Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1906
Schwäbisch Hall (Landkreis Schwäbisch Hall)

Großcomburg (4) - die neue Dekanei

Die 1732-1737 errichtete neue Dekanei stellt den größten Bau der nördlichen Bebauung der Comburg dar. Sie steht in schwierigem Gelände, denn der Torweg kommt von der unteren Ebene der Comburg und führt zur zweiten Ebene (Wambold-Bau, Adelmann-Bau), um vor dem linken Eckrisalit scharf umzuknicken und auf die dritte, höchste Ebene mit der Stiftskirche zu führen. Die neue Dekanei steht also auf schrägem Gelände und hat vor sich keine Freifläche, sondern einen bebauten Hügel, auf dem zudem direkt davor die Sechseckkapelle steht. Und dennoch konnte man eine typisch barocke Achse verwirklichen: Der Mittelrisalit des Gebäudes steht in einer Flucht mit dem Nordportal der Stiftskirche, und der Treppenweg unter der Sechseckkapelle hindurch verbindet beide. Der Architekt ist vermutlich der kurmainzische Baumeister Anselm Franz Freiherr von Ritter zu Groenesteyn, was der Vergleich mit seinen anderen Bauten nahelegt, z. B. dem Oberamtmannshaus in Amorbach (heute Schloß der Fürsten von Leiningen). Auch stammte der als Maurermeister engagierte Christoph Metzler aus Amorbach, und der Baudirektor war in beiden Fällen dieselbe Person, nämlich Johann Franz Wolfgang Damian von Ostein, was die Verwandtschaft beider Bauten erklärt.

Trotz dieser beengten Raumsituation entschloß man sich unter Dekan Wilhelm Ulrich von Guttenberg, anstelle der alten Gebäude aus dem Mittelalter und der Renaissance einen gewaltigen, zur Rampe hin zweistöckigen Repräsentativbau mit Mansarddach zu errichten, mit einem Mittelrisalit und zwei Eckrisaliten von jeweils drei Fensterachsen und je fünf Fensterachsen dazwischen. Insgesamt 19 Fensterachsen sah die ursprüngliche Planung vor, der die alte Dekanei bei vollständiger Ausführung zum Opfer gefallen wäre, der romanische Torbau ebenso. Vielleicht hätte man sogar die Sechseckkapelle abgerissen. Doch die neue Dekanei wurde mangels Geld nie fertig, sondern blieb Torso, und glücklicherweise blieben die einzigartigen älteren Baudenkmäler erhalten. Realisiert wurde nur der linke Teil inclusive dem Mittelrisalit, von insgesamt 11 Fensterachsen Breite. An den beiden östlichen Gebäudeecken zeugt die zackig aufgelassene Mauer sowohl auf der Vorder- als auch auf der Rückseite von der geplanten Fortsetzung. Johann Gottfried Lothar Franz von Greiffenclau zu Vollraths, der letzte Comburger Dekan, baute zwar weiter an der Dekanei, aber auch er konnte sie aus finanziellen Gründen nicht fertigstellen, denn die Kriege von 1796, 1799 und 1800 brachten solche Belastungen mit Einquartierungen, Kontributionszahlungen und Naturalabgaben, daß finanziell keinerlei Spielraum mehr fürs Bauen blieb. Als die Comburg Apanage-Schloß für einen württembergischen Prinzen war, wurde in der Neuen Dekanei am 21.2.1808 Prinz Friedrich Carl Augustus geboren, der Vater des späteren Königs Wilhelm II. von Württemberg (25.2.1848-2.10.1921). Heute sind im Inneren der Neuen Dekanei oben der Rokoko-Festsaal sowie Büros für die Akademieverwaltung und unten die Küche, der Speisesaal und zwei weitere Büroräume untergebracht.

Der Mittelrisalit hat in seinem dreieckigen Giebelfeld eine Darstellung mit dem Stiftswappen der Comburg, in Blau ein goldener, hersehender Löwenkopf (Löwenmaske, Leopardenkopf), der in die Spitze eines erniedrigten goldenen Sparrens beißt. Das Stiftswappen wird umgeben von drei barock interpretierten Rittern, den Stiftern des Klosters. Diese Figuren beziehen sich auf die Grafen von Comburg, die 1078 ihre Burg im Zuge der von den Lothringer Reformklöstern ausgehenden Frömmigkeitsbewegung des 12. Jh. in ein Kloster verwandelten, welches in seiner Ausrichtung noch weiter ging und sich noch während des Baus der noch radikaleren Hirsauer Reformbewegung anschloß und Beziehungen zu den Reformklöstern Lorch und Maria Laach unterhielt. Der letzten Generation der Grafen von Comburg-Rothenburg gehörten vier Brüder an, die Grafen Burkhard, Rugger (Rutger), Emehard und Heinrich. Burkhard war der eigentliche Betreiber der Klostergründung. Aufgrund einer fortschreitenden körperlichen Einschränkung (evtl. massive Osteoporose), die ihn immer stärker verkrüppelte, konnte er immer weniger das normale Leben eines Adeligen seiner Zeit führen und wandte sich ersatzweise vermehrt der Religion zu. Er stand in Kontakt mit Abt Wolfhelm vom Kloster Brauweiler, und alles zusammen ergab die Rahmenbedingungen, innerhalb derer er sich für ein kontemplatives Leben entschloß. Die ersten Mönche kamen aus Brauweiler, aber bald schon suchte man den Anschluß an Hirsau, und der erste Abt kam von dort. Stilistisch und architektonisch war die mittelrheinische Baukunst der Romanik richtungsweisend mit den Wandgliederungen aus Lisenen und Rundbogenfriesen, mit den Würfelkapitellen und Zwerggalerien. Die Spitzkonsolen unter den Rundbogenfriesen sind hingegen eine Comburger Eigenart, die sich auch in Steinbach und in Kleincomburg finden lassen.

Konkret sind die drei wichtigsten Stifter Graf Burkard von Comburg, der selbst in das Kloster eintrat, weiterhin der Mainzer Ministeriale Wignand von Castell aus Mainz, der ein Freund von Burkhard war und ebenfalls in das Kloster eintrat, und Graf Heinrich von Comburg, Stifter der Kleinen Comburg. Ihre Gebeine liegen im Stiftersarkophag in der Stiftskirche, zusammen mit denen des 3. Abtes namens Hertwig, einer bestimmenden Figur der ersten Hälfte des 12. Jh., zugleich Stifter des Radleuchters und des Antependiums. Bischof Adalbero von Würzburg weihte die erste Klosterkirche am 21.12.1088. Des Klostergründers Bruder, Graf Emehard von Comburg, der selber die Stiftung nicht besonders unterstützte, wurde als kaiserfreundlicher Kandidat Adalberos Nachfolger auf dem Würzburger Bischofsstuhl. Die drei dargestellten Ritter stehen für die drei Brüder, Graf Burkhard, Graf Rugger (Rutger), der der erste Vogt wurde, und Graf Heinrich.

Diese Zeiten waren jedoch lang vorbei, als dieses Gebäude errichtet wurde. Ebenso war die zweite Blütezeit unter Neustetter lange vorbei, eigentlich war die Comburg in der späten Stiftszeit als ehemals aktiver Kulturträger nahezu in Vergessenheit geraten. Das Stift unterstand dem Hochstift Würzburg, für den dortigen Klerus war es eine Außenstelle in der abgelegenen Provinz, mit der sich allerdings Einkommen und Wohlhabenheit erzielen ließen, deshalb nahmen die geistlichen Mitglieder des fränkischen Adels gerne diese Pfründen an. Und wenn man schon auf dieser Außenstelle Präsenz zeigen mußte, gestaltete man sich das Leben auf der Comburg angenehm und repräsentativ.

 

Auf den Fensterstürzen des ersten Obergeschosses sehen wir am Eckrisalit drei jeweils von einer Krone überhöhte Wappenkartuschen der Stiftsmitglieder. Es waren wohl ursprünglich sechs solcher Kartuschen auf der Südseite geplant, doch der rechte Eckrisalit wurde nie gebaut. Ganz rechts ist das Wappen der von Hutten, in Rot zwei goldene Schrägbalken.

 

Optisch links ist das Wappen der von Erthal, geviert, Feld 1 und 4: in Rot zwei silberne Balken, Feld 2 und 3: ledig und blau. Interessanterweise ist hier darstellerisch ein Kompromiß gewählt worden, der zugunsten einer größeren Balkenstärke die beiden Abschnitte der Horizontalteilung in unterschiedliche Richtungen verschiebt. Johann Philipp Heinrich von Erthal (8.4.1700-21.12.1770) wurde 1736 der neunzehnte Dekan des Stifts Comburg. Und in der Mitte befindet sich am linken Eckrisalit das Wappen der von Ostein (seit 1712 Grafen), in Blau ein aufspringender, goldener, rot gezungter Windhund mit rotem Halsband. Der Baudirektor der neuen Dekanei war Johann Franz Wolfgang Damian von Ostein, Kanoniker auf der Comburg und Domkapitular in Bamberg und Würzburg, Mainzer Oberamtmann in Amorbach sowie Bauherr des Osteiner Hofes in Mainz, und außerdem war er der Bruder des Mainzer Kurfürsten.

 

Auch an der westlichen Schmalseite des Gebäudes befinden sich drei analoge wappengeschmückte Schlußsteine über den Fenstern des Obergeschosses, desgleichen an der talseitigen Rückseite (ohne Abbildungen). Es wurden also insgesamt 9 von 18 geplanten Wappenfensterstürzen verwirklicht. Links außen ist das Wappen des achtzehnten Propstes des Stifts Comburg, Johann Veit von Würtzburg (19.10.1674-9.5.1756). Er war 1688 Domherr in Würzburg, wurde 1709 Subdiakon, dann 1710 Diakon, 1714 Geistlicher Rat, 1715 Kapitular des Würzburger Domkapitels, und er amtierte 9.11.1716-1756 als Propst des Stifts Comburg. 1720 wurde er Hofrat und Kammerpräsident, 1722 Geheimer Rat, 1728 Kapitular in Bamberg, 1724 Domdekan in Würzburg, 1729 Propst vom Neumünster in Würzburg. Sein Wappen ist geviert, Feld 1 und 4: Stiftswappen der Comburg, Feld 2 und 3: Familienwappen Würtzburg, in Gold das Brustbild eines bärtigen Mannes, hier aus Courtoisie linksgewendet, schwarz gewandet mit silbernem Kragenaufschlag, auf dem Kopf eine spitze, nach hinten umgebogene schwarze Mütze mit silbernem Aufschlag, an der Spitze ein roter sechszackiger Stern.

Das Pendant auf der rechten Seite ist das Wappen des achtzehnten Dekans des Stifts Comburg, Wilhelm Ulrich von Guttenberg (6.11.1662-5.5.1736), der 1689-1736 amtierte. Sein Wappen ist genauso aufgebaut und geviert, Feld 1 und 4: Stiftswappen Comburg, Feld 2 und 3: in Blau eine goldene Rose mit goldenem Butzen (Familienwappen Guttenberg).

In der Mitte zwischen diesen beiden Stiftsleitern befindet sich das Wappen des Stifts selbst mit dem hersehenden Löwenkopf, der in den Sparren beißt, welcher hier künstlerisch eingebogen ist und dessen Schenkel hier nach unten verbreitert sind. Die Stirnseite zeigt also das Stift und seine Leitung mit jeweils geviertem Amtswappen, die Vorderseite zeigt die Stiftsherren nur mit ihren Familienwappen.

Die Bildersteige

Ebenfalls unter Dekan Wilhelm Ulrich von Guttenberg wurde im Barock die Bildersteige angelegt. Dies ist ein Fußweg, der vom Tal her im Süden und Südosten der Anlage den Konturen des Hügels folgend im Linksbogen von Steinbach zum Haupttor der Comburg hoch führt. Dieser Fußweg wird talseitig von barocken Figuren auf wappengeschmückten Sockeln gesäumt. Es sind nur noch wenige Figuren am originalen Platz, manche fehlen, und die vorhandenen sind bemoost und verwittert und z. T. auch noch von Vandalen beschmiert. Manche Sockel sind neu und ohne Wappen. Der Vollständigkeit wegen seien die noch vorhandenen Wappen aber ebenfalls aufgenommen, zumal hier oben genannte Familien wieder auftauchen:

   

Noch erkennbar sind an den Sockeln die Wappen von Hoheneck für Johann Philipp von Hoheneck, Kanoniker zu Worms, Comburg und St. Burkard in Würzburg, gest. 1743, in Rot ein silberner Pfahl, beiderseits begleitet von aufrechten goldenen Schindeln (Abb. unten links), von Erthal, geviert, Feld 1 und 4: in Rot zwei silberne Balken, Feld 2 und 3: ledig und blau (Abb. Mitte), und von Hutten, in Rot zwei goldene Schrägbalken. Nur das Erthal-Wappen ist als Vollwappen dargestellt; alle Reliefs sind stark beschädigt.

   

Literatur, Links und Quellen:
Eduard Krüger, Schwäbisch Hall, ein Gang durch Geschichte und Kunst, neu bearb. von Fritz Arens und Gerd Wunder, Eppinger Verlag Schwäbisch Hall 1990, S. 150.
Neue Dekanei:
http://lehrerfortbildung-bw.de/lak/co/standort/gebaeude/neue_dekanei/
Ausstellungskatalog: Die Comburg - Vom Mittelalter bis ins 20. Jh., hrsg. von Elisabeth Schraut, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1989, ISBN 3-7995-3303-6, zugleich Kataloge des Hällisch-Fränkischen Museums Schwäbisch Hall Band 3

Großcomburg (1): die ältesten Wappensteine - Großcomburg (2): die Zeit Neustetters - Großcomburg (3): die Zeit Guttenbergs - Großcomburg (5): die Greiffenclau-Wappen und die Stiftskirche

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