Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1811
Endingen am Kaiserstuhl (Landkreis Emmendingen)

Wappen im Stadtbild (2)

In der Mitte des zentralen Markplatzes, also in unmittelbarer Nähe der anderen Wappenfundstellen, steht der Marktbrunnen. Es handelt sich um eine moderne Replik, etwas kleiner als das historische Original aus dem 15. Jh., die 1963 errichtet wurde, weil das Original beim Neubau der Volkbank 1962 stark beschädigt worden war. In der Mitte des oktogonalen Sandstein-Beckens ragt eine achteckige Brunnensäule mit im Querschnitt dreieckigen Aufsatz mit Kreuzblumen und Krabben empor, deren drei Seiten die drei Schilde für Österreich (in Rot ein silberner Balken), Üsenberg (in Blau ein silberner Flügel) und Sachsen (von Schwarz und Gold neunmal geteilt, darüber ein grüner schrägrechter Rautenkranz) jeweils unter einem gotischen Blendbogen mit Fiale zeigen. So wurde dieser öffentliche Brunnen als Hoheitszeichen benutzt.

Österreich ist klar, und Üsenberg ebenfalls, beide ergeben zusammen auch das Stadtwappen - aber was hat hier Sachsen verloren? Schließlich waren die Habsburger die Landesherren, nicht die Sachsenherzöge. Aber, hier hilft die Genealogie weiter: Sigmund Erzherzog v. Österreich-Tirol (26.10.1427-1496), Sohn von Friedrich IV. Herzog v. Österreich-Tirol (-24.6.1439) und Anna v. Braunschweig-Göttingen (-1432), ist hier die Schlüsselfigur. Er wird auch der Münzreiche genannt. Seine erste Frau war Eleanor Prinzessin von Schottland (-20.11.1480), Tochter des schottischen Königs James I. (1394-1437). Mit ihr hatte er einen Sohn, Wolfgang v. Tirol, der aber am Tag seiner Geburt verschied. Nach dem Tod seiner schottischen Prinzessin, inzwischen hatte er 1478 die Landgrafschaft Breisgau als Lehen erhalten und war somit Landesherr geworden, vermählte er sich im Februar 1484 in Innsbruck zum zweiten Mal, diesmal mit Katharina v. Sachsen (24.7.1468-10.2.1524), Tochter von Albrecht Herzog v. Sachsen (31.7.1443-12.9.1500) und Sidonie v. Kunstadt-Podiebrad (1449-1.2.1510). Bei der Hochzeit war sie übrigens gerade mal 15 Jahre alt. Auf genau diese Ehe spielt das sächsische Wappen an, und somit läßt sich der Brunnen, also zumindest das zerstörte Original, auf den Zeitraum 1484-1490 datieren, weil Sigismund 1490 die Landesherrschaft an König Maximilian übergab.

Abb.: Auf 1506 datiertes Wappenpaar an einem Haus in der Hauptstraße 59, heute Sitz der Fahrschule am Tor. Noch nicht zugeordnet, Hinweise willkommen.

Abb.: Sog. Üsenberger Hof, Adelshof 20 in Endingen, ein aus der Spätgotik stammendes Haus mit steinernem Erdgeschoß und Fachwerkkonstruktion aus dem 15. Jh. (das Holz für das Dachgebälk wurde im Winter 1482/83 geschlagen). Der Adelshof hat seine Bezeichnung nicht von hier ansässigem Adel, sondern hieß früher Adlershof. Heute ist hier seit 1994 das Vorderösterreich-Museum und das Kaiserstühler Verkehrsbüro, nachdem die Stadt Endingen das Haus 1984 erworben und Anfang der 1990er Jahre grundlegend saniert und restauriert hatte.

Abb.: Allianzwappen über dem spätgotischen Eingang des Fachwerkhauses Adelshof 20, sog. Üsenberger Hof. Mit den alten Üsenbergern, den ehemaligen Ortsherren, hat der Hof rein gar nichts zu tun, wie die Wappen zeigen. Die Bezeichnung hatte sich ein Denkmalpfleger in den 50er Jahren des 20. Jh. ausgedacht, und so falsch sie ist, sie hat sich durchgesetzt. Die tatsächlichen Erbauer sind Jörg Landeck und seine Ehefrau Katharina im Holz (im Holtz, Imholtz, verschiedene Schreibweisen), die 1483 erstmals in Endingen in Erscheinung treten. Über ersteren ist kaum etwas bekannt, letztere stammt aus Wasenweiler und ist die Tochter von Hans im Holtz und Margarethe von Balkheim. In erster Ehe heiratete sie Melchior von Gemar, in zweiter Ehe dann Jörg Landeck. 1505 wird sie als Witwe genannt.

Das Wappen des Ehemannes ist geteilt, oben ein sechszackiger Stern, unten eine Lilie, und das Wappen der Ehefrau zeigt einen mit einem laufenden, behalsbandeten Hund belegten Schrägbalken (ohne Literaturbeleg, Hinweise zu den korrekten Tinkturen willkommen).

Abb.: Allianzwappen über einer spitzbogigen Tordurchfahrt in der Hauptstraße 36. Die Durchfahrt führt zum Adelshof. Gleiche Wappen wie oben, Stern aber achtzackig.

Literatur, Links und Quellen:
http://www.badische-seiten.de/endingen/
http://www.badischewanderungen.de/Endingen.htm
http://www.endingen.de/html/seiten/text;marktplatzbrunnen;146,de.html
http://www.kaiserstuhl.com/main/orte/endingen.html
http://www.badische-zeitung.de/endingen/auf-den-spuren-des-joerg-landeck--12530660.html
http://www.frsw.de/kaiserstuhl3.htm
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9

Wappen im Stadtbild (1)

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