Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1961
Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis)

Der Löwenbrunnen auf dem Gmünder Münsterplatz

Der zweite wappengeschmückte Brunnen der Altstadt von Schwäbisch Gmünd steht vor dem Chor des Münsters im nordöstlichen Bereich des Münsterplatzes auf einem zweistufigen Unterbau. Er wird aufgrund der räumlichen Nähe zum Münsterchor entweder Münsterbrunnen oder auch Löwenbrunnen genannt, weil auf dem Brunnenschaft eine Löwenfigur zwei Schilde hält, mit dem schwarzen Doppeladler des Reiches mit einem Habsburger-Brustschild auf dem heraldisch rechten Schild und einem Stadtwappen auf dem heraldisch linken Schild. Zwischen beiden Schilden lugt ein Brackenkopf hervor. Dieser Löwe ist nicht original von 1610 (die alten Stücke sind heute im Scheffold-Gymnasium), sondern eine Kopie aus dem Jahre 1982 von Franz Huber. Der Brunnen stammte ursprünglich aus der Renaissance, aber der steinerne Trog aus dieser Zeit, der 1725 repariert werden mußte, wurde 1773 durch den heute noch vorhandenen gußeisernen Trog ersetzt. Die Brunnensäule zeigt Renaissance-Motive, in der bauchig wie eine Flasche geformten Mittelzone ist sie mit Meerwesen, einer doppelschwänzigen Melusine und einem doppelschwänzigen Meermann, geschmückt.

Nach den Rechnungen wurden die Wappenreliefs vom Bildhauer Johann Ludwig zu Ellwangen gestaltet. Sie zeigen die gleichen zeittypischen, darstellerischen Unzulänglichkeiten wie die Gußeisenplatten am Marienbrunnen, wobei noch einmal ein Qualitätsverlust der Darstellung gegenüber diesem zu vermerken ist, besonders hinsichtlich der Proportionen der hier besonders verkümmert wirkenden Kleinode, bekannte Verfallserscheinungen der Heraldik im Barock. Für den Marienbrunnen wurde später ein anderer Künstler bemüht, der es besser machte. Die Rohre des Säulenlaufbrunnens mit seinen vier aus Faunsmasken hervorkommenden Rohren an Rankenauslegern wurden in Nürnberg vom Stückgießer Victor Gerold angefertigt. Die Eisenplatten des Trogs wurden oft renoviert, zuletzt 1981/82.

Die acht Flächen des gußeisernen Brunnentroges, die in Wasseralfingen gegossen worden sind und deren Ecken jeweils mit Rocaille-Werk belegt sind, tragen insgesamt elf Wappen, wovon eines zur Stadt Gmünd selbst gehört und die anderen zehn zu Personen des Stadtregimentes, die sich beim Bau des Brunnens im Jahre 1773 als Stifter hervortaten (Zuordnung nach Strobel). Auf einer Brunnentrogfläche werden drei Wappen zusammengefaßt, auf einer anderen zwei, ansonsten wird immer ein Wappen pro Fläche dargestellt.

Die nordwestliche Seitenwand des Brunnentroges trägt das Stadtwappen der Reichsstadt Gmünd. Das von einem geflügelten Engelchen gehaltene Doppelwappen besteht aus zwei zusammengefaßten Einzelkartuschen, rechts in Gold ein schwarzer Adler für die Reichsstadt, in den Fängen rechts ein silbernes, golden gegrifftes Schwert und links ein goldenes Zepter haltend, links in Rot ein silbernes, aufspringendes Einhorn, das eigentliche Stadtwappen. Unten wird die Komposition flankiert von den beiden Ziffernpaaren der Jahreszahl 1773. Dieser Brunnentrog wurde also drei Jahre vor dem auf dem Marktplatz angefertigt.

Die westliche Seitenwand des Brunnentroges trägt das Wappen des Bürgermeisters Franz Dominikus Jageisen, welches auch am Marienbrunnen dargestellt wird. Sein Wappen zeigt hier in Rot über einem schwarzen Dreiberg ein goldenes, schwarz bebandetes Hifthorn (Jagdhorn), auf dem Helm mit rot-goldenen Decken ein wachsender, naturfarbener Jagdhund (Bracke) zwischen einem rechten goldenen und einem linken roten Büffelhorn.

Die nördliche Seitenwand des Brunnentroges trägt das Wappen des Bürgermeisters Joseph Ferdinand Anton Storr von Ostrach, welches auch am Marienbrunnen dargestellt wird. Das Wappen ist in der hiesigen Darstellung und Farbfassung geviert mit Herzschild, Feld 1 und 4: in Gold eine schräggestellte, naturfarbene, dreisprossige Steigleiter, Feld 2 und 3: in Rot schrägbalkenweise gestellt drei goldene Kugeln, Herzschild: blau-golden geteilt mit einem grünen, ausgerissenen Baum. Zwei gekrönte Helme: Helm 1 (rechts): auf dem Helm mit rot-goldenen Decken wachsend ein Knabe in blau-golden geviertem Gewand, in der Rechten eine ausgerissene grüne Pflanze haltend, die Linke eingestemmt, Helm 2 (links): auf dem Helm mit rot-goldenen Decken ein roter Spitzhut zwischen einem goldenen Paar Büffelhörner.

Die südwestliche Seitenwand des Brunnentroges trägt das Wappen des Oberstättmeisters Johann Franz Sebastian Doll, welches auch am Marienbrunnen dargestellt wird. Das Wappen ist hier geteilt, oben in Rot ein goldenes Füllhorn mit Blumen in der Öffnung, unten in Blau ein silberner Wellenschrägbalken, auf dem gekrönten Helm mit blau-roten Decken ein wachsender, goldener und rotgezungter Löwe, in den Vorderpranken ein goldenes Füllhorn mit Blumen darin haltend, zwischen einem blau-rot übereck geteilten Flug.

Die südöstliche Seitenwand des Brunnentroges trägt das Wappen des Bürgermeisters Johann Michael König, welches auch am Marienbrunnen dargestellt wird. Das Wappen ist hier geviert, Feld 1 und 4: in Silber ein einwärtsgerichteter, roter Löwe, der in seinen Vorderpranken eine goldene Krone trägt, Feld 2 und 3: blau-rot geteilt mit drei (2:1) goldenen Kronen, auf dem gekrönten Helm mit blau-roten Decken ein wachsender, roter Löwe, der in seinen Vorderpranken eine goldene Krone trägt.

Die nordöstliche Seitenwand des Brunnentroges trägt das Wappen des Oberstättmeisters Sebastian Ziegler, welches auch am Marienbrunnen dargestellt wird. Das Wappen ist hier geviert, Feld 1 und 4: in Blau das einwärts gekehrte silberne Brustbild eines Mannes mit silberner, turbanartiger Mütze, Feld 2 und 3: in Gold ein schwarzer Flug, auf dem gekrönten Helm mit blau-goldenen Decken wachsend ein Mann mit silberner Mütze in schwarz-golden gespaltener Kleidung, anstelle der Arme zwei ausgebreitete Flügel in Gegenfarbe.

Auf der Ostseite des Brunnentroges werden drei Wappen auf einer Fläche zusammengefaßt, das des Stättmeisters Franz Fischer optisch ganz links, das des Stättmeisters Johann Maier in der Mitte und das des Stättmeisters Georg Franz von Stahl optisch rechts.

Das optisch linke Wappen auf der östlichen Seitenwand des Brunnentroges gehört zum Stättmeister Franz Fischer. Das Wappen ist in der vorliegenden Gestaltung und Farbfassung gespalten, rechts in Silber zwei schräglinke rote Balken, auf dem mittleren silbernen Platz ein grüner, schräglinks gelegter Fisch (redendes Wappen!), links in Rot ein aufspringendes silbernes Einhorn (vgl. Stadtwappen von Gmünd), auf dem gekrönten Helm mit rot-silbernen Decken ein wachsendes silbernes Einhorn. Franz Fischer hat es im Gegensatz zu den anderen Personen selbst nicht in das Amt eines Bürgermeisters geschafft. Er taucht auch nicht mehr auf dem Marienbrunnen auf, sondern wurde dort durch Franz Franckenstein ersetzt.

Das mittlere Wappen auf der östlichen Seitenwand des Brunnentroges gehört zum Stättmeister Johann Maier (Mayer), welches auch am Marienbrunnen dargestellt wird. Sein Wappen ist hier blau-golden-rot-silbern geviert mit einer pfahlweise gestellten grünen Pflanze mit Blättern und drei kolbenartigen Blüten- oder Samenständen, auf dem Helm mit blau-goldenen Decken ein wachsender Jüngling in blau-rot gespaltener Gewandung mit goldenem Gürtel, in der Rechten die grüne Pflanze aus dem Schild haltend, aber nur mit einem Blüten- oder Samenstand, die Linke eingestemmt.

Das mittlere Wappen auf der östlichen Seitenwand des Brunnentroges gehört zum Stättmeister Georg Franz von Stahl. Während am Marienbrunnen auf dem Marktplatz sein vollständiges Wappen mit geviertem Hauptschild und Herzschild sehen, so wird hier nur der Inhalt des Herzschildes als Vollwappen dargestellt, dazu in abweichenden Farben. Sein Wappen zeigt hier in Silber auf grünem Boden stehend einen Mann in blau-rot gevierter Kleidung und mit roter Mütze, der mit einer naturfarbenen Armbrust schießt, auf dem gekrönten Helm mit blau-roten Decken das Schildbild wachsend.

Auf der Südseite des Brunnentroges werden zwei Wappen auf einer Fläche zusammengefaßt, so daß dieser Brunnen ein Wappen mehr hat als der Marienbrunnen. Das optisch linke Wappen davon gehört zum Stättmeister Johann Ignaz Maier. Es zeigt in der hiesigen Darstellung in Silber auf einem braunen Dreiberg einen grünen, zweistufig geformten Baum, auf dem Helm mit blau-silbernen Decken ein wachsender Mann in silbern-blau gevierter Kleidung, auf dem Kopf eine silberne Mütze, in der Rechten den ausgerissenen grünen Baum haltend, die Linke eingestemmt.

Das optisch rechte Wappen auf der Südseite des Brunnentroges trägt das Wappen des Ratskonsulenten Alois Beißwenger (Beißwinger), welches so auch am Marienbrunnen dargestellt wird. Sein Wappen ist hier halbgespalten und geteilt, oben rechts in Rot drei (2:1) silberne Ringe, oben links in Silber ein blauer Schrägbalken, unten in silbern-blau geschachtem Feld ein roter Balken, auf dem gekrönten Helm mit rot-silbernen Decken ein wachsender, golden behalsbandeter und gekrönter, silberner Vogel mit erhobenen Schwingen.

Literatur, Links und Quellen:
Richard Strobel, Die Kunstdenkmäler der Stadt Schwäbisch Gmünd, Deutscher Kunstverlag, 1995, Band 3, S. 297-298
Ein herzliches Dankeschön an Frau Barbara Hammes, Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, für wertvolle Hinweise
Siebmachers Wappenbücher
J. Siebmachers Grosses Wappenbuch Band E. Württembergisches Adels- und Wappenbuch. Im Auftrage des Württembergischen Altertumsvereins begonnen von Otto v. Alberti, Bauer & Raspe 1975 (Reprint), 1112 Texts. mit 4132 Wappen + 122 S. Figurenverzeichnis.
Liste der Bürgermeister:
http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_B%C3%BCrgermeister_von_Schw%C3%A4bisch_Gm%C3%BCnd
Hinweistafel am Objekt
800 Jahre Stadt Schwäbisch Gmünd, 1162-1962, Festbuch, Herausgeber Stadt Schwäbisch Gmünd 192, ASIN: B004L3UNYA
Max Schneider, von den Wappen an den beiden Röhrenbrunnen auf der Hofstatt und am Marktplatz, Gmünder Heimatblätter 4 (1931) S. 89-92
Hermann Kühl, Gußeiserne Brunnen im Kreis Gmünd, Gmünder Heimatblätter 24 (1963) S. 43-44
Theodor Zanek, der Löwenbrunnen vor dem Münster, in: GHF Nr. 61 (1982), S. 243-244

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