Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1975
Kiedrich (Rheingau-Taunus-Kreis)

Die St. Michaelskapelle in Kiedrich

Die spätgotische St. Michaelskapelle, ein zweigeschossiger und dreijochiger Rechteckbau, befindet sich im Süden der katholischen Pfarrkirche St. Valentinus und Dionysius und ist mit ihrer Südwand in die den Kirchenbezirk umgebende Mauer integriert, so daß sie hoch über die Mühlbergstraße aufragt. Während die Pfarrkirche selbst nicht genau nach Osten ausgerichtet ist, sondern mit dem Chor schräg nach Nordosten weist, ist die Michaelskapelle gegenüber ersterer verdreht und stärker nach Osten ausgerichtet. Im Westen befindet sich an der Giebelwand mittig ein schmales Treppentürmchen von polygonalem Querschnitt und mit einem Helm in durchbrochener Steinarbeit (der einzige dieser Art am Mittelrhein!) mit unzähligen Krabben an den Vertikalen. Der heutige Helm ist freilich größtenteils eine Kopie anläßlich einer Wiederherstellung in den Jahren 1851-58. Im Norden und Süden stützen je vier Strebepfeiler mit baldachinbekrönten Statuennischen das Gebäude; dazwischen befindet sich je ein großes, dreibahniges Fenster mit Fischblasenmaßwerk in zwei alternierenden Varianten. Im Osten bereichern zwei verschieferte Türmchen die Dachlandschaft.

Diese sehr aufwendig und künstlerisch herausragend gestaltete Kapelle mit netzgewölbtem Innenraum wurde 1434-1444 als Totenkapelle (Heiltumskapelle, oben) mit angeschlossenem Beinhaus (Karner, unten) errichtet. Das untere Geschoß ist niedrig und schlicht und besteht aus zwei tonnengewölbten Schiffen. Das Obergeschoß ist hingegen hoch und licht und wird von den großen Fensterflächen bestimmt. Diese Doppelfunktion, unten das Reich der Toten, oben die lichte Halle der Heiltumskapelle mit kostbarem Bauschmuck, macht sie neben der Qualität der Ausführung zu einem einzigartigen Denkmal. Geweiht wurde die Michaelskapelle 1445. Wahrscheinlich war der Baumeister Nicolaus Eseler d. Ä. von Alzey, aus der Frankfurter Bauschule und ein Nachfolger Madern Gertheners. Nicolaus war der Sohn des Mainzer Domwerkmeisters Peter Eseler. Im Osten ist ein überaus reich gestalteter Chor-Erker ("Chörlein"), und im Norden befindet sich eine Außenkanzel mit Maßwerkbrüstung, zwischen den beiden mittleren Strebepfeilern eingepaßt, die zum Predigen an Wallfahrtstagen (Wallfahrt zum Hl. Valentin) genutzt wurde, während sich das Volk der Gläubigen auf dem Raum zwischen der Pfarrkirche selbst und der Michaelskapelle versammeln konnte. Von hier wurden dann auch die Valentinsreliquien gezeigt. Der überwölbte Balkon wird von einem in eine Kreuzblume auslaufenden Kielbogen eingerahmt, der auf Engelskonsolen ruht, wobei dieser Baldachin, eine Hoheit vermittelnde Form in der Architektur, die besondere Rolle der Außenkanzel im hier praktizierten Valentinskult unterstreicht. Im Tonnengewölbe befinden sich zwei Wappensteine an den Kreuzungspunkten der unterlegten Gewölberippen:

Der östliche Gewölbewappenstein zeigt den Schild des Mainzer Fürstbischofs Dietrich Schenk von Erbach (1434-1459), der geviert ist, Feld 1 und 4: in Rot ein silbernes, achtspeichiges Rad (Erzstift Mainz), Feld 2 und 3: in von Rot und Silber geteiltem Feld 3 (2:1) Sterne in verwechselten Farben (Stammwappen der Grafen von Erbach). Er war Landesherr zur Bauzeit dieser Kapelle. Hier taucht das Mainzer Rad in der für das Hochstift verwendeten Form auf, im Gegensatz zum Ortswappen, wo das Doppelrad der Stadt Mainz aufgegriffen wird.

Der westliche Gewölbewappenstein zeigt das Ortswappen von Kiedrich. In seiner heutigen Form, wie es am 29.10.1979 neu genehmigt wurde, ist das Ortswappen gespalten, rechts in Silber ein roter Zinnenturm, links in Rot ein silbernes, pfahlweise gestelltes, mit einem Kreuz verbundenes Doppelrad. Hier ist eine alte Form des Ortswappens zu sehen, in rotem Feld rechts ein silbernes, pfahlweise gestelltes, mit einem Kreuz verbundenes Doppelrad und links ein silberner Zinnenturm. Beide Objekte haben die gleiche Feldfarbe, und die optische Trennung durch die Spaltlinie und Verwendung inverser Farbschemata rechts und links dieser Trennlinie existiert noch nicht. Und die beiden gemeinen Figuren haben im neuen Ortswappen die Seiten gewechselt.

Ein ganz analoges Wappen in der alten Form wie hier aus dem Jahr 1440 finden wir auch am Laiengestühl in der Pfarrkirche (aus dem Jahr 1510), unter der Orgelbühne (ca. um 1500) und am Chorgewölbe der Kirche (von 1481). Ein weiteres, heute verschwundenes, aber in einer Zeichnung dokumentiertes Wappen befand sich einst außen neben dem Hauptportal der Pfarrkirche. Wenn man hingegen die Siegel von Kiedrich betrachtet, ergibt sich folgendes Bild: In Gerichtssiegeln von ca. 1420 und von 1581 und in einem Gemeindesiegel von 1641 steht der Turm jeweils heraldisch rechts, das kreuzverbundene Doppelrad links. Ebenso ist es an der Wappentafel am Rathaus von 1586 zu sehen. In einem Gerichtssiegel von 1695 und in Siegeln aus der Mitte des 17. Jh. und von 1735 steht das kreuzverbundene Doppelrad hingegen heraldisch rechts. Und ebenso ist es am Marktbrunnen von 1541 zusehen. Es scheint also, wenn man alle Darstellungen berücksichtigt, daß beide Varianten nebeneinander geführt wurden bzw. sich in ihrer Verwendung im Laufe der Geschichte abwechselten, wobei im kirchlichen Umfeld der Darstellung mit den Mainzer Rädern im höherrangigen ersten Feld der Vorzug gegeben wurde, wobei angemerkt sei, daß es sich nicht um das Hochstifts-Rad handelt, sondern um das städtische Doppelrad. Im Bereich des Rathauses bzw. des Gerichts ergibt sich eine Bevorzugung einer Darstellung mit dem Zinnenturm in der höherrangigen Position.

In der Zeit, als Kiedrich zu Nassau gehörte, tilgte man die Erinnerung an Mainz und warf das Doppelrad aus Wappen und Siegel heraus und verwendete lediglich den Zinnenturm. Das behielt man in preußischer Zeit bei. Unter den beiden Landesherren versuchte man so, die Geschichte der Zugehörigkeit des Rheingaus zu Mainz, wenn man sie schon nicht löschen konnte, so doch zu vergessen. Erst in neuerer Zeit verwendete man wieder beide Wappensymbole gemeinsam, wobei man erst noch einen schwarzen Sockel und einen grünen Felsen unter dem Zinnenturm verwendete. Man verblieb erst noch bei der Variante mit dem Doppelrad heraldisch rechts. Erst 1979 drehte man die Positionen wieder um, bereinigte die Turmdarstellung um Sockel und Fels, soweit kehrte man also zu der Darstellung auf den alten Gerichtssiegeln zurück, neu hingegen war die Spaltung mit Farbvertauschung.

Literatur, Links und Quellen:
Hinweistafel des Fördervereins Kiedricher Geschichts- und Kulturzeugen e. V. am Gebäude
Wolfgang Einsingbach, Kiedrich im Rheingau, Rheinische Kunststätten, Heft 4/1973, herausgegeben vom Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz.
Kiedrich:
http://de.wikipedia.org/wiki/Kiedrich
Michaelskapelle Kiedrich:
http://de.wikipedia.org/wiki/Michaelskapelle_%28Kiedrich%29
Gemeindewappen und Siegel:
http://www.kiedrich-geschichte.de/cms/front_content.php?idcat=29
Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Hessen II, Regierungsbezirk Darmstadt, bearb. von Folkhard Cremer, Deutscher Kunstverlag, München 2008, ISBN 978-3-422-03117-3, S. 507 u. 508.
St. Michaelskapelle:
http://www.kiedrich-geschichte.de/cms/front_content.php?idcatart=50&lang=1&client=1

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