Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1974
Heilbronn (Regierungsbezirk Stuttgart)

ev. Kilianskirche in Heilbronn, Allendorff-Glasfenster

Nur ganz wenige spätgotische Glasfenster haben die Zerstörungen der Kilianskirche im zweiten Weltkrieg überlebt. Die Fenster im Chor und in den Seitenschiffen werden heute geprägt von den Arbeiten von Charles Crodel (1894-1973), Professor an der Kunstakademie München. Die neuen Fenster im Stil der klassischen Moderne entstanden in den Jahren 1965-1968 und sind heraldisch ohne Interesse. Die 19 einzelnen originalen Scheiben aus der Spätgotik, letzte Überbleibsel der mittelalterlichen Verglasung, hat man in zwei Gruppen in den Fenstern zweier Kapellennischen in der nördlichen Chorwand zusammengestellt. Sie bilden inhaltlich drei Gruppen, wovon die größte Gruppe mit zehn Darstellungen figürliche Inhalte hat, Heilige (Kilian als typisch fränkischer Heiliger und Schutzpatron der Kirche, Burkhardt als erster Bischof von Würzburg, Totnan als weiterer Frankenmissionar), Personen des Heilsgeschehens (Hl. König, Erzengel und Maria) und Stifter (Johann von Allendorf, Abb. nachfolgend). Das Schriftband über seinem Haupt ist eine nur in Teilen erhaltene Anrufung der Frankenheiligen: "...me sancte kyliane burckard ...totnan".

 

Sechs Fenster zeigen spätgotische Baldachine, und drei Fensterscheiben zeigen Wappen. Diese drei haben das auf 1487 datierte Stadtwappen Heilbronns (in Gold ein schwarzer Adler, ohne Abb.), einen roten Schild mit zwei schräggekreuzten silbernen, goldengegrifften Sicheln, deren Spitzen nach außen gerichtet sind (ungeklärt, ohne Abb.), und das hier vorgestellte Allendorf-Wappen (Abb. nachfolgend). Auf dem Schriftband sind die meisten Buchstaben mittlerweile unleserlich, man kann aber noch entziffern: "arma ..... orff". Johann von Allendorff (3.10.1400-17.10.1496) entstammte einer ritterschaftlichen fränkischen Familie, die sich nach Allendorf an der Werra nannte, heute ein Stadtteil von Bad Salzungen. Die Familie besaß Ober- und Unterleinach im Ritterkanton Rhön-Werra. Er war der Sohn von Hans von Allendorff und dessen Frau Irmel von Völkershausen. Johann von Allendorff studierte in Erfurt und legte dort 1442 das Bakkalaureatsexamen ab, danach studierte er in Padua und promovierte dort. Bereits vor der Aufnahme der Studien in Erfurt war er in das Kloster St. Burkard in Würzburg eingetreten. Doch zunächst wurde er Propst in Aub, dann Abt in St. Burkard und 1454 Geistlicher Rat. Als solcher steht er hinter der Umwandlung der Würzburger Abtei St. Burkard in ein Säkularkanonikerstift, in ein adeliges Ritterstift, das war im Jahr 1464. Damit war er der letzte Abt und zugleich der erste Propst. Er stieg weiter auf zum kaiserlichen Rat Friedrichs III. (1465) sowie Maximilians I. (1491) und zum Kanzler des Würzburger Fürstbischofs (1470). Ab 1475 war er Kirchherr von St. Kilian in Heilbronn, deswegen begegnet er uns hier als Stifter. Mit Johann von Allendorff, der in der Würzburger Domsepultur bestattet wurde, erlosch das Geschlecht. Sein Grabstein ist jedoch nicht mehr vorhanden.

 

Das Wappen für Johann von Allendorff zeigt in Gold eine schräggestellte rote Faßleiter, auf dem Helm mit rot-goldenen Decken das Schildbild. Die Faßleiter, auch Weinleiter oder Schrotleiter genannt, ist ein technisches Hilfsmittel, das typischerweise in Weinbauregionen vorkommt. Es handelt sich um eine Schiene, die zum Herablassen von Weinfässern z. B. in Keller dient und über die Kellertreppe gelegt wird. Die Personen, die auf diesen Transport von Fässern spezialisiert waren, hießen Schröter und bildeten einen eigenen historischen Berufstand. Das Faß selbst wird mit Hilfe von eingehängten Seilen und einem Schrotbaum als Gegenlager kontrolliert herabgelassen oder heraufgezogen, wobei die Holme zum besseren Gleiten mit Fett eingerieben wurden. Genauso dient eine Weinleiter als Rampe zum Be- und Entladen von Transportwagen, Schiffen etc. Zwei dicke Holme dienen als Führungsschiene für die Fässer, die mit ihrem Bauch zwischen den Holmen rutschen und so gut in der Führung bleiben und nicht seitlich herunterkippen wie das bei einer glatten Rampe der Fall wäre. Das Faß liegt dabei längs auf, nicht quer. Diese beiden Holme, die in der Heraldik meist nach außen gebogen dargestellt werden, sind mit meist zwei Querhölzern verbunden, die meist schwächer sind und dünner dargestellt werden als die tragenden Holme. Typisch und signifikant ist die Anzahl von genau zwei Querstreben, im Gegensatz zu einer Leiter, die zum Besteigen durch Menschen benutzt wurde, und diese Querstreben sitzen nicht am Ende, sondern jeweils etwas nach innen versetzt, um ein optimales Aufstellen der Faßleiter zu ermöglichen.

Der Blick in die Literatur befriedigt nicht: Ein Alendorf-Wappen wird beschrieben bei Schöler S. 28, Tafel 145, dort abweichend schwarz-silbern abgebildet, beruhend auf Siebmacher Band: BayA1 Seite: 28 Tafel: 23, der wiederum das Wappen Aldendorf aus dem Alten Siebmacher, dort unter die Rheinländischen einsortiert, übernommen hat. Tatsächlich ist diese Angabe angesichts des vorliegenden historischen Belegs für den hiesigen Fall unzutreffend und die jeweilige Zuordnung zu Johann von Allendorff unpassend, wie auch dort eine völlig andere Helmzier angegeben wird, nämlich ein wie der Schild bez. Flügel zu schwarz-silbernen Decken. Unter der Schreibweise Aldendorf ist ein Wappen mit den zutreffenden Tinkturen im Siebmacher zu finden, im Band: ThüA Seite: 28 Tafel: 20, aber auch dort wird als Kleinod ein goldener Flug angegeben, jeder Flügel belegt mit der Leiter, rechts schräglinks, links schrägrechts (cave, Siebmacher-Text entspricht nicht der zugehörigen Abb.). Alle genannten Literaturquellen decken damit den vorliegenden Fall nicht ab.

Ein weiteres authentisches Wappen des Johann von Allendorff kann man jedenfalls in Würzburg in der Allendorff-Kapelle (auf dem Gelände der Theresienklinik) auf einem Gewölbeschlußstein sehen, einmal als Vollwappen in der Mitte und daneben nur als Schild mit dem Wappenbild, beide farbig gefaßt. Auch dieses Wappen hat nur die Faßleiter als Kleinod, ohne Flug, und entspricht damit vollständig dem hier wiedergegebenen Heilbronner Allendorff-Wappen.

Literatur, Links und Quellen:
Evangelische Kilianskirche Heilbronn: http://www.gemeinde.heilbronn-kilianskirche.elk-wue.de/
Kirchengemeinde:
http://www.gemeinde.heilbronn-kilianskirche.elk-wue.....gemeinde/
Ein herzliches Dankeschön an Herrn Pfarrer Hans-Jörg Eiding für die Publikationserlaubnis der Innenaufnahmen

Evangelische Kilianskirche Heilbronn:
http://de.wikipedia.org/wiki/Kilianskirche_%28Heilbronn%29
Siebmachers Wappenbücher wie angegeben
Die Fenster von St. Kilian:
http://home.arcor.de/siegfriedkrueger/Crodel-Fenster.pdf
Friedrich Merzbacher, Johann von Allendorf, Stiftspropst von St. Burkard und Bischöflicher Kanzler (1400-1496): Ein Lebensbild aus dem spätmittelalterlichen Würzburg, Kommissionsverlag Ferdinand Schöning, 1955
Allendorff-Kapelle Würzburg:
http://wuerzburgwiki.de/wiki/Allendorf-Kapelle
Johann von Allendorff:
http://wuerzburgwiki.de/wiki/Johann_von_Allendorf
Alfred Wendehorst, Die Bistümer der Kirchenprovinz Mainz. Das Bistum Würzburg 6. Die Benediktinerabtei und das adelige Säkularkanonikerstift St. Burkard in Würzburg, 2001, Germania Sacra,Neue Folge 40, S. 201 ff., online
http://personendatenbank.germania-sacra.de/files/books/NF%2040%20Wendehorst%20St.%20Burkhard.pdf
Weinleiter:
http://de.wikipedia.org/wiki/Weinleiter
Schröter:
http://de.wikipedia.org/wiki/Schr%C3%B6ter_%28Beruf%29
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Faßleiter, Schrotleiter, Weinleiter

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