Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1894
Groß-Karben (zu Karben, Wetteraukreis)

Groß-Karben, Leonhardi-Schloß (1)

Das Leonhardi-Schloß im Zentrum von Groß-Karben (Burg-Gräfenröder-Straße 2) hat baugeschichtlich und heraldisch zwei ganz unterschiedliche Gesichter. Das eine, ältere und in den Formen der Renaissance gehaltene ist das der Herren von Cronberg, denjenigen, die hier einen Herrensitz hatten, und von denen in diesem Kapitel die Rede sein soll. Das andere, im 19. Jh. geprägte Gesicht ist das der Freiherren von Leonhardi, die das Anwesen im Jahre 1790 erwarben, und von diesen neueren Wappendarstellungen wird im folgenden Kapitel die Rede sein.

   

Betritt man den weitläufigen Hof des Anwesens, fällt der Blick nach Passieren der beiden floral verzierten Sandstein-Ecksteine rechts und links der Einfahrt (Abb. außen) auf das Prunkstück, den Renaissance-Ziehbrunnen (Abb. Mitte), plaziert vor einem neugotischen, aus der Mitte des 19. Jh. stammenden Kutscherhaus. Die runde Brunneneinfassung wird von zwei seitlichen Pfeilern überhöht, die das Brunnenjoch mit der Rolle tragen. Auf dem Brunnenjoch befinden sich drei pyramidenförmige Aufsätze, wobei der mittlere gegenüber den äußeren durch ein eingeschobenes Bogenfeld mit den Wappen der Bauherren nach oben versetzt ist. Die Wappenkombination steht für Johann Eberhard von und zu Cronberg (1547-8.10.1617), Letzter des Flügelstammes, verh. am 16.9.1565 mit Anna Riedesel zu Eisenbach, Tochter von Hermann VI. von Riedesel zu Eisenbach und Margarethe von der Malsburg. Der Brunnen wurde 1851 renoviert (Inschrift am Brunnenjoch).

Johann Eberhard von Cronberg wurde zuerst im Dienst der Mainzer Kurfürsten Amtmann zu Alzenau bei Gelnhausen. 1577 schaffte er einen großen politischen Karrieresprung, denn er wurde Burggraf von Friedberg und versah dieses Amt 40 Jahre lang. Damit war er Oberhaupt einer kleinen, quasi reichsunmittelbaren Adelsrepublik und Chef eines kleinen Reichsterritoriums, wobei das Verhältnis zur gleichnamigen Stadt, in deren Rat sechs Burgmannen saßen, stets gespannt war, wobei die Burg stets versuchte, die Stadt unter Kontrolle zu bringen, und die Stadt stets versuchte, sich aus der Abhängigkeit zu befreien. Dieser Burggraf stand für eine kompromißlose Haltung, und bis zu seinem Tod gab es keinerlei direkten Kontakt zum Stadtoberhaupt. Johann Eberhard von Cronberg erbaute auf dem Gelände der Reichsburg Friedberg das größte Gebäude und den bedeutendsten Profanbau, den Cronberger Hof, der später allgemeiner Burggrafensitz wurde. An diesem Gebäude begegnet uns das hier beschriebene Wappenpaar mehrfach wieder. Während der Cronberger Hof in Friedberg sein Dienstsitz war, war das Anwesen in Groß-Karben ein nahe gelegener privater Sitz. Nach 17 Jahren Burggrafentätigkeit bekam er von der Ritterschaft in Anerkennung seiner Verdienste eine Schäferei und zwei Fischwasser in Klein- und Groß-Karben gegen einen bestimmten Jahreszins. In Wien ist die auf den 30.7.1594 datierte Zustimmung Kaiser Rudolfs zu dieser Übertragung erhalten, und die mit dem Cronberg-Wappen bezeichneten Bauelemente stehen wohl in Zusammenhang mit dieser Transaktion.

Eine weitere Querverbindung ergibt sich zu einem Epitaph für Annas Eltern in der Stadtkirche von Lauterbach (Vogelsbergkreis). Dort sind auf dem elterlichen Epitaph alle Kinder figürlich klein zu Füßen der Hauptpersonen dargestellt, wobei die zum Zeitpunkt der Anfertigung bereits verheirateten Töchter mit einem Allianzwappen versehen sind, so auch Anna von Riedesel (siehe dort).

Der Wappenschild heraldisch rechts steht für Johann Eberhard von und zu Cronberg und ist geviert, Feld 1 und 4: in Silber 4 (2:2) blaue Eisenhütlein (blau-silberner pfahlförmig angeordneter Eisenhutfeh), Feld 2 und 3: rot und ledig. Das hier nicht dargestellte Kleinod wäre zu rot-silbernen Decken ein Flug, von in Silber 4 (2:2) blauen Eisenhütlein (silbern-blauer pfahlförmig angeordnetem Eisenhutfeh) und Rot geviert. Der Flügelstamm führt keine Krone(n) im Schild und hat zur Unterscheidung von den beiden anderen Stämmen der Familie einen wie der Schild bez. Flug als Helmzier. Der Wappenschild heraldisch links steht für seine Ehefrau Anna Riedesel zu Eisenbach, er zeigt in Gold einen schwarzen Eselskopf mit einem dreiblättrigen Riedgras im Maule. Das hier nicht dargestellte Kleinod wäre zu schwarz-goldenen Decken ein offener schwarzer Flug, beiderseits mit einem goldenen Schildchen mit dem schwarzen Eselskopf belegt.

Dieses Wappenpaar taucht noch mehrfach am Leonhardi-Schloß auf. Das Bild oben zeigt einen vermauerten Torbogen an einem Nebengebäude an der südlichen Grundstücksgrenze, den Adelssitz von der zum Park führenden Straße abgrenzend, auf 1601 datiert. Das Bild unten zeigt eine vermauerte Pforte mit rundbogig ausgeschnittenem Sturz am Nordrand des Komplexes zur Westlichen Ringstraße hin, inschriftlich auf 1616 datiert, ein Jahr vor dem Aussterben des Flügelstammes. Die Wappen sind jeweils inhaltsgleich mit dem am Brunnen beschriebenen und den gleichen Personen zuzuordnen. Die Anlage wurde im Dreißigjährigen Krieg zerstört, und ihre Reste wurden in einen barocken Wiederaufbau integriert.

Genealogie des Flügelstammes vom Begründer desselben bis zum Letzten:

Literatur, Links und Quellen:
Kulturdenkmäler in Hessen (Landesamt für Denkmalpflege Hessen): http://denkxweb.denkmalpflege-hessen.de/cgi-bin/mapwalk.pl?obj=5954&session=441088&event=Query.Details
M. Müller-Hillebrand: Cronberg, Geschichte eines Rittergeschlechtes und seiner Burg, Verlag Waldemar Kramer Frankfurt 1950, 3. Auflage 1984, ISBN 3-7829-0084-7
Jutta und Wolfgang Ronner: Die Herren von Kronberg an Nahe, Neckar, Rhein und Main, Selbstverlag Wolfgang Ronner 1980, ISBN 3-9800322-0-5
Wolfgang Ronner, Stammtafel der Ritter, Herren und Grafen von Kronberg, Selbstverlag Wolfgang Ronner 1981, ISBN 3-9800322-1-3

Wolfgang Ronner, Kronberger Geschichtsblätter, hrsg. v. Verein für Geschichte und Heimatkunde Kronberg e.V., Heft 11: Über die Familie von Kronberg in Krieg und Frieden, 2002
Johann Eberhard von Cronberg: http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Eberhard_von_Kronberg

ev. Pfarrkirche Groß-Karben - ev. Gemeindehaus Groß-Karben - Groß-Karben, Leonhardi-Schloß (2)

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