Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1733
Königshofen (Lauda-Königshofen, Main-Tauber-Kreis)

Der "Goode" von Königshofen (Zehntgaden)

Das im Volksmund "Goode" genannte Bauwerk ist ein alter Gaden, ein Lagerhaus und Wehrbau zugleich. Es handelt sich bei dem einsam und verlassen inmitten einer großen Leere zwischen neuzeitlichen Bauten stehenden markanten Gebäude um den Überrest einer einst größeren und komplexeren baulichen Anlage, die rings um die alte Kirche stand. Die Lücken in der historischen Bausubstanz, die der Bauernkrieg (auf dem Turmberg bei Königshofen fand die entscheidende Schlacht statt), der 30jährige Krieg und ein vernichtendes Artilleriegefecht kurz vor dem Ende des 2. Weltkrieges in diesen strategisch wichtig gelegenen Marktflecken rissen, ließen so gut wie nichts übrigbleiben. Der Marktflecken, dessen Geschichte bis in die Karolingerzeit reicht, entstand danach wieder in beispielloser Gesichtslosigkeit und willkürlicher städtebaulicher Häßlichkeit. Um so reizvoller wirkt dieses turmartige Gebäude, der Zehntgaden mit seinem Fachwerk, ein Hybrid aus Dorfidylle und Wehrbau, mit bezauberndem Kontrast aus Stein und Fachwerk, aus burgartiger Abgeschlossenheit und Heimeligkeit, aus Schlichtheit der Struktur und Kunstfertigkeit der hier zu besprechenden Reliefsteine. Der Bau in der heute noch erhaltenen Form, mit Keller und zwei steinernen Geschossen sowie einem Fachwerkaufsatz mit einem weiteren Geschoß und einem Satteldach, wurde unter dem kurmainzischen Zehntmeister Simrock im Jahre 1615 erbaut und diente als Verwaltungssitz des kurmainzischen Amtsvogtes. Die Lager- und Verwaltungsgebäude, die an dieses verbliebene Bauwerk einst angrenzten, wurden im 19. Jh. abgebrochen. Der Turm der kath. Kirche St. Mauritius befindet sich im linken Bild hinter diesem Gebäude, auch dies eines der wenigen Gebäude mit Bausubstanz vor 1945, unten romanisch, in der Mitte gotisch, oben barock.

 

In die Außenwand dieses Bauwerks sind zwei Wappensteine der Mainzer Kurfürsten eingelassen, einer an der Südostseite und einer an der Nordostseite, Kunstwerke, die in ihrer Feinheit und Qualität ihresgleichen suchen und den Verlust des restlichen historischen Ensembles vergessen lassen. Der erste Stein ist durch zwei von Karyatiden auseinandergestemmte Gesimse in eine Wappenzone in der Mitte und zwei Inschriftenzonen oben und unten geteilt. Königshofen gehörte seit 1418 zu Kurmainz. Erst war es im Besitz der Edelherren von Zimmern-Lauda, dann der Herren von Hohenlohe, dann kam es 1414 an Heinrich von Sickingen, und dessen Witwe verkaufte an Mainz, das es zwischenzeitlich wieder verpfändete und erst 1730 endgültig in eigene Verwaltung nahm.

Die untere Inschrift des ersten Steines lautet: "CONFIRMA HOC DEVS QVOT OPERATVS ES(T) IN NOBIS IESV CHRISTO CRVCIFIXO QVI AVTHOR ATQVE CONSVMMATOR EST SAPIENTIAE IVSTITI AEQS NOSTRAE GLORIA SEMPITERNA AN(N)O 1600 S(ANCTVS) MATTHEVS S(ANCTVS) GEORGIVS S(ANCTA) BARBARA" - frei übersetzt: Gott, bekräftige dies, was in uns bewirkt wurde durch Jesus Christus den Gekreuzigten, der Urheber und Vollender unserer Weisheit und unserer Gerechtigkeit ist, ihm sei immerwährende Lobpreisung. Im Jahre 1600, danach die Anrufung der drei Heiligen, an deren Festtagen einst jeweils Markt im Ort war. Diese Tafel befindet sich nicht am ursprünglichen Ort. Sie wurde an der spätgotischen Kirche eingelassen und nach deren Zerstörung hierher versetzt.

Das Wappen für den Mainzer Erzbischof und Kurfürsten Wolfgang von Dalberg (reg. 1582-1601) ist geviert:

Hier wird das vollständige Oberwappen wiedergegeben: Schwert für die weltliche und Krummstab für die geistliche Macht hinter dem Schild gekreuzt, drei Helme:

Die Inschrift des zweiten Wappensteines lautet: "ANO A CHRISTO NATO 1617 CASPARVS LERCH IN DVRMSTEIN SATRAPAS ARCHIEPI(SCOPI) (MO)GVNT(IACAE) PRINCIP(IS) ELECTORIS EPISCOPV(S) PR(A)ETORE HVIVS OPPIDI IOANNE SCHOL FIERI MANDAVIT ET PRO PVBLICO VSV POSTERITAIS COLLOCAVI(T)" - übersetzt: Im Jahre 1617 nach Christi Geburt hat Caspar Lerch von Dirmstein, Amtmann des Mainzer Erzbischofs und Kurfürsten, unter dem Rentmeister dieser Stadt, Johannes Schol, dies errichten lassen zum öffentlichen Gebrauch der Nachwelt. Der reichsfreie Ritter Caspar Lerch von Dirmstein wird in diversen Inschriften in Tauberbischofsheim 1612-1616 als bischöflicher Amtmann genannt. Er wurde auf dem Peterkirchfriedhof in Tauberbischofsheim beerdigt, wo einst sein Grabstein gestanden haben soll.

Der zweite Wappenstein, der an der Nordostseite, hat ebenfalls drei Zonen, aber von ganz anderem Zuschnitt. Zwei gerade Gesimse trennen unten eine Inschriftenzone und in der Mitte eine Wappenzone mit zwei Vollwappen ab, während ein drittes Wappen in der oberen Zone von einem Segmentbogen mit seitlichen Ansätzen eingefaßt wird, während zwei Delphine den seitlichen Bogen folgen.

Das obere Wappen ist das für den Mainzer Erzbischof und Kurfürsten Johann Schweikhard von Kronberg (reg. 1604-1626). Er führt einen aus dem Mainzer Rad und dem Kronberger Stammwappen gevierten Schild. Im Gegensatz zu den meisten sonstigen Darstellungen fehlt hier aber die Krone in Feld a. Der Schild ist also hier geviert, Feld 1 und 4: in Rot ein silbernes, sechsspeichiges Rad (Erzstift Mainz), Feld 2 und 3: erneut geviert: Feld a und d: ledig und rot, Feld b und c: in Silber vier (2:2) blaue Eisenhütlein. Das Wappen wird hier ohne Helme geführt, hinter dem Schild ragt ein Vortragekreuz auf, und ein Schwert sowie ein Krummstab sind hinter dem Schild schräggekreuzt.

In der unteren Zone steht das heraldisch rechte Wappen für Caspar Lerch von Dirmstein, der Schild ist geteilt, oben eine Reihe silbern-schwarzer Eisenhutfeh, unten in Gold drei schwarze aufsteigende Spitzen (oder in Schwarz drei goldene aufsteigende Spitzen, weitere Varianten der Farbverteilung werden beschrieben, im Siebmacher ist es golden-silbern geteilt, oben schwarze Eisenhüte, unten drei schwarze aufsteigende Spitzen, im Aschaffenburger Wappenbuch nur golden ohne Silber), auf dem Helm mit schwarz-silbernen Decken ein silberner oder auch schwarzer Köcher mit einem Federbusch oder ein silberner Topf mit einer Pflanze (je nach Sichtweise, vgl. Zobel Tafel 79, Siebmacher Band: BayA1 Seite: 159 Tafel: 164, Band: NaA Seite: 29 Tafel: 45, Aschaffenburger Wappenbuch, Sammlung Eltester). Interessanterweise stehen im vorliegenden Fall die Spitzen schräg. Das dritte Wappen steht vermutlich für den in der Inschrift erwähnten Johannes Schol, durch einen Balken geteilt, oben ein wachsender Mannesrumpf, unten ein sechsspeichiges Wagenrad, auf dem Helm ein sechsspeichiges Wagenrad (ohne Literaturbeleg, Hinweise willkommen).

Literatur, Quellen und Links:
Siebmachers Wappenwerk, insbes. Band Bistümer
Hinweistafeln am Gebäude
Geschichte von Königshofen:
http://www.taubertal.de/staedteinfo/lauda-koenigshofen/koenigshofen/geschichte/
Königshofen:
http://www.badischewanderungen.de/K.oe.nigshofen.htm
Aschaffenburger Wappenbuch

Die Wappen der Erzbischöfe und Kurfürsten von Mainz - Teil (1) - Teil (2) - Teil (3) - Teil (4)

Wappen der Herren von Cronberg - Kronenstamm

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