Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1845
Schwäbisch Hall (Landkreis Schwäbisch Hall)

Wibelhaus (Am Markt 8)

Im Bild ist die nordwestliche Ecke des Marktplatzes zu sehen mit zwei sehr ähnlichen Häusern. Das linke ist die ehemalige, direkt neben dem Rathaus gelegene Ratstrinkstube und Bürgertrinkstube (Am Markt 7), das rechte das ehemalige Wibelhaus (Am Markt 8). Beide Häuser sind spätbarocke Putzbauten mit Sandsteingliederung, und sie stammen aus der Phase des Wiederaufbaus nach dem Stadtbrand 1728. Das Wibelhaus wurde um 1732 nach Plänen von Johann Ulrich Heim neu erbaut. Die Bauleitung hatte Eberhard Friedrich Heim. Diese beiden Namen sind auch vom Wiederaufbau des Rathauses her bekannt.

Beide Häuser waren einst das württembergische Oberamt, seit 1958 Sitz des Landratsamts Schwäbisch Hall, und 1977 wurden die beiden seit 1909 baulich durch Durchbrüche eng miteinander verbundenen Häuser vom Land an die Stadt verkauft. Das linke Haus besitzt kein Wappen, das rechte dafür zwei, eines an der dem Marktplatz zugewandten Ostfassade und eines an der Nordostecke.

Das ältere und bessere Wappen befindet sich über dem Portal an der Nordseite des Hauses. Das heraldisch linke Wappen steht für den Ratsherrn Johann Balthasar Wibel (18.1.1693-31.1.1737), der nach dem Stadtbrand sein Haus neu im Stile der Zeit aufbauen ließ. Er war der Sohn von Josef Bernhard Wibel, Pfarrer, und dessen Ehefrau Euphrosina Driller. Er studierte Jurisprudenz und Philosophie in Tübingen, promovierte und wurde zuerst Advokat am württembergischen Hofgericht, dann ging er nach Wetzlar an das Reichskammergericht. Im Jahr 1719 wurde er in Hall zum außerordentlichen Ratsadvokat berufen, 1723 zum ordentlichen Ratsadvokaten bestallt. Im Jahr 1727 wurde er Mitglied des Rates, 1732 wurde er Amtmann im Kocheneck und 1736 Rechnungsprüfer der Stadt Hall. Er starb im Alter von nur 44 Jahren. Mit seiner am 22.8.1724 geehelichten Frau (deren Vater übrigens Johann Balthasars ehemaliger Gymnasialrektor war) hatte er insgesamt 6 Kinder, Marie Rosine (geb. 1725), Maria Elisabetha (geb. 1726, jung verstorben), Susanna Maria (geb. 1728), Friedrich Bernhard (geb. 1730), Johann Karl (geb. 1732, Pfarrer) und Catharina Magdalena (geb. 1735).

Das Wappen der Familie Wibel zeigt in von Schwarz und Silber gespaltenem Schild eine aufsteigende Spitze, der Schild belegt mit 3 (2:1) Ringen, alles in verwechselten Farben. Auf dem Helm mit schwarz-silbernen Decken eine schwarze Greifenklaue, belegt mit einem schräggestellten, wie der Schild bez. Schildchen. Diese Tinkturen sind belegt durch die Darstellung am Grabstein für Stättmeister Johann Friedrich Wibel (1645-1702) außen an St. Michael sowie durch zwei Darstellungen auf der Stiftertafel Reichalmosen in St. Michael für Catharina Elisabetha Wibel geb. Seiferheld (1694-1762), Witwe des Johann Balthasar Wibel (1693-1737), und für Baugegenschreiber Heinrich Nikolaus Wibel (1668-1741). Ferner wird die schwarz-silberne Tinktur im Innern des Gebäudes durch eine farbig gefaßte, heraldische Stukkatur im ehemaligen Salon bestätigt, die für den gleichen Eigentümer angefertigt wurde.

Eine ganz andere Tinktur-Variante begegnet uns hingegen in der Literatur: Nach Siebmacher Bg3, Seite 34, Tafel 39 (Wibel) und Bg1, Seite 32, Tafel 40 (Wiebel) zeigt das Wappen in von Rot und Silber gespaltenem Schild eine aufsteigende Spitze, der Schild belegt mit 3 (2:1) Ringen, alles in verwechselten Farben. Helmzier eine Greifenklaue, belegt mit einem schräggestellten, wie der Schild bez. Schildchen. Helmdecken rot-silbern. Ebenso wird das Wappen in den Farben rot-silbern abgebildet im Geschlechterbuch des Johann Friedrich Christoph Schrag. Eine weitere Darstellung in dieser Farbkombination findet sich in einem in Kupfer gestochenen Portrait des Georg Bernhard Wibel (1623-1707), Prediger an St. Michael, wo die Tinktur Rot durch entsprechende vertikale Schraffur kenntlich gemacht wurde. Es scheint folglich beide Formen für verschiedene Familienzweige nebeneinander gegeben zu haben.

Das heraldisch linke Wappen steht für Johann Balthasar Wibels Ehefrau Catharina Elisabetha Seiferheld (1694-1762). Das Wappen der Seiferheld (auch: Seifferheld) ist rot-silbern gespalten mit einem Sparren in verwechselten Farben, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein Paar Büffelhörner, das rechte hier silbern mit einem roten Schräglinksbalken, das linke hier rot mit einem silbernen Schrägrechtsbalken.

Das Wappen und die Familie werden beschrieben im Siebmacher Band: Bg13 Seite: 59 Tafel: 41, dort aber mit vertauschten Tinkturen, Silber vor Rot gespalten mit einem Sparren in verwechselten Farben. Alle Darstellungen in Schwäbisch Hall belegen jedoch die oben gegebene Blasonierung des Schildes. Beispiele finden sich mehrere auf den Stiftertafeln Reichalmosen, Waisenhaus und Gymnasium in St. Michael für Anna Maria Seifferheld geb. Seifferheld (1686-1758), Elisabeth Schäffner geb. Seifferheld (1677-1751), Johann Michael Seifferheld (1640-1710), Michel Seifferheld (1612-1685), Georg Friedrich Seifferheld (1613-1686), Hans Jörg Seifferheld (1574-1634) und für Maria Eisenmenger geb. Seifferheld (-1621) sowie an weiteren hier vorgestellten Häusern der Stadt. In allen diesen Darstellungen sind jedoch die Hörner der Helmzier umgekehrt tingiert im Vergleich zum hiesigen Befund, also ein Paar Büffelhörner, das rechte rot mit einem silbernen Schräglinksbalken, das linke silbern mit einem roten Schrägrechtsbalken. Weitere Darstellungen im Siebmacher V, 1, S. 16, Tafel 15, Siebmacher V, 3, S. 33 und Tafel 37. Im Innern des hier beschriebenen Gebäudes befindet sich ein weiteres Ehewappen in Form einer farbig gefaßten, heraldischen Stukkatur im ehemaligen Salon.

Bei der Familie handelt es sich um ein Salzsiedergeschlecht der Stadt Hall, das auch viele Ratsherren stellte. Der älteste Nachweis ist eine Erwähnung im Haller Beetbuch von 1396, einem Steuerbuch. Den 7 Brüdern Sebastian, Michael, Georg, David, Erasmus, Heinrich und Melchior Seiferheld war am 16.8.1562 von Kaiser Ferdinand I. zu Prag das Wappen verliehen worden. Davon war Michael Seiferheld Siederhauptmann und Schöffe des kaiserlichen Landgerichts in Schwaben. Michael und Erasmus Seiferheld wurden 1577 durch den Kaiser geadelt. Eines der berühmtesten Familienmitglieder war der Stättmeister Georg Friedrich Seiferheld (5.9.1613-15.10.1686), der als Diplomat mit Geschick, mal mehr, mal weniger erfolgreich die Stadt zwischen den Fronten durch den 30jährigen Krieg steuerte.

Catharina Elisabetha Seiferheld (4.11.1694-21.11.1762) war die Tochter von Johann Ludwig Seiferheld, Pfarrer, Gymnasiallehrer, Prediger an St. Michael und Dekan, und seiner Frau Maria Blandina Spänkuch. Sie heiratete in erster Ehe mit 22 Jahren am 7.9.1717, Georg Hufnagel (-5.1.1723), einen zwar vermögenden, aber mit seinen 67 Jahren dennoch alten Mann, älter als ihr eigener Vater. Dennoch war er aufgrund seines Geldes eine gute Partie, weil keine anderen Erben da waren. Dafür vermählt man seine jugendliche Tochter auch schon mal an einen "alten Sack". Catharina Elisabetha tat ihre eheliche Pflicht und gebar ihrem Mann einen Sohn, Johann David Hufnagel (1721-1791). Fünfeinhalb Jahre nach ihrer Hochzeit war sie frei und vermögend und jetzt selbst eine gute Partie, und am 22.8.1724 ehelichte sie Johann Balthasar Wibel. Das Haus am Markt brachte sie als Erbin ihres ersten Mannes mit in die Ehe. Doch auch von ihrem zweiten Mann hatte sie nicht viel, denn er verstarb 1737 mit 44 Jahren, und sie saß da mit ihren fünf Kindern aus dieser zweiten Ehe, die sie alleine großzog. Das Haus erbte ihr Sohn aus erster Ehe.

An der Ostseite des Gebäudes Am Markt 8, auf der zum Marktplatz hingewandten Fassade befindet sich eine nach 1798 entstandene, mit mehreren eisernen Schrauben am Mauerwerk angebrachte eiserne Wappenplatte für den Kaufmann und Handelsmann Johann Peter Braz (Bratz) (15.8.1772-7.2.1841), welcher das Anwesen am 25.5.1798 für 8000 Gulden erworben hatte und hier mit Eisen- und Metallwaren handelte. Er war der Sohn von Wolfgang Friedrich Braz und dessen Ehefrau Anna Magdalena Dürrwald, und er war seit dem 5.12.1799 vermählt mit Maria Sibylla Schiller (20.1.1777-18.2.1854), der Tochter von Johann Ludwig Friedrich Schiller, Pfarrer und Archidiakon, und dessen Frau Catharine Albertina Hartmann. Johann Peter Braz hatte einen Sohn, das einzige Kind von dreien, welches das Erwachsenenalter erreichte, Friedrich Heinrich Theodor Braz (31.1.1814-2.8.1863), vermählt am 21.3.1838 mit Emma Justina Gmelin (28.11.1819-14.1.1887).

Das Wappen Braz (Bratz) ist geteilt, oben in Gold ein schreitender, schwarzer, rotgezungter Löwe, unten silbern-rot gespalten mit einer goldenen, aufwärts gerichteten Pflugschar auf der Spaltungslinie, auf dem schwarz-golden bewulsteten Helm mit rechts rot-silbernen und links schwarz-goldenen Decken ein wachsender Mann, in jeder der ausgestreckten Hände einen goldenen Steckling oder ein Ährenbündel (?) haltend, zwischen einem schwarz-golden übereck geteilten Paar Büffelhörner. Da das Wappen nicht in den einschlägigen Sammlungen enthalten ist, orientiert sich die oben gegebene Blasonierung allein am Befund. Als Schildhalter dienen zwei auf der Tafel hier golden gefaßte Wächter mit Schärpe, gefältelter Halskrause, federgeschmücktem Barett und einer Hellebarde in der äußeren Hand.

Vergleichsabbildungen finden sich in St. Michael auf der Stiftertafel Gymnasium für Johann Jakob Bratz (1629-1718), Metzger und Mitglied des Gerichts, und auf der Stiftertafel Reichalmosen für Johann Friedrich Bratz (1685-1772), Bäcker und Mitglied des Äußeren Rats. Bei diesen Darstellungen ist die aufrechte Pflugschar nicht golden, sondern schwarz, und der Löwe ist eher blau als schwarz auf goldenem Feld, entsprechend die linken Helmdecken und Hörner. In einem Fall ist der Helm rot-silbern bewulstet, im anderen Fall nicht. Der wachsende Mann ist um die Stirn silbern bekränzt, und er trägt einen roten Rock mit silbernen Aufschlägen und ebensolchem Untergewand.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher wie angegeben
Häuserlexikon Schwäbisch Hall:
http://www.schwaebischhall.de/buergerstadt/geschichte/haeuserlexikon.html - Gebäudeverzeichnis: http://www.schwaebischhall.de/buergerstadt/geschichte/haeuserlexikon/gebaeudeverzeichnis.html
Gebäude:
http://www.schwaebischhall.de/buergerstadt/geschichte/haeuserlexikon/gebaeudeverzeichnis.html?Detail=643
Nachbarhaus (Trinkstube):
http://www.schwaebischhall.de/buergerstadt/geschichte/h...html?Detail=644
Wappen Wibel:
http://www.schwaebischhall.de/buergerstadt/geschichte/stadtarchiv/familienwappen/wappen-t-z.html
Wappen Wibel: Geschlechterbuch des Johann Friedrich Christoph Schrag (1703-1780), Bearbeitung von Karl Borchardt 2007
Wappen Wibel:
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Wappen Wibel:
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Wappen Wibel:
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Wappen Bratz:
http://www.schwaebischhall.de/buergerstadt/geschichte/stadtarchiv/familienwappen/wappen-a-c.html
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Wappen Bratz:
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Wappen Seifferheld:
http://www.schwaebischhall.de/buergerstadt/geschichte/stadtarchiv/familienwappen/wappen-se-su.html
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Wappen Seifferheld:
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Stukkatur im Gebäudeinneren:
http://www.schwaebischhall.de/fileadmin/user_upload/images...2009.jpg
Der Stadt Schwäbisch Hall und dem Stadtarchiv ein herzliches Dankeschön für mustergültige und vorbildliche Präsentation der Häuser und Wappen der Stadt im Internet.

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