche Königskrone auf dem Hauptschild liegen und dafür auf dem Herzschild wegfallen (nicht doppelt). Dieses hier ist jedoch ein Hybrid.

Literatur, Links und Quellen:
Klaus Mlynek, Waldemar R. Röhrbein, Geschichte der Stadt Hannover I, von den Anfängen bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, ISBN 3-87706-551-9, Voransicht: http://books.google.de/books?id=i5ZH71S0ciwC
Leineschloß: http://www.hannover-entdecken.de/content/view/3382/273/#rf27
Leineschloß:
http://de.wikipedia.org/wiki/Leineschloss
Leineschloß:
http://www.landtag-niedersachsen.de/landtagsarbeit/geschichte_des_leineschlosses/
Leineschloß:
http://www.landtag-niedersachsen.de/landtagsarbeit/geschichte/1637_bis_1866/ - http://www.landtag-niedersachsen.de/landtagsarbeit/geschichte/1866_bis_1945/ - http://www.landtag-niedersachsen.de/landtagsarbeit/geschichte/nach_1945/
Ein herzliches Dankeschön an Herrn Karl-Ernst Sittel für wertvolle Hinweise zu den Königskronen.

niedersächsisches Hauptstaatsarchiv - Marstalltor - Garde-du-Corps-Kasernentor (städt. Bauamt) - Wangenheimpalais

Wappen, Linien und Territorien der Welfen (3): Wappen des Hauses Hannover
Das Wappen von Großbritannien

Ortsregister - Namensregister - Regional-Index
Zurück zur Übersicht Heraldik

Home

© Copyright / Urheberrecht an Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2013
Impressum
Bestandteil von
www.dr-bernhard-peter.de und www.heraldik-leitfaden.de