Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1977
Kiedrich (Rheingau-Taunus-Kreis)

Der Eberbacher Hof in Kiedrich

Der Eberbacher Hof ist ein Gebäudeensemble in der Suttonstraße 7-8 nordwestlich der Pfarrkirche. Er besteht aus zwei langgestreckten Gebäuden, die mit ihrer abgewalmten Giebelseite zur Suttonstraße stehen und durch eine Hofeinfahrt voneinander getrennt sind. Durch die Säkularisierung und den Übergang der Gebäude an Privateigentümer, die den Hof teilten und in Wohnhäuser umwandelten, ist die ursprüngliche Organisation des Klosterhofes nicht mehr zur Gänze nachzuvollziehen. Der 1136 gegründeten Zisterzienserabtei Eberbach gehörte in Kiedrich neben einem Hof mit Nebengebäuden der Gräfenberg. In einem Güterverzeichnis von 1211 werden bereits 17 Hektar Grundbesitz genannt. Die Herren von Scharfenstein beschenkten das Kloster zusätzlich großzügig mit weiterem Grundbesitz, der von hier aus verwaltet wurde.

Wo heute das Wohnhaus Suttonstraße 7 steht (oben im Bild im Vordergrund), wurde 1312 eine Kapelle zur Hl. Margaretha gestiftet. Diese wurde 1706-1708 von dem Eberbacher Abt Michael Schnock (amtierte 1702-1727) restauriert und neu ausgestattet. Dieser Abt, Nachfolger von Alberich Kraus aus Boxberg und Vorgänger des unten erwähnten Adolph I. Dreimühlen, stammte selbst aus Kiedrich. Von Joseph Krams wurde nach der Privatisierung ein Wohnhaus davor gebaut, aber das barocke Portal mit dem Wappen des Abtes Michael Schnock ist links am Gebäude erhalten. Heute gehört das Haus dem Weingut Steinmacher, das hier einen Flaschenweinverkauf hat.

Die barocke Komposition setzt sich aus insgesamt drei Schildkartuschen zusammen, die 2:1 gestellt sind. Die erste, heraldisch oben rechts, enthält die Symbole einer Zisterzienserabtei, in Schwarz ein silbern-rot in zwei Reihen geschachter Schrägbalken, einwärts gewendet, einen pfahlweise gestellten Krummstab schräg überkreuzend. Die zweite, heraldisch oben links, enthält mit dem Eber auf einem Boden eine Anspielung auf Name und Gründungslegende des Klosters Eberbach, nach der ein Eber dem Klostergründer Bernhard von Clairvaux, als dieser zusammen mit dem Mainzer Erzbischof Adalbert im Kisselbachtal einen Bauplatz für das zukünftige Kloster suchte, durch Aufwühlen des Bodens und Ziehen einer Furche einen Fingerzeig gab. Der Eber taucht auch in anderen Darstellungen auf, mit einer Klosterkirche auf dem Rücken oder mit einer Traube im Maul an einem Bach stehend. Ein solches Wappen mit dem Eber an einem Bach, auf dem Rücken die Kirche tragend, befindet sich beispielsweise als Holzschnitzerei auf einem Barockschrank im Mönchsdormitorium des Klosters Eberbach. In der Stukkatur des Mönchsrefektoriums taucht ebenfalls ein Eberwappen auf, ebenso in den drei mit Stuck verzierten Seitenkapellen des nördlichen Querhausarmes der Basilika. Im Kloster begegnet uns auch vielfach eine ganz ähnliche Gesamtkomposition aus Zisterzienserfeld oben rechts und Feld mit Eber oben links, z. B. am Haupttor für den Abt. Adolf II. Werner aus Salmünster, dessen persönliches heraldisches Symbol eine eingebogene Spitze einnimmt.

Zurück zu Abt Michael Schnock: Sein persönliches heraldisches Zeichen ist im dritten Schild ganz unten zu finden. Es zeigt einen schräglinks gestellten Pfeil, von einem schrägrechts gelegten Palmzweig überkreuzt, alles bewinkelt von vier (1:2:1) sechszackigen Sternen und überhöht von einem schwebenden Kreuzchen. Die Farben sind mir im Detail unbekannt, Hinweise willkommen. Über der ersten Schildkartusche ist die Inful angebracht, hinter der zweiten ragt heraldisch oben links der Krummstab hervor. Ein weiteres Wappen von diesem Abt kann übrigens am Kloster Eberbach in einer Seitenkapelle des Querhauses der Basilika im Stuck gefunden werden, ein nächstes am Gartenhäuschen von 1722 (dort mit blauem Feld und goldenen Figuren) und an einem nahen Gartenportal, und zwei weitere an Portalen des Laiendormitoriums (Konversenbau).

Der linke Teil des Ensembles (unten im Bild im Vordergrund) ist der eigentliche Klosterhof, der 1812 versteigert wurde und an Peter Schlosser verkauft wurde, der bereits seit 1775 auf dem Hof Pächter war. An diesem linken Teil des Anwesens ist am Übergang vom Steinsockel in die Fachwerkzone zwischen den beiden linken Fenstern unterhalb des untersten Auflegers ein Wappenstein in die Fassade eingelassen, der Zeugnis davon ablegt, daß der Eberbacher Abt Adolph I. Dreimühlen (amtierte 1727-1737) im Jahre 1735 die Wirtschaftsgebäude des Hofes erneuerte. Dieser Abt, Nachfolger des oben erwähnten Michael Schnock und Vorgänger von Hermann Hungrichhausen aus Mengerskirchen, stammte aus dem nahen Eltville.

Die Inschrift lautet: "R(everendissi)mus D D ADOLPHUS DREYMÜLLEN ABBAS EBERBACENSIS 1735" und nennt damit lediglich den Namen des höchstverehrlichen Abtes und die Jahreszahl. Die von spätbarocken Ornamenten eingefaßte Kartusche zeigt das Abtswappen, drei (1:2) Zinnentürme. Die Farben sind mir unbekannt, Hinweise willkommen, lt. Held sind die Türme golden auf Silber, unter Verweis auf Düll. Auf der Kartusche ist heraldisch rechts die schräg nach außen gestellte Inful, auf der linken Seite ragt der Krummstab hinter der Kartusche hervor. Vier weitere Wappen dieses Abtes können am Kloster Eberbach außen am 109 m langen Konversenbau gefunden werden, ein ursprünglich romanischer, später mehrfach umgebauter Trakt, der mit dem Laiendormitorium den europaweit größten erhaltenen nichtsakralen Saal des Mittelalters enthält, zwei weitere an zwei verschiedenen Gartenportalen, wobei diese Wappen größtenteils schlechter erhalten sind als dieses in Kiedrich.

Liste der Äbte von Kloster Eberbach unter Hervorhebung der mit bauplastischen Wappen vertretenen:

Literatur, Links und Quellen:
Hinweistafel des Fördervereins Kiedricher Geschichts- und Kulturzeugen e. V. am Objekt
Wolfgang Einsingbach, Kiedrich im Rheingau, Rheinische Kunststätten, Heft 4/1973, herausgegeben vom Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz.
Kiedrich:
http://de.wikipedia.org/wiki/Kiedrich
Eberbacher Hof:
http://www.kiedrich-geschichte.de/cms/front_content.php?idcatart=55&lang=1&client=1
Kloster Eberbach:
http://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Eberbach
Wolfgang Einsingbach, Wolfgang Riedel, Kloster Eberbach im Rheingau
Dagmar Söder, Klosterlandschaft Eberbach:
http://p7115.typo3server.info/fileadmin/alumni/CampusLandschaft2006/CL_Klosterlandschaft_Eberbach.pdf
Äbteliste Kloster Eberbach, in: Biographia Cisterciensis (Cistercian Biography):
http://www.zisterzienserlexikon.de/wiki/Eberbach/%C3%84bteliste
Äbteliste Kloster Eberbach:
http://kloster-eberbach.de/kloster/historie/abts-chronologie.html
Abteigeschichte:
http://kloster-eberbach.de/kloster/historie/abtei-geschichte.html
Kloster Eberbach:
http://www.cistopedia.org/fileadmin/user_upload/abbeys/E/Eberbach/Kloster_Eberbach.pdf
Dreimühlen: Martin Held, Oppenheimer Wappenbuch, Eigenverlag, Oppenheim 2011, S. 53, unter Bezugnahme auf Siegril Düll, Oppenheimer Inschriften des 18. Jh., in: Mainzer Zeitschrift Jg. 82 (1987) S. 71.
Ein herzliches Dankeschön an Rolf Zobel für wertvolle Hinweise.

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