Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1915
Schwäbisch Hall (Landkreis Schwäbisch Hall)

Ehem. Johanniterkommende (Heimbacher Gasse 2)

Der hier vorgestellte Wappenstein befindet sich auf der westlichen Kocherseite. Aus der Stadt rechts des Kochers führt die Neue Straße direkt auf die Steinbrücke zu, die den Fluß überquert, und so führt der Weg direkt auf die hier zu besprechende Gebäudegruppe rings um die ehemalige Johanniterkirche zu. Hier befand sich einst die Johanniterkommende der Stadt Hall. Südlich der Kirche St. Johann zieht sich ein langgestrecktes Gebäude entlang der Heimbacher Gasse, bestehend aus einem rückwärtigen, zweistöckigen, älteren Hinterhaus (dendrochronologisch datiert auf 1501-1502, inschriftlich datiert auf 1502) und einem flußseitigen, vierstöckigen, neueren Eckbau (Vorderhaus, dendrochronologisch datiert auf 1822-1823). Einst bildete hier der Heimbach, nach dem die Straße heute heißt, den südlichen Abschluß des Johannitergeländes. Das Hinterhaus war das Spital, und die Komturei stand an der Stelle des heutigen Vorderhauses.

Die Ordensniederlassung wurde gegen 1190 im Anschluß an den Dritten Kreuzzug gegründet und bestand bis zu ihrer Aufhebung um 1600. Sie gehörte zum Großpräzeptorat Franken. Aus der Frühzeit stammt noch ein romanisches Biforienfenster rechts der kocherseitigen Biedermeiertür. Die Johanniter hatten in ihrer Niederlassung nicht nur eine Kirche (erster Bau nach 1185, zweiter Bau 1385-1418: Chor Ende des 14. Jh., Langhaus 1400, Turm 1417-1418) und ein Gebäude zur Verwaltung der Kommende, sondern auch das erste Krankenhaus der Stadt. Genauer gesagt gab es zwar früher bereits ein städtisches Spital, doch übernahm die Kommende 1249 dessen Finanzen (Vermögen und Siederechte) und Aufgaben mit der Verpflichtung zur Versorgung von maximal 20 Kranken. Wo heute Klamotten verkauft werden, wurden im hohen Mittelalter im Spital Kranke versorgt. Ein Altenheim war es jedoch nicht, es war kein Verbleib für dauerhaft Pflegebedürftige. Erst später, nämlich 1317, übernahm die Reichsstadt das Spital wieder in eigener Regie und bekam die zeitweilig an die Johanniter übergebenen Siederechte zurück. Die Johanniterkommende erlebte durch ihre Beziehungen zum Adel der Umgebung im 13./14./15. Jh. eine Blütezeit: Zahlreiche Stiftungen und Zuerwerbungen vergrößerten das Ordensvermögen, und die Johanniterkirche wurde zu einer bevorzugten letzten Ruhestätte. Und so konnte man sich 1501-1502 auch den Neubau leisten; der hier diskutierte Wappenstein befindet sich im rechten Teil des Photos unten, zwischen dem dritten und vierten der häßlich zugeklebten Fenster, von rechts gezählt.

Die Kommende nahm gegenüber der Stadt stets eine gewisse Sonderrolle ein, denn sie war wirtschaftlich selbständig und unterstand der Zentrale in Rhodos, und u. a. besaß sie aufgrund eines von Kaiser Karl IV. gewährten Privilegs Asylrecht. Unangenehm wurde es für die Johanniter erst mit der Reformation. Ab 1534 durfte in der Johanniterkirche kein katholischer Gottesdienst mehr gefeiert werden, 1543 wurde den Ordensrittern ein protestantischer Pfarrer vor die Nase gesetzt, und um 1600 hatten die letzten Ordensritter restlos die Nase voll vom Streit mit der Stadt und verzogen sich nach Affaltrach, wo sie bereits 1289 das Patronat erworben hatten und sich nun ein Schloß bauten.

Der Wappenstein zeigt nur das persönliche Wappen des Komturs ohne die üblichen Ordenshinweise. Die direkt unter dem Wappenstein eingehauene Inschrift nennt den Komtur Friedrich von Enzberg und nennt das Jahr 1502 für die bauliche Erneuerung der Kommende. Friedrich von Enzberg war 1480-1507 Komtur der Johanniterkommende Schwäbisch Hall. Ein weiteres Wappen dieses Komturs ist übrigens an der Kirche zu Affaltrach zu sehen. Das Wappen der Herren von Enzberg zeigt in Blau einen goldenen, mit einem roten Stein versehenen Fingerring, auf dem Helm mit blau-goldenen Decken auf einem roten Kissen der Fingerring wie im Schild. Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: Bad Seite: 19 Tafel: 12, Band: Els Seite: 7 Tafel: 9, Band: Wü Seite: 7 Tafel: 8. Gleicherweise sind die Darstellungen im Codex Ingeram (dort Helm gekrönt, kein Kissen), im Wernigeroder Wappenbuch (ohne Kissen) und im Alten Siebmacher (dort ein blaues Kissen) tingiert. Abweichend ist die Darstellung im Scheiblerschen Wappenbuch (Folio 238) mit rot-silbernen Decken, ebenfalls ohne Kissen in der Helmzier. Beim vorliegenden Stein entsprechenden die Farbreste den Tinkturen Blau und Gold. In dem hier eingemauerten Wappenstein sind die spätgotischen Helmdecken besonders üppig gestaltet und nehmen den gesamten Hintergrund ein, auch schlingen sie sich durch den Ring der Helmzier.

Die Familie, die nicht zum Haller Stadtadel gehörte, hatte ihr 1384 zerstörtes Stammhaus Enzberg in der Nähe des Klosters Maulbronn, dessen Schirmvögte sie stellte. Heute gehört Enzberg zur Stadt Mühlacker. Die Familie war später ab 1409 in Mühlheim/Donau (Lkr. Tuttlingen) begütert, wo sie die Vogtei über das Kloster Beuron innehatte und wo sie noch heute auf dem Schloß lebt. Die Herren von Enzberg sind stammesverwandt und wappenverwandt mit den von Dürmenz (Dürrmenz, vgl. Siebmacher Band: Els Seite: 6 Tafel: 8, Band: WüA Seite: 85 Tafel: 49, mit widersprüchlichen Tinkturangaben) und den Herren von Niefern (vgl. Siebmacher Band: WüA Seite: 251 Tafel: 142, ebenfalls mit dem Fingerring als Schildbild).

Nach der Aufhebung der Kommende diente der sog. Commentur-Hof verschiedensten Zwecken, als Wohnhaus, Scheune und Stall, u. a. im 19. Jh. als sog. Ritterbrauerei bzw. Gasthaus zum Ritter. Die Ordensritter liehen ihren ehrenwerten Namen jetzt nur noch einer Bierkneipe. Mit der Säkularisierung war das Anwesen 1805 an den württembergischen Staat gefallen, und als erster privater Besitzer wird Ritterwirt Heinrich Wacker genannt, der das Anwesen 1810 vom Staat gekauft hat, nach ihm folgten als Besitzer sein Sohn Friedrich Wacker (-1848), dann ging es an dessen Witwe, schließlich an deren zweiten Ehemann Philipp Ott (-1867), dann 1870 an den Enkel des Gründers, David Wacker, 1896 durch Verkauf an Friedrich Schulz, 1909 an Friedrich Möhle, 1920 an Emil Voelter, 1931 an Erich Voelter, der die Gaststätte bis 1941 betrieb. Heute beherbergen beide Teile das Kaufhaus Woha Drexel GmbH & Co. KG. Die ehemalige Ordenskirche St. Johann wurde erst 1816 Lagerraum, dann 1846 Turnhalle. Die einst reichhaltige Ausstattung ist größtenteils verlorengegangen.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher wie angegeben
Häuserlexikon Schwäbisch Hall:
http://www.schwaebischhall.de/buergerstadt/geschichte/haeuserlexikon.html - Gebäudeverzeichnis: http://www.schwaebischhall.de/buergerstadt/geschichte/haeuserlexikon/gebaeudeverzeichnis.html
Gebäude:
http://www.schwaebischhall.de/buergerstadt/geschichte/haeuserlexikon/gebaeudeverzeichnis.html?Detail=79
Der Stadt Schwäbisch Hall und dem Stadtarchiv ein herzliches Dankeschön für mustergültige und vorbildliche Präsentation der Häuser und Wappen der Stadt im Internet.
Andreas Maisch: Johanniterkommende Schwäbisch Hall - Geschichte:
http://www.kloester-bw.de/klostertexte.php?kreis=&bistum=&alle=&ungeteilt=&art=&orden=&orte=&buchstabe=&nr=209&thema=Geschichte
Wappen Enzberg:
http://www.schwaebischhall.de/buergerstadt/geschichte/stadtarchiv/familienwappen/wappen-d-f.html
Herren von Enzberg:
http://de.wikipedia.org/wiki/Enzberg_%28Adelsgeschlecht%29
Wappen Enzberg im Ingeram-Codex:
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ingeram_Codex_104.jpg
Wappen Enzberg im Scheiblerschen Wappenbuch:
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Enzberg_Scheibler238ps.jpg
Wappen Enzberg im Wernigeroder Wappenbuch:
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wernigeroder_Wappenbuch_295.jpg
Wappen Enzberg im Alten Siebmacher:
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Siebmacher110-Entzberg.jpg
Wappen Enzberg im Kreuzgang des Konstanzer Münsters:
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Enzberg-PS235.jpg
Wappen Enzberg im Alberti:
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alberti_Wappenbuch_H03_S_0169.jpg und http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alberti_Wappenbuch_H03_S_0170.jpg
Wappen von Mühlacker:
http://de.wikipedia.org/wiki/Enzberg_%28M%C3%BChlacker%29
W. G. Rödel, Ehemalige Ordenshäuser der Johanniter in Baden-Württemberg: Schwäbisch Hall. In: Der Johanniterorden in Baden-Württemberg 76, 1988, S. 12-18.
Eduard Krüger, Schwäbisch Hall, ein Gang durch Geschichte und Kunst, neu bearb. von Fritz Arens und Gerd Wunder, Eppinger Verlag Schwäbisch Hall 1990, S. 98 ff.
E. Kaum, Das Johannesspital in Schwäbisch Hall bis zum Ende des sechzehnten Jahrhunderts, Veröffentlichungen des Stadtarchivs Schwäbisch Hall Nr. 9, Schwäbisch Hall 1998.

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